Rundbrief Juli 1999
 

Der Landesvorsitzende hat das Wort
Das Ärgernis des Kreuzes
Vor 60 Jahren begann der Zweite Weltkrieg
Unsere Kurzbiographie: Paul Schneider
Das alte Lied: Jeden Tag einen vollkommenen Ablaß
Krank - was nun?
Predigt am Israelsonntag




Der Landesvorsitzende
Gerhard Greiner
hat das Wort

Sehr geehrte, liebe Freunde der
Evang. Sammlung, liebe Schwestern
und Brüder,

1976 wurde ich – damals Pfarrer in Kornwestheim – in die Evang. Landessynode in Württemberg gewählt. Seither bin ich dabei und arbeite im Rechtsausschuß mit, zwei Wahlperioden als stellvertretender Vorsitzender. Es ist klar, den Vorsitz muß immer ein Jurist haben.
Zunächst habe ich mich dagegen gewehrt, ausgerechnet als Theologe im Rechtsausschuß zu arbeiten. Je länger je mehr habe ich dann gemerkt, daß Theologie und Recht viel miteinander zu tun haben. Gesetze und Ordnungen, die die Landessynode verabschiedet, müssen den Geist der frohen Botschaft ausstrahlen. Die Arbeit erfüllte mich so sehr, daß ich bis heute – jetzt 22 Jahre – im Rechtsausschuß geblieben bin.
Sie, liebe Leserinnen und Leser, dürfen heute an dieser Arbeit teilhaben. Obwohl es schwierig ist, juristische Begriffe und rechtliche Zusammenhänge so auszudrücken, daß es wir Laien verstehen, will ich es versuchen.

Das deutsche Staatskirchenrecht
Das deutsche Staatskirchenrecht regelt das Verhältnis von Staat und Kirche. Die deutsche Regelung wird schon seit langem als weltweit vorbildlich betrachtet. In keinem anderen Staat leben die beiden fast gleich großen Konfessionen – bei allen berechtigten theologischen und kirchlichen Unterschieden – so friedlich nebeneinander, wie in Deutschland. Das hängt auch mit dem Recht zusammen, in das Staat und Kirche sich einbinden ließen.
Ein doppeltes Fundament
ist die Grundlage für diese verständige Zusammenarbeit. Einmal ist es die religiös-weltanschauliche Neutralität des säkularen Staates, zum andern ist es das Grundprinzip der Religionsfreiheit. Diese beiden Fundamente tragen den komplizierten Bau des deutschen Staatskirchenrechts.

Die religiöse Neutralität des Staates
bedeutete einen Schlußstrich unter die verheerenden konfessionellen Bürgerkriege. Es mußte eine Lösung gefunden werden, die keine Seite in den religiös-begründeten Widerstand trieb.
Inhaltlich bedeutet die religiöse Neutralität, daß der Staat um des Friedens willen die religiöse Wahrheitsfrage nicht mehr stellt. Es ist nicht Sache des Staates, mit seinen Machtmitteln, dem rechten Glauben zum Siege zu verhelfen und damit die Bürger zum ewigen Heil zu führen. Freilich hat der Staat bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und bis zum Ende der Monarchien die Förderung der christlichen Religion noch lange als Staatsaufgabe gesehen. Für den Staat ist es danach und bis heute wichtig, wie seine Bürger in Frieden miteinander leben können, obwohl sie einzelnen verschiedenen Konfessionen oder Religionen angehören. Die Weimarer Verfassung von 1919 gab dieser Veränderung eine rechtliche Grundlage, die dann auch 1949 zum Bestandteil des Grundgesetzes wurde. Sinngemäß stellt das Bundesverfassungsgericht fest: Der demokratische Staat ist Heimstatt aller Bürger ohne Unterschied von Religion und Weltanschauung. Dies verbietet dem Staat, Religion und Weltanschauung zu bewerten. Die positive Seite von dieser Neutralität ist, daß sie ein freiheitssicherndes, kein freiheitsbeschränkendes Prinzip ist.

Das Grundrecht der Religionsfreiheit
steht mit dem Neutralitätsgrundsatz des Staates in einem unlösbaren Zusammenhang. Es sind die beiden Seiten einer Medaille.

Die negative Seite
dieser Religionsfreiheit ist heute nicht mehr bedeutungslos. So kann der Anblick eines Kruzifixes in der Schule das Grundrecht verletzen, freiwillige Schulgebete vor Unterrichtsbeginn das des nicht betwilligen Kindes.

Die positive Seite der Religionsfreiheit
zeigt uns das Recht, einen Glauben nicht nur zu haben, sondern ihn auch zu bekennen und im täglichen Leben zur Geltung zu bringen.
Dies gilt auch für die Gemeinschaft. Der christliche Glaube darf im Handeln der Kirche in die Gesellschaft hineinwirken.
Dies garantiert übrigens auch die Europäische Menschenrechtskonvention: die gemeinschaftliche Religionsausübung. Die Religionsfreiheit garantiert das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen.

Eine Besonderheit des Deutschen Staatskirchenrechts
besteht darin, daß die beiden großen Kirchen in den staatlichen Institutionen Raum bekommen. Dazu gehören: der freiwillige Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach im Fächerkanon der öffentlichen Schulen, die Seelsor-ge in der Bundeswehr, in Krankenhäusern und Strafanstalten. Dieses Hineinwirken der Kirche geschieht in organisatorischer Verantwortung des Staates. Theologische Wissenschaft und Ausbildung haben eine Heimstatt an den staatlichen Universitäten. Dies alles begründet nicht kirchliche Privilegien, sondern es steht im Dienst   der Religionsfreiheit. Grundrechtliche Freiheit gebietet allerdings, daß dies ohne Zwang geschieht.
Der Staat richtet den Religionsunterricht ein, macht die Seelsorge in Bundeswehr, Krankenhäusern und Strafanstalten möglich, aber die inhaltlichen Bestimmungen überläßt er den Religionsgemeinschaften. Was z.B. Militärgeistliche lehren und predigen, müssen sie nicht dem Staat gegenüber, sondern ihrer Kirche gegenüber verantworten.
So trägt der Staat theologische Fakultäten finanziell und organisatorisch, respektiert aber ihre Bekenntnisbindung und den Inhalt der Lehre.
Gemäß Artikel 137 Abs. 3 der Weimarer Verfassung (Artikel 140 Grundgesetz) ordnet und verwaltet jede Religionsgesellschaft ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Dies ist eine Besonderheit des deutschen Staatskirchenrechts. Dies unterscheidet die Kirchen als öffentlich-rechtliche Körperschaft von anderen nichtstaatlichen Organisationen wie etwa Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände und Vereine. Auf dieser Grundlage respektiert der Staat, daß die Kirchen bei der kollektiven Festlegung von Lohn und Arbeitsbedingungen eigene Wege gehen und sich dabei nicht des Instruments eines zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelten Tarifvertrags bedienen müssen. Auch kirchliche Krankenhäuser und Anstalten werden von staatlichen Gesetzen ausgenommen, wo es um die Ausprägung ihres spezifischen kirchlichen Charakters geht.
Um der Glaubwürdigkeit des kirchlichen Dienstes willen läßt der Staat auch die Kündigung von Arbeitsverhältnissen aus bestimmten Gründen zu (etwa Kirchenaustritt des Mitarbeiters, Eintreten eines Arztes für Abtreibung), die in einem »weltlichen« Arbeitsverhältnis den Arbeitgeber nicht zur Auflösung berechtigten.
Wie weit die Respektierung der kirchlichen Eigenständigkeit geht, ist im einzelnen strittig. Der Grundsatz des kirchlichen Selbstbestimmungsrechts ist jedoch verfassungsmäßig geboten. Das kirchliche Selbstbestimmungsrecht kann nur in den Grenzen des für alle geltenden Gesetzes bestehen.

Kirchensteuer, durch den Staat
eingezogen
gerät immer wieder in das Schußfeld politischer Kritik. In der Tat wird dies nicht durch die Verfassung gewährleistet. Trotzdem ist das Freiheitsprinzip nicht verletzt; denn Kirchensteuer darf nur von den Mitgliedern der jeweiligen Gemeinschaft erhoben werden. Jeder kann sich dem durch Kirchenaustritt entziehen. Deshalb ist Kirchensteuer eine freiwillige Leistung.
Daß die Kirchensteuer durch den Staat eingezogen wird, ist die finanziell und organisatorisch einfachste Methode. Nach dem Kirchensteuerrecht müßte der Staat den Kirchen sogenannte Steuerlisten zur Verfügung stellen; denn der Staat ist zur Kirchensteuererhebung verpflichtet. Aus den Steuerlisten entnimmt die Kirche Einkommen und Lohn des betreffenden Kirchenmitglieds. Die Höhe der Kirchensteuer beträgt 8% der Einkommens- und Lohnsteuer. Müßte der Staat solche Steuerlisten erstellen, wäre das ein gewaltiger Verwaltungsaufwand. Über das Computerwesen ist alles sehr einfach. Für den Staat ist die Kirchensteuer ein »Durchlaufposten«. Der geringe staatliche Aufwand wird von den Kirchen mit meist 3% des Kirchensteueraufkommens überproportional vergütet. Für den Staat ist die Kirchensteuer also lukrativ. Aber im Zeitalter des Computers ist auch die Leistung der Arbeitgeber, die die Hauptarbeit beim Einzug der Kirchensteuer leisten, gering. Zusammenfassend kann festgestellt werden: Kirchensteuer und deren Einzug ist ein effizientes, geringe Verwaltungskosten verursachendes System, das sich seit einem Jahrhundert bewährt hat.

Finanzielle Leistungspflichten
des Staates
stehen unter Verfassungsgarantie, wenn sie bei Inkrafttreten der Weimarer Verfassung 1919 begründet waren. Dazu gehören Baulasten und Zuschüsse zur Pfarrbesoldung, die die Länder im Gefolge umfangreicher Säkularisationen von Kirchengut in der deutschen Geschichte übernommen hatten. Der Staat hat vor fast 200 Jahren (1806) Kirchengüter kassiert und dafür die Pfarrbesoldung übernommen. Solche Pflichten können vom Staat nicht einseitig aufgekündigt werden. Dies ist nur möglich durch eine Ablösung, durch Einmalzahlungen oder sonst im Einvernehmen mit der jeweils begünstigten Kirche.
Nicht durch die Verfassung gesichert sind dagegen solche Staatsleistungen an die Kirche, die erst nach 1919 begründet wurden.
Verständige Kooperation ist generell der Grundsatz, auf den das deutsche Staatskirchenrecht angelegt ist. Staat und Kirche stehen sich nicht in Gegnerschaft oder in distanziertem Mißstrauen gegenüber, sondern sie wissen sich gemeinsam verantwortlich für die Gesellschaft der Bürger. Das deutsche Staatskirchenrecht ist deshalb keine Kampfordnung, sondern eine Ordnung des Ausgleichs und der gemeinsamen Verantwortung.
Auch wenn der öffentliche Einfluß der Kirchen auf die Gesellschaft im Schwinden ist, sollte der Grundsatz der Zusammenarbeit von Staat und Kirche nicht leichtfertig infrage gestellt werden.

Liebe Schwestern und Brüder, für die bevorstehende Ferienzeit wünsche ich allen Urlaubern und denen, die zu Hause ein wenig ausspannen können, eine erholsame und gesegnete Zeit. Ich hoffe, daß wir uns alle gesund wiedersehen bei der Landesversammlung am Sonntag, 12. September um 15 Uhr in Denkendorf.

Bis dahin grüße ich Sie alle herzlich.

Gott befohlen

Ihr Gerhard Greiner

zur Startseite...          zum Seitenanfang




 

»Das Ärgernis des Kreuzes«
Lesen Sie die Vorträge vor der Landessynode selbst!

Es handelt sich um zwei Dokumente. Um die Dokumentation der Klausurtagung der 12. Landessynode vom 8.–12. Oktober 1998 unter dem Titel »Das Ärgernis des Kreuzes. Leben, Tod und Auferstehung Jesu und ihre Bedeutung für unseren Glauben heute«. Leider fehlen in dieser Ausgabe aus unerfindlichen Gründen die Anmerkungen zum Vortrag von Professor Dr. Otfried Hofius, Tübingen. Deshalb ist es unerläßlich, als zweites Dokument die Sonderausgabe des Referats von O. Hofius mit vollständigem Anmerkungsteil anzufordern. Die wichtige Auseinandersetzung mit den Thesen von Pfarrer Jörg-Dieter Reuß, Blaubeuren führt     O. Hofius im wesentlichen in seinen Anmerkungen. Beide Dokumente sind gratis zu bekommen vom Amt für Information, Augustenstraße 124, 70197 Stuttgart.
Wir weisen ausdrücklich auf die beiden Dokumente hin. Jeder, der sich über die Sondertagung unserer Landessynode zum Ärgernis des Kreuzes Jesu ein Bild machen will, greife zu diesen beiden Texten und studiere sie immer wieder. Sie lassen einiges von den großen Spannungen erkennen, die innerhalb unserer Kirche bestehen. Sie zeigen die unausgeglichenen Positionen in einer zentralen Frage unseres Glaubens und werfen die Frage auf, ob und wie sie auszugleichen sind.
Es kann nicht der Sinn dieses Hinweises sein, Lese-Ergebnisse vorwegzunehmen. Nur so viel sei zum Inhaltlichen gesagt: Man achte beim Lesen auf die Art des Umgangs mit der Heiligen Schrift. Wie berufen sich die drei Hauptreferate von Professor Dr. Michael Welker, Professor Dr. Otfried Hofius und Frau Dr. Elisabeth Moltmann-Wendel auf die Grundurkunde unseres Glaubens? Wird ruhig hingehört? Kommt die persönliche, subjektive Befindlichkeit ins Spiel, und wenn ja, wo und wie? Wo begegnet Texttreue und sorgfältige, philosophisch-historische Auslegung, wo bemerken Sie Willkür und wuchernde Phantasie? Wird die Damaligkeit der Zeugnisse ernst genommen? Wo wird sie möglicherweise überspielt im Sinn einer völligen Vermenschlichung Jesu? Diese Fragen wollen darauf vorbereiten, daß die tiefen Gräben, die sich hier auftun, im auseinanderklaffenden Verständnis der neutestamentlichen Zeugnisse liegt.
Aber lesen sie selbst. Hier bedarf es aller Aufmerksamkeit und des herzlichen Gebets um die Gabe der Unterscheidung der Geister. Mit diesen beiden Dokumenten halten Sie einen Schlüssel zum Verständnis der innerkirchlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart in der Hand.

Rolf Walker
 

zur Startseite...          zum Seitenanfang
 




 

Zum 1. September 1999:
Vor 60 Jahren begann der
Zweite Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg gilt als der größte Land-, Luft- und Seekrieg der Geschichte. Seine ersten Schüsse fielen am 1. September 1939, früh um 4.45 Uhr, als das deutsche Linienschiff »Schleswig-Holstein« auf die polnische Exklave Westerplatte feuerte. Die Waffen schwiegen erst wieder im Jahre 1945: am 8. Mai kapitulierte Deutschland bedingungslos, am 2. September Japan. Der Krieg forderte schätzungsweise 55 Millionen Tote, 35 Millionen Verwundete, weitere 3 Millionen Menschen gelten als vermißt.
Für den Zweiten Weltkrieg in Europa trägt Adolf Hitler die geschichtliche Verantwortung. Er entfesselte ihn gegen den Widerstand der Generäle und ohne die Zustimmung des Volkes. Zur Vorgeschichte seines Krieges gehört freilich auch, daß am Ende des Ersten Weltkrieges keine ähnlich weitsichtige Regelung erreicht wurde wie nach den Napoleonischen Kriegen rund hundert Jahre zuvor. Der viel geschmähte Wiener Kongreß hatte immerhin ein Vertragswerk zustande gebracht, das Europa 50 Jahre den Frieden sicherte. Das Friedensdiktat von Versailles mit seinen schikanösen Bestimmungen (Kriegsschuldlüge, willkürliche Grenzziehungen und Gebietsabtretungen, ausufernde Reparationen) brachte schwere Demütigungen, die sich später fortsetzten (Rheinlandbesetzung, Verbot des Anschlusses von Deutsch-Österreich, Mißachtung des Selbstbestimmungsrechts für Deutsche). Der Aufstieg Hitlers ab den späten 20er Jahren und seine Machtergreifung sind ohne sie wohl nicht zu denken.
Der von Hitler verbrecherisch begonnene Krieg hat die Welt nachhaltig verändert und – von den USA abgesehen – nur Verlierer hinterlassen. Europa hat seine einst beherrschende Rolle im weltpolitischen Kräftespiel endgültig eingebüßt; am schlimmsten hat der Krieg aber Deutschland verändert: Es verlor im Osten mit 110.000 km2 ein Viertel seiner Fläche und es ist dort heute auf die Grenzen etwa des Jahres 1000 zurück geworfen. das oft gebrauchte Hitler-Wort vom »Tausendjährigen Reich« ist so auf makabre Weise wahr geworden. Durch den Krieg sind alle deutschen Neustämme wie Preußen, Pommern und Schlesien untergegangen. Rund 12 Millionen Menschen wurden unter mörderischen Begleitumständen vertrieben: dabei sind zwischen zwei und drei Millionen von ihnen umgekommen. Der durch die Vertreibung verursachte vielfältige Verlust an Kultur und Geschichte ist bis heute auch nicht annähernd verstanden worden. Das Geschichtsbild gerade der jüngeren Generation ist meist reduziert auf Einzelbilder von KZ und Judenermordung.
Zu den Verlierern des Krieges gehört auch die Evangelische Kirche. Gerade evangelische Bereiche – die ostdeutschen Gebiete Preußen, Pommern, Schlesien, die baltischen Staaten Lettland und Estland oder in jüngster Zeit Siebenbürgen – haben durch Gewaltmaßnahmen ihre durch Jahrhunderte bewahrte konfessionelle Identität ganz oder teilweise verloren. Die Kernlande der Reformation lagen in der atheistischen DDR: sie haben dort viel von ihrer Substanz eingebüßt. Der Evangelischen Kirche ist es auch nach der Wiedervereinigung nicht gelungen, ihre frühere Bedeutung wieder zu gewinnen.
Hitler hat es schamlos verstanden, Idealismus, Tapferkeit und Opferbereitschaft für sich auszunutzen. Im Schutz des Krieges und seiner Geheimhaltungsmaßnahmen konnte er die von ihm lange geplante Ermordung der Juden verwirklichen: in seinem Machtbereich sind zwischen 1941 und 1945 zwischen 4,194 und 4,851 Millionen Juden ermordet worden. Auch  deshalb ist der Zweite Weltkrieg für Deutschland zu einer Jahrtausend-Katastrophe geworden, die ihre schweren Schatten noch lange werfen wird.

Hans-Dieter Frauer
 

zur Startseite...          zum Seitenanfang



Unsere Kurzbiographie
Paul Schneider,
der Prediger von Buchenwald

Am 18. Juli jährt sich zum sechzigsten Male der Todestag Paul Schneiders. Unter den Blutzeugen christlicher Kirchen im Dritten Reich nimmt Paul Schneider (geboren 1897) einen herausragenden Platz ein. Seine kompromißlose Haltung, sein unerschrockenes Bekenntnis zu Jesu, sein klares Wort hat Freund und Feind aufhorchen lassen.

Weihnachtsfeier im Gefangenenlager
In überraschender Weise ist mir das bei einer Begegnung in der russischen Kriegsgefangenschaft aufgegangen. Das war in der Vorweihnachtszeit 1944. Wir Gefangenen sahen schweren Herzens dem nahen Fest entgegen. Ließe sich nicht ein Heilig-Abend-Gottesdienst organisieren? Ich faßte mir ein Herz und bat in der Lagerleitung um ein Gespräch mit dem Lagerleiter, einem kommissarisch eingesetzten deutschen Altkommunisten. Der Antrag hatte Erfolg. Zwar hatte ich zunächst ein mulmiges Gefühl. Ein Gottesdienst im Feindesland? Doch das Gespräch verlief anders, als ich fürchtete. Der zuständige Mann gab sein Jawort zu dem Plan ohne »Wenn und Aber« und legte Ort und Zeit mit mir fest. Dann erzählte er, daß er als Altkommunist viele Jahre Haft in deutschen Konzentrationslagern erlitten habe. Unvergessen sei ihm von Buchenwald her die Gestalt des Pastors Paul Schneider. Der Mann hätte bei den Zählappellen immer wieder mutig Bibelworte den Häftlingen zugerufen. Man hätte dann den armen Kerl mit Schlägen blutig mißhandelt.
Vermutlich hatten wir es diesem unvergessenen Bekenntnis Schneiders zu verdanken, daß der Lagerleiter seine Zustimmung zu einem Weihnachtsgottesdienst gab und dafür einladen ließ. Das Bekenntnis des Predigers von Buchenwald mag sich also bis in das Gefangenenlager an der Beresina ausgewirkt haben.

Pfarrer in Hochelheim
Nach dem Studium der Theologie in Gießen, Marburg und Tübingen wurde Paul Schneider 1926 Pfarrer in Hochelheim. Die Gemeinde hatte ihn als Nachfolger seines Vaters gewählt und Schneider widmete sich voll und ganz der seelsorgerlichen Aufgabe. Schneider, der den »Deutschen Gruß« verweigerte und in der Gemeinde um die rechte Kirchenzucht rang, wurde bald aus politischen Gründen 200 Kilometer weg nach Dickenschied versetzt.
Der Sturm Horst Wessels
Im Mai 1934 trat Paul Schneider sein neues Pfarramt in Dickenschied an. Schon bald sollte es zum Zusammenstoß mit der Partei und dem NS-Staat kommen. Bei einer kirchlichen Beerdigung eines Partei-Anhängers, die mit großem politischen Pomp über die Bühne ging, sprach auch der allgewaltige NS-Kreisleiter. Paul Schneider selbst berichtet so: »Unter den letzten Nachrufen war der des Kreisleiters. Er versetzte den Verstorbenen frisch-fröhlich in den himmlischen Sturm Wessels. Ich hatte den Segen noch nicht gesprochen, und es war mir klar, daß ich nicht einfach in den Horst-Wesselsturm einsegnen könne. »Ich weiß nicht, ob es in der Ewigkeit einen Sturm Horst Wessels gibt, aber Gott, der Herr, segne deinen Ausgang aus der Zeit und deinen Eingang in die Ewigkeit...« Das ging dem Herrn Kreisleiter gegen die Ehre, und er trat noch einmal vor und stellte es als gewisseste Behauptung auf: »Kamerad, du bist tatsächlich in den Sturm Horst Wessels eingegangen!« Darauf ich: »Ich protestiere! Dies ist eine kirchliche Feier. Und ich bin als Pfarrer für die reine Lehre der Heiligen Schrift verantwortlich.«
Damit begann ein erschütternder Leidensweg, ein Weg, der mit seinem Tod am 18. Juli 1939 in Buchenwald endete.
Die Trauerfeier auf dem Friedhof in Dickenschied wurde zur Stunde der Gemeinschaft der ganzen Bekennenden Kirche. Beim Verlassen des Friedhofs äußerste ein Beamter gegenüber dem Vertreter der vorläufigen Leitung der Evang. Kirche: »So werden Könige begraben«. »Kaum«, antwortete dieser, »aber hier wurde ein Blutzeuge Jesu Christi zu Grabe getragen!«

Hans Reusch, Nürtingen
 

zur Startseite...          zum Seitenanfang




Das alte Lied:
Jeden Tag einen vollkommenen Ablaß

Zur päpstlichen Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums des Jahres 2000 »Incarnationis mysterium«, veröffentlicht in: Kirchliches Amtsblatt für die Diözese Rottenburg-Stuttgart, Nr. 2 Band 45, 13. Januar 1999, S. 5–13.

Ablaß im Jubeljahr 2000
In dieser Bulle kann man nachlesen, mit welchem Eifer und auf welch vielfältige Weise die katholische Kirche das Jubeljahr 2000 in Rom, im Heiligen Land und in allen ihren über die Welt verstreuten Teilkirchen zu feiern gedenkt. Zu den Zeichen, die nach päpstlicher Auffassung im Jubeljahr den Glauben des christlichen Volkes bezeugen und eine Hilfe für seine Frömmigkeit sind, gehört neben anderem als »besonderes Zeichen« der Ablaß (S. 8.9). An die Bulle schließen sich die von Rom ausgegebenen »Anweisungen für die Erlangung des Jubiläumsablasses« an (S. 12.13). Vollkommenen Ablaß (nur einmal am Tag) erwerben die Gläubigen in Rom, im Heiligen Land oder in der Bischofskathedrale durch sakramentale Beichte, die Teilnahme an der Eucharistie, andächtige Betrachtung, Vaterunsergebet, Glaubensbekenntnis, Anrufung der seligen Jungfrau Maria; ebenso an jedem Ort durch diese üblichen geistlichen und sakramentalen Bedingungen und die Besuche bei Kranken und Behinderten usw., durch Konsumverzicht, angemessene Geldsummen für Arme, einen ansehnlichen Beitrag zu religiösen oder sozialen Werken, Opfer an Zeit für die Gemeinschaft oder ähnliche Formen persönlichen Opfers.

Ablaß als Vergebung der Sünden
Es sind zunächst große Dinge, die der Ablaß verheißt (S. 8): »In ihm (!) offenbart sich die Fülle des Erbarmens des Vaters, der mit seiner Liebe, die zuallererst in der Vergebung der Schuld zum Ausdruck kommt, allen entgegenkommt.« Die Kirche spendet diese Vergebung (S. 8): »Die Kirche, gestützt auf die ihr von Christus verliehene Vollmacht, in seinem Namen Schuld zu vergeben..., stellt in der Welt die lebendige Gegenwart der Liebe Gottes dar, der sich über jede menschliche Schwäche niederbeugt, um sie aufzunehmen in die Umarmung seines Erbarmens. Ja, durch den Dienst seiner Kirche breitet Gott in der Welt seine Barmherzigkeit aus durch jene kostbare Gabe, die mit dem uralten     Namen »Ablaß« bezeichnet ist.« Der Ablaß ist so ein feierliches Instrument der Heilsvermittlung, der sonst eine Sache der Meßfeier ist (S. 8): »Üblicherweise gewährt Gott Vater seine Vergebung durch das Sakrament der Buße und Versöhnung.« Der Ablaß hat nicht weniger als sakramentalen Rang! Kein Wunder; denn er ist es (S. 8), »durch den das »Vollgeschenk des göttlichen Erbarmens« zum Ausdruck gebracht wird.« Und das in tiefer Übereinstimmung mit der kirchlichen Tradition; denn schon im Blick auf das erste Jubeljahr in der Geschichte anno 1300 heißt es von dem damaligen Papst Bonifatius VIII (S. 7): »Indem er auf eine uralte Überlieferung zurückgriff, wonach allen, die die Petersbasilika in der Ewigen Stadt besuchten, »reiche Nachlässe und Ablässe der Sünden« gespendet wurden, gewährte er aus jenem Anlaß »nicht nur volle und reichliche, sondern sogar vollste Vergebung aller Sünden.« Sogar vollste!

Ablaß für die Toten
Dieser totale Ablaß dient nicht nur zur Heilsvermittlung für die Lebenden, er reicht auch in den Bereich der Toten hinein. Er gehört ja in die Wirklichkeit der »Stellvertreterschaft« in der Kirche, wo die Gläubigen vom »Schatz der Kirche« profitieren (S. 9), »der aus den guten Werken der Heiligen besteht« und wo ein Austausch spiritueller Gaben stattfindet. Dort gilt (S. 9): »Die heilsame Sorge um das eigene Seelenheil wird erst dann von Furcht und Egoismus befreit, wenn sie zur Sorge auch um das Heil des anderen wird.« Dem entspricht, daß auch           die Toten aus dieser Sorge um das      Heil des anderen Nutzen ziehen (S. 9): »Die Wahrheit von der Gemeinschaft der Heiligen, welche die Gläubigen mit Christus und untereinander verbindet, sagt uns außerdem, wie sehr ein         jeder den anderen – Lebenden wie Verstorbenen – dabei helfen kann, immer inniger mit dem Vater im Himmel verbunden zu sein.« Durch den Ablaß, den der Gläubige »täglich empfangen oder zuwenden« (!) kann  (S. 12), sind also auch die Toten Empfänger der kirchlichen Gemeinschaft und Stellvertreterschaft, und die Lebenden können ihren jenseitigen Zustand verbessern. Es bleibt nicht beim Gedächtnis der Toten und beim Gebet für sie (an den allein entscheidenden Herrn und Richter). Durch den heilskräftigen Ablaß betreiben die Lebenden aktive und positive Totenhilfe.

Große Worte, begrenzte Bedeutung
Bei den Wortungetümen, die in der Bulle für den Ablaß verwendet werden, fragt man sich halb amüsiert, halb erschrocken, warum wohl »Vergebung« nicht genügt, wenn sie bringt, was sie sagt. Was wird aus Vergebung angesichts »reichlicher« und »vollster« Vergebung? Wird Vergebung allein hier nicht zu »einfacher« und »bloßer« Vergebung herabgesetzt? Weisen die Adjektive nicht auf ein fatales, abstufendes Verständnis von Vergebung hin, ähnlich wie die gänzliche oder vollste Wahrheit die (schlichte) Wahrheit nur als ungenügend und korrumpiert abtun kann? Kann der Mensch mehr und Schöneres empfangen als Vergebung? Offenbar setzt die römische Ablaßtheorie einen minimalen, steigerungsbedürftigen Begriff von Vergebung und Gnade voraus. Deine Sprache verrät dich.
Die bemühten Adjektive helfen dem Ablaß nicht viel. So »superlativst« seine Eigenschaften sind, so kläglich und eingeschränkt sind bei genauem Hinsehen seine Kraft und Reichweite. Denn zur Vergebung gehört nach Meinung der Bulle (S. 8) »als notwendige Folge eine tatsächliche Lebensänderung.« »Der sakramentale Akt sollte mit einer existentiellen Handlung, mit einer tatsächlichen Reinigung von der Schuld, die eben Buße genannt wird, einhergehen.« »Die eingetretene Versöhnung mit Gott schließt nämlich nicht aus, daß gewisse Folgen der Sünde zurückgeblieben sind, von denen man geläutert werden muß.« Und hier greift nun (erst) der Ablaß; denn es heißt (S. 8): »Gerade in diesem Bereich (!) gewinnt der Ablaß, durch den das »Vollgeschenk des göttlichen Erbarmens« zum Ausdruck gebracht wird, an Bedeutung. Mit dem Ablaß wird dem reuigen Sünder die zeitliche Strafe für Sünden erlassen, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind.« Weiter reicht offenbar die »vollste Vergebung« durch den Ablaß nicht, obwohl sich in ihm die »Fülle des Erbarmens« offenbart. Was für eine dezimierte Fülle muß das sein! Aber der Ablaß greift nun einmal so kurz. Denn es ist zu unterscheiden zwischen ewiger Sündenstrafe oder dem Ausschluß von der Teilhabe am ewigen Leben und zeitlicher Sündenstrafe, auf die sich der Ablaß bezieht. Die ewige Sündenstrafe ist durch die Vergebung getilgt, liest man Seite 8, Absatz 10, aber nun muß noch Läuterung erfolgen (S. 8.9) »von dem, was man »zeitliche Sündenstrafe« nennt, eine Sühne,  durch die getilgt wird, was der vollen Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern im Wege steht.« Eine Läuterung und Sühne, die das Ablaßgeschenk leistet, das der reuige Sünder mit den einschlägigen Wallfahrten, Gottesdienstübungen, Zeit- und Geldaufwendungen, jeweils einen vollkommenen Ablaß pro Tag! »erwirbt«. Diese Gnade hält nicht mehr als 24 Stunden.

Schuldlose Strafe?
Man greift sich an den Kopf und überlegt, was wohl »Strafe ohne Schuld« ist? »Zeitliche Strafe für Sünden..., die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind«. Wo gibt es das: »reine« Strafen für Sünden ohne Schuldumstände und Schuldcharakter, die aber doch noch so viel Negatives an sich tragen müssen, daß noch eine extra Sühne und Läuterung erfolgen muß? Welcher Rest     ist denn da geblieben, der nun noch besonders »begnadet« werden muß? Welche Hürde, die der vollen Gemeinschaft mit Gott und den Geschwistern im Weg steht? Die Vergebung, die das Ewige besorgte, wirkte nur teilweise. Sie konnte die Gemeinschaft mit Gott nicht wiederherstellen, jedenfalls die »volle« (!) Gemeinschaft nicht. Es braucht noch eine weitere »vollste Vergebung«, die den zeitlichen Rest erledigt. Was muß das für eine inkompetente, ja perverse Vergebung sein, die nur die »Ewigkeit« der Schuld abtut, jedoch die zeitliche Sündenstrafe zur weiteren Erledigung offenläßt. Diese leistet nun der Ablaß, der als großes Geschenk gepriesen wird (S. 12: die Gläubigen können »in den reichlichen Genuß des Ablaßgeschenkes« gelangen), als die »kostbare Gabe« (S. 8), die man freilich trotz ihres Geschenkcharakters per Wallfahrt und fromme oder soziale Übungen allen Ernstes »erwerben« muß. Sind Geschenke keine Geschenke mehr? Die Konditionen für den Erwerb werden alsbald mitgeliefert. So ist es offenkundig: nicht die Vergebung (oder besser der Gott der Gnade) schafft hier als kreative, glühende Macht die Werke, sondern ohne die »vorgeschriebenen Werke« (S. 12) kommt man nicht in den Genuß der Ablaßgnade. Die Taten der Buße vermitteln die läuternde Vergebung, um die es hier geht, wo doch Gottes grundloses Erbarmen den Sünder voraussetzungslos und ohne alle Vorbedingungen angeht und sich ihm schenkt, um alles bei ihm neu zu machen und sein ganzes Leben in den Gehorsam zu ziehen. Die Vergebung, die den Menschen zu einem Ergriffenen und Liebenden machen will, gerät in »Incarnationis mysterium« zur billigen Gnade, die mit einigen Bußübungen zu »erlangen« ist – mehr berührt, überwältigt und beansprucht sie nicht? Nicht das Herz und alles, was der Mensch ist und hat? Nicht ihn selbst und ihn ganz?

Der Ablaß und die Rechtfertigungslehre
Leider bedeutet die Bulle »Incarnationis mysterium« so keine Förderung der oekumenischen Gemeinsamkeit zwischen evangelischen und römisch-katholischen Christen. Sie läßt vielmehr die evangelische Seite erkennen, wie groß und notwendig die Erkenntnis der Reformationszeit über Gottes Vergebung war und wie wenig die römischen Theologen bisher dazugelernt haben. Sie sollten besser auf ihre Sprache, auf gedankliche Sauberkeit und biblisches Niveau der Begriffe achten. Mit einer Diktion und geistigen »Verunklarung«, wie sie »Incarnationis mysterium« widerspiegelt, bleibt die katholische Kirche weit hinter ihrem in der Bulle ausgesprochenen Anspruch zurück (S. 6), »Sauerteig und Seele der in Christus zu erneuernden... menschlichen Gesellschaft« zu sein. Bei dieser Sachlage der römischen Ablaßlehre wird man nicht traurig sein, daß es nach dem ersten Anlauf zu keiner Gemeinsamen Erklärung in Sachen Rechtfertigungslehre zwischen dem Vatikan und dem Lutherischen Weltbund gekommen ist. Wo die Gemeinsame Erklärung dennoch von Lutheranern weiterverfolgt und unterschrieben werden sollte, kann man nur auf diese Bulle verweisen. Sie gibt etwas Nachhilfeunterricht. In ihr kann jeder, der Augen hat zu sehen, die römische Rechtfertigungslehre dort studieren, wo sie kirchlich greift und wo sie allein relevant ist, nämlich in der lehrhaften Entfaltung ihres praktischen Vollzugs. Und da regiert die krasse Nichtgemeinschaft.

Rolf Walker
 

zur Startseite...          zum Seitenanfang



Krank – was nun?

Ich war gerade beim Waschen im Bad, da überfiel mich ein rasender Schmerz in der Schulter. Er kam unangemeldet und unbestellt. Er war da. Wahrscheinlich hatte ich einen Nerv eingeklemmt.
Was nun? Was tun? Ins Gebet flüchten? Zum Arzt gehen? Ich bete und fahre zum Arzt. Er verpaßt mir eine Spritze und ordnet Massage an. Dann fahre ich heim und warte auf Besserung, auf Linderung der Schmerzen. Doch es regt sich nichts. Immer wieder fahre ich zum Arzt. Täglich bete ich um Heilung. Aber die Schmerzen bleiben. Sie rauben mir den Schlaf. Ich kann nicht liegen und auch das Sitzen ist nicht möglich. Körperliche Arbeit kann ich nicht mehr tun. Auch geistige Arbeit gelingt nicht. Je länger der Schmerz anhält, desto mehr stellen sich Fragen ein. Muß das sein? Bin ich schlechter als andere Menschen? Warum straft mich Gott? Was habe ich falsch gemacht? Ich wollte doch nur Gott dienen an seinen schwachen Brüdern und Schwestern. Ist das nun der Lohn für meinen Einsatz?
Schweigt Gott?
Aber Gott scheint zu schweigen. Er ändert meine Lage nicht. Hat Beten noch einen Wert? Die Anfechtungen sind täglich da. Ich merke, daß nur Betroffene mich verstehen können. Nur wer Hiob geworden ist, kann Hiob verstehen. Die Besserwisser sind leidige Tröster. Doch ich lerne den Unterschied zu erkennen zwischen heidnischem Dulden und geduldigem Annehmen im Vertrauen auf Gott, daß er keinen Fehler macht. Ich lerne von Tag zu Tag mit meinen Nervenschmerzen umzugehen. Sie dürfen mich nicht länger bestimmen und lahmlegen. Ich lerne Ja sagen, obwohl ich auf meine Fragen keine Antworten bekommen habe und obwohl die Schmerzen nicht nachlassen. Die Arztbesuche und die Behandlungen dort werden zur Gewohnheit. Mein Vertrauen zu meinem Gott aber nimmt zu. Ich lerne die Liederdichter Philipp Friedrich Hiller und Paul Gerhard verstehen. »Es jammre, wer nicht glaubt. Ich will mich stillen. Es fällt kein Haar von meinem Haupt ohn’ Gottes Willen«. Und: »Wird’s aber sich befinden, daß du ihm treu verbleibst, so wird er dich entbinden, da du’s am mindesten gläubst. Er wird dein Herz entladen von der so schweren Last die du zu keinem Schaden bisher getragen hast«. Die Liederdichter hatten ja selber Erfahrungen mit Leiden, Schmerzen und Anfechtungen gesammelt.

Vorbild Jesus
Die Zeit vergeht. Ich bin am Lernen. Gott gibt mir Einsichten. Ich nehme meine Arbeit wieder auf. Die Schmerzen bestimmen meinen Alltag nicht mehr. Ich bin auf fremde Hilfe angewiesen wie die Behinderten, Alten und Kranken. Ich bekomme Antworten, warum Gott diese Nervenschmerzen zuläßt. Barmherzigkeit lernt man mit dem Herzen und in der Praxis. Den Nächsten mit seinen Schmerzen und seiner Behinderung kann ich auf einmal besser verstehen als in der Zeit, da ich gesund war und ohne Schmerzen. Meine Nervenentzündung bekommt je länger je mehr einen Sinn. In der Praxis des Leidens und der Schmerzen sammle ich Erfahrungen mit den Betroffenen zusammen und für Betroffene, die mir begegnen. Ich kann Paulus verstehen, wenn er sagt: »Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark, durch Christus«. Und dann sehe ich meinen Heiland in seinen Leiden und Schmerzen. Er kennt alle Schmerzen und Leiden der Menschen. Darum ist er ein mitleidender Hohepriester. Jesu Leben wird mir zum Trost. Brüder und Schwestern, Glieder am Leib Christi, gehen ihren Leidensweg. Das Haupt ist Vorbild und spricht: »Komm und folge mir nach«. Er ist der erste Diakon, der Diener seiner Gemeinde.
Die leidigen Tröster Hiobs vergesse ich. Sie wissen gar nichts. Sie gebärden sich als Alleswisser und sind doch blind und taub für Gottes Führungen. Der Herr allein wußte, warum Hiob leiden mußte. Hiob hat es erst in der unsichtbaren Welt gesehen. Darum wollen wir geduldig und getrost an Jesus bleiben, ja, in ihm wie die Rebe am Weinstock. Er bringt einmal alles Dunkel ins Licht. Darum beten wir ihn heute schon an.

Und ganz langsam sind meine Nervenschmerzen verschwunden. Ich habe diesesmal meine »Lektion« gelernt. Gott sei Dank, ER hat für mich gebetet, daß mein Glaube nicht aufhörte.

Ernst Fuhr, Reutlingen
 

zur Startseite...          zum Seitenanfang



Predigt am Israelsonntag

Zur »Judenmission« hat die Evangelische Sammlung in der letzten Zeit immer wieder Stellung genommen und Mitteilungen gemacht (vgl. die Jahresgabe 1996 mit dem Beitrag von Hartmut Renz oder die Rundbriefe von März und Juni 1997 und Juli 1998). Unsere Landessynode wird sich im nächsten Frühjahr noch ausführlich mit diesem Thema beschäftigen. Die hier abgedruckte Predigt von Pfarrer Werner Schmückle ist ein weiterer Beitrag zu dieser wichtigen Frage, an der es sich entscheidet, ob die Kirche Jesu eine Gemeinde aus Juden und Heiden bleibt oder ob sie auf ihre heidenchristlichen Elemente eingeschränkt wird.
Rolf Walker

Predigt über Römer 11,25–32
am Israelsonntag, gehalten am 16. August 1998
in der Stiftskirche in Stuttgart
Liebe Gemeinde!
Jakob, der Vater des Volkes Israel, hat mit Gott gerungen, und er ist aus jener Nacht als Gesegneter hervorgegangen, »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«, hat er Gott entgegengerufen. Auch die Kapitel 9 bis 11 des Römerbriefs sind das Zeugnis eines Ringens mit Gott. Und in den Versen unseres Predigttextes ist gewissermaßen der Segen formuliert, den der Apostel Paulus aus diesem Ringen empfängt.
Aber der Reihe nach: Paulus ringt mit Gott. Es geht in diesem Ringen nicht um einen persönlichen Segen, es geht um das Schicksal seines eigenen Volkes Israel.
Was geschieht mit Israel, was geschieht mit Gottes Erstgeborenem, der sich dem Evangelium von Jesus Christus in seiner großen Mehrheit verschlossen hat? Hat Gott deshalb sein Volk verstoßen? Hat er ihm seine Erwählung aufgekündigt? Große Traurigkeit und Schmerzen bereitet Paulus diese Möglichkeit. er würde gerne sein Leben dafür geben, daß dies nicht so wäre. »Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder« hält er Gott entgegen. Und wir müssen uns an diesem Sonntag fragen lassen: Ist diese Frage nach dem Schicksal Israels unter uns lebendig? Leiden wir darunter, daß Israel seinen Messias nicht erkannt hat? Walter Lüthi, der begnadete Schweizer Bibelausleger, hat in einer Predigt gesagt: »Sooft wir zum Gottesdienst zusammenkommen, zu einer Taufe uns anschicken, sooft wir zum Tisch des Herrn treten – immer steht unter uns gleichsam der leere Stuhl, der Stuhl des abwesenden Bruders aus Israel. Und daß der Stuhl leer ist, soll uns ein Schmerz sein. Die Freude im Hause des Vaters über die Rückkehr des verlorenen Sohnes bleibt gedämpft, solange der ältere Bruder draußen verharrt. So liegt auf allen unseren christlichen Gottesdiensten jetzt noch ein Dämpfer.«
Können wir das so mitsprechen und mitempfinden? Für Paulus bleibt es nicht beim Schmerz wegen dieser ablehnenden Haltung seines Volkes. Er bekommt in seinem Ringen um das Schicksal seines Volkes Antwort von Gott.
Paulus bezeichnet diese Antwort Gottes als ein Geheimnis. Nicht, weil diese Antwort verborgen bleiben sollte oder nur für besonders Eingeweihte bestimmt sein sollte, sondern weil sie erst am Ende der Zeiten für alle sichtbar werden wird. »In der Bibel sind Geheimnisse nie Denkgeheimnisse, sondern endzeitliche Geheimnisse« – schreibt ein Ausleger. Solch ein endzeitliches Geheimnis bekommt der Apostel Paulus in seinem Ringen mit Gott aufgeschlossen und darf es uns als ein prophetisches Wort weitersagen. Drei Fragen im Blick auf das Schicksal Israels bekommen dadurch ihre Antwort. Die erste Frage lautet:

1. Wie steht es um Israels Erwählung?
Hat Gott sein Volk verstoßen? fragt Paulus. Hat Gott ihm seinen Bund gekündigt? Ist an die Stelle Israels die Kirche getreten, so wie das die christliche Theologie jahrhundertelang behauptet hat? Mitnichten! Im Blick auf die Erwählung sind und bleiben sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. (V. 28–29)
Nein, Gottes Bund mit Israel ist nicht gekündigt. Jener jüdische Lehrer hat recht: »Selbst eine eiserne Scheidewand kann keine Trennung bewirken zwischen Israel und seinem Vater im Himmel.« Allerdings: Das liegt nicht an diesem Volk, es hat keine Vorzüge vor den anderen Völkern. Israel hat es von Anfang an zu hören bekommen: Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret (man könnte auch hinzufügen: weil ihr besser oder gehorsamer wäret) als alle Völker, sondern weil er euch geliebt hat (5. Mose 7,7f.). Auf irrationale, unerklärliche Weise geliebt – das ist der Grund der Erwählung. An Gott liegt es also, an seiner unwandelbaren Treue zu den Verheißungen, die er den Vätern Israels, die er Abraham, Isaak und Jakob gegeben hat. Und an seinem Erbarmen, das über dem Weg seines Volkes steht. Wie könnte ich dich preisgeben und ausliefern? heißt es beim Propheten Hosea. Mein Herz ist anderen Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt. (Hos. 11,8). Das hebräische Wort für Barmherzigkeit oder Erbarmen ist eng verwandt mit dem Wort für den Mutterschoß. Im Mutterschoß hat das Gefühl des Erbarmens seinen Ursprung. es ist die unwandelbare Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Diese mütterliche Empfindung hat Gott für sein Volk. Ja, auch wenn sich eine menschliche Mutter so weit vergessen kann und dieses Gefühl des Erbarmens zu ihrem Kind preisgeben würde, Gott kann das nicht. So will ich doch deiner nicht vergessen, sagt er seinem Volk Israel zu (Jes. 49,15).
Israel bleibt Gottes Volk, auch da, wo es sich dem Evangelium verschließt, weil Gottes Erbarmen kein Ende hat. Das ist die erste Antwort, die Paulus in seinem Ringen um sein Volk Israel bekommt. Daraus ergibt sich jedoch die zweite Frage:

2. Wie steht es aber um Israels Rettung?
Gibt es dann eben zwei Wege zum Heil? Den Weg des Gesetzes und des Bundes für Israel auf der einen Seite und den Weg der Gnade für die Völker aufgrund des Todes Jesu am Kreuz auf der anderen Seite? So wird es heute vielfach vertreten.
Paulus aber hat von Gott eine andere Sicht der Dinge geschenkt bekommen. Einen Einblick in Gottes Plan der Heilsgeschichte. Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich am Ende aller erbarme (V. 32). Zunächst waren die Menschen aus den Heidenvölkern in dieses Gefängnis des Ungehorsams eingeschlossen, auch die Glieder der Gemeinde in Rom. Bis zu dem Punkt, an dem sie in Jesus, dem Gekreuzigten, ihren Heiland und Retter erkannt haben. Und jetzt sind es die Glieder des Volkes Israel, die sich im Ungehorsam der Botschaft von Jesus verschließen. Aber auch dies ist nur eine Zwischenstation in Gottes Plan der Heilsgeschichte. Solange, bis Gott mit den Heidenvölkern ans Ziel angekommen ist, dann will sich Gott über alle erbarmen. Dann, dann wird ganz Israel gerettet werden. Aber – auch diese Rettung geschieht nicht an Jesus vorbei. Jesus ist für beide, für Juden und Heiden am Kreuz gestorben und hat Gottes Erbarmen in diese Welt gebracht. Am Ende wird auch Israel Jesus als seinen Retter begreifen.
Im wiederkommenden Christus werden sie ihren kommenden Messias erkennen und sein Erbarmen erfahren. Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob (V. 26) – so hört es Paulus als Verheißung aus dem Alten Testament. Dieser Erlöser wird kein anderer sein als Jesus, der Gekreuzigte, der wiederkommende Herr. Das ist Gottes Ziel der Heilsgeschichte. Darauf läuft alles zu.
Damit ist das Entscheidende gesagt. Damit ist das Geheimnis ausgesprochen, die Erkenntnis, die Paulus im Ringen um sein Volk von Gott her gewinnt. Unsere Brüder und Schwestern aus dem Volk Israel werden dieser Erkenntnis heute so noch nicht zustimmen können.
War das nicht der große Irrtum des jungen Luther, daß er meinte, man müßte dies den Juden nur in rechter Weise sagen, man müßte ihnen nur die alttestamentlichen Verheißungen predigen, dann würden sie zum Glauben an Jesus kommen. Er hat damit verkannt, an welcher Station der Heilsgeschichte Gottes wir heute stehen. Noch kann Israel Jesus nicht als seinen Messias erkennen.
Wenn der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide über Jesus schreibt: »Er mag auch der künftige Messias Israels sein – doch das werden wir erst erfahren, sobald er kommt oder wiederkommt«, dann ist das schon erstaunlich und mehr als man erwarten kann. Und doch geschieht das Wunder, daß heute schon Menschen aus dem Volk Israel in Jesus ihren Messias und Retter erkennen, so, wie es Paulus selber erlebt hat.
Was ist mit ihnen? Was ist mit den messiasgläubigen Juden? Das ist die dritte Frage, die noch einer Antwort bedarf.

3. Was bedeuten die messiasgläubigen Juden für die Gemeinde Jesu?
Sind sie uns eine Verlegenheit? Wie sie in der Zeit des Dritten Reiches jenen deutschchristlichen Kirchenführern eine Verlegenheit waren, die öffentlich erklärten: »Durch die christliche Taufe werde an der rassischen Eigenart eines Juden, seiner Volkszugehörigkeit und seinem biologischen Sein nichts geändert. Rassejüdische Christen hätten darum keinen Raum und kein Recht in der Kirche«. Zum Verrat an Gottes Volk kommt der Verrat am christlichen Bruder. Was bedeuten uns heute die messiasgläubigen Juden in Israel und bei uns? Ist es uns eine Verlegenheit, daß solche Gemeinden messiasgläubiger Juden zur Zeit in unserem Land entstehen?
Eine Verlegenheit vielleicht deshalb, weil der jüdische Landesrabbiner gerade erklärt hat, das christliche Zeugnis gegenüber jüdischen Menschen sei eine Fortsetzung des Holocaust mit anderen Mitteln?
Wenn uns diese christusgläubigen Juden eine Verlegenheit wären, was würde diese Verlegenheit unterscheiden von jener schrecklich sich äußernden Verlegenheit der deutschchristlichen Kirchenführer in der Nazizeit?
Nein, keine Verlegenheit, liebe Gemeinde! Wenn unter uns Gemeinden messiasgläubiger Juden entstehen, dann ist das ein Hoffnungszeichen. Ein Zeichen der Hoffnung, daß Gott mit seinem Volk Israel und mit der Kirche auf dem Weg ist hin zu dem Tag, an dem er uns alle miteinander durch den wiederkommenden Christus hineinnehmen wird in sein Erbarmen.
Dann dürfen wir miteinander bekennen:
»Es ist das ewige Erbarmen,
das alles Denken übersteigt,
es sind die offnen Liebesarme,
des, der sich zu dem Sünder neigt.«
Am Ende der Wege Gottes mit seinem Volk Israel steht das Erbarmen!
Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme (V. 32). Amen.

Werner Schmückle
 

zur Startseite...          zum Seitenanfang