Rundbrief März 1999
 

Der Landesvorsitzende hat das Wort
Evangelische Gedenktage 1999
Sind konservative Christen Fundamentalisten und Sektierer?
Erfahrungen mit dem Abendmahl
Buchbesprechungen
Abendmahlslied
 




Der Landesvorsitzende
Gerhard Greiner
hat das Wort

Sehr geehrte, liebe Schwestern
und Brüder, liebe Freunde der
Evang. Sammlung!

Dieser Rundbrief hat eine einmalige Markierung: Wir feiern das letzte Osterfest im letzten Jahr dieses Jahrtausends. Mag diese Zahl noch so markant sein: Was das Jahr für uns selbst und unser menschliches Miteinander an Anfängen und Abschlüssen, an Aufbruch und Abschied, an Kommen und Gehen enthält, ist viel mehr. Deshalb brauchen wir ein Wort, das trägt: »Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!« Dieser Gruß atmet Osterluft. Er strahlt Zuversicht aus. Das ist ein fester Boden unter unseren Füßen. Mit jedem Schritt öffnet sich ein weiter Raum der Hoffnung und des ewigen Lebens.
Was kein Mensch einem anderen je versprechen kann, das sagt uns der Auferstandene zu. Wo wir einander höchstens versichern können: »Ich will bei dir sein und bleiben!« sagt er: »Ich bin’s!« Dahinter steht er mit seiner ganzen Macht. Das ist der Sieger über Tod und Grab. Und in seiner Macht steht es: Er ist bei uns. Das gilt besonders den Zweifelnden und Verzweifelten.
Im Folgenden möchte ich durch zwei Gleichnisse deutlich machen, wie wir heute von der Auferstehung her leben können.

Die Hauptsache
Da blieb plötzlich eine Straßenbahn stehen. Zunächst unternahm keiner was. Dann meinten einige Fahrgäste, vielleicht müsse man den Fahrer wechseln; der sehe schon reichlich alt aus. Gesagt, getan. Die Straßenbahn jedoch bewegte sich keinen Zentimeter. Andere stiegen aus und gingen zu Fuß.
Da schlug jemand vor, alle sollten aussteigen und die Straßenbahn schieben. Die war aber so schwer, daß man sie trotz aller gemeinsamen Anstrengung nicht in Fahrt brachte. Ein romantischer Fahrgast begann, die Straßenbahn mit Blumen zu bemalen. Jedoch, trotz des attraktiven Outfits – sie stand immer noch. Da rissen andere die harten Holzbänke heraus. Auf solchen Sitzen fühle man sich ja überhaupt nicht wohl. Nun saßen alle in gepolsterten Bänken. Die Straßenbahn aber bewegte sich nicht.
Plötzlich entdeckten die Fahrgäste einen alten, weißhaarigen Mann, der wild gestikulierend nach oben deutete. Als sie ausstiegen, schlugen sie sich mit der Hand an die Stirn: Natürlich, das war’s! Die Straßenbahn konnte gar nicht fahren. Der Stromabnehmer auf dem Dach war zusammengesackt. Es gab keine Verbindung mehr zur Oberleitung. Als die aber neu hergestellt war, kamen die froh gewordenen Fahrgäste aber wieder flott voran.
Es ist ein Gleichnis, wie gesagt, aber eines, das verständlich ist und zu Herzen geht. Neues Leben und neue Frucht kommt in unser Leben, wenn die Verbindung zur Oberleitung hergestellt ist. Das Gebet zum Auferstandenen ist wichtig. Wir krempeln die Ärmel hoch und planen bis ins Detail. Aber es heißt auch die Hände falten und den Herrn bitten. Manchmal durchkreuzt er unsere Pläne und verwirft unsere Konzepte. Die taufrische, ununterbrochene »Verbindung zur Oberleitung« ist das Herzstück und die Hauptsache in einem Christenleben. Im Blick darauf gilt: Hauptsache, daß die Hauptsache die Hauptsache bleibt!

Die Osterkerze ist unsere Lebenskerze
Eine junge Lehrerin hielt in einer neunten Realschulklasse eine Religionsstunde zum Thema »Ostern«. Die Stunde zuvor hatten sie vom Tod Jesu gesprochen. Und die Schüler saßen im Kreis um ein Grab, dessen Rand mit schweren Kieselsteinen markiert und aufgebaut war. Die Lehrerin hat eine kleine brennende Kerze in der Hand.
Sie erzählt, wie Eltern um das Leben ihres viereinhalbjährigen Kindes kämpfen. Aber der Tod bleibt Sieger. Die Lehrerin bläst die Lebenskerze dieses Kindes aus. Ein Erschrecken geht durch die Klasse. Die Lehrerin stellt die kleine gelöschte Kerze zum Grab Jesu.
Nun nimmt sie eine ziemlich abgebrannte Kerze und erzählt vom Leben einer über neunzigjährigen Frau. Ihre Familie hat sich zum Abschied nehmen um ihr Bett versammelt. Die Lehrerin bläst diese Kerze aus und stellt sie ans Grab Jesu. Kein Erschrecken geht durch die Klasse. Sie, diese Frau, durfte sterben.
Und wieder nimmt die Lehrerin eine brennende Kerze und erzählt von einem jungen Mann, der am Morgen fröhlich in den Zug gestiegen ist, voll bepackt mit Plänen für die Zukunft, im Herzen eine junge Liebe. Dieser Zug kommt am Abend nicht an. Der junge Mann verunglückt tödlich. Die Lehrerin bläst auch diese Kerze aus. Und jetzt waren alle tief betroffen. Sie wußten: Viele von uns steigen heute in einen Zug, heute oder morgen kann es uns auch so gehen.
Plötzlich ruft ein Schüler laut: »Wir müssen das Grab Jesu öffnen. Er ist doch auferstanden. Wir müssen eine große Osterkerze hineinstellen. Und dann können wir die erloschenen Kerzen an dieser Auferstehungskerze wieder anzünden.« Die Frohe Botschaft von Gottes Heilswirken an Ostern konnte zentraler nicht verkündigt werden. Die Auferstehung Jesu, das ist die Osterkerze. Von ihr bekommt unsere Lebenskerze Licht, Kraft, Feuer, Frieden.
Liebe Schwestern und Brüder, das letzte Osterfest in diesem Jahrtausend. Mit dem Auferstandenen dürfen wir das Jahr abschließen und zum neuen aufbrechen, dürfen kommen und gehen. Auf Golgatha wird sichtbar, wie sehr Gott mitleidet. Am Ostermorgen wird aus dem Leiden ein Siegen.

Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht; wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht! Mein Heiland war gelegt, da, wo man uns hinträgt, wenn von uns unser Geist gen Himmel ist gereist.
Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied; wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit. Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell.

Ich wünsche Ihnen eine frohe und gesegnete österliche und nachösterliche Zeit und grüße Sie ganz herzlich

Ihr Gerhard Greiner

zur Startseite...           zum Seitenanfang




Evangelische Gedenktage 1999

Am 24. Juni 1499 – vor 500 Jahren – wurde Johannes Brenz geboren. Sein Geburtstag ist mit das markanteste Datum in unserer Jahresübersicht, die an wichtige Ereignisse erinnern soll. Dem Reformator Württembergs ist jene wichtige Entwicklung mit zu danken, die den damals kleinen, weltabgelegenen Kleinstaat (Alt-)Württemberg mit seinen etwa 250000 Einwohnern zum zeitweise führenden evangelischen Reichsstand gemacht hat. Erst am 3. März 1924 – vor 75 Jahren – wurden Staat und Kirche in Württemberg offiziell und formell voneinander getrennt, das Werk von Brenz wirkt aber bis heute nach. In diesem Jahr sei außerdem an die Gründung von Wilhelmsdorf vor 175 Jahren erinnert: die Korntaler Tochtergemeinde und deren langjähriges Sorgenkind entstand formell am 6. Januar 1824. Ebenfalls am 6. Januar, allerdings im Jahre 1699, wurde Philipp Friedrich Hiller geboren, der Lieblingsdichter des Pietismus: er ist schon in der letzten Ausgabe der »Evangelischen Sammlung« gewürdigt worden. Am 20. Januar 1874 wurde Karl Heim geboren, am 29. Januar 1499 Katharina von Bora, die spätere Ehefrau des Reformators Martin Luther. Die vor 200 Jahren – am 3. Juni 1799 – gegründete Elberfelder Missionsgesellschaft steht für den damals im evangelischen Bereich unter dem Einfluß des Pietismus tatkräftig erwachenden Missionsgedanken. Die Liebenzeller Mission kann am 13. November ihr 100jähriges Bestehen feiern.
Nachfolgend werden weitere Gedenkdaten in der Reihenfolge des Jahreslaufes genannt und erläutert.
23. Januar 1549:
Vor 450 Jahren Johannes Honterus gestorben
Der Reformator Siebenbürgens wurde 1498 in Kronstadt geboren. Er studierte in Krakau, Wittenberg und Basel und erlernte auch die Buchdruckerkunst. In seiner Heimatstadt veröffentlichte er ab 1535 Schriften Luthers, die Confessio Augustana und evangelische Schulbücher. Er verfaßte auch selbst reformatorisches Schrifttum, daneben wichtige pädagogische und juristische Werke. 1542 gelang es ihm, der Reformation in Siebenbürgen zum Durchbruch zu verhelfen. 1544 wurde er, den Luther einmal als »Apostel des Ungarlandes« bezeichnet hatte, zum Pfarrer in Kronstadt gewählt. Er ließ dort aus einem aufgehobenen Kloster eine evangelische Schule machen und setzte sich unermüdlich für die evangelisch-lutherische Sache ein. Ihm ist es zu danken, daß die Pfarrer der Siebenbürger Sachsen meist gemeinsam mit ihren Gemeinden für die evangelische Sache gewonnen wurden und miteinander zur Reformation übertraten. Der sächsische Landtag – Siebenbürgen hatte von jeher weitgehende Selbstbestimmungsrechte – trat an die Spitze der reformatorischen Neuordnung. Schon 1572 – 23 Jahre nach dem Tod Honterus – erhielt             die »Evangelisch-Lutherische Kirche A(ugsburgischen) B(ekenntnisses)« die staatliche Anerkennung. Diese Kirche besteht bis heute; sie hat in der deutschen Exklave eine ungemein starke Stellung erlangt und im letzten Jahrhundert auch die kulturelle und politische Führung der Siebenbürger Sachsen übernommen. Durch die nach dem Ende des Kommunismus einsetzende Massenauswanderung hat sie in den vergangenen zehn Jahren über 90 Prozent ihres Bestandes verloren; sie wandelt sich seitdem von der traditionellen Volkskirche zu einer kleinen, aber aktiven Diasporakirche und öffnet sich immer mehr auch für Rumänen. An Honterus erinnert bis heute sein Denkmal vor der Schwarzen Kirche in Kronstadt. Von dort weist er seit Jahrhunderten auf die benachbarten Deutschen Schulen hin.

31. Juli 1799:
Vor 200 Jahren:
Christian Gottlob Barth geboren
Christian Gottlob Barth (1799 bis 1862) hat die pietistische Volksfrömmigkeit des 19. Jahrhunderts nachhaltig geprägt und beeinflußt. Er wirkte nicht nur als Pfarrer, Dichter und Naturforscher, er war ein tatkräftiger Förderer der inneren und besonders der äußeren Mission, er hat den 1828 das »Calwer Missionsblatt« und 1833 den »Calwer Verlagsverein« gegründet, aus dem der heute noch bestehende »Calwer Verlag« hervorging. Als Publizist ist Barth – nach Auflagen und Zahl der Übersetzungen gerechnet – der erfolgreichste Autor des gesamten Protestantismus: seine 1832 vorgelegten »Zweymal zwey und fünfzig biblische Geschichten« ist mit 483 deutschen Auflagen und mindestens  87 Übersetzungen eines der am weitesten verbreiteten Werke der Weltliteratur.
Daneben ist er auch – was heute fast vergessen ist – als Naturforscher hervorgetreten, wofür er hohe und höchste internationale Auszeichnungen erhalten hat. Pflanzen und Tiere sind nach ihm benannt worden.
27. September 1699:
Vor 300 Jahren: Aufnahme der
Waldenser in Württemberg
Die auf den südfranzösischen Armutsprediger Petrus Waldes (1217 verstorben) zurückgehenden Waldenser sind eine vorreformatorische Bewegung, die von Anfang an von der herrschenden Amtskirche – und in deren Auftrag bald auch vom Staat – verfolgt wurden. Bereits 1184 wurden sie formell vom Konzil von Verona verurteilt, die mit den Albigensern verfolgten und durch Ketzer-Kreuzzüge dezimierten Waldenser zogen sich daher in die unzugänglichen Hochtäler im heutigen französisch/litalienischen Grenzgebiet zurück. Als sie auch dort nicht mehr sicher waren, führte ihr legendär gewordener Pfarrer Henri Arnaud im Jahre 1699 rund 3000 Waldenser aus der angestammten Heimat nach Deutschland; allein 1700 fanden Aufnahme im damaligen Herzogtum Württemberg. Gegen den Einspruch der evangelischen Kirchenleitung, die die reformierten Waldenser in einem Gutachten »als schreckliche Ketzer und Irrlehrer« bezeichnete, wies ihnen Herzog Eberhard Ludwig im durch den 30jährigen Krieg und den Pfälzischen Erbfolgekrieg entvölkerten Grenzgebiet gegen Baden Siedlungsgebiete zu. Bis heute erinnern dort Ortsnamen wie Perouse, Pinache, Serres oder Villars an ihre aus dem französischen Sprachgebiet stammenden Gründer. Ein Waldenserzentrum bildete sich in Schönenberg. Die unwirtliche Gegend hieß zuvor »Sauberg« und wurde in harter Arbeit tatsächlich in einen »schönen Berg« verwandelt. Dort erinnert das Henri-Arnaud-Haus mit Museum und Bibliothek an die leidvolle Geschichte der Waldenser. Auch die örtliche Kirche trägt den Namen Arnauds: in ihrem Vorgängerbau wurde er nach seinem Tod am 8. September 1721 unter der Kanzel begraben.

30. Oktober 1824:
Vor 175 Jahren: Christian Gottlob Pregizer gestorben
Auf den Haiterbacher Pfarrer Christian Gottlob Pregizer (1751 bis 1824) geht die zum Bereich des älteren Pietismus zählenden Pregizer-Gemeinschaft zurück. Die bewußt innerkirchliche, kleine und nur wenig bekannte Gemeinschaft ist durch Pregizers Wirken aus seinerzeit bereits bestehenden örtlichen Privatversammlungen oder als Folge von Predigtnachgesprächen entstanden. Pregizer wurde am 18. März 1751 in Stuttgart als Sohn eines Regierungsrat-Sekretarius geboren, seine Vorfahren sollen Salzburger gewesen sein, die um ihres evangelischen Glaubens willen vertrieben wurden. Dem Theologiestudium in Tübingen folgten Jahre als Vikar erst in Gaildorf, dann in Fichtenberg. An den »Privatversammlungen« in beiden Orten hat der junge Vikar »regen Anteil« genommen. Als Gemeindepfarrer in Grafenberg bei Nürtingen (1783 bis 1795) begann er im Winter 1785/86, von sich aus zu »Privaterbauungsstunden« einzuladen. Im Schwarzwaldort Haiterbach, wo er von 1795 bis zu seinem Tod 1824 tätig war, entstand durch seine menschlich gewinnende Art, seine erwecklichen, schriftgemäßen Predigten und die damals höchst ungewöhnlichen Predigtnachgespräche ab 1796 »ganz natürlich und ungesucht Privatversammlungen von lauter erweckten und um die Rettung ihrer Seelen bekümmerten Personen«. Nach und nach bildete sich – ohne daß dies die Absicht des Stadtpfarrers war – bald die nach ihm benannte Gemeinschaft. Sie zählt heute etwa 50 örtliche Gemeinschaften mit rund 3000 Besuchern. Sie sind besonders im Schwarzwald, am Albrand, im Raum Tübingen und im Neckar-, Rems- und Murrtal anzutreffen.

25. Dezember 1624:
Vor 375 Jahren: Angelus Silesius geboren
Im evangelischen Gesangbuch ist Angelus Silesius (1624–1677) mit vier Liedern vertreten, allerdings unter dem Namen Johann Scheffler. Das hängt mit seinem ungewöhnlichen Leben zusammen. Der in Breslau geborene Sohn eines geadelten Land-Edelmannes entstammt einer Familie, die wegen ihres evangelischen Glaubens aus Polen nach Schlesien ausgewandert war, wandelte sich trotz einer sorgfältigen, bewußt lutherischen Erziehung und Ausbildung durch den Zugang zu mystischen Kreisen während seines Studiums und unter jesuitischem Einfluß einerseits, einer einengenden Orthodoxie in seiner schlesischen Heimat andererseits zum Anführer der Gegenreformation, die in Schlesien besonders brutal und grausam exerziert wurde. Berühmt geworden ist er aber mit seinen dichterischen Werken, mit denen er die Brücke zwischen der älteren Mystik und dem Pietismus schlägt. Bekannt ist vor allem sein 1657 erschien »Cherubinischer Wandersmann« mit seinen gedankentiefen, scharf zugespitzten epigrammatischen Zweizeilern.

 Hans-Dieter Frauer
 

zur Startseite...           zum Seitenanfang
 




Sind Konservative
christliche Sektierer und Fundamentalisten?

Zu dieser Frage muß man ein Ja finden, wenn man das neue Schulbuch für die Sekundarstufe I, das der Lehrmittelverlag Klett kürzlich herausgab, liest.
In der Arbeitsblattsammlung »Sekten – neue Wege zum Heil« finden sich die folgenden »typischen« Kriterien für »evangelische und katholische Fundamentalisten«:

Für mich ist dieses neue Schulbuch ein deutliches Signal für die geistliche Verwirrung unserer Zeit und Gesellschaft. Damit werden Christen, die auf dem Boden der Heiligen Schrift stehen, zu Sektierern und Fundamentalisten erklärt. Und das in einem neuen offiziellen Schulbuch!
 Gerhard Greiner
 

zur Startseite...           zum Seitenanfang




Erfahrungen mit dem Abendmahl

Abendmahlsfeiern und die damit zusammenhängenden Erfahrungen – das ist für   viele Menschen in unseren Gemeinden eine lange und beschwerliche Geschichte. Da kommen – noch über diejenigen hinaus, die Werner Schmückle im Rundbrief März 1998 unter der Überschrift »Wir Christen und das Abendmahl« aufgezählt hat – viele Dinge zusammen, die das Abendmahl in Verruf gebracht haben. Dabei stimme ich ausdrücklich der These zu, wonach vor allem das gründliche Mißverständnis des Paulustextes 1. Korinther 11 schlechte Erfahrungen verursacht hat.
Da erzählt eine Frau: An dem Tag, an dem die Familie zum Abendmahl ging, ist es den Kindern auch nach dem Gottesdienst nicht erlaubt gewesen, zu spielen. Sie wurden von den Eltern angewiesen, über ihre Sünden nachzudenken. – Mehrere Gemeindeglieder erinnern sich, daß man nüchtern, also ohne Frühstück zum Abendmahl gegangen sei. – In manchen Gemeinden ist es bis heute üblich, bei einer Abendmahlsfeier auf dem Weg zum Altar ein besonderes Opfer einzulegen. Auch wenn es so nicht gedacht sein mag: Die Menschen – vor allem diejenigen, die sich daran stören – erleben es als eine Art Ablaß. Mehr noch: Immer wieder hält diese Praxis diejenigen ab, das Abendmahl zu nehmen, die das Geld für dieses Opfer vergessen haben.
Das Ergebnis ist eine bis heute anzutreffende »Furcht vor dem unwürdigen Gebrauch des Abendmahls« verbunden mit einer geringen Zahl von Abendmahlsfeiern im Verlauf des Kirchenjahres.
Im Sinne des Predigtauftrags, die Gemeinde zu lehren, kann das Abendmahl nun Predigtthema sein und auch im Kirchengemeinderat besprochen werden. Doch selbst dann, wenn die Mitglieder des Kirchengemeinderats einer »Neuentdeckung« des Abendmahl positiv und aufgeschlossen gegenüberstehen, müssen wir damit rechnen, daß die Gemeindeglieder »mit den Füßen abstimmen« und nicht an den Abendmahlsgottesdiensten teilnehmen.
Vor allem in ländlichen Gegenden, in denen das Abendmahl in der Vergangenheit überwiegend im Anschluß an den Gottesdienst (im Grunde ist das ja eine perverse Formulierung) gefeiert wird, ist es zwar unproblematisch, öfter das Abendmahl zu feiern. Es ist aber ein immenser Schritt, integrierte Abendmahlsfeiern anzunehmen. Folglich kommen viele treue Gottesdienstteilnehmer nicht in den Gottesdienst, wenn eine integrierte Abendmahlsfeier angeboten wird. Da spielen Dinge hinein, hinter die man nicht so einfach kommt. Es ist nahezu undenkbar, in den Gottesdienst zu kommen und nicht am Abendmahl teilzunehmen, also sitzenzubleiben. Und sei es nur, weil andere denken und dann spekulieren könnten: Was hat er oder sie »ausgefressen«, daß er oder sie nicht zum Abendmahl gehen kann? Das ist sozusagen die umgekehrte Fortsetzung des Gedankens, man dürfe nicht unwürdig zum Abendmahl gehen.
Diese Erfahrungen haben mich gelehrt, daß es ein langer Weg sein kann, bis das Abendmahl einen ihm gemäßen Raum in unseren Gottesdiensten und im Gemeinde- und Glaubensleben einnehmen kann. Da wird es Gemeindevorträge und gute Erfahrungen mit Abendmahlsfeiern brauchen.
Solche guten Erfahrungen lassen sich vermutlich weniger aus einem Gegeneinander konkurrierender Aspekte als vielmehr aus einem Gedanken gewinnen, der beide Aspekte des Abendmahls vereint: Vergebung und Gemeinschaft. Ich halte es weder für sinnvoll noch für angemessen, einen Streit darüber zu führen, ob nun die Vergebung oder die Gemeinschaft im Zentrum des Abendmahls stehen sollen. Diese Überlegungen nehmen auf, was wir als den biblischen Grund des Abendmahls festhalten müssen.
Im Abendmahl geht es um unsere Gemeinschaft mit Gott um Jesu Christi willen. Diesen Gedanken der Gemeinschaft mit Gott können wir in vier Aspekte entfalten:
1. In der Gemeinschaft mit Gott kann ich nur sein, wenn alles weggenommen wird, womit ich mich von Gott getrennt habe (Vergebung meiner Sünde). Hierher gehört das Bekenntnis meiner Trennung von Gott.
2. Die Gemeinschaft mit Gott ist ein Grund des Dankes und der Freude.
3. In dieser Gemeinschaft mit Gott stehe ich nicht allein, sondern mit allen anderen Christen.
4. Die Gemeinschaft mit Gott ist der Grund unserer Hoffnung.
Gemeinschaft mit Gott – das scheint mir eine biblische Grundlage zu sein für gute Abendmahlserfahrungen unserer Gemeindeglieder. Aber weil die irreführenden Erfahrungen der Vergangenheit nur sehr langsam überwunden werden können, wird sich nichts daran ändern, daß der Weg zu guten Abendmahlserfahrungen ein sehr langer Weg sein kann. Trotzdem sollen wir das Mahl als gute Gabe Gottes mit Freude feiern.

Stephan Sigloch
 

zur Startseite...           zum Seitenanfang




Buchbesprechungen

Hans Steinacker, Johann Hinrich Wichern. Ein Menschenfischer aus Passion. Neuhausen-Stuttgart 1998, Hänssler, 63 S., DM 6,95.
Der Autor gibt in dem mit reichem Bildmaterial versehen Buch auf knappem Raum einen anregenden Einblick in das Leben und Denken Wicherns. Wichtige lebensgeschichtliche Situationen und Prägungen wie z.B. die zeitweise Vertreibung der Familie aus Hamburg, der frühe Tod seines Vaters, das von Freunden finanzierte Theologiestudium und der Anfang der sozialen Arbeit an entwurzelten Jugendlichen im »Rauhen Haus« werden instruktiv dargestellt und vom zeitgeschichtlichen Rahmen her beleuchtet. Die für den Anfang der Inneren Mission entscheidende Stegreifrede Wicherns auf dem Wittenberger Kirchentag von 1848 wird ausführlicher behandelt. Es wird deutlich: Wichern geht es um die Integration einer ganzheitlichen evangelisatorischen und diakonischen Inneren Mission in die offizielle Kirche. Leider ist ja das missionarische Anliegen Wicherns in der »Inneren Mission« in der Folgezeit kaum durchgehalten worden.
Das Büchlein zeigt den weiteren Horizont Wicherns auf. Sein Glaube ist eine ständige und intensive Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit der Welt. Werner Schmückle

Heinzpeter Hempelmann, Soll »Gnadau« in der Kirche bleiben? Gemeinschaftsbewegung und Evangelische Kirche. Was ist unser Auftrag? Verlag der Liebenzeller Mission, Lahr 1998, DM 9,80.
Der Direktor des Theologischen Seminars der Liebenzeller Mission äußert sich        in bemerkenswerter gedanklicher Klarheit zum gegenwärtigen, früheren und künftigen Verhältnis von Gemeinschaftsbewegung und evangelischen Landeskirchen. Haben die Gemeinschaften herkömmlich die kirchliche Arbeit ergänzt, so gibt es heute in einer Verbindung von missionarischem Wollen und »postmodernem Idealismus« auch Tendenzen zur Trennung von der Volkskirche, die daraus Nahrung beziehen, daß in der Volkskirche ein Pluralismus auf Kosten des evangelischen Profils herrsche. Gegen den Trend, außerhalb der Landeskirchen »freie Gemeinden« (»Modell 4«) zu begründen, argumentiert Hempelmann knapp und brillant für einen Verbleib der Gemeinschaften in der Volkskirche. Missionarische Chancen, Mitverantwortung für das größere Ganze und für ein deutliches biblisch-reformatorisches Profil, Abwehr einer weiteren Zersplitterung des Leibes Christi, die Gefahr des Sektierertums und der Selbstverabsolutierung sind Hauptgesichtspunkte. Unterstrichen wird der Anspruch der Gemeinschaftsbewegung, evangelische Kirche zu sein, und zwar ohne Exklusivität. Hilfreich für die gegenwärtige Diskussion sind auch die Ausführungen zu »Personalgemeinden« oder »Kirchengemeinden alternativen Typs«. Für den äußersten Fall, daß die Landeskirchen Beschlüsse faßten, die die Substanz der Kirche gefährdeten, denkt Hempelmann an die »Proklamation der Bekenntniskirche in der vom Bekenntnis abgefallenen Kirche«.
(Zuerst erschienen im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg, Nr. 49/1998, Seite 26. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.)
 Dr. Andreas Rössler

Konrad Eißler, Kostproben von Gottes Können, Hänssler, 1998, DM 19,95.
»Konrad Eißler, ehemals Pfarrer an der Stiftskirche in Stuttgart, jetzt im Ruhestand, aber als Verkündiger ständig unterwegs. Lebt in Hülben auf der Alb« – mit diesen bescheidenen Worten wird der Autor auf der Innenseite des Buchumschlags eingeführt.
Wer diesen Bildband mit seiner dezenten Außenhülle zufällig in die Hand bekommt, ahnt nicht, welche Überraschungen einen erwarten. Vermutlich werden den Leser zunächst die vor Lebendigkeit sprühenden Farbfotografien von Micha Pawlitzki zu mehrmaligem Durchblättern veranlassen. Graphisch fein abgestufte Schriftbilder, in verschiedenen Schattierungen, verführen zu immer neuem, intensiverem Betrachten, Lesen – Dahinterkommen – was steht hier eigentlich? Diese, fast magische, Hinführung zu den Texten von Konrad Eißler, baut eine Spannung auf, die zum Erforschen der Worte und deren Inhalte anregt.
Konrad Eißlers (Jahrgang 1932) intensiver Umgang mit jungen Menschen, zeigt sich in diesem Text-Bildband. Humorvoll, kurz und knackig, mit überraschender Pointe. Das sind seine Markenzeichen. Aktuelle Themen, ebenso, wie biblische Geschichten, in einer praxisnahen, dynamischen Wortwahl beinhalten die »Kostproben von Gottes Können« in kurzen, griffigen, für jeden verständlichen Texten. Eißlers besondere Begabung mit Worten Szenen und Vorgänge zu malen, führt nicht zu automatischen Schlußfolgerungen. Seine eher unbequemen, tiefschürfenden Gedankengänge, die er dem Leser zumutet, fordern zum Nachdenken, auch über die eigenen Lebensansätze, heraus.
Ein Prediger, der seine Leser mutmachend kosten, schmecken und erleben läßt: Gottes Können, Gottes Möglichkeiten, auch im leisen Handeln, mitten in unserer Welt, sind Herausforderungen und Hilfen zu gelingendem und erfülltem Leben.
Ein Bildband, in einer noch erschwinglichen Preisklasse, zum Genießen und Sich-Herausfordern-Lassen. Als Geschenk gut geeignet, für Menschen unterschiedlichen Alters, die uns im täglichen Leben begegnen, und denen wir eine Freude bereiten möchten.
 Tabea Dölker, Holzgerlingen

Jörg Friedrich, Das Gesetz des Krieges: Das deutsche Heer in Rußland 1941–1945; der Prozeß gegen das Oberkomando der Wehrmacht. Piper Verlag, München 1995, 1092 Seiten. Taschenbuch DM 49,90, gebunden  DM 128,–.
Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. Das zeigt Jörg Friedrich in seinem Buch, in dem er aus dem Blickwinkel der alliierten Nachkriegsjustiz den Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht nachzeichnet. Naturgemäß kommen die besiegten Deutschen dabei schlecht weg. Friedrich serviert in seinem Buch eine Fülle von Details, oft garniert mit Süffisanz und Häme. Grausamkeiten entwickeln im Krieg ihre Eigendynamik: je länger der Krieg dauert, um so rücksichtsloser gehen Feinde miteinander um. Außerdem zeigt sein Buch, daß Geschichte und Besatzungsjustiz von den Siegern bestimmt werden. So ist es ja kein Zufall, daß die Kriegsverbrecherprozesse schlagartig aufhörten, als der Kalte Krieg drohend am Horizont auftauchte.
 Hans-Dieter Frauer

Christoph Morgner, Herausgefordert. Wie begegnen wir den charismatischen und pfingstlichen Bewegungen? Gnadauer Verlag, Dillenburg, Bismarckstr. 12, 35683 Dillenburg, DM 6,–.
Der Präses des Gnadauer Verbandes zeigt in dieser sehr beachtenswerten Studie, was konzentrierte biblische Besinnung vermag: den charismatischen und pfingstlichen Erscheinungen in unserer Mitte mit Sorgfalt positiv gerecht zu werden und zugleich notwendige Grenzen ruhig und genau zu benennen. Wo so aus der Liebe und Wahrheit heraus gesprochen wird, werden wir in den angesprochenen Fragen weiterkommen.

Manfred Rommel, Trotz allem heiter, Erinnerungen, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, DM 42,–.
Gelegentlich mache ich auf spezielle »Schwabenbücher« aufmerksam. Hier ist wieder eins! Der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister zeichnet sein Leben nach. Er tut es anschaulich, unpathetisch, distanziert, mit viel Genauigkeit, Humor und kräftigen schwäbischen Zutaten gewürzt. Eine bekömmliche Lektüre. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll, über die kritische Selbständigkeit Rommels oder seine menschliche und politische Aufrichtigkeit sprich christliche Wahrheitsliebe. Gott sei Dank gibt es das unter uns. Rolf Walker

Ulf Nilsson, Anna Höglund, Ein Kind, ein Lamm, ein Lied, aus dem Schwedischen übertragen von Brigitta Kicherer, Carlsen Verlag, DM 26,90.
Dieses so »andere« Bilderbuch für Sechs- bis Zehnjährige erzählt entscheidende Stationen der Jesusgeschichte. Anders ist es insofern, als seine Bilder auf bestimmte Grundelemente der Erzählung reduziert sind. Keine ausmalenden und ablenkenden Beigaben. Der dazugehörige Text gibt nur knappe Stichworte. So sieht man z.B. die Umrißlinien zweier Gestalten, von denen sich die eine der anderen mit dem Kopf zuneigt. Daneben steht »Ein Flüstern. Ein Kuss«. So fordert einen das Bild und der Text zum Stutzigwerden, zum Nachdenken und Antwortsuchen heraus. Alle die ruhigen, klaren, zunächst »unaufgelösten« Bilder wollen gemeinsam erkundet und dann erzählt werden. Die bewußte Einfachheit räumt viel Freiheit ein und bezieht doch alles auf die Mitte der Frohbotschaft. Mit diesem stillen, auf seine Weise anspruchsvollen Kinderbuch läßt man sich auf ein kühnes Unterfangen ein, das aber die jungen Leser, davon bin ich überzeugt, gemeinsam mit den älteren zu einem »Erlebnis« machen werden. Rolf Walker
 

zur Startseite...           zum Seitenanfang




Abendmahlslied

Nun wollen wir, Herr, hoch erheben:
das Brot, von dem wir täglich leben,
den Wein, der Kraft und Segen hat.
Dein Mahl nimmt uns das Herz gefangen;
was wir in Schuld und Not empfangen,
die Gnade, macht uns froh und satt.

Damit wir dein Erbarmen loben,
hast du uns freundlich aufgehoben
aus Gräbern voller Haß und Streit.
Dein Friede hat uns aufgenommen;
wir sind an einen Tisch gekommen,
an dem uns aller Hader reut.

Aus deinem Zuspruch neu geboren,
sind wir dem Leben auserkoren
und zeigen es nun jedermann,
was Güte trägt und überwindet
und was ein Mensch an Licht entzündet,
der, selbst getröstet, trösten kann.

Sind wir durch deinen Tisch verbunden,
verloren längst und doch gefunden,
in Angst und Tod und doch geliebt:
Herr, laß uns dir die Ehre geben
mit einem unverzagten Leben,
das nimmt und schenkt und hat und gibt.

Rolf Walker
 

zur Startseite...           zum Seitenanfang