Rundbrief Dezember 1999
 

30 Jahre Ev. Sammlung - Wie geht es weiter?
Nachdenken über Weihnachten
Weihnachtsbrief einer schwäbischen Hausfrau
Buchvorstellungen



Sehr geehrte, liebe Schwestern
und Brüder, liebe Freunde der
Evang. Sammlung!

Im Jahr 1969 kam es unter Federführung des damaligen Dekans in Esslingen, Kurt Hennig, zur Gründung der Evang. Sammlung in Württemberg. Sie ist ein Zusammenschluss von Gliedern der Evang. Landeskirche in Württemberg. Sie wollte alle Glieder unserer Kirche ermutigen, am Wort der Heiligen Schrift als der alleinigen Norm der Kirche festzuhalten.
Damals und heute droht das Leben der Kirche von politischen und weltanschaulichen Kräften überwuchert zu werden. Es gab und gibt Stimmen, wie etwa: die Bibel sei nur ein Buch unter Büchern, sie sei Gesprächspartner unter Gesprächspartnern, sie sei Text unter Texten und müsse nach den Maßstäben autonomer Vernunft ausgelegt werden.
Es bestand und besteht heute noch die Gefahr, dass wir aus der Bibel einfach auswählen, was uns gerade ertragreich zu sein scheint. Wenn aber die Bibel wirklich Grundlage unserer Kirche ist, wie es § 1 unserer Kirchenverfassung sagt, dann darf es nicht so aussehen, als ob es eine Bibel der Frauen, der Männer, der Frommen, der Psychologen oder der Wissenschaftler gebe. Für eine Kirche des Wortes musste und muss heute noch ein solcher Befund höchst alarmierend wirken. So kam es zur Gründung der Evang. Sammlung in Württemberg.
Das 30-jährige Bestehen der Evang. Sammlung feierten wir am 14. April 1999 bei einer festlichen Sitzung des Landesvorstands im Samariterstift Grafeneck in Gomadingen.

In Dankbarkeit erinnerten wir uns an die hervorragende theologische Arbeit von Dekan Werner Zeeb als Vorsitzenden und an Pfarrer Peter Stücklen als Redakteur der Rundbriefe. Beide haben das lutherische Erbe für die Landeskirche zum Leuchten gebracht.
Ein besonderer Dank galt dem langjährigen Geschäftsführer, Gymnasialprofessor Hans Reusch, Nürtingen, und dem langjährigen Rechner Albrecht Röcker, Löchgau. Beide konnten im hohen Alter persönlich anwesend sein bei der feierlichen Sitzung. Beide haben in ihren eigenen Worten das oben erwähnte Anliegen der Evang. Sammlung betont. Beide haben uns als Vermächtnis hinterlassen: Die Treue zum lutherischen Bibelverständnis ist unabdingbar.
Die »Erklärung« der Evang. Sammlung, die sie 1969 auf dem damaligen Höhepunkt kirchlich-theologischer Verwirrungen vorgelegt hat, ist heute so aktuell wie damals. Die Erklärung ist inzwischen von über 2000 Gliedern unserer Kirche, Theologen und Nichttheologen, unterschrieben worden. Es sind etwa ein Drittel Theologen und zwei Drittel Nichttheologen.

Die Erklärung hat zum Inhalt:
Die Kirche lebt davon, dass Gott durch Christus die Welt mit sich selbst versöhnt hat, sie mit seinem Wort und Geist regiert und sie seiner Zukunft entgegenführt.
1. Die Heilige Schrift bleibt die einzige Quelle und der verbindliche Maßstab für das Reden und Handeln der Kirche. Sie allein bezeugt Jesus Christus. Sie allein bringt das Wort von der Versöhnung. Sie allein zeigt, wie Gott die Welt retten und seine Kirche schaffen und erhalten will. Wir warnen davor, im Reden und Handeln der Kirche den Menschen und die menschliche Gesellschaft der Autorität der Heiligen Schrift überzuordnen.
2. Die Neugestaltung der Kirche erwarten wir nur aus dem Wort und dem Geist Gottes. Dies geschieht durch die Predigt und die Sakramente in der Gemeinschaft der Glaubenden. Wir warnen davor, eine Erneuerung der Kirche aus entlehnten strukturellen Änderungen und organisatorischen Reformen zu erhoffen.
3. Die Besserung mitmenschlicher Verhältnisse gehört zur Aufgabe aller Christen. Eine Erneuerung des Menschen ist nur im Glauben an Jesus Christus möglich. Wir erwarten eine gute Welt nur von der neuen Welt des wiederkommenden Herrn. Wir warnen davor, an den Menschen zu glauben und von der Veränderung der Verhältnisse des Menschen eine wahre Menschlichkeit erwarten zu wollen.
4. Die Diakonie der Kirche ist nirgends zu trennen von der Verkündigung der Christusbotschaft und von der Glaubensgemeinschaft der Christen. Ihr Handeln ist Frucht und Forderung dieses Glaubens und unterscheidet sich darin von jedem rein sozial humanen oder rein politischen Tun.
5. Die Demokratisierung der Kirche hat ihr Maß und ihre Grenzen an der Christokratie in der Kirche. Die Taten, Gebote und Verheißungen Gottes ertragen keine Majorisierung durch Mehrheitsabstimmungen.
Mit diesen Markierungen ist die Evang. Sammlung in Württemberg 30 Jahre ihren Weg gegangen und hat immer wieder Stellung bezogen zu Fragen von Lehre und Leben.
Finanziell wurde die Arbeit der Evang. Sammlung in den 30 Jahren durch Opfer und Spenden getragen. An dieser Stelle bedanke ich mich bei allen Schwestern und Brüdern, die durch größere und kleinere Beiträge diese Arbeit auch heute noch möglich machen. Unsere Rundbriefe sind Veröffentlichungen zu aktuellen Themen und Vorgängen im Raum der Kirche.

Wie geht der Weg der
Evang. Sammlung weiter?
1. Miteinander unter der Heiligen Schrift als Quelle und Norm ethischer und theologischer Orientierung
Als Evang.-Lutherische Kirche in Württemberg stehen wir zur Grundentscheidung reformatorischer Theologie. Es ist das besondere Merkmal der Sammlung, dies immer wieder deutlich zu machen: Sola scriptura, allein die Schrift. Nicht die Tradition, auch kein menschliches Gremium, sondern allein die Bibel als Wort Gottes ist Quelle und Norm unserer Orientierung. An die Stelle des Lehramtes tritt unser protestantisches Schriftprinzip. Professor Dr. Dr. hc. Peter Stuhlmacher, Tübingen, hat es so zusammengefasst: »Statt dem kirchlichen Lehramt die Definition und Zusammenschau des vielschichtigen Schriftzeugnisses zu der einen Glaubenswahrheit zu überlassen... muss nun die Exegese (Auslegung) selbst die Auffindung des Evangeliums leisten«. Die Evang. Sammlung wird nicht müde, auf das lutherische Schriftprinzip hinzuweisen:
1. Die göttliche Autorität der Heiligen Schrift
2. Ihre Claritas (Klarheit) in allen wichtigen Fragen und darum
3. eine Schriftauslegung, die die Eindeutigkeit der Bibel in allen wesentlichen Aspekten von Lehre und Leben herauszuarbeiten vermag.

Alle diese drei genannten Voraussetzungen der Geltung der Heiligen Schrift sind heute ins Wanken geraten. Weil wir aber Jesus lieben, lieben wir die Heilige Schrift. Unsere Evang. Sammlung in Württemberg versteht sich als Bibelbewegung.
Daraus folgt: Jesus ist kein Bestandteil der Wahrheit, auch kein Mosaikstein oder Puzzleteil, das durch andere ersetzt oder auch nur ergänzt werden könnte. Sondern in Jesus begegnet uns Gottes Wahrheit voll und ganz, auch nach 2000 Jahren. Jesus Christus ist Gottes Schlüsselfigur für die gesamte Welt und für jeden einzelnen Menschen. Er ist der »einzige Trost im Leben und im Sterben«. Ohne Jesus bleibt jedes Greifen nach Gott vergeblich.
Liebe Geschwister, ob wir uns nicht ganz neu auf unserem Weg mit unserer Kirche, an dieser Grundlinie orientieren müssen? Gott bewahre uns vor dem Irrweg, die Bibel eher als Instanz zur Selbstbestätigung zu missbrauchen, anstatt sich von ihr kritisch in Frage stellen zu lassen.
Freilich darf unsere Bindung an die Autorität des göttlichen Wortes nicht zu einem toten Gesetz ohne lebendigen Geist werden. Wo diese Bindung gesetzlich gehandhabt wird, entsteht aus ihr kein Leben. Das Schriftprinzip behält zwar auch als Prinzip, als Gesetz, seine Wahrheit. Zum Leben hilft es uns jedoch nur, wo es uns nicht als Forderung, sondern als Verheißung, als Geschenk begegnet, wo wir es nicht als Beschränkung und Einengung unseres Denkens und Lebens empfinden, sondern als Wegweisung und Öffnung für Lehre und Leben.
Die Not unserer Kirche heute wird gewendet, wenn das lutherische Schriftprinzip neu zum Leuchten kommt. Der dreieinige Gott helfe uns zu einem solch mutmachenden, das Schriftprinzip als Quelle zum Leben erschließenden Umgang mit der Heiligen Schrift.

2. Praktische Schritte auf dem
gemeinsamen Weg
Wir wollen nicht zuerst fragen: Was können wir tun? Was müssen wir unternehmen? Bei solchem Fragen schauen wir auf uns. So müssen wir verzagen. Solches Fragen endet in einer fruchtlosen Nabelschau und in Selbstmitleid.
Wir müssen fragen: Was will Jesus Christus durch unsere Evang. Sammlung für unsere Kirche bewirken? Jetzt steht Jesus am Weg und will mit uns gehen. Er kennt unser Mühen und Fragen, unsere Ratlosigkeit, unsere Müdigkeit. Was hat Jesus Christus vor mit dieser Evang. Sammlung? Wenn wir so fragen, tauchen wir in den Horizont der Möglichkeiten unseres Herrn ein. Dies lasst uns erwartungsvoll tun. Mit ihm gehört uns die Zukunft.

3. Einladende Verkündigung einladender Dienst der Liebe
ist unsere vordringliche Aufgabe. Unsere Kirche darf sich nicht damit abfinden, dass ein großer Teil ihrer Gemeindeglieder in gleichgültiger Distanz zum Evangelium weiterlebt. Der »Ruf zur Umkehr« trifft aber nicht zuerst die, die lautlos vom Glauben Abschied nehmen, sondern die Sammlung und unsere Kirche selbst.
Wir können nicht verhindern, dass heute Menschen die Kirche verlassen. Aber wir können daran arbeiten, dass niemand die Kirche verlässt aus finanziellen Gründen, aus Ärger am Pfarrer/Pfarrerin oder aus Gleichgültigkeit. Deshalb ist die Strahlkraft der frohen Botschaft gefragt. Müssten wir also nicht mehr über den Glauben und weniger über uns sprechen? Die Verkündigung der christlichen Botschaft in Wort und Tat ist die vordringliche Aufgabe unserer Kirche.
An dieser Stelle danke ich noch einmal allen, die durch ihre finanzielle Unterstützung, durch Gebete, durch Zeugnis in Wort und Tat diese Arbeit vertrauensvoll unterstützen. Fast täglich erfahren wir das Wort von Johannes Calvin: »Wir leben von vielen Auferstehungen«. Dies gilt für die Zukunft der Evang. Sammlung wie auch für unsere ganze Kirche, deren Auftrag wir unterstützen.

