Rundbrief März 2001

An Ostern entdeckt unser Vorsitzender Gerhard Greiner Lebenszeichen
Ein (fast) vergessener Prediger: Immanuel Gottlob Brastberger
"Dominus Iesus" - Würdigung eines katholischen Papiers aus lutherischer Sicht
Umstrittenes Homo-Papier der Landeskirche
Dokumentation: Wie die Landessynode über Homosexualität debattierte
Gerechter Friede ist Kriegsverhütung
 
 
 


Der Vorsitzende hat das Wort

Sehr geehrte, liebe Schwestern und Brüder,
liebe Freunde der Evangelischen Sammlung!

Mit diesem Osterrundbrief möchte ich Ihnen zunächst einige erfreuliche Nachrichten weitergeben:

Pro Christ 2003
Nach 10 Jahren kehrt das missionarische Projekt Pro Christ an seinen Ursprung zurück: Vom 14. bis 22. März 2003 wird die nächste Evangelisation aus der Essener Grugahalle übertragen.
Das Ruhrgebiet ist eine besonders große Herausforderung für die Weitergabe der frohen Botschaft von Jesus heute. In dieser Stadt erleben rund sechs Millionen Menschen einen gewaltigen Umbruch in Wirtschaft und Gesellschaft.
Wir hoffen, daß wieder wie bei Pro Christ 2000 über 1,4 Millionen Besucher an den 1200 Veranstaltungsorten in 15 Ländern teilnehmen. Im Jahr 2000 folgten dem Aufruf, Christ zu werden über 13800 Personen. Im Jahr 2000 unterstützten Mitgliedskirchen der EKD das Projekt mit 448000,– DM. Der Rest des Gesamtetats von 14,5 Millionen DM für 1999 und 2000 einschließlich der Kosten aller Veranstaltungsorte wurde zum größten Teil durch Spenden finanziert. Künftig soll die Zusammenarbeit mit dem Ausland noch ausgeweitet werden.

Verläßliche religiöse Erkennbarkeit
erwartet unser Bundespräsident Johannes Rau von den Kirchen. Nur auf  dieser Grundlage könne ein »Dialoggespräch mit Andersgläubigen und Nichtgläubigen« geführt werden. Gespräche zwischen verschiedenen Religionen und Kulturen müssen Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft im Blickfeld haben. Dabei gehe es nicht um die Preisgabe des eigenen Standpunkts. Vielmehr müsse das eigene Denken, der eigene Glaube und das eigene Handeln klar ausgedrückt werden. Rau: »Nur wer eine geklärte kulturelle Identität hat, findet sich multikulturell zurecht.«

Weniger klagen,
mehr offensiv werden
Repräsentanten aus Wissenschaft und Wirtschaft haben den Evangelischen Kirchen geraten, weniger über ihren Bedeutungsverlust in der Gesellschaft zu klagen und sich stattdessen offensiv den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen. Dabei müssten sich die Kirchen von überkommenen Formen verabschieden, ihr Angebot verbessern und stärker auf die Menschen zugehen.Gegenwärtig schlägt die Kirchenfremdheit großer Teile der Bevölkerung wieder um in neues Interesse an Glauben, Liebe, Geborgenheit und Hoffnung.
Davon zeugt auch die breite Berichterstattung in den Medien über die lutherisch-katholische Erklärung zur Rechfertigungslehre und das Vatikan-Papier »Dominus Iesus«. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat diese Themen breit und volkskirchlich dargestellt.

Das Osterzeugnis heute
In der Ostergeschichte gehen die  Frauen auf den Friedhof. Sie wollen dem toten Jesus den letzten Liebesdienst erweisen und ihn salben. Aber sie kommen zu spät. Er ist nicht hier. Dieses Zeugnis übersteigt unsere Erfahrungen und unser Fassungsvermögen. Denn hier hat Gott gehandelt. Jesus, der vor aller Augen öffentlich geschändet, gekreuzigt und verspottet wurde, der wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit vom Grab erweckt. Niemand hat es gesehen. Aber die Boten Gottes bezeugen es uns. Diesem Osterzeugnis schenken wir Glauben.
Wer dies so glaubt, der kommt zu spät mit seinen Zweifeln, mit der Traurigkeit, mit der Hoffnungslosigkeit an den Gräbern, denn unter der Tränensaat reift bereits die Freudenernte. Wir kommen zu spät mit unserem Glauben an den Tod. Wo wir heute Kreuze sehen, da ist das Leben schon im Gang. Wo wir Gräber besuchen, da ist die Auferstehung verborgen. Das ist das Osterzeugnis heute. Das Osterzeugnis hat Lebenszeichen des auferstandenen Herrn im Gefolge.

Das erste Lebenszeichen ist das Wort Gottes, das heute noch so lebendig und mächtig ist wie damals. Menschen schenken ihm Vertrauen. Die Frauen schenken dem Zeugnis des Boten Glauben. Ihr Vertrauen wird nicht enttäuscht. Wer also seinen Blick und sein Ohr ernsthaft und gesammelt auf dieses Wort richtet, der darf wissen: auch wenn da nur Buchstaben sind, schwarze Schriftzeichen, so spricht daraus der lebendige Herr. Wer das Osterzeugnis der Boten Jesu hört, der empfängt das Lebenszeichen des Auferstandenen.
Und dabei sind wir als Hörende und Angesprochene sofort wieder zum Zeugendienst gerufen: »Die Frauen verkündigten es den Jüngern«. Darum werden auch heute noch Verkündigung, Gespräch, Zeugnis im Alltag, Erfahrungen des Glaubens – zu Lebenszeichen für den lebendigen Herrn. Im Reden und Hören begegnet uns der Auferstandene.

Das zweite Lebenszeichen erfahren wir im Alltag. Dort begegnen uns, wie den Frauen am Ostermorgen, Grab und Stein. Grab ist heute noch dort, wo es dunkel, häßlich und hoffnungslos wird. Steine sind heute noch da, wo uns Lasten fast zu Boden drücken. Vielleicht in unseren Familien. Vielleicht im Beruf. Vielleicht jetzt, wenn wir diese Zeilen lesen. Vielleicht dann, wenn wir an einem ganz bestimmten Grab stehen. Ostern greift nach Stein und Grab.
Legen wir also den Stein, der uns so drückt, in Gottes Hand. Sagen wir ganz still: »Nimm ihn, Herr!« Und er nimmt ihn dann nicht einfach weg, aber er nimmt ihn unter seine Hände. Unter seinen Händen wird er leichter, er wird tragbar. Alle, die solche Durchhilfe erfahren haben, stehen heute in der Kette der Osterzeugen des auferstandenen Herrn.

Ein drittes Lebenszeichen sendet Jesus mitten hinein in das Sterben unserer Tage, in unser eigenes Sterben. Jede Zeitung mit den Todesanzeigen, jede Meldung im Fernsehen liefert uns den Beweis für die ungebrochene Macht des Todes heute. Wir alle sind von dieser Macht umgeben. Aber nun können wir mit Paul Gerhardt singen und glauben:
»Wo mein Haupt durch ist gangen,
da nimmt er mich auch mit.«
Der Tod nimmt mir zwar das Leben, aber er darf mich nicht behalten.
Der Tod hat keine Hände mehr –
seit Ostern!

Ein viertes Lebenszeichen beobachten wir in unseren Tagen: Der Auferstandene bringt Leben in tote Formen unserer Kirche. Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung, Gottesdienst: »Er ist nicht hier«, wenn es nur tote Formen sind. Deshalb läßt sich Christus nicht einbalsamieren in theologische Begriffe und teilnahmslose Liturgie. Er läßt sich auch nicht einbalsamieren in gottesdienstliche Ordnungen, kirchliche Sitten und Gewohnheiten, die völlig erstarren.
»Er ist nicht hier. Er lebt.«
Er ist also im lebendigen Zeugnis der Seinen, im lebendigen Glauben und in der tätigen Liebe. Das bringt Leben in Gottesdienst, Altar und Alltag.
Liebe Schwestern und Brüder, am Schluß der Ostergeschichte bei Matthäus heißt es: »Geht nach Galiläa!« Der Auferstandene sagt es. Galiläa ist unser Alltag. So geht Christus mit uns in unseren Alltag hinein. Da werden wir den lebendigen Herrn erfahren und sehen. Sehet, das hat Gott getan! Jubilieret, betet an!

Ich wünsche Ihnen, liebe Freunde
und Freundinnen der Evangelischen Sammlung, diese Osterfreude und grüße Sie ganz herzlich

Ihr
Gerhard Greiner
 
 

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Ein (fast) vergessener Prediger: Immanuel Gottlob Brastberger

»Es wird unter den Zeugen der Wahrheit ... kaum einen geben, der unter dem Volk in so weiten Kreisen ... solchen Eingang gefunden und solche Frucht gebracht hat bis auf unsere Tage, wie Immanuel Gottlob Brastberger ...« – so das Urteil von Wilhelm Claus noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts (W. Claus, Württembergische Väter II, Calw-Stuttgart 1905, 5.) über einen der wirkungsvollsten Vertreter des schwäbischen Pietismus: Immanuel Gottlob Brastberger. Seine immer wieder neu aufgelegten Predigtbücher haben neben Philipp Friedrich Hillers »Geistlichem Liederkästlein« die weiteste Verbreitung innerhalb des württembergisch-pietistischen Schrifttums gefunden. Und doch ist sein Erbe heute in weiten Kreisen eher in Vergessenheit geraten. Das gilt auch für die Forschung, die sich bislang nicht näher mit Leben, Werk und Wirkung Brastbergers befaßt hat. Was können wir also über diesen fast vergessenen, gleichwohl aber wichtigen »Schwabenvater« erfahren?

Leben und Wirken
Der als Sohn eines Dekans am 10. 4. 1716 in Sulz am Neckar geborene Brastberger studierte in Tübingen Theologie und kam 1737 als Vikar nach Stuttgart. Ein Jahr später wurde er Garnisonsprediger in Ludwigsburg und gelangte dort durch schmerzhafte Krankheiten zur »Bekehrung«. Hilfe erfuhr er dabei von dem Bengel-Schüler und Waisenhauspfarrer Matthäus Friedrich Beckh (1708 – 1780). Von da an erschien er als ein kraftvoller Zeuge, durch dessen Tätigkeit – besonders auf der neuen Pfarrstelle in Oberesslingen – eine ganze Schar von Laien erfaßt wurde, die dann auch selbstständig weiter wirkten: so wurde etwa durch den armen, aber hochgeschätzten Weingärtner Jakob Weber die Bildung einer pietistischen Gemeinschaft in Fellbach angeregt und so der Grund gelegt für die später so bedeutende dortige Gemeinschaft. 1756 schließlich wurde Brastberger Dekan von Nürtingen, wo er jedoch nur noch acht Jahre wirken sollte. Acht Jahre aber, die er – trotz körperlicher Leiden und Schwäche – zur Herausgabe seiner beiden bedeutenden Predigtbände »Evangelische Zeugnisse der Wahrheit« (1758) und »Die Ordnung des Heils oder die Buße zu Gott und der Glaube an unsern Herrn Jesum Christum« (1760) nutzte. Darüber hinaus wurden in dieser Zeit auch andere seiner Predigten publiziert. Eine der bekanntesten ist die immer wieder neu aufgelegte (zuletzt Nürtingen 1980) »Christliche Gedächtnis-Predigt« zum Gedenken an die gewaltige Feuersbrunst, die 1750 in den Stadttoren Nürtingens wütete und innerhalb weniger Stunden den ansehnlichsten Teil der Stadt in einen Aschenhaufen verwandelte. Ausgehend von Jeremia 17,27 deutet Brastberger das Feuer als Strafgericht Gottes aufgrund des Ungehorsams der Einwohner gegenüber dem Willen Gottes. Gleichzeitig sieht er aber auch Spuren einer gnädigen Verschonung: »O Nürtingen, Nürtingen! wie hast du dieses so empfindlich erfahren müssen, da der Herr eben von nunmehro sechs Jahren ein Feuer in deinen Thoren angestecket, welches deine Häuser verzehret hat, und nimmer hätte gelöschet werden können, wann es durch die schonende Hand des HERRN nicht selbst gelöschet worden wäre.« Im Stile einer Bußpredigt zielt Brastberger im weiteren Verlauf unter Auslegung von Lukas 12,49 (»ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als daß es schon brennte«) auf Bekehrung und Heiligung und bleibt damit ganz bei der Intention der pietistischen Predigt des 18. Jahrhunderts.

Diese Ausrichtung wird auch deutlich im Vorwort des bereits erwähnten Predigtbuches »Evangelische Zeugnisse der Wahrheit zur Aufmunterung im wahren Christenthum«, das bislang mindestens einundneunzig Auflagen erlebte (darunter Drucke in den Vereinigten Staaten [1912 St. Louis] und in Polen [1904 Szillen]; jüngste Auflage Gr. Oesingen 1994) und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in breiten Gemeinschaftskreisen als Erbauungsbuch benutzt wurde. In der Vorrede spricht Brastberger zunächst vom Einfluß anderer Pietisten auf ihn: von den Bücher Speners, Franckes, Rambachs, Riegers und Bengels. Er führt dann aus, daß er die Zeugnisse evangelisch nenne, »weil in denselben die gute Botschaft von der in Christo erschienenen allgemeine Gnade Gottes den Sündern angepriesen und Jesus, der anbetungswürdige Erlöser der Welt und Liebhaber der Menschen abgemahlet wird in seiner leiblichen Gestalt, ... mit seinen freundlichen Armen, die Er nach allen ausstrecket in herzlicher Bereitwilligkeit denen, die zu ihm kommen wollen, Gnade, Leben und Seligkeit umsonst, umsonst zu schenken. Dies ist das Centrum, der Mittelpunkt, auf welchen billig alle Zeugnisse der Wahrheit hingeleitet werden sollten.« Im Anschluß daran betont Brastberger die Notwendigkeit einer wahren Bekehrung und eines heiligen Lebenswandels, die von jedem Prediger als höchste (Predigt-) Aufgabe wahrgenommen werden müsse.

Wirkung der Predigten
Brastbergers Predigten wirken innerhalb der übrigen Postillenliteratur
auffallend schlicht und schmucklos. Man würde sie wohl schwerlich der »großen« Predigtliteratur zurechnen. Andererseits möchte man neben einer tiefen biblischen Verwurzelung eine besondere Anschaulichkeit und Klarheit, die trotz der zeitlichen Distanz auch heute noch in gewissem Sinne anzusprechen vermag, nicht leugnen. Die außergewöhnlich weite Verbreitung dieser Predigten – auch die Protestanten in Österreich und Südrussland zehrten von den »Zeugnissen« – spricht zudem für sich: »Brastberger muss den richtigen Ton getroffen haben« (Martin Brecht). Seine letzten Jahre standen ganz im Zeichen von Krankheit und Leiden, dann aber auch von der Herausgabe weiterer Predigtbände 1760 und 1764 (»Betrachtungen über die Heilsgüter des Neuen Testaments«). 1764 verstarb Brastberger. Seine Predigten aber wirkten mehr als ein Jahrhundert weiter als Quelle des Trostes und der Kraft.

Wolfram Uebele, Weilheim/Teck
 
 
 

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Dominus Iesus - eine Würdigung

Es brodelt in der katholischen Kirche. Da gibt es Kräfte, die Gottes endgültige Offenbarung in Christus in Frage stellen, indem sie meinen, sie sei begrenzt, unvollständig oder komplementär zu jener in anderen Religionen (Art. 6). Da gibt es den Versuch, den christlichen Glauben neben die innere Überzeugung in den anderen Religionen zu stellen mit der Tendenz, die Unterschiede zwischen dem Christentum und den anderen Religionen einzuebnen, ja manchmal aufzuheben (Art. 7). Da gibt es ein falsches Dialogverständnis, das nicht zeigen kann, daß der Dialog fest auf der Basis der eigenen Wahrheit mit ihrer Missionsabsicht beruht, die durch die Offenheit für Andere und die Ernsthaftigkeit des Gesprächs nicht aufzugeben ist. Weder gibt es ein von Christus getrenntes Reich Gottes, das jenseits von Christus verschiedene Völker, Kulturen und Religionen in einer einzigen göttlichen Wahrheit zusammenführte (Art. 19), noch gibt es eine Heilsordnung des Geistes, die universaleren Charakter hätte als die gottgewollte Heilsordnung Christi (Art. 12). Die Gestalt Jesu Christi kann nicht ihre Einzigkeit und ihren heilsuniversalen Charakter verlieren. Und Ökumene heißt nicht, daß die Kirche aus vielen Einzelkirchen zusammengesetzt wird (Art. 17). Sie ist doch kein Sammelsurium. Auch hier ist der moderne Relativismus fehl am Platze.

Ein großes Verdienst
Man sieht: Es sind zentrale Fragen des Glaubens und der Kirche, die in dieser Erklärung aufgenommen werden.  Die falschen Lehren betreffen den Kern. Also möchte unsere große Nachbarkirche mit einem herausragenden Lehrschreiben offiziell und in aller Form dafür sorgen, daß dieser Kern unangetastet und erhalten bleibt. Das ist das zentrale Anliegen von Dominus Iesus und sein großes Verdienst.

Leider Differenzen im Zentrum
Gut, bekennen wir uns mit Dominus Iesus zur Einzigkeit und Heilsuniversalität unseres Herrn und seiner Wahrheit. Dieses Bekenntnis fiele leichter, wenn da nicht seine penetrant römisch-katholische Entfaltung wäre. Gerade hier, im Zentrum zeigen sich grundlegende Unterschiede. Die bewußte Gemeinsamkeit in der Frage der Absolutheit und Nichtrelativierbarkeit der Wahrheit kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich auf folgenden fünf Sachfeldern tiefe Gräben auftun. Es geht dabei 1. um die Treue zum Evangelium, 2. um den Stellenwert der Heiligen Schrift, 3. um den christlichen Begriff von Wahrheit, 4. um den Heiligen Geist als Allroundgegebenheit und 5. um das Wesen der Kirche.

1. Treue zum Evangelium
Auffallend ist in Dominus Iesus die Unbescheidenheit und mangelnde Selbstkritik, mit der die verantwortlichen römischen Theologen von ihrer Kirche sprechen. Artikel 2 beginnt mit dem Satz: »In allen Jahrhunderten (!) hat die Kirche das Evangelium Jesu
in Treue bezeugt und verkündigt.«
– Wirklich das Evangelium, und in Treue? Man erinnere sich, daß die katholische Kirche 1950 mit der leiblichen Himmelfahrt Mariens eine christliche Legende zum Dogma erhob, die nie Inhalt des Evangeliums war. Sie kann nur Inhalt des Evangeliums sein, wenn man bereit ist, seinen Inhalt durch kirchliche Tradition zu erzeugen.  Zu dem in Treue zu verkündigenden Evangelium gehört auch ein verheirateter Apostel Petrus (1. Kor 9,5) und eine Kirche ohne menschliche Überinstanz. Just in dem Evangelium, in dem die Kirche auf den Fels des Petrus erbaut wird (Matth 16,13-19), erhebt sich auf diesem Untergrund eine Gemeinde, deren einziges Haupt Christus ist: Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder (Matth 23,8). Was den Fels und Felsenmann angeht – das Fundament ist unten, nicht oben!
2. Der Stellenwert der Heiligen Schrift – Die Alleingültigkeit der Heiligen Schrift
Dominus Iesus verurteilt auch (Art. 4), »die Tendenz, die Heilige Schrift ohne Rücksicht auf die Überlieferung und das kirchliche Lehramt zu lesen und zu erklären.« Nun ist es gewiss eine Gefahr, die Heilige Schrift nur mit den eigenen Augen zu lesen und sie seinem kleinen Ich zu unterwerfen.  Aber ist es nicht ebenso eine Gefahr, sie der kirchlichen Überlieferung und dem Lehramt auszuliefern, die in etlichen Jahrhunderten im katholischen Raum gewachsen sind? Auch das wäre Subjektivismus und Relativismus, nur das Ich hätte gewechselt und wäre großkirchlich geworden. Man wird die Heilige Schrift durchaus im Hören auf seine Schwestern und Brüder, auch mit Rücksicht auf die Überlieferung und sogar das kirchliche Lehramt auslegen, nur – wer hat das Sagen? Richtet sich das Anfangswort nach der Kirche und ihrem Gang durch die Geschichte
oder richtet sich die Kirche nach der Schrift?
Christus sagt (Joh 16,14.15) von seinem Geist als seinem Nachfolger: Von dem meinen wird er’s nehmen. Ebenso Johannes 14,26: der wird euch alles (!) lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Also schöpft der Geist weder aus meinen Einfällen noch aus der Gemeinschaft der Kirche noch aus dem Lehramt, sondern aus dem vorgegebenen Christus-Wort (in dem allein das Wort des Vaters begegnet): das ist die eine Wahrheit, mit der er die Kirche ins Dasein ruft. Bleibt in mir (sagt er Joh 15,4), nicht in euren Ideen und dem Ertrag eurer Geschichte oder der Lehre eurer Autoritäten. Und fügt hinzu (V. 7): Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben ...!

Die Folgen von
»Schrift und Tradition«
Das Erstlingswort des fleischgewordenen und an die Spitze der Welt getretenen Herrn wird von Dominus Iesus mit Rücksicht auf die Kirche und das Lehramt um seine Vorgegebenheit, um die Einzigkeit seiner Geltung und Heilsreichweite gebracht und so in erschreckender Weise relativiert. Man muß kein Prophet sein, um zu sehen, daß die Heilige Schrift dort, wo die Tradition neben ihr das Sagen bekommt, den kürzeren ziehen wird. Die Zeit eilt. Und je länger die Geschichte fortschreitet, desto wuchtiger wird die Macht der Geschichte werden. Denn was sind wenige Jahrzehnte gegen die Gewalt von hunderten und tausenden sich ständig vermehrenden Jahren? Die Geschichte der Kirche wird ihre Anfänge in die Vergangenheit abdrängen und dort marginalisieren, wenn nicht wie es gebührt, Christus mit seinem Ursprungswort die Übermacht über die Kirche und ihre Geschichte behält.

3. Die Wahrheit
Wie schon gesagt, ist in Dominus Iesus in erfreulicher Weise von der Einzigkeit und Heilsuniversalität unseres Herrn die Rede, ja von der absoluten und universalen Heilswahrheit (Art. 4). Doch diese Wahrheit findet sich überraschenderweise auch in anderen Religionen (Art. 2), die »nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erstrahlen lassen, die alle Menschen erleuchtet«. So sagt auch Artikel 8 (vgl. Art. 14): »Die heiligen Bücher anderer Religionen ... erhalten also vom Mysterium Christi jene Elemente des Guten und der Gnade, die in ihnen vorhanden sind.« Ein eigenartiger Begriff von Heilswahrheit. Hier ist Christus in seiner Wahrheit, was die Religionen betrifft, nicht mehr das personale Gegenüber als schenkender und gebietender Herr, sondern ein diffuses Fluidum, das wie mit der Gießkanne partiell über die Religionen ausgegossen ist – »Ein Strahl«, »Elemente«, nicht mehr er selbst und er-ganz. Merkt man nicht, daß man hier den unteilbar-personalen christlichen Wahrheitsbegriff zerstört, indem man ihn unzulässig relativiert? Kann die eine und ganze Wahrheit in »nicht seltenen« