Rundbrief Oktober 1999
 

Worum wir uns im vergangenen Jahr gekümmert haben
Verlag greift Kritik der Evangelischen Sammlung positiv auf
Gute Gründe, in der Kirche zu sein
Was sagt uns eigentlich Johannes Brenz?
9. November: Vor zehn Jahren fiel die Berliner Mauer
Angebot für ein Glaubensseminar
Gedanken zu neuen Gottesdienstformen
 



Jahresbericht 1999

gehalten bei der Landesversammlung der Evangelischen Sammlung in Württemberg am Sonntag, 12. September 1999

Dank für Ihre Unterstützung
Heute möchte ich den Bericht des stellvertretenden Vorsitzenden mit einem Dank beginnen. Wir haben im vergangenen Jahr von Ihnen, den treuen Frauen und Männern unseres Freundeskreises nicht weniger, ja sogar mehr Spenden in die Hand gelegt bekommen als im Vorjahr. Sie haben uns finanziell wieder mit dem Nötigen ausgestattet, sodass wir das Laufende abwickeln und für die Wahlen im Jahr 2001 eine Rücklage bilden konnten. Sie haben uns einen Betrag von 74.787 DM (1998) gegenüber 73.618 im Jahr 1997 anvertraut. Für diese Treue und Verantwortungsbereitschaft sage ich Ihnen im Namen des Landesvorstands ganz herzlichen Dank.
Wir sind uns bewusst, dass etwas Derartiges in einer Zeit der zurückgehenden kirchlichen Einnahmen nicht selbstverständlich ist und empfinden es als hohe Verpflichtung zu anhaltender Arbeit für das Beste unserer Kirche. Alles, was wir in der Evangelischen Sammlung tun, lebt von Ihrer Liebe und Freiwilligkeit, verehrte Schwestern und Brüder. Dass wir unsere Rundbriefe herausgeben können, unsere Geschäftsstelle ordentlich ausstatten, die Landesversammlung sorgfältig in der Werbung vorbereiten (was nicht billig ist) und sogar noch etwas zurücklegen können für die gemeinsamen Aufgaben im Rahmen der Synodalarbeit der Lebendigen Gemeinde, zu der wir als bekenntnisbewusste lutherische »Sammlung« immer gehört haben und gehören, erfüllt uns mit großem Dank gegen unseren Gott und macht uns zuversichtlich für kommende Aufgaben. Unser Rechner, Herr Hermann Ebert, geht unserer Finanzverwaltung mit Sorgfalt und betendem Herzen nach. Wir sind froh, dass bei ihm die Finanzen in guten Händen liegen. Wir danken ihm herzlich für seinen guten Dienst. Ebenso unserem Adressenverwalter und Computerfachmann Herrn Jürgen Alter aus Darmsheim für die vorbildliche Betreuung unseres Adressenwesens. Auf Anregung unserer Geschäftsführerin, Frau Susanne Reusch, haben sie und er den Versand unseres Rundbriefs neu als Versand von Postvertriebsstücken organisiert, was eine große technische Erleichterung und Kostenersparnis bedeutet. Herzlichen Dank dafür, besonders auch unserer Geschäftsführerin für ihre kreative Gestaltung des Rundbriefs und die umsichtige Abwicklung aller Bürogeschäfte. Wir sind froh, dass wir sie haben.

Dank für die Hilfefür Dr. Rainer Riesner

Viele von Ihnen wissen, dass Dr. Rainer Riesner, Gomaringen, in den zurückliegenden Monaten von einem Förderkreis unterstützt wurde und viele haben sich daran beteiligt. Nachdem die landeskirchliche Anstellung von Privatdozent Dr. Riesner (Neues Testament und Frühchristliche Geschichte) in Tübingen zu Ende gegangen war, war unsere Kirche so nobel, weiter die Sozialbezüge für ihn zu übernehmen, während ein Freundeskreis für sein Gehalt aufkam. Diese Lösung sollte dazu helfen, dass ein hochqualifizierter, bekenntnisgebundener Wissenschaftler weiter die Gelegenheit hätte, sich um eine Professur an einer deutschen Universität zu bewerben. Wir sind sehr froh, es erfüllt uns mit Dank gegen Gott und die beteiligten Menschen, dass unser Helfen und Durchtragen zu einem guten Ende geführt hat: nach vielen gescheiterten Versuchen wurde Dr. Riesner in Dortmund auf eine seinen Möglichkeiten entsprechende Professur für evangelische Lehre und Unterricht berufen. In diesem Zusammenhang muss ich neben den Spendenwilligen auch unseren Mitvorsitzenden Pfarrer Werner Schmückle nennen, der die Geschäfte des Förderkreises für Dr. Riesner besorgte und ebenso souverän die Verhandlungen mit dem Evangelischen Oberkirchenrat führte. Hermann Ebert, unser Rechner, hat, nachdem er die finanzielle Seite dieser Aufgabe zusätzlich übernommen hatte, die Dinge bestens abgewickelt. Ihm und Werner Schmückle herzlichen Dank dafür wie auch allen denen, die für Dr. Riesner tätige »Überbrückungshilfe« geleistet haben.

Forum Missionarischer Frauen

Im Mai 1999 konnte Frau Diplomtheologin Elke Maihöfer in den Vorstand der Evangelischen Sammlung berufen werden. Sie gehört zu den jungen Theologinnen in unserer Landeskirche und ist zugleich eine der Sprecherinnen des Forums Missionarischer Frauen, das sich innerhalb unserer Kirche gesammelt hat und dem wir z.B. die gezielte, ausgezeichnete Stellungnahme zu den Leitlinien des feministisch gesteuerten Oekumenischen Frauenkongresses vom Oktober 1997 in Ludwigsburg verdanken. Diese kluge, auch kritische Stellungnahme ist Ihnen nicht unbekannt. Sie wurde in unserem Oktober-Rundbrief von 1998 veröffentlicht. Dankenswerterweise hat unser Oberkirchenrat diese Stellungnahme in gleicher Weise wie zuvor die Leitlinien des Frauenkongresses an die evangelischen Pfarrämter versandt. Das Forum Missionarischer Frauen umfasst einige Adressen, die auch in der Adrema von Herrn Alter organisiert sind. Die Finanzdinge des Forums werden unter dem Dach der Evangelischen Sammlung von Herrn Ebert treuhänderisch und treulich im Auftrag verwaltet. Er ist z.B. für die Ausstellung aller Spendenbescheinigungen für das Forum Missionarischer Frauen zuständig. So ist eine Zusammenarbeit entstanden, von der die Damen des Forums in uneingeschränkter Selbständigkeit profitieren und durch die Evangelische Sammlung Rat und Hilfestellung anbieten kann. Wir freuen uns über das Vertrauen, das uns auf diese Weise vom Forum Missionarischer Frauen erwiesen wird.

Dank an Albrecht Röcker und Hans Reusch

Am 14. April verabschiedete der Landesvorstand in Grafeneck in gastlichem Rahmen zwei unserer seit den ersten Tagen der Evangelischen Sammlung bewährten Mitglieder des Landesvorstands, die sich in großer Treue 30 Jahre lang hingebungsvoll mit unserer Arbeit für die biblische Mitte und Grundlage unserer Kirche und das reformatorische Erbe in ihr identifiziert haben: Albrecht Röcker, den vorbildlichen, gewissenhaften Rechner seit der ersten Stunde und Professor Hans Reusch, den langjährigen Geschäftsführer und Redakteur der Veröffentlichungen der »Sammlung«, der seine ungewöhnliche persönliche Leistung in unsere Arbeit einbrachte und sie zusammen mit seiner hervorragend einsatzbereiten Frau geradezu verkörperte. Ihre Hingabe und Beharrlichkeit wird uns immer voranleuchten. Albrecht Röcker und Hans Reusch mit ihren Frauen und Familien sei an dieser Stelle nocheinmal in aller Öffentlichkeit herzlich und aufrichtig Dank gesagt. Unsere besten Wünsche begleiten sie auf dem Weiterweg. Gottes Güte schütze und stärke sie.

Gerhard Greiner

Unser Vorsitzender, Dekan Gerhard Greiner, feierte am 19. August seinen 72. Geburtstag. Mit geistlicher Leidenschaft, wachen Augen und erstaunlicher Frische nimmt er seine großen Aufgaben in unserer Kirche wahr: als Vorsitzender der Evangelischen Sammlung (sehr konzentrierte Sitzungen!) und als prominenter Landessynodaler, wo er innerhalb der Synodalgruppe Lebendige Gemeinde eine wichtige Brücke der Erfahrung und Tradition zu den Jüngeren bildet und im Landeskirchenausschuss seine Stimme für die Anliegen der Lebendigen Gemeinde erhebt, immer konziliant und sachbezogen, unpolemisch, das Gemeinsame suchend, doch auch, wenn es sein muss, wie beim Feierabendmahl des Evangelischen Kirchentags mit der nötigen Bereitschaft zu widersprechen und Rückgrat zu zeigen. Wir danken ihm für seine Geduld und ruhige Sachkompetenz und denken immer wieder an die oft überdimensionalen Sitzungen des Landeskirchenausschusses und alles, was er dort tut. Wir gratulieren ihm nachträglich herzlich zum Geburtstag und wünschen ihm alle nötige Kraft Leibes und der Seele für die vielen Zerreissproben, in denen er steht. Gott erhalte und segne ihn.

Evangelischer Kirchentag

Wenn ich beim Danken bin, möchte ich nicht versäumen, mich auch bei Pfarrer Volker Teich, dem Vorsitzenden der Ludwig-Hofacker-Vereinigung, und den vielen anderen Verantwortlichen des schwäbischen Pietismus ausdrücklich dafür zu bedanken, dass sie beim vergangenen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart mit Bedacht und Sorgfalt die Räume betreten haben, die ihnen dort geöffnet wurden. Zu ihnen gehört auch Pfarrer Manfred Bittighofer von der Stuttgarter Stiftskirche, der vor dem Feierabendmahl unüberhörbar klarstellte, daß jede Kirchengemeinde, als über die Gottesdiensthoheit verfügend, das Feierabendmahl genau nach ihrem Denken und Gewissen und nicht nach irgendwelchen unausgegorenen Vorgaben feiern konnte und sollte. An einer Stelle war das Mitmachen der schwäbischen Frommen beim Kirchentag exemplarisch wichtig: bei der Frage nach dem christlichen Zeugnis gegenüber jüdischen Menschen. Da wurde in der zweiten Schleyer-Halle auf dem Cannstatter Wasen von der Kirchentags-»Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen« ein kompromisslos antimissionarischer Kurs eingeschlagen und am 17. Juni mit einer entsprechenden Kirchentagsentschließung festgemacht. Kein erklärter Freund der Heilsbotschaft für die Ersterwählten saß dort mit auf dem Podium, um das Zeugnis für Israel zu vertreten. Präses Kock, der Vorsitzende des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, hatte um dieser Ungewichtigkeit willen seine ursprüngliche Zusage für das Podium zurückgezogen allen Respekt! Auf die Nachfrage, warum die »andere Seite« beim sonstigen Pluralismus     des Kirchentags vom Podium ausgeschlossen sei, antwortete Professor Dr. Wengst (Bochum), das sei mit Absicht geschehen; man habe ein Zeichen setzen wollen wie schon früher z.B. gegen die Apartheid in Südafrika.
Wie gut war es da, dass es auf demselben Kirchentag die Pietismuswerkstatt im Hospitalhof gab. Dort gab unser früherer Bischof D. Theo Sorg am 18. Juni deutlich und behutsam eine bekennende Antwort auf die Thesen in der Schleyerhalle, die dann, von Rolf Scheffbuch vorgetragen, im Wortlaut zur Resolution der »Werkstatt Pietismus« erhoben und angenommen wurde, sodass es jetzt zwei offizielle Dokumente des Kirchentags in Sachen »Judenmission« gibt. Hätten sich die hiesigen Pietismus-Verantwortlichen dem Kirchentag verweigert, wäre bei der Frage nach dem neutestamentlichen Zeugnis für jüdische Menschen eine völlige Schieflage entstanden. Die Kritiker an der Beteiligung am Kirchentag müssen sich fragen lassen: Sollen wir nicht im Namen unseres Herrn das biblische Zeugnis durch die Türen tragen, die uns offenstehen? Sollen wir nur klagen, dass uns Räume verschlossen oder mit Unrat ausgefüllt sind ( was es leider auch gibt)? Ist Total-Verweigerung geistlich zu verantworten? Mit einer partiellen, für den eigenen Bereich verantworteten Mitarbeit am Kirchentag werden die teilweise schrecklichen Dinge, die andere dort auf dem Gewissen haben, nicht gutgeheißen. Für sorgfältige, offene Kritik von offenkundigen Entartungen bleibt leider noch Anlass und glücklicherweise Raum genug.
Übrigens war die Apartheid ein brutales, menschenverachtendes, ja mörderisches System. Bei der Frage des  christlichen Zeugnisses für jüdische Menschen bewegen wir uns aber auf dem Boden und im guten Rechtsrahmen unseres Grundgesetzes, das ausdrücklich Religionsfreiheit garantiert. Hier wurde beim Kirchentag einer grundgesetzlich gewollten und geschützten Grundfreiheit das Podium verweigert! Ein ungewöhnlicher Vorgang, der dringend korrekturbedürftig ist, wenn sich der Kirchentag ernsthaft auf demokratische Grundwerte und christliche Gesprächskultur berufen möchte.
Gegenwärtige Aufgaben
Mit dem zuchtlosen Pluralismus des Kirchentags (es gibt auch einen berechtigten) ist eine dieser Nöte benannt. An manchen Punkten erweist er sich leider als unpluralistisch und von ideologischen Verhärtungen gefährdet, z.B. bei der Frage nach dem Stellenwert und der öffentlichen Unterstützung von Familien, die für ihn nicht »in« zu sein scheinen. Wir werden die Arbeit des Kirchentags weiter aufmerksam und mit kritischer Sorgfalt begleiten müssen.
Einige Sätze zur Entwicklung des Gesprächs zwischen Vertretern des lutherischen Weltbunds und dem Heiligen Stuhl in Sachen Rechtfertigungslehre. Die von beiden Seiten ausgehandelte »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (vgl. die Besprechung im Rundbrief vom März 1998, S. 19ff.) führte nach ihrem Erscheinen und den entsprechenden kritischen Reaktionen zu einem Zusatz, zu einer »Gemeinsamen Offiziellen Feststellung«, die eine einvernehmliche Antwort auf die aufgeworfenen Fragen suchte. Diese Feststellung, so ist zu hören, wird am 31. Oktober 1999 in Augsburg vom Lutherischen Weltbund und den Vertretern der römisch-katholischen Kirche unterzeichnet werden. Was den Inhalt der »Gemeinsamen Offiziellen Feststellung« betrifft, so muss ich nach wiederholter Lektüre mit wachen Augen zugeben, dass es hier der lutherischen Seite im Wesentlichen gelungen ist, die katholischen Gesprächsteilnehmer für die reformatorischen Anliegen zu gewinnen. Kritische Fragen kann man noch an die Übereinkunft zu »zugleich Sünder und Gerechter« (simul justus et peccator) stellen, aber sie können den guten Gesamteindruck nicht trüben. Die Meinung, nicht das reformatorische Zeugnis bestimme den Geist der »Feststellung«, sondern das gegenreformatorische Konzil von Trient, kann ich nicht bestätigen. Alles kommt nun in Zukunft darauf an, die Ergebnisse der Gemeinsamen Erklärung im Horizont der »Gemeinsamen Offiziellen Feststellung« in das oekumenische Gespräch einzubringen und im Sinne der reformatorischen Theologie weiter kräftig voranzubringen.
Eine weitere Herausforderung begegnet uns in der falschen Lehre, die bei der Klausurtagung der Evangelischen Landessynode vom 8.12. Oktober 1998 über »Leben, Tod und Auferstehung Jesu« verbreitet wurde. Wir haben auf die Dokumentation dieser Sondersynode im Julirundbrief 1999 ausdrücklich hingewiesen. Die emotional-subjektivistischen Jesusbilder, die dort für den Bereich feministischer Theologie vorgestellt wurden, erinnern einen peinlich an die menschlich-gefühligen Jesusbilder des 19. Jahrhunderts, mit denen Albert Schweitzer in seiner »Geschichte der Leben-Jesu-Forschung« von 1906 so furchtbar abrechnete. Um einen solchen Albert Schweitzer beten wir in unseren Tagen. Wenn er kommt, wird es ihm nicht schwerfallen, die traumhaften und idealistischen Jesus-Menschlichkeiten im Bereich des Feminismus als solche zu kennzeichnen und dabei den Effekt zu erzielen, den eine schlichte Nadel bei einem aufgeblasenen Luftballon hervorbringt.
Neu aufzugreifen ist auch die Art und Weise, wie wir mit der Lutherbibel umgehen. Sie ist, man möge sich daran erinnern, in der vortrefflichen Neuausgabe von 1984 der verbindliche Bibeltext unserer Landeskirche zum Gebrauch im Gottesdienst, in Konfirmandenunterricht und Schule. Er und kein anderer steht in den von unserer Landessynode mit Zweidrittelmehrheit beschlossenen Kirchenbüchern! Jeder sieht, dass wir einen einheitlichen, memorierfähigen, wiedererkennbaren Bibeltext brauchen, und das ist in einer lutherischen Kirche, die wir sind, immer noch der Luthertext. Lassen Sie uns in den Gemeinden, Kirchenblättern und in den christlichen Verlagen darauf achten, daß wir die Lutherbibel besser pflegen und helfen Sie bitte mit, dass die Ersatztexte, die auch ihre Berechtigung haben, wirklich Ersatztexte bleiben.
Wichtig ist mir auch die Frage nach der Heiligen Taufe in unserer Mitte und nach der biblischen Tauflehre. Leider wird sie in der Evangelischen Allianz und im Evangeliumsrundfunk systematisch ausgeblendet. Warum eigentlich, wenn sie im Urchristentum ein kirchenbegründendes Urdatum ist? Lassen Sie uns dafür eintreten, dass wir ohne Zorn und Eifer und in schöner Offenheit wieder über die Taufen im Neuen Testament, auch über die aufregenden Taufen in der Apostelgeschichte und ihre »Volkskirchlichkeit« sprechen können. Leider wurde auch in der Gemeinsamen Erklärung des Hauptvorstandes der Deutschen Evangelischen Allianz und des Präsidiums des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden vom 1.7.1996 die Tauffrage ausgeklammert. Sehr zum Schaden der Sache; denn an der Taufe hätte es sich unabweisbar erkennen lassen, wie man Gottes Geist und seine Zusagen versteht. Bitte beten sie mit mir um allseitige neue Bereitschaft zum gemeinsamen geschwisterlichen Nachdenken über die Heilige Taufe.
Soviel für heute. Lassen Sie uns dankbar sein für alles Gute in unserer Kirche, das Unerfreuliche offen ansprechen und im Guten überwinden. Lassen Sie uns anhalten am Gebet und mit allen unseren Kräften dafür eintreten, daß Gottes Wort unter uns läuft und blüht. Es ist das Einzige, was bei uns Bestand hat und in dem wir selbst Bestand haben. Das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.

Rolf Walker
 

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Lehrmittelverlag Klett ändert Arbeitsblattsammlung

Die Kritik der Evang. Sammlung in Württemberg im Rundbrief 4 (März 1999, Seite 8) an der Arbeitsblattsammlung »Sekten, neue Wege zum Heil« wurde vom Verlag positiv aufgenommen. Die Kriterien für »evangelische und katholische Fundamentalisten« werden neu überprüft und differenziert dargestellt. Der Glaube an die persönliche Existenz und die Macht des Satans, die Vorstellung von Gott als einem strengen Richter, die Ablehnung der modernen Bibelexegese oder die Zurückhaltung in ökumenischen Bestrebungen können niemals pauschal als sektiererisch und fundamentalistisch bezeichnet werden.
Wir danken dem Lehrmittelverlag Klett, dass er unsere Kritik konstruktiv aufgenommen hat. Künftig sollen Konservative nicht mehr pauschal als christliche Sektierer und Fundamentalisten dargestellt werden.

Gerhard Greiner
 

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Gute Gründe, in der Kirche zu sein

Neulich bekam ich von einem 25jährigen jungen Mann einen Brief. Im Folgenden gebe ich diesen Brief ohne Namensnennung verkürzt wieder.

Ich bin in der Kirche
was habe ich davon?
»In meiner Altersgruppe scheint es derzeit »in« zu sein, aus der Kirche auszutreten. Bisher hatte ich nicht die Absicht, der Kirche den Rücken zu kehren; denn ich habe einen festen Glauben an Gott und war bisher aus Überzeugung in der Kirche.
Als ich aber meine Dezember-Gehaltsabrechnung bekam, bin ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Knapp 1000 DM habe ich im letzten Jahr an Kirchensteuer zahlen müssen. An keinen anderen »Verein« zahle ich so viele »Beiträge«. Deshalb fing ich an zu überlegen: Warum tust du das eigentlich?
Ich bete regelmäßig. Ich tu dies aber nicht in der Kirche. Die Anfangszeiten der Gottesdienste am Sonntagmorgen entsprechen einfach nicht meiner Natur. Beten am Abend und am Morgen, kann ich auch ohne Kirchensteuer.
Sicherlich, ich will irgendwann mal heiraten. Es soll eine Hochzeit in Weiß sein, sehr schön. Dafür aber jährlich zum Voraus 1000 DM zahlen, das ist doch sehr teuer. Soll ich diesen Betrag nicht auf die Seite legen?
In einer Raucherpause mit einem Kollegen, der schon lange aus der Kirche ausgetreten ist, habe ich diese Frage neulich diskutiert. Ich erklärte ihm, dass ich aus sozialer Verantwortung weiterhin in der Kirche bin. Immerhin kümmert sich die Kirche um das Gemeinwohl, pflegt ältere, kranke Menschen und bietet Kindergärten an. Dies, fand ich, seien sehr gute Gründe, in der Kirche zu bleiben.
Leider wurde ich durch meinen Kollegen eines Besseren belehrt. Die Pflegekräfte der Sozialstationen seien kostenpflichtig, Kindergärten würden in massivem Maß vom Vater Staat gefördert und auch sonst ließe die Kirche sich alles und jedes bezahlen.
Ähnliche Erfahrungen machte auch meine Mutter, die in einem Chor singt. Als dieser nämlich in einem Gemeindehaus eine Probe durchführte, kostete das 300 DM Miete.
Ein zusätzliches Problem habe ich noch mit der Präsenz meiner Kirche vor Ort. Vor einem Jahr bin ich in meine neue Wohnung umgezogen. Aus meiner vorherigen Gemeinde kannte ich die Gemeindebriefe, die monatlich an die Haushalte verteilt wurden und auf die Gottesdienste, Gruppentermine und sonstige Veranstaltungen hinwiesen. Bis heute habe ich von keiner Kirche in meinem neuen Wohnbezirk je einen Mucks gehört mit Ausnahme der Glocken.
Ich wäre Ihnen äußerst verbunden, wenn Sie mir beim Finden von Gründen, warum ich in der Kirche bleiben soll, behilflich sein würden...«
Mein Brief an den jungen Mann enthält 12 gute Gründe, in der Kirche zu sein:

01. Im christlichen Glauben bewahrt die Kirche eine Wahrheit, die Menschen sich nicht selber sagen können. Daraus ergeben sich Maßstäbe für verantwortungsbewusstes, gelingendes Leben.
02. In der Kirche wird die menschliche Sehnsucht nach Segen gehört und beantwortet.
03. Die Kirche begleitet Menschen von der Geburt bis zum Tod. Das stärkt auf geheimnisvolle Weise.
04. In der Kirche können Menschen an einer Hoffnung auf Gott teilhaben, die über den Tod hinausreicht.
05. Die Kirche ist ein Ort der Ruhe und Besinnung. Unsere Gesellschaft ist gut beraten, wenn sie solche Orte pflegt.
06. In der Kirche treten Menschen mit Gebeten und Gottesdiensten für andere ein. Sie tun das auch stellvertretend für die Gesellschaft.
07. Die kirchlichen Sonn- und Feiertage mit ihren Themen, ihrer Musik und ihrer Atmosphäre prägen das Jahr. Die Kirche setzt sich dafür ein, diese Tage zu erhalten.
08. In Seelsorge und Beratung der Kirche wird der ganze Mensch ernstgenommen und angenommen.
09. In Krankenhäusern und anderen sozialen Einrichtungen der Kirche schaffen viele haupt- und ehrenamtlich Engagierte ein besonderes, menschenfreundliches Klima.
10. Wer die Kirche unterstützt, übt Solidarität mit den Schwachen.
11. Kirchliche Musik und Kunst sind bis heute prägende Kräfte in unserer Kultur.
12. Wo immer Menschen hinkommen oder hinziehen, treffen sie auf die weltweite christliche Gemeinschaft. Dazu kann jede und jeder beitragen.

Mein Brief schließt: »Ich wünsche Ihnen interessante Entdeckungen in ihrer Kirche.«

Gestatten Sie mir noch den freundlichen Hinweis: Längst können Sie in unserer Stadt Gottesdienste finden, die später am Sonntag oder gar am Abend, sogar am Samstagabend beginnen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich einmal nach so einem Gottesdienst in der Kirche ansprechen würden.
 
 
 

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Allein zwey ding!
Johannes Brenz
Konzentration und Wirkung

Das Brenz-Jahr 1999 wird bald um sein. Höchste Zeit, noch einmal darüber nachzudenken, was Brenz uns sagt. Ich will es in zehn Abschnitten versuchen. Wenigstens holzschnittartig.

I. Woraus lebt ein Mensch?
Physisch wurde Johannes Brenz am 24. Juni 1499 in Weil der Stadt geboren. Geistig und geistlich im April 1518 in Heidelberg. Damals war er neunzehn Jahre alt und schon Rektor der Schwabenburse. Er hatte zusammen mit anderen, die später Süddeutschland reformiert haben, Ökolampad, Billican, Bucer, Frecht, viel Erasmus gelesen und sich in lateinischen Gedichten versucht, ein junger Humanist, der zu den Quellen drängt und der in einer Art humanistisch-spiritualistischer Mentalität die unsichtbare Kirche und die wahre Frömmigkeit sucht. Dann kam Luther. Der sechzehn Jahre ältere Augustinermönch, der mit seinen Thesen in den Geruch des geistigen Brandstifters geraten war, fragte sehr direkt nach dem, woraus ein Mensch leben, woraus er seine Motivation und seinen Mut schöpfen, wodurch er Boden unter den Füßen gewinnen könne. Sind es die Werke, die Tugenden, das moralische Bemühen, das einem Menschen den Existenzberechtigungsnachweis gibt? Aber wer kann dann seines Lebens froh werden? Wo doch Augustin gesagt hat, unsere größten Tugenden seien oft nicht mehr als glänzende Laster. Ist es unser Wissen? Aber wer ist klug? Ist es irgendeine Art nachweisbarer Religiosität, die einer »haben« und deren er sich trösten kann? Aber wer kann sich seiner »Spiritualität« gewiß sein? Nur wer aus der bedingungslosen Gnade Gottes, wie sie sich in der Selbsthingabe Jesu Christi für die Seinen offenbart, lebt, nur der gewinnt den festen Boden, auf dem er stehen, gehen und seines Lebens froh werden kann.
Brenz und seine Freunde haben diese Botschaft mit offenen Herzen gehört. Sie war ihnen die große, bleibende Befreiung vom moralischen oder religiösen Leistungsdruck. Und weil sie in der Nähe Luthers gespürt haben, »das ist es«, darum hat Brenz wie jener Landarbeiter, der den Schatz im Acker gefunden hat, sehr vieles, was andere auch wichtig fanden, leichten Herzens und oft nicht ohne einen spöttischen Unterton beiseite gelegt: Wallfahrten, Totenmessen, fromme Bräuche, die dazu da waren, diese Gnade irgendwie zu verdienen. Weil er die geschenkte Gnade Gottes in Jesus Christus entdeckt hat, wurde ihm das Instrumentarium der Religion schnell unwert. Wir müssen nichts verdienen in selbstgesuchter Religionstechnik. Allein im Empfang liegt das Leben.

II. Die Bibel als Brunnen
Manche Leute stellen sich Brenz, den verdienten Ordner der christlichen Kirche, den Justitiar der Reformation, vor als einen, der die meiste Zeit über Kirchenordnungen sitzt, um Christen vorzuschreiben, wie sie ihr Leben gestalten müssten. Das Bild trügt. Johannes Brenz war zuerst und zuletzt Ausleger der Heiligen Schrift. Seine Kommentare, die er zu fast allen Büchern der Bibel geschrieben hat, zeigen die Leidenschaft des Mannes, der seinen Namen Brenz, der von der Mutter stammte, gelegentlich mit Encaustius, der Entbrannte, übersetzte (wobei während seines Aufenthaltes während des Interims incognito auf der Burg Hornberg daraus »Huldrych Engster« wurde). »Verbum Domini lucerna pedibus meis et semita vitae«, »Das Wort des Herrn ist eine Leuchte für meine Füße und der Weg zum Leben« ließ er auf sein Epitaph schreiben. Diesem Wort galt seine Leidenschaft. Aus ihm erhielt er seine Initialzündungen. Oder anders gesagt: Es war ihm die Quelle, aus der dieser ungemein nachhaltig Wirkende Saft und Kraft geschöpft hat. Dass Württemberg das klassische Land der Bibelausgaben und der Bibelauslegung wurde, dazu hat Johannes Brenz die Weichen gestellt.
Wobei wir Brenz zugleich als den beharrlichen Prediger verstehen dürfen. Schöpfen und Weitergeben war ihm wie Einatmen und Ausatmen. Er hat biblische Bücher fortlaufend auf der Kanzel ausgelegt. Zur Zeit und zur Unzeit. Und wenn einer angesichts der bisweilen dürftigen Zuhörerzahl fragen wollte, ob sich das denn lohne, dann konnte er wie einst zu Sebastian Pfauser, dem Hofprediger Maximilians II., sagen: »Das ist das Lob dieses Brunnens, dass er immer gleich reichlich Wasser gibt, es mögen nun viele oder wenige aus ihm schöpfen. Er ist das Vorbild der Prediger des göttlichen Wortes.«
Brenz hat wie kaum ein anderer gewusst: Erneuerung des Lebens und Reformation der Kirche kommt nicht durch Strukturreformen und neue Ordnungen, sondern durch das »Leben aus dem Wort«. Strukturreformen und Ordnungen können dann folgen, damit der Wasserlauf dieses Wortes in der rechten Weise auch wirklich zu den Menschen geleitet wird, etwa wie an den Hängen Südtirols durch ein System von Walen das Wasser so verteilt wird, dass es die Wiesen und Rebenhänge furchtbar macht.

III. Die dürftigen Heiligen
Eine Predigt hat in Schwäbisch Hall die Reformation ausgelöst. Es war am Jakobitag 1523 in St. Michael. Brenz fragte, was die rechte Heiligenverehrung sei. Die »Heiligen« als Vorbilder des Glaubens, der Geduld im Leiden und der Beharrlichkeit, sich zu Christus zu bekennen, auch unter großen Schwierigkeiten, ließ er gern gelten. Wer ihnen darin folge, der habe das ganze himmlische Heer geehrt. Aber als Fürbitter neben Jesus Christus seien sie entbehrlich. Ein Christ, der auf den Einsatz Jesu Christi vertraue, habe diese Anrufung der Heiligen schlicht nicht nötig. Sie könne ja nur Ausdruck des Kleinglaubens sein.
Brenz, der von Anfang an ganz am »Leib Christi« orientiert ist, fragt dann ganz grundsätzlich, wer denn die »Heiligen« eigentlich seien. Gut biblisch antwortet er, die Heiligen seien die schlichten Christen, die durch Taufe und Glauben »eingeleypt« seien in den Leib Christi. Sie gelte es zu pflegen. Ganz besonders die »dürftigen Heiligen«. Wer Geld und Kraft frei habe, weil er für die eigene Seligkeit nichts mehr tun müsse, der möge es einsetzen zum Heiligenkult, nämlich zur Pflege der »dürftigen« Gemeindeglieder. Diakonie statt religiöser Werke. Brenz wurde durch diese Predigt und später durch seine Ordnungen des gemeinsamen Kastens zum Wegbegleiter der Diakonie. Es ist die Weichenstellung des Johannes Brenz darin zu spüren, dass Schwäbisch Hall zum Zentrum der Diakonie wurde, und dass in Württemberg vom Wort Gottes Entflammte durch die Jahrhunderte als Wegbegleiter der Diakonie vorangingen. Es geht nicht um die Pflege unseres religiösen Kunstgewerbes, sondern darum, dass die »dürftigen Heiligen« von uns so gepflegt werden, als seien sie unser eigen Fleisch und Blut.

IV. Sich selbst!
Dass Brenz, der in den ersten Jahren der Reformation in seinem Protest gegen die Verdinglichung des Mysteriums  in  der  römischen Messe geradezu spiritualistisch argumentiert, dann doch sehr bald sich sehr kritisch auch mit seinem alten Freund Ökolampad auseinandersetzt und dessen zwinglianisches Verständnis des Abendmahls als bloßes Erinnerungsmahl bestreitet, dass er wie Luther das »est« betont, leitet ihn da nur fundamentalistischer Buchstabengehorsam? Wohl nicht! Freilich, das Wort soll gelten. Es soll nicht durch ein »sozusagen« relativiert werden. Nicht »sozusagen« sind uns die Sünden vergeben. Und nicht »sozusagen« schenkt uns Christus seine Gegenwart und seine »himmlischen Güter«, sondern wirklich, ohne wenn und aber. Nur so wird das Mahl dem, der nicht sozusagen, sondern wirklich in dieser Welt lebt, zum Trost und zur Stärkung. Vor allem aber: Christus gibt sich selbst in Brot und Wein. Was zwischen Gott in Christus und dem zum Abendmahl Gehenden geschieht, ist ein ungemein personaler Vorgang. Nicht irgend etwas gibt uns Jesus Christus in diesem Mahl, sondern sich selbst. Und nur, indem er sich selbst gibt und dadurch unsere zerrissene Verbindung zu Gott wieder anknüpft und heilt, gibt er uns Vergebung der Sünden und ewiges Leben. Brenz hat gewusst, dass es im Glauben um die Heilung eines ganz persönlichen Verhältnisses geht. Auch seine später entwickelte Ubiquitätslehre, die Melanchthon gelegentlich als »Hechinger Latein« kopfschüttelnd betrachtet hat, will nur dieses: deutlich machen, dass Jesus Christus in Person sich uns »schenkt und darreicht«, um uns zu »vergewissern« seiner Sünden vergebenden und heilenden Nähe. Welches Wissen um gottlose, von Zweifeln geplagte, von Gott und allen guten Geistern verlassene Menschen, steckt hinter dieser Betonung der leibhaftigen Gegenwart Jesu Christi. Es stehen eben nicht religiös und ethisch gefestigte Persönlichkeiten am Altar, sondern arme, von Zweifeln und Verlassenheit geplagte »dürftige Heilige«.

V. Sie wachsen nicht auf den Bäumen
Die Kinder seien der größte Schatz der Gemeinde, sagt Brenz. Aber erzogene Kinder wüchsen nicht auf den Bäumen. Man müsse sie schon selbst erziehen. Zur Menschenbildung gehöre es, dass ein Mensch lesen und schreiben lerne. Brenz kommt zu dieser Auffassung aber nicht durch ein humanistisches Bildungsideal, sondern durch seine reformatorische Auffassung, ein Mensch könne das »allgemeine Priestertum aller Gläubigen« nur ausüben, wenn er für sich persönlich aus der Heiligen Schrift schöpfe. Weil jeder Mensch ein von Christus gegebenes »Menschenrecht an der Heiligen Schrift« hat, darum soll eine Kommune, die um das irdische Wohl und das ewige Heil ihrer Bürger besorgt ist, dafür sorgen, dass jeder Mensch, der halbwegs bildungsfähig ist, das Lesen und Schreiben lernt. Auch die Mädchen übrigens denn auch die Frau hat ein Recht an der Heiligen Schrift. Brenz wurde dadurch zum Wegbereiter der Frauenbildung.
In Hall gab es genug Bürger, die meinten, es könne dabei bleiben, dass Schulbildung Sache privater Anbieter bleibe. Das Bildungssystem in privater Hand. Das heißt: Die Armen bleiben ungebildet, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können. Brenz dachte vom Leib Christi her über die Sache nach. Alle Teile des Leibes haben Anteil an dem, was dem Leib zukommt. Auch die Armen brauchen den unmittelbaren Zugang zur Heiligen Schrift. Folglich muss die Obrigkeit Schulmeister für die Jungen und eine Lehrerin für die Mädchen anstellen. Denen, die meinten, dafür sei kein Geld in der Kasse der Stadt, sagte Brenz: Dann schränkt Eure Bautätigkeit ein. Baut nicht so dicke Mauern. Halbiert den Rüstungsetat zugunsten des Bildungsetats. Durch die Bibel gebildete Bürgerinnen und Bürger sind der bessere Schutz für ein Gemeinwesen. Und wenn arme Leute ihre Kinder nicht zur Schule schicken wollten, weil sie ihre Kinder in der Werkstatt oder auf der Weide als Hütejungen brauchten, dann konnte Brenz sagen: Zwei Stunden Schule pro Tag genügen, eine Stunde früh am Morgen vor der Berufsarbeit, eine Stunde am Abend. Diese Auffassung vertrat er jedenfalls in seiner Haller Zeit. Er dachte immer von den armen Leuten her. Wenn dann ein um höhere Bildung Besorgter sagte, in dieser kurzen Zeit gehe doch viel zu wenig in die Köpfe hinein, dann konnte Brenz sehr pädagogisch sagen, ein Kind sei wie ein kleines Fläschchen. Gieße man durch ein Trichterlein zu vieles hinein, so laufe es an der Flasche herab. Nicht auf die Fülle, sondern auf die rechte Auswahl des Stoffes komme es an. Auch hier: Konzentration auf das Wesentliche.

VI. Was dient dem Frieden?
Vor dem Bauernkrieg konnte sich Brenz nicht genug tun, den Bauern und ihren theologischen Ratgebern vorzuhalten, ein Christ sei nach Römer 13 untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Die Obrigkeit, auch wenn sie ihre Macht missbrauche, sei von Gott eingesetzt, sie habe ihre Macht von Gott. Nirgends komme das so deutlich heraus wie im Gegenüber von Jesus und Pilatus. Auch dürfe man biblische Begriffe wie »Freiheit« nicht deuten als politische Freiheit, etwa Freiheit von der Leibeigenschaft. Die »Freiheit eines Christenmenschen« sei von den äußeren Gegebenheiten unabhängig, weshalb sie dem durch Christus Befreiten auch kein Mensch und kein böser Umstand nehmen könne. Dabei hatte Brenz einiges Verständnis für die Forderungen der Bauern. Besonders natürlich für ihre Freiheit zur Wahl eines Pfarrers, der das Evangelium verkündigt. Auch bäuerliche Seelen seien von Gott hoch geachtet und sollten das Evangelium hören können. Und er verteidigt die Bauern, die keine Neigung haben, den Zehnten zu bezahlen. So lange dieses sauer gesparte Geld von den Herren verprasst werde, müsse man den Unwillen der Bauern verstehen. Würde man mit diesem Geld eine rechte Armenfürsorge und die Bezahlung von Pfarrern finanzieren, dann würden die Bauern ohne Schwierigkeiten den Zehnten geben. Aber die Bibelstellen am Rand der Zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben haben Brenz geärgert. Mit einzelnen Bibelsprüchen könne man gar alles begründen. Bibelsprüche anführen zur Rechtfertigung politischer Forderungen, das sei Missbrauch der Heiligen Schrift. Im Grunde wollte Brenz zwischen den Herren und den Bauern vermitteln. Dazu war es aber zu spät. Er konnte den Bauernkrieg nicht verhindern.
Kaum lagen die Bauern am Boden und traten die »Herren«, am schlimmsten die Fürstbischöfe, als gnadenlose Richter auf, um mit ihren Bluturteilen ein für allemal ein Exempel zu statuieren, da setzte sich Brenz ohne Wenn und Aber für die Besiegten ein.
Zwar habe die Obrigkeit das Recht, kriminelle Handlungen zu bestrafen, aber angesichts der Tatsache, dass die Obrigkeit »auch nit allewege Seide gesponnen« und dass sie die Bauern zu ihrer Verzweiflung gereizt habe, auch angesichts der Tatsache, dass Gott der Herr in seiner großen Gnade der Obrigkeit die Regierungsgewalt zurückgegeben habe sie habe das Gegenteil verdient! könne die Obrigkeit sich doch ausnahmsweise einmal christlich verhalten und die geschlagenen Bauern straflos abziehen lassen. Die Leute hätten genug gelitten, nur Gnade erziehe sie zum Neuanfang. Auch könne man in den Dörfern nicht wirklich zwischen mehr und minder Belasteten unterscheiden. Das fördere nur Lug und Trug und den Unfrieden im Dorf. Das Beispiel Davids hat Brenz damals der Obrigkeit vor Augen gehalten. David habe nach dem Aufstand des Absalom dessen Anhängern allgemeine Amnestie gegeben. Er habe den Aufstand als Strafe für seine Sünden verstanden und habe nach dem Ende des Aufstandes gesagt, jetzt erst sei er durch Gottes Gnade wirklich König geworden. So sei die Obrigkeit jetzt erst durch Gottes Gnade wirklich Obrigkeit von Gottes Gnaden geworden. Man beginne doch nicht seine Regierungszeit mit Kopfabschlagen.
Als dann die Haller Stadtoberen durch neue »Schatzungen« aus den Bauern herauspressen wollten, was im Krieg kaputtgegangen war, da wandte sich Brenz innerhalb eines Jahres dreimal mit heftigen Eingaben an die Stadt und beschwor sie, die Bauern nicht finanziell zu ruinieren. Keine Stadt könne leben, wenn das bäuerliche Umfeld veröde. Und wenn die Bauern kein Geld mehr hätten, könnten sie den Handwerkern in der Stadt ihre Waren nicht mehr abkaufen.
Als die Städter schließlich einige Soldaten für den Türkenkrieg durch die Bauern finanzieren lassen wollten, schrieb ihnen der Bürgermeistersohn Johannes Brenz, wenn sie die paar Ritter nicht aus ordentlichen Haushaltsmitteln bezahlen könnten, dann tauge ihre Finanzverwaltung nichts. So viel müsse für Unvorhergesehenes in einem Haushaltsplan bei Christen drin sein. Sie hätten gewiss zu viele Immobilien gekauft, was nun die armen Leute büßen müssten.

VII. Domine Brenti, Fuge!
Während des Interims mußte Brenz fliehen. Weg von seiner kranken Frau Margarete und den Kindern. Vier Jahre war er auf der Flucht. Auf dem Hohenwittlingen. In Mömpelgard. In Straßburg. Basel. Auf Hornberg. Das ist eine lange Geschichte. Seine Frau starb derweilen. Das bietet Stoff für eine Tragödie.
Warum musste er fliehen? Weil er das Interim für unannehmbar hielt. Die Messe, als Messopfer gefeiert, verfinstert die Botschaft von der Gnade, die Jesus ein für allemal für uns erwirkt hat. Sie zu verdunkeln kann kein Christ auf  sein Gewissen nehmen.
Als der spanische Kanzler Granvella die Auslieferung des Johannes Brenz verlangte und die Haller drauf und dran waren, dem Kanzler seinen Willen zu tun, ist Brenz im letzten Augenblick bei Nacht und Nebel geflohen. Eigentlich müssen die Haller ihm dafür dankbar sein. Wie schlecht würden sie heute, im Brenzjahr, dastehen, wenn Brenz ihnen nicht freundlich zuvorgekommen wäre.
Muss uns das nicht zu denken geben? Der Seelsorger und Prediger flieht vor der Stadt, für die er gewirkt und sich aufgeopfert hat! Sein Glaube verträgt nicht das Lavieren, bis es besser kommt. Schlaues Lavieren wäre Verleugnung. Genau 250 Jahre nach Brenz wurde Johann Wolfgang von Goethe geboren. Sein Lieblingstier, schon in der Kindheit, war das Chamäleon. Was in Goethes bis zum äußersten anpassungsfähigen Religiosität deutlich wird. Der Falke im Wappen des Johannes Brenz und Goethes Chamäleon, zwei Welten!

VIII. Was ist die Einheit der Kirche wert?
Zum Konzil von Trient wollte von den Evangelischen fast niemand gehen. Ein Konzil, in welchem der Papst Richter ist, nein! Ein Konzil jenseits der Alpen, nein. Wer kann da sagen, dass er heil wieder zurückkommt? Es gab genug Gründe, dieses Konzil nicht zu besuchen. Für Brenz war es von Anfang an klar: Dieses Konzil müssen wir besuchen. Es geht um die Wahrheit des Evangeliums. Und es geht um die Einheit der Kirche. Dafür kann kein Opfer zu hoch sein. Dafür müssen wir notfalls unser Leben riskieren.
Die Confessio Virtembergica, die er für das Trienter Konzil schrieb, können wir, bei aller kompromisslosen Klarheit besonders in der Frage der Rechtfertigung, als ein letztes Angebot an die Einheit der Kirche verstehen. Daher die ausführlichen Väter-Zitate aus der Alten Kirche. Brenz, wie schon Melanchthon (mit Brenzens Hilfe) 1530 in Augsburg, wollen zeigen: Wir bringen doch keinen neuen Glauben auf. Wir knüpfen an beim Glauben der Alten Kirche.

Dass der päpstliche Nuntius mit Erfolg dafür gesorgt hat, dass Brenz in Trient keinen Fuß auf den Boden bekam gegen den Willen des Kaisers und auch Granvellas, die es durchaus gern gesehen hätten, wenn man um den Glauben kräftig gestritten und damit vielleicht noch die Einheit des Abendlandes zurückgewonnen hätte das gehört zu den verpassten Chancen der Christenheit. Brenzens Confessio hätte zum Anlass eines neuen Aufeinanderzugehens werden können. Wieviel Leid wäre ungezählten Menschen erspart geblieben!

IX. Wiedertäufer und »Hexen«
Sebastian Castello rühmt Johannes Brenz als Beispiel der Toleranz. Warum? Brenz war unter den Reformatoren, was seine Ratschläge betrifft, wie die Obrigkeit mit Wiedertäufern umgehen solle, so ziemlich der mildeste. Keine körperliche Gewalt in Glaubensdingen! Mit Androhung und Ausübung von Gewalt wird niemand überzeugt. Aber er hat geraten, Wiedertäufer, wenn sie sich zusammenrotten, aus dem Land zu vertreiben. Nicht zuletzt, weil sie die Obrigkeit nicht anerkannten. Im sechzehnten Jahrhundert galt diese Haltung als bemerkenswert tolerant.
In der »Hexenfrage« wirkte Brenz sozusagen als systemimmanenter Kritiker. Teufelspakt hielt er für möglich. Er meinte auch, die Obrigkeit habe das  Recht, solchen zu bestrafen. Zugleich war er jedoch der Auffassung, die »Hexen« könnten nicht wirklich Schadenszauber ausüben. Sie würden es nur von sich meinen. Und vor allem, andere würden es ihnen andichten. Das Ganze sei ein kollektiver Wahn. In der »Hexenfrage« kann man in Brenzens Auffassungen Widersprüche sehen. Wesentlich aber ist, dass Brenz die Hexenprozesse von Herzen gehasst hat, und dass er vieles in seiner Macht Stehende tat, um sie zu verhindern. Nie und nimmer komme unter der Folter die Wahrheit heraus. Die Richter seien in diesen Dingen heillos überfordert. Man solle die unglückseligen Frauen, die für Hexen gehalten würden, nicht zum Richter oder Scharfrichter führen. Sei die Sache erst einmal in der Hand der Juristen, dann komme alle Hilfe zu spät. Das sei eine Sache für die Seelsorge. Man führe die »Hexen« zum Pfarrer und zum Arzt! Es ist keine Frage, dass der fromme und nüchterne Brenz, der den Hagel naturwissenschaftlich und als Wirkung Gottes erklärt hat, vielen Frauen das Leben gerettet hat.

X. Die Kirche ein Department des Staates?
In Stuttgart hatte Johannes Brenz das Glück und das Pech, einen zu guten Herzog zu haben. Herzog Christoph war eine leuchtende Ausnahme, was seine Frömmigkeit und was seine Verantwortungsbereitschaft betraf. So hat Brenz mit dazu beigetragen, dass das landesherrliche Kirchenregiment in Württemberg noch ungebremster verwirklicht wurde als anderswo. Mit der Folge, dass die Landeskirche ein Department des Staates wurde, und dass das königliche Konsistorium, straff durchorganisiert, die Kirche beherrschte. Ein System von Beaufsichtigung wurde zum eng gehäkelten Netz. Visitation, anfangs als hilfreicher Besuch unter Brüdern gemeint, wurde zum weit gediehenen Kontrollsystem ausgebaut. Wenn die Visitation der Spezialsuperintendenten und Generalsuperintendenten nicht mehr griff, wurde versucht, mit einer Landesvisitation die Visitatoren zu visitieren. Die »Kirchenzucht« wurde mit Hilfe der Obrigkeit durchgeführt. Sofern sie auf diese Weise durchgeführt werden konnte. Denn die Staatsbeamten haben sie, so gut sie konnten, hintertrieben, schon um nicht selbst in Kirchenzucht zu geraten. In Sachen Kirchenzucht, die Brenz um des Leibes Christi und um der teuren Gnade willen so wichtig war, hatte Brenz von Anfang an keine glückliche Hand, konnte er keinen Erfolg haben, da er zu sehr der Obrigkeit geistliche Vorgänge anvertraut hat. Brenz zitiert zwar immer wieder Luthers Lehre von den beiden Regimenten. Aber man hat den Eindruck: In der Praxis spielt sie bei ihm eine geringe Rolle.
Der lutherische Staat des Herzogtums Württemberg, von vielen als europäisches Modell zum Vorbild genommen, geriet dann und wann doch zu dem, was Spötter »lutherisch Spanien« nennen, womit sie freilich reichlich übertreiben. Schade, dass Brenz ab 1529 keine Lust mehr hatte, mit den Reformierten zu reden. Bei ihnen hätte er ein wenig Demokratie für die Kirche lernen können.
Mag sein, dass Brenz nach Herzog Ulrich und dem Interim neben Herzog Christoph die Kirche nur auf diesem Wege wirksam reformieren konnte. Wir heute können und müssen hier nicht anknüpfen. Dieser Weg ging zu Ende. Und niemand soll sich eine Fortsetzung dieses Weges zurückwünschen.
Dennoch hat Brenz der Kirche und dem Land Segen gebracht wie kaum ein anderer. Durch die schlichte Konzentration auf das, was Brenz in seiner Hällischen Kirchenordnung von 1527 nennt: »allein zwey ding: glauben und lieben«. Und dadurch, dass aus diesem Glauben und Lieben eine Haltung wurde, die wie ein ausgestreutes Salz gewirkt hat auf den verschiedensten Gebieten vom Bildungs- bis zum Sozialwesen zur Erhaltung von Menschen in einem guten mitmenschlichen Frieden und dazu, dass Ungezählten die Möglichkeit gegeben wurde, das Evangelium zu hören.

Paul Dieterich, Heilbronn
 
 

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Zum 9. November: Vor 10 Jahren fiel die Mauer

Der Fall der Berliner Mauer vor zehn Jahren leitete das Ende der DDR ein. Was kaum noch jemand für möglich gehalten hätte, wurde Wirklichkeit: Mauer und Stacheldraht sind gefallen, der Todesstreifen ist Geschichte. Grenzen und äußere Trennungen von einst sind überwunden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Deutschland jenseits der Oder/Görlitzer Neiße etwa ein Viertel seiner Fläche. Auf den Trümmern des Rests errichteten die Siegermächte ihre Besatzungszonen. Aus ihnen wiederum entwickelten sich die beiden deutschen Teilstaaten jeweils unter tatkräftiger Mithilfe ihrer nun miteinander verfeindeten Besatzer.
Die Menschen im Westen hatten eine sinnlose Entnazifizierung, den Flüchtlingszustrom und Demontagen zu erdulden, ihr Schicksal besserte sich aber aufgrund des Kalten Krieges relativ schnell. Das »Wirtschaftswunder« vor allem der 50er Jahre ließ die materielle Not rasch in den Hintergrund treten.
Ihrem ungeliebten Staat (DDR) sind zwischen 1949 und 1989 rund drei Millionen Menschen davongelaufen, schätzungsweise 900 sind dabei ums Leben gekommen. Das Regime griff wegen der Fluchtbewegung zu rigiden Abschottungsmaßnahmen wie extrem schikanösen Grenzkontrollen, Ausreiseverbot, einem sonst unbekannten Straftatbestand »Republikflucht« und schließlich am 13. August 1961 zum Bau der Mauer.
Als schließlich die letzten Ressourcen erschöpft waren, brachen der Staat und seine Wirtschaft zusammen. Das Regime konnte seinen Menschen keinerlei Perspektive mehr bieten, sie liefen ihm in Massen davon. Es kam zu Fluchtströmen über Ungarn, Österreich und die damalige CSSR. Die Zurückgebliebenen sammelten sich in den Kirchen zu den Friedensgebeten. Und dann, am 9. November, fiel die Berliner Mauer.
Seitdem sind zehn Jahren vergangen. Was bisher in Mitteldeutschland an Aufbau geleistet wurde, ist beispielhaft und wer durch die frühere DDR reist, kann nur staunend feststellen, wieviel sich in kurzer Zeit verändert hat. Dem widerspricht freilich die allgemein anzutreffende Stimmung. Das überschäumende »Wir sind ein Volk« der ersten Zeit, die Euphorie des ersten Jahres: sie sind längst verflogen. Im Umgang mit den Menschen und ihrer Geschichte sind jede Menge Fehler gemacht worden; nicht ohne Grund sehen sich heute viele benachteiligt, falsch behandelt und um Hoffnungen betrogen. Die untergegangene DDR wird bereits geradezu verklärt gesehen, wie sich an den PDS-Wahlergebnissen ablesen lässt. Die Mauer in den Köpfen ist immer noch da, die innere Einheit noch nicht erreicht.
Auch die Kirchen, um den 9. November 1989 hoch gefeiert, sind in Nischen zurückgekehrt, ähnlich denen, die sie vorher innehatten. Protestantischer und preußischer ist Deutschland durch die Wiedervereinigung eben leider nicht geworden. »Zehn Jahre nach der Wende ist von den ehemals gefeierten evangelischen Kirchen im Osten kaum noch die Rede. Klägliches Versagen in der Zeit nach der politischen und kirchlichen Vereinigung attestieren ihnen selbst Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter«, hat Heike Schmoll in der FAZ vom 4.8.1999 zutreffend resumiert und von einer Selbstghettoisierung der Kirchen gesprochen. Dazu haben eine unglückliche Debatte um Stasi-Verstrickung und um die Einführung der Kirchensteuer ebenso beigetragen wie verpasste Chancen beim Religionsunterricht, lange gepflegte selbstquälerische und lähmende Selbstzweifel und eine verbreitete Betroffenheits-Unkultur. Zu lange zog man sich auf die schwammige Formel einer »Kirche im Sozialismus« mit den vermeintlich besseren Christen zurück. Die Möglichkeiten zum Neubeginn sind so wie in der Politik auch von der evangelischen Kirche nicht genutzt worden. Die Wiedervereinigung hat zwar eine widernatürliche Teilung beendet und äußere Trennungen überwunden, die dringend notwendige innere Erneuerung der Kirche und des Staates steht aber noch aus.

Hans-Dieter Frauer
 
 

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Auszug aus dem Schneckenhaus

Angebote für ein Gemeindeseminar

Warum fällt es uns so schwer, mit Anderen über den Glauben zu reden? Was sage ich einem Menschen, der  am Ende ist? Warum erkenne ich oft nicht, was der Andere eigentlich sagen will? Um solche und ähnliche Fragen geht es in einem Wochenendseminar zum Thema »Vom Mündigwerden der Christen und wie unser Glaube zur Sprache findet.« Durch Referate, Gruppengespräche und Übungen will das Seminar zur Sprachfähigkeit helfen. Es geht dabei um die Erkenntnis, dass  dem Lebensthema eines Menschen ein bestimmtes Schlüsselthema des Glaubens entspricht, es geht um die Beziehung von Erlebnissen und Glaubenserfahrungen und um Argumentationshilfen für den Umgang mit Schlagworten. Am Gespräch zwischen Philippus und dem Kämmerer (Apostelgeschichte 8) werden zum Abschluss des »workshops« Stationen eines gelingenden Glaubensgesprächs nachgezeichnet. Der nur in knappen Zügen vorgestellte Kurs eignet sich als Angebot für interessierte Gemeindeglieder, als Schulungsveranstaltung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zur Vorbereitung einer evangelistischen Veranstaltung. Er ist Teil der von Burghard Krause veröffentlichten »Praxisimpulse für eine verheißungsorientierte Gemeindeentwicklung«. Das Buch enthält das Material für weitere »workshops« zu den Themen: Missionarische Gemeindearbeit; zeichenhafter Lebensstil; gabenorientierte Mitarbeit; Erneuerung des Gottesdienstes; Segen, Beichte und Heilung und Miteinander teilen.
Mit Hilfe des Buches und entsprechender Kopiervorlagen können die jeweiligen »workshops« vom Kursleiter oder der Kursleiterin selbständig erarbeitet werden. Die Mitarbeiter des Amtes    für missionarische Dienste bieten ihre Hilfe bei der Durchführung des Kurses an. Werner Schmückle
»Auszug aus dem Schneckenhaus« und andere missionarische Projekte werden vorgestellt in dem vom Evangelischen Oberkirchenrat herausgegebenen Heft: Zum Glauben einladen.
Modelle missionarischen Gemeindeaufbaus; Aktionen einladenden Gemeindelebens; Ansprechende Formen der Evangelisation.

Literatur:
* Burghard Krause, Auszug aus dem Schneckenhaus. Praxis-Impulse für eine verheißungsorientierte Gemeindeentwicklung, Aussaat-Verlag, Neukirchen-Vluyn 1996
* Auszug aus dem Schneckenhaus. Kopiervorlagen, Aussaat-Verlag, Neukirchen-Vluyn 1996

Kontaktadresse:
 Einführungskurse werden angeboten vom Amt für missionarische Dienste im Evang. Gemeindedienst für Württemberg
Pfarrer Jens Plinke, Pfarrer Werner Schmückle, Pfarrer Joachim Stricker
Postfach 101352, 70012 Stuttgart
Tel. (0711) 2068-266, Fax 2068-345
 

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Mitte des Gottesdienstes

Noch nie sind so viele neue Ideen für den evangelischen Gottesdienst eingebracht und umgesetzt worden, wie in den letzten Jahren. Je nach Aktivität einer Gemeinde gehören Sondergottesdienste, Werkstattgottesdienste, Familien- und Jugendgottesdienste, Krabbelgottesdienste, musikalische Gottesdienste u.a. zum ganz normalen Gottesdienstangebot und sind in mancher Gemeinde inzwischen so gut eingeführt worden, dass dem klassischen Württembergischen Predigtgottesdienst von immer weniger Menschen in den Gemeinden Verständnis entgegengebracht wird.

Neue Menschen gewinnen
Die neuen Gottesdienstformen scheinen auch geeigneter zu sein, Menschen mit distanzierter Haltung zur Kirche anzusprechen und für die Kirche gewinnen zu können. Eine Schere tut sich auf, nicht nur zwischen Jung und Alt. Der Ruf nach den Richtungsgemeinden wird lauter; hier die Gemeinden, die die neuen Ideen verstärkt verwirklichen wollen, dort die Gemeinden, die sich dem Neuen verweigern, um ganz beim Alten bleiben zu können. Es gibt auch die Menschen, die sich zunehmend von der Gemeinde verabschieden, weil ihnen die neuen Formen gar zu wild und bunt geworden sind.
Unsere Kirche muss auch in Zukunft ungewöhnliche Wege gehen, um Außenstehende missionarisch zu erreichen. Dazu bedarf es der Besinnung auf die Mitte des evangelischen Gottesdienstes. Denn wenn die neuen Gottesdienste nicht nur der Bezeichnung, sondern auch dem Wesen nach echte Gottesdienste sein wollen, müssen sie mit den althergebrachten Formen eine gemeinsame Mitte haben.

Predigt und Gebet
Um Missbräuche des Gottesdienstes abzutun, hatte Martin Luther für die Stadt Leisnig im Jahre 1523 angeordnet: »Die christliche Gemeinde soll niemals zusammenkommen, wenn nicht daselbst Gottes Wort gepredigt und gebetet wird«. Dabei beklagte er als den größten Missbrauch, der in den Gottesdienst hineingeraten war: »dass man Gottes Wort zum Schweigen gebracht und es lediglich gelesen und gesungen hat in der Kirche.« Predigt und Gebet sind nach Martin Luther also unverzichtbar für jeden Gottesdienst, wenn er ein echter Gottesdienst sein will. Man kann ja die neuen Gottesdienstformen einmal daran messen, ob sie es leisten, dass Gebet und Predigt ermöglicht und gefördert werden.

»Gottesdiest« zur Zeit Jesu
Um der Sache noch tiefer auf den Grund zu gehen, bedarf es einer  Rückbesinnung auf biblische Sachverhalte. Das religiöse Leben zur  Zeit Jesu fand im Tempel und in den Synagogen statt. Es wäre sehr interessant, die Bedeutung des Tempels und der Synagogen für die Zeit Jesu aufzuzeigen, führte aber in diesem Rahmen zu weit. Festzuhalten ist, dass Jesu Kritik an der religiösen Praxis seiner Zeit sowohl dem Tempel, als auch der Synagoge galt und sich auf eben denselben Sachverhalt bezog, den auch später Martin Luther 1523 wieder aufgegriffen hatte: Gebet und Predigt. Nach Jesus soll der Tempel ein »Bethaus« sein, in dem Gottes Wort gelehrt wird (vgl. Lk. 19, 4647). Das Beten soll dabei im Geist und in der Wahrheit geschehen (vgl. Joh. 4,2324 und Lk. 18,914). Das Predigen war Jesu eigentliche Aufgabe, sowohl in den Synagogen (vgl. Mk .1,3839) als auch im Tempel (vgl. Mk. 14,49). Viele Predigten hielt er auch im Freien (vgl. z.B. Mk. 6,34). Inhaltlich war die Predigt keine freie Meinungsäußerung, sondern Auslegung der Heiligen Schrift (vgl. Lk. 4, 1521 und Joh. 7,1418).

Von hieraus ergibt sich das entscheidende Kriterium für den evangelischen Gottesdienst:
Aufgabe und Ziel des Gottesdienstes ist 1. Auslegung der Heiligen Schrift (Predigt) und 2. Reden des Herzens mit Gott (Gebet). Gotteswort und Menschenwort treffen im Gottesdienst aufeinander. Am Gotteswort entscheidet sich: Glaube oder Unglaube.

Um das Wesentliche des Gottesdienstes bei allen notwendig gewordenen Veränderungen auch für die Zukunft im Blick zu behalten, seien folgende vier Thesen aufgestellt:
1. Die Mitte des evangelischen Gottesdienstes ist nicht der Mensch, sondern Christus und sein gepredigtes Wort. (vgl. 2. Thess. 2,34 mit 1. Thess. 2,13).
Sollte in Gottesdiensten der Eindruck entstehen, dass die Kinder, die Konfirmanden, die Jugendlichen, die Frauen, die Jubilare, die Verstorbenen, die Täuflinge, das Brautpaar, der Pfarrer, die Musiker oder andere Personen im Mittelpunkt stehen, gerät der Gottesdienst in Gefahr, seinen Mittelpunkt zu verlieren.

2. Wer Christus und sein Wort lieb hat, verachtet weder die Bibel, noch die Predigt (vgl. Joh. 14,2324).
Alle Neuerungen, ebenso auch die alten Traditionen, sind daran zu prüfen, ob ihnen ein Hunger nach Christus und seinem Wort zugrunde liegt, oder ob sie Gottes Wort beiseite drängen wollen. Sie sollen daran gemessen werden, ob es ihr Ziel ist, die Liebe zum Wort zu fördern und zu erneuern.

3. Künstlerische Selbstdarstellung und rauschender Applaus passen nicht zum Wesen des Gottesdienstes (vgl. Gal. 1,10).
Menschliche Selbstdarstellung zieht die Aufmerksamkeit des Gottesdienstbesuchers in den eigenen Bann und fördert damit nicht das ernste Gebet. Auch Musik, die in ihrer Lautstärke jedes Stoßgebet verstummen lässt, widerstrebt dem, was Jesus über das Bethaus gesagt hat. Darstellerische Aktionen müssen demnach bewertet werden, ob sie von sich wegweisen und den Zugang zum biblischen Wort erleichtern.

4. Das Herz des Menschen ist eine Götzenfabrik (Joh. Calvin, vgl. Apg. 14,1115).
Es ist eine bleibende Aufgabe der Kirchenleitung, die Geister zu unterscheiden und nicht nachzulassen, fremde Einflüsse von den Gottesdiensten fernzuhalten. Gott allein gebührt die Ehre.

Markus Sigloch, Vaihingen/Enz

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