4. Der Ernstfall heute
Was ist, wenn der Ernstfall eintritt? Was sollen wir tun, wenn es zum status confessionis kommt? Was ist zu tun, wenn das Bekenntnis der Kirche gefährdet ist?
Ich will es an einem Beispiel deutlich machen: Wenn ein Kirchenparlament die Legitimität der Segnung homosexueller Lebensgemeinschaft beschließen sollte, dann wäre ein solcher Bekenntnisfall gekommen. Hier wäre die Bindung an die Schrift preisgegeben. Eine große Zahl von Exegeten kann die Weisungen der Heiligen Schrift nicht als zeitbedingt abtun. Hier würde menschliche Entscheidung, wie immer sie begründet wird, der biblischen Anthropologie übergeordnet. Außerdem würde ein solcher Beschluss von einem kirchlichen Parlament ein kirchenrechtlich bindendes Faktum schaffen und würde damit die theologischen Normen einer Kirche verändern. Was würden wir in einem solchen Fall tun?
– Aus der Kirche kann man nicht austreten.
– Es wäre nicht zu verantworten, die vielen anderen Kirchenmitglieder hilflos einem falschen Bekenntnis zu überlassen.
– Es wäre nötig, den Sachverhalt deutlich zu machen: Nicht wir müssen aus dieser Kirche austreten. Denn die, die sich eine theologische Grundlage gegen Schrift und Bekenntnis geben, sind ja selber schon aus der Kirche ausgetreten. Notwendig wäre es allein, dies ganz deutlich zu sagen.
Ich schließe mit einer zusammenfassenden Feststellung des Mitglieds unseres Landesvorstands Dr. Heinzpeter Hempelmann, Liebenzell, der ich mich voll anschließe:
»Je entschlossener wir für den Fall eines Bekenntnisfalles vorsorgen und je entschiedener wir zum Ausdruck bringen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Landeskirche einer Veränderung der Bekenntnisgrundlage nicht tatenlos zusehen wird, umso größer sind die Chancen, dass dieser Ernstfall, dieser Notfall, dieser Bekenntnisfall nie eintritt. Gott helfe uns!«.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und grüße Sie ganz herzlich

Ihr

Gerhard Greiner
 
 

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Nachdenken über Weihnachten
nach dem Prolog des Johannesevangeliums

Was ist das Schöne an Weihnachten? Warum lohnt es sich, innezuhalten und sich dem Licht auszusetzen, das aus dem Stall von Bethlehem auf die dunkelsten Gesichter fällt? Was zieht die vielen an, die am Heiligen Abend in die Gottesdienste strömen? Offenbar hat Weihnachten einen besonderen Glanz, der in anderen Elementen der Frohen Botschaft so nicht aufleuchtet. Was ist es? Maria bringt ein Kind auf die Welt, und es ist zum Staunen. Was ist das für ein Kind? Wer ist dieser Jesus von Nazareth? Es ist üblich, Weihnachten nach der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums (Lukas 2) zu feiern. Wie Lukas 2 mit der Erscheinung der Engel und den Hirten auf dem Feld hat auch das Matthäusevangelium mit der Ankündigung der Geburt Jesu bei Maria und den Weisen aus dem Morgenland eine breite Spur hinter sich hergezogen. Und was ist mit dem Johannesevangelium? Erzählt es nicht auch eine Weihnachtsgeschichte? Doch, das Johannesevangelium beginnt mit einer Weihnachtsgeschichte, dem sogenannten Johannes-Prolog (Joh 1,1–14). Es ist eine Weihnachtsgeschichte eigener Art.
Wahrhaftiger Gott, von Ewigkeit her
Hier beginnt Weihnachten sehr früh, früher geht es nicht. Es fällt zusammen mit dem Anfang aller Dinge. Der da im Stall geboren wurde, der Gottessohn, der im Johannesevangelium auch »das Wort« heißt (weil er das Sagen hat), gehört hier an den Anfang schlechthin: »Am Anfang war das Wort«. Dieses Ur-Wort steht nicht nur der Zeit nach vorne, sondern auch der Kraft nach. Denn es ist der Ursprung, von dem alles herkommt: »Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, das gemacht ist.« Es ist selbst der Urgrund und nicht etwas, das von ihm herkommt oder abstammt. Weihnachten beginnt hier nicht mit der christlichen Zeitrechnung im Jahr null, sondern ganz vorne, in Gottes Ewigkeit. Bittesehr: am Anfang war das Wort, es ist nicht erst im Lauf der Zeit in der oder jener geschichtlichen Stunde Realität geworden.

Und das Wort war bei Gott
Es ist auffallend, dass hier jedes »Werden«, jede »Entstehung« ausgeschlossen wird. Christus, das Wort, das im Anfang war, hat keine Entwicklung durchlaufen. Er wurde nicht und nichts, er war bei Gott, WAR von Anfang an! Zwischen »wurde« und »war« ist ein feiner und großer Unterschied. Wir Menschen fanden uns eines Tages unter den anderen Geschöpfen vor. Er fand sich nicht vor, er war bei Gott. Wir kamen aus einer langen Generationenreihe auf die Welt. Er kam nicht, er war bei Gott. Wir wurden wie unseresgleichen geschaffen. Er nicht, er war bei Gott. Mit Nachdruck liegt hier der Finger auf der unbedingten Vor- und Überzeitlichkeit Jesu, auf seiner totalen Gottesanfänglichkeit, mit der unsereiner, die wir eines Tages in der Geschichte der Welt auftauchten, nichts zu tun hat. Er, der Wortmächtige, war nicht unter uns aufzufinden, er war bei Gott. Das sind erregende Feststellungen, die wie mit wuchtigen Schlägen festgehämmert werden. Dieser Gottessohn stand von Anfang an nicht auf unserer Seite. Er war ein Einmaliger und Anderer. Klar, im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.

Gott selbst war das Wort
Und damit ja kein Zweifel an der Zusammengehörigkeit des Gottessohns oder des Worts mit Gott bleibt, stellt der nächste Satz die völlige Deckungsgleichheit des Christus mit Gott heraus. Denn das Wort, das im Anfang war und bei Gott war, war kein Teil von Gott, kein göttlicher Ausfluss oder eine prozentuale Göttlichkeit. Nein, es herrscht Identität. Gott und das Wort fallen in eins. »Und Gott war das Wort.« Dieser Christus stand nicht neben Gott als ein Zweiter oder außerhalb von ihm. Nein, er war es selbst. Entschlossener als die Anfangsverse des Johannesevangeliums kann man es nicht sagen, dass uns in Jesus von Nazareth nicht wieder bloß ein Stück bessere Welt, ein Religionsstifter, ein Genie, ein Superstar oder ein Übermensch begegnet, also jemand, bei dem das Menschliche göttlich vermehrt oder emporgesteigert wird. Nein, Gott war das Wort, wirklich Gott selbst, nicht mehr und nicht weniger.

Das ewige Wort, wirklich Mensch
Doch damit nicht genug. Es ist etwas Entscheidendes hinzuzufügen: dass dieser Wort-Christus vom Anfang nicht am Anfang aller Dinge stehen bleibt, sondern Kontakt aufnimmt mit der Zeit und Geschichte, in der wir leben. Alles kommt von ihm her, aber er bleibt nicht über alledem schweben, er geht eine sehr enge Verbindung mit der Welt ein, genauer: mit einem einzigen Menschen – mit dem Kind in der Krippe. Das Wort, das bei Gott war und Gott war das Wort, es beschränkt sich nicht auf seine Gottgleichheit, nein, es begegnet direkt und unmittelbar in einer einmaligen menschlichen Person, hautnah, wahrhaft weltlich und dieseitig. Jesus von Nazareth oder: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns! Das ist das Besondere von Weihnachten nach dem Johannesevangelium: dass dieses Fest früher als alles beginnt; dass es zurückgreift an den Anfang aller Dinge und doch durch das Kind einer menschlichen Mutter in die Geschichte der Welt eingreift und Himmel und Erde miteinander verbindet. Das Unerhörte dieses Festes: dass Gott selbst persönlich auf dieser Erde aufzufinden ist, Gott in Christus.

Das Wort wurde Fleisch
Wenn das ewige Wort in der Heiligen Nacht in die Geschichte eingegangen ist, dann ist Jesus Christus kein Halbgott, sodass er wie ein von dem griechischen Göttervater Zeus gezeugter Riese die eine Hälfte seiner Person einer Menschenfrau und die andere der großen Gottheit zu verdanken hätte. Er ist vielmehr ein hundertprozentiger Mensch ohne göttliche Aufmöblierung oder Verstärkung. Von ihm heißt es kühn und schockierend: das Wort ward Fleisch. Also nicht ein Anteil an einem Menschen wurde das Wort bei seinem Eingehen in die Welt, sondern ein ganzer Mensch aus Fleisch und Blut. Wobei »Fleisch« schroff und provokativ die irdische Stofflichkeit betont. An diesem Sohn ist nichts Nur-Geistiges, als wäre er eine himmlische Energie oder Idee, also eine Idealität von oben unter Verachtung und Außerkraftsetzung der realen, geschaffenen, stofflichen Welt. Er ist kein »Engelwesen«, er ist ein Mensch mit Leib und Blut, mit Nervenbahnen und Gehirnsubstanz, Magen und Leber, eben Fleisch. Christus als das ewige Wort bleibt nicht          »j-w-d«, wie die Berliner sagen, »janz weit droben«. Er kam als Mensch zu den Menschen, aufreizend erdnah, aus dem Stoff, aus dem die Menschen sind. Und in eben diesem Menschen kam Gott-selbst, der Urgrund aller Dinge, das Wort, das im Anfang war. Wir sprechen von der personhaften Gegenwart des Anfangs mitten in der Welt oder von Gott unter den Menschen. Gott mit uns – das ist der Glanz, das Einmalige an Weihnachten.

Das Ärgernis der Gegenwart Gottes
Zu dieser Welthaftigkeit Gottes in Christus nach dem Johannesevangelium gehört nicht nur das Vorhandensein Gottes, sondern auch sein überraschendes Draußen-gehalten-werden. Gott, wo er mitten in der Welt erscheint (in Bethlehem und Jerusalem usw.), dort, wo Gott in Christus handelt und redet, stößt er auf entschiedenen menschlichen Widerspruch. Ihn stellt der Johannes-Prolog gleich mehrfach nüchtern fest. Das Licht scheint in der Finsternis, heißt es hier (V.5), und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Oder Vers 10: Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht, aber die Welt erkannte ihn nicht. Ebenso Vers 11: Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Ein dreifaches, hartnäckiges Nein zu der Gegenwart Gottes in dem Menschen Jesus von Nazareth. Dieses Nein hat übrigens immer zu Weihnachten gehört. Man denke nur an die Feindseligkeit, die Jesus im Matthäusevangelium von Anfang an entgegegenschlägt (Kap. 2) bis zum Kindermord in Bethlehem.

Warum diese Absage?
Sie kommt nicht nur im Koran der Muslime vor, wo Gott keinen Sohn haben kann. Auch viele rechtgläubige Juden, die bereit wären, einen menschlichen Messias anzuerkennen, wehren sich energisch gegen die Gottes-Identität Jesu, gegen die machtvolle, anstößige Gottesgleichheit, mit der Jesus in seinem Volk wirkte: Sünden vergab, Menschen im Gehorsam an sich band, das Gesetz auslegte, über Wind und Wellen verfügte, Neuschöpfung an den Elenden verwirklichte, selbst-herrlich die Zukunft (von Gericht und Gnade) ansagte, Israel neu erwählte und Tote auferweckte. Eine Absage, die auch in der Form vorgetragen werden kann, dass man mitten in der Christenheit nur noch von einem menschlich verständlichen, angeschmiegten und verfügbaren Jesus spricht (...Jesus der süße Seelenfreund, Jesus der Mann) und darüber den gottheitlichen Herrn vergisst. Mit dem »Bruder« Jesus meint man es zu können, bei dem »Herrn« zeigt man sich abgeneigter. Ein naher Gott scheint etwas Unbequemes zu sein. Ein hoheitliches, überweltliches Majestätswesen lässt sich wohl leichter denken und akzeptieren als eine Person, mit der einem Gott selbst in den Weg tritt.

So sehr hat Gott die Welt geliebt
Eine reine, jenseitige Majestät würde sich auch nicht mit der garstigen Welt beschmutzen. Sie wäre sozusagen nur mit den Fingerspitzen mit der Welt befasst, nicht mit Haut und Haar. Wie aber, wenn Gott in die Welt kommt, weil er nicht gewillt ist, sich aus ihr wegdrängen zu lassen, die Welt aufzugeben und sie an die Menschen in ihrer Verlorenheit zu verlieren? Was ist, wenn er fähig ist, mitten in der Welt ihren Nöten standzuhalten, auch wenn es ihn viel kosten sollte? Was ist, wenn er sich in die Welt hereinbegibt, weil er sie nicht anders lieben kann und will? Einen Menschen zu lieben heißt doch, sich ihm auszusetzen, für ihn einzutreten, an ihm zu leiden, ihn aus dem Abgrund zu ziehen und, wenn es sein muss, auch für ihn zu sterben. Von oben herab kann Gott die Welt nicht lieben, aber hier unten und von unten herauf als Gott-in-Christus, da kann er es, da ist er dann buchstäblich unter den Menschen, wenn er sie aus dem Elend herausträgt und von ihrer Widerborstigkeit freimacht. Die Nähe Gottes in Christus hat etwas Erschütterndes: da macht sich Gott auf den Weg mitten in die Welt, weil er keinen Einsatz, kein Leid, auch den Tod nicht scheut, um bei den Menschen zu sein und sie für sich zu gewinnen. Johannes 3,16: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er sein einziges Ebenbild weggab, sprich: an die Welt verschenkte, in die Welt hineinstellte und dort seinen Weg gehen ließ bis hinauf an ein Kreuz und hinab in das Dunkel des Todes. Es ist eine Liebe, die nicht mehr aufhört und vor keinem Widerstand zurückschreckt. Sie ist das Herz von Weihnachten, wo wir im Abgrund der Welt persönlich auf Gott stoßen: wo wir seine Liebe finden in großer Armut, im Stall von Bethlehem, im Leben und Sterben des Menschen Jesus von Nazareth. Liebe als ein überwältigendes Geschenk und tiefen, unerhörten Anspruch auf unser Herz.

Rolf Walker
 

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Weihnachtsbrief einer schwäbischen Hausfrau

Dieser Weihnachtsbrief an Freunde und Verwandet wurde von Sigrid Carlsen, Wolfschlugen, verfaßt. Wir freuen uns, den Brief mit ihrer Zustimmung veröffentlichen zu dürfen.

Während ich diesen Gruß schreibe, denke ich an liebe Verwandte und Freunde, an viele Menschen, mit denen wir uns verbunden wissen. Und ich möchte am liebsten jedem Einzelnen einen langen Brief schreiben – erzählen, fragen, teilhaben lassen. Aber es geht uns dabei wie mit vielen anderen Dingen: wir müssen das tun, was uns an unserem Platz aufgetragen ist und dabei Zeit und Kraft einteilen, Wichtiges und Notwendiges gegeneinander abwägen!
Und darum will ich versuchen,  mich  auch  in  diesem Weihnachtsgruß auf das Wichtige zu beschränken. Ich dachte dabei an »meine« Springerle! Für diejenigen, die das Gebäck nicht kennen: es handelt sich um einen Eier-Zucker-Teig, auf den mit viel Zeitaufwand und einem Model Bilder aufgedrückt werden. Ich habe diese Sorte nicht aus meinem weihnachtlichen Backprogramm gestrichen, weil sie mir zur Ruhe und zum Meditieren verhilft! Springerlebacken wird von der ganzen Familie als »Mutters Bastelarbeit« respektiert – jeder darf kommen und zuschauen, aber alles andere muss warten!
Wir haben nur zwei echte alte Model, dafür aber Nachbildungen von Modeln aus dem Württembergischen Landesmuseum, die man auch zum Backen benützen kann. Es sind verschiedene einzelne Bilder, aber auch größere Platten, unterteilt in viele kleine Darstellungen von Glückssymbolen, Pflanzen oder Tieren mit fein ausgearbeitetem Blattwerk oder Gefieder und zierlichen Gliedern, Menschen verschiedenen Standes und Alters mit faltenreichen Gewändern und ausgeprägten Gesichtszügen. Mein liebster Model ist eine Weihnachtsdarstellung aus dem 18. Jahrhundert, die ich beschreiben möchte (Größe 5 x 6 cm). Das winzige, wohlbeleibte Jesuskind liegt auf einer Strohschütte in der Mitte, rechts kniet Maria in andächtigem Gebet während Josef in der linken Ecke dem Künstler wohl nicht so wichtig schien. Dafür schaut ein kräftiger Ochse auf das Kind herab und der Esel steht noch gesattelt – oder schon zur Flucht bereit? – an der Krippe. Ein Stern leuchtet durchs Fenster und ein kleiner Engel fliegt mit einer Krone für das Kind herbei. Die zwei merkwürdigen Gestalten neben Maria tragen Hirtenstäbe und Heiligenscheine – Hirten vielleicht? oder eher Schutzengel für die Flucht? Wie liebevoll hat der Schnitzer alles ausgestaltet, selbst Strohhalme und Sattelgurt, sogar die Verzierung auf dem Wasserkrug ist erkennbar, wenn..., ja wenn das Springerle gelingt! Jedes Jahr ist es dieselbe Unsicherheit und Geduldsprobe! Denn, wenn schon das Bild vielerlei Anlass zum Nachdenken gibt, so wird dies noch kräftig ergänzt durch den Backvorgang! Selbst wenn es gelingt den Teig mit vorsichtiger Hand aus dem feinen Schnitzbild herauszulösen, sind die Einzelheiten oft kaum zu erkennen. Da wird man schnell ungeduldig und verliert die Freude, man zweifelt an sich, am Teig und an allem. Aber schließlich liegen doch alle mehr oder weniger gelungenen Springerle sauber ausgeschnitten auf einem Brett zum Trocknen – irgendwo im Haus, in einem »mäßig geheizten Raum«, wie es das Rezept vorschreibt. – Viele andere Dinge beschäftigen einen bis man am nächsten Tag ans Ausbacken denkt! Und da ist schon das erste Wunder geschehen: fast alle Bilder sind jetzt, mit weißgetrockneter Oberfläche, deutlich erkennbar in ihren Feinheiten! Jetzt kann man darangehen, jedes einzelne Springerle auf der Unterseite mit Wasser zu bestreichen und auf Aniskörnern auf ein Blech zu setzen. Dabei muss man sehr behutsam sein, damit das Bild nicht bricht, auch darf kein Wasser darauf tropfen – eine hässliche Wucherung würde sonst an dieser Stelle das Bild zerstören.
Und wenn schließlich das Blech im Ofen ist, wartet die ganze Familie in unausgesprochener Spannung bis es einer nicht mehr aushält, durch die Scheibe im Backofen guckt und begeistert ruft: »Sie kommen!« Jetzt zeigt das Springerle endlich, ob es »springen« kann, ob der Teig so aufgeht, dass sich unten ein »Füßchen« bildet, von dem das zerbrechliche Bild getragen wird. Wenn zuguterletzt alle Stücke ohne Bruch vom Blech gehen und ich eines um das andere vorsichtig in einen Karton geschichtet habe – dann ist mir Weihnachten mit der unendlichen Geduld Gottes,  seine unfassbare Liebe zu uns Menschen wieder lebendig greifbar geworden. Ich kann mich freuen wie ein Kind und mich beschenken lassen. Falls diese Erfahrung durch irgendetwas verdeckt wird, brauche ich nur in den Keller zu gehen und meine Springerle ansehen, die dort      bis zum Christfest liegen, damit sie weich werden und umso köstlicher schmecken.
Ich wünsche jedem von euch sein »Springerles-Erlebnis« – es kann ganz anders aussehen, wenn es nur hilft, das Wichtigste nicht aus den Augen zu verlieren.
Gott segne euch das Fest seiner Geburt!

Eure Sigrid

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Bücher

Jörg Zink, Was die Nacht hell macht. Rembrandt malt die Weihnachtsgeschichte, Eschbach 1997, 22 S., 7,50 DM.
Catarine Carsten, Ich wünsche gute Feiertage. Geschichten für Weihnachten und andere Gelegenheiten, Eschbach 1998, 32 S., 7,50 DM.

Seit Jahren gibt der Verlag am Eschbach im Rahmen seiner Geschenkheft-Reihe auch Hefte für die Weihnachtszeit heraus, die sich zum Vorlesen oder zur Bildbetrachtung in der Vorweihnachtszeit hervorragend eignen.
Jörg Zink meditiert unter dem Titel »Was die Nacht hell macht« Rembrandts Bilder zur Weihnachtsgeschichte. Er zeichnet Inhalt und Entstehung der Bilder in den Lebensgang Rembrandts ein: Die Bilder »Flucht nach Ägypten« (1627), »Josefs Traum im Stall von Bethlehem« (1645), »Anbetung der Hirten« (1646), »Ruhe auf der Flucht« (1647) und sein letztes Bild »Simeon mit dem Christuskind« (1669) werden einfühlsam besprochen und von Rembrandts Schicksal her gedeutet. Alle Bilder sind in ansprechendem Farbdruck im Heft enthalten.
»Ich wünsche gute Feiertage«, das Geschenkbändchen der österreichischen Schriftstellerin Catarina Carsten, enthält kurze Geschichten und Gedichte zu Weihnachten und anderen Anlässen. In eindrücklicher Weise werden »besondere« Menschen vor Augen gestellt, deren Geschichte doch mitten im Alltag spielt. Da sind z.B. die sprachbehinderte farbige Putzfrau Mummy, die mit den Kindern im Krankenhaus spielt, so dass sie schneller als andere gesund werden, und der abgerissen daherkommende Mann mit dem Holzbein, der allen leise gute Feiertage wünscht. Die Menschlichkeit dieser Gestalten rührt an und weckt Nachdenklichkeit.
Werner Schmückle
 

Martin Brecht (Hrsg.): »Gott ist mein Lobgesang Philipp Friedrich Hiller (1699 bis 1769), der Liederdichter des württembergischen Pietismus«. Ernst Franz Verlag, Metzingen 1999. 240 S. Paperback, 24,– DM.

Der Pfarrer und Liederdichter Philipp Friedrich Hiller heiratete am 24. August 1782, dem Tag seiner Investitur für seine erste Gemeindepfarrstelle in Neckargröningen. Seine Ehe mit der Pfarrerstochter Maria Regina Schickhardt war ungemein glücklich. Äußerlich zeigte sich das auch daran, dass das Ehepaar die ganzen 36 gemeinsamen Jahre seine Mahlzeiten stets aus einem Teller zu sich nahm. Solche und viele andere Einzelheiten finden sich im Jubiläumsband, den der renommierte Kirchengeschichtler Martin  Brecht im Metzinger Ernst Franz Verlag jetzt herausgegeben hat. 300 Jahre nach Hillers Geburtstag am 6. Januar 1699 wird darin von mehreren Autoren der württembergische Dichter, Pfarrer und Theologe ebenso beschrieben wie sein Werk und seine Wirkungen.
Das Leben von Philipp Friedrich Hiller ist bereits im Heft 3/1998 der Evangelischen Sammlung nachgezeichnet worden. Der begabte Verfasser zahlreicher Prosaschriften hat seine Fähigkeiten ganz in den Dienst der  Evangeliumsverkündigung gestellt: bei allen 1073 Liedern, die er gedichtet hat, stehen Loben, Danken und Glaubenszuversicht im Vordergrund. Der Schlussvers fast jedes Liedes bringt einen Ausblick auf die Ewigkeit und die von Hiller selbst vorgenommene Sammlung in zwei »Geistlichen Liederkästlein« ist
ausdrücklich dem Lob Gottes gewidmet. Wegen der tiefen Herzensfrömmigkeit seiner Lieder ist Hiller zum Lieblingsdichter des schwäbischen  Pietismus geworden.
Über ihn liegen bereits mehrere Biographien vor, darunter eine in der Reihe »Zeugnisse der Schwabenväter«, die ebenfalls im Ernst Franz Verlag erscheint. Auch seine »Geistlichen Liederkästlein« sind dank immer neuer Auflagen noch im Buchhandel erhältlich. Das neu vorgelegte Hiller-Buch schildert aber nicht nur die Lebens- und Wirkungsgeschichte des Dichters, es beschreibt auch die für Altwürttemberg besonders wichtigen genealogischen Verbindungen. Dafür sind ausgewiesene Sachkenner wie Martin Brecht oder Reinhard Breymayer gewonnen worden. Ein zweiter Teil enthält Beiträge über die Hiller-Rezeption etwa in der altpietistischen Pregizer-Gemeinschaft, bei deutschen Auswanderern des frühen 19. Jahrhunderts und Berichte über persönliche Glaubenserfahrungen, die mit Hiller-Liedern zusammenhängen. Umfangreiche Register erschließen das Buch.
Hans-Dieter Frauer
 

Erwin Damson: »Gezeichnet Mielke Streng geheim!, Erlebnisse in 25 Jahren Ostmissionsarbeit«, 160 S., Hänssler-Verlag, Holzgerlingen 1999; 9,95 DM.

Die Atheisten fürchteten nichts mehr als die Bibel. Zu den nie auch nur angezweifelten Glaubenssätzen der Kommunisten gehörte, dass Religion Opium für das Volk sei und das Ende des Christentums unmittelbar bevorstehe. Der damalige sowjetische Machthaber Chruschtschow sagte einmal das Ende des Christentums auf die 80er Jahre voraus. Das hinderte Kommunisten und Sozialisten aber nicht daran, gerade die vermeintlich todgeweihten Kirchen besonders zu bespitzeln und Bibelimporte zu unterbinden. Dennoch ist es immer wieder gelungen, die Heilige Schrift oder Teile von ihr durch den Eisernen Vorhang zu  bringen.
Erwin Damson, der langjährige Leiter des auf die Mission in Osteuropa ausgerichteten Missionswerks »Licht im Osten«, beschreibt in seinem Buch, auf was für abenteuerlichen Wegen und unter oft konspirativen Umständen der Bibelschmuggel erfolgte. Mit präparierten Fahrzeugen, geheimen Zwischenlagern oder auch nur am Körper
wurde die »Konterbande« ans Ziel gebracht – oder auch nicht. So mancher Transport scheiterte, so manche Ladung wurde entdeckt und samt Fahrzeug beschlagnahmt. Nach dem Fall der Mauer und offenbar intensiver Lektüre der einschlägigen Stasi-Akten hat Damson feststellen können, wie intensiv er und »Licht im Osten« ausgeforscht und ausgespäht worden waren und dass es der DDR-Stasi immer wieder gelungen war, V-Leute einzuschleusen.
In seinem Buch hat er – allerdings bezeichnende – Einzelereignisse kurz beschrieben. Eine Hochzeitsreise endet im tschechischen Gefängnis, weil das Paar Bibeln nach Prag bringen
wollte. Zollbeamte sind entweder mit Blindheit geschlagen, durchsuchen das Auto und sehen gerade die offen vor ihnen liegenden Bibeln nicht. Andere entdecken als absolut sicher eingeschätzte Verstecke: die Transporteure wandern in Untersuchungshaft. Umgekehrt gelingt ein schwieriger Transport, weil die Begleiter vor der Kontrolle reichlich Knoblauch gegessen haben und die Zöllner deshalb auf eine intensive Kontrolle verzichten. Die Geschichten Damsons lesen sich oft geradezu spannend. In ihrer Reihe vermitteln sie ein realistisches Bild der Zeit auch der politischen Situation der 70er und der 80er Jahre.
Hans-Dieter Frauer
 

August Strobel: »Deine Mauern stehen vor mit allezeit, Bauten und Denkmäler der deutschen Siedlungs- und Forschungsgeschichte im Heiligen Land«; Brunnen-Verlag, Gießen, 1998. 94 S., kartoniert, bebildert, 24,80 DM.

Der Schwabe Conrad Schick aus Bitz gilt als ein Baumeister der Stadt Jerusalem. Er hat dort markante Bauwerke, wichtige Straßen und berühmte Stadtviertel geplant und gebaut. So geht auf ihn auch das berühmte »Mea Shearim« zurück, wo heute überwiegend die streng orthodoxen Juden leben. Daneben machte er sich um die Verkehrserschließung der Stadt verdient und plante bereits vor rund 100 Jahren     eine moderne Wasserversorgung. Sein Grab auf dem protestantischen Zionsfriedhof ist bis heute erhalten, außerdem trägt eine Straße in Jerusalem seinen Namen. Schick und sein Werk werden in dem Buch »Deine Mauern stehen vor mir allezeit« genannt, in dem August Strobel, der langjährige Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes, über Bauten und Denkmäler der deutschen Siedlungsgeschichte im heutigen Israel berichtet. Man erfährt mit Staunen, wieviel Deutsche im letzten Jahrhundert im damals unter osmanischer Herrschaft stehenden Heiligen Land bewirkt haben.
So hat etwa Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem die evangelische Erlöserkirche erbauen lassen. Kaiserswerther Schwes-tern gründeten 1866 das Kinderkrankenhaus »Talitha Kumi«, Johann Ludwig Schneller aus Erpfingen rief 1860 in Jerusalem das »Syrische Waisenhaus« ins Leben. Aus Württemberg seit 1869 einwandernde Mitglieder der Tempelgesellschaft richteten in dem heruntergekommenen Land einen regelmäßigen Verkehr mit Pferdewagen ein, sie legten die ersten Landstraßen an, errichteten Hotels nach europäischem Vorbild und leisteten Wegweisendes in den Bereichen Medizin, Landwirtschaft und Bauwesen.
Strobel schildert in seinem Buch das Werden und Wachsen der einzelnen Institutionen, Bauten oder Friedhöfe; er berichtet über ihre Geschichte und ihre heutige Nutzung und gibt an, wo sie genau zu finden sind. Das Buch ist deshalb nicht nur ein faszinierender geschichtlicher Rückblick, für Israelreisende ist es eine wertvolle Ergänzung der herkömmlichen Reiseführer. Nach den schrecklichen Verirrungen dieses Jahrhunderts werden gerade Deutsche das Buch mit schmerzhaften Empfindungen lesen.
Hans-Dieter Frauer
 

Ursula Büttner, Martin Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche, Der Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im »Dritten Reich«, Sammlung Vandenhoeck, Göttingen 1998, 28,– DM.
Günter Brakelmann, Hans Ehrenberg, Ein judenchristliches Schicksal in Deutschland, Band 1, 1883–1932, Verlag Hartmut Spenner, Waltrop 1997, 38,– DM.

Wichtige Bücher, die an das leidvolle Geschick christusgläubiger, getaufter Juden wie Friedrich Weißler und Hans Ehrenberg erinnern und auch an solche, die ihnen beistanden wie Marga Meusel, als der nationalsozialistische Staat aufgrund seiner schrecklichen Rassenlehre die Christen zwingen wollte, sich von den »rassisch minderwertigen« Juden in der Kirche zu trennen. Wer hielt da dem staatlichen Terror und ideologischen Druck stand und wer nicht? Wer bekannte sich zu »seinen« Juden wie der Dichter Jochen Klepper zu seiner Frau und Stieftochter? Das Erinnern tut Not. »Wer weiß schon, dass es in Theresienstadt mehr als 2000 und am Ende gar 4000, im Ghetto Lodz rund 250 aus dem Deutschen Reich deportierte Christen jüdischer Herkunft gab?« Aber nicht nur zum Festhalten der Vergangenheit, auch für die Gegenwart sind diese Bücher unentbehrlich. Denn wieder soll sich die Kirche von ihren christusgläubigen jüdischen Gliedern trennen, nur ist es dieses Mal das orthodoxe Judentum, das den messianischen Juden (und ihrer unbefangenen Judenmission) in entschlossener Ablehnung gegenübersteht. Werden uns die christusgläubigen Juden heute zu einer ähnlichen Verlegenheit, wie sie es damals für Vertreter der Kirche im NS-Staat wurden? Besteht wieder die Gefahr des »Verrats« an ihnen? Wie entscheidet sich »die Kirche« heute? Konkret gefragt: Wird unsere Landeskirche, d.h. die Mehrheit in unserer Landessynode unter dem Druck von jüdischer Seite ihre Toleranz gegenüber dem Evangeliumsdienst für Israel (EDI) im Blick auf seine Hilfen für die messianischen Juden in Israel und hierzuland widerrufen? Oder wird sie ihre bisherige Verbindung zum EDI aufrechterhalten? Wird es gelingen, über 50 Jahre nach der NS-Katastrophe die normale Zusammengehörigkeit von glaubenden Juden und Heiden in der einen Christusgemeinde gegen alle Einflüsse von außen zu verwirklichen? Oder kommt es wieder zur Trennung? Bange Fragen.
Rolf Walker
 

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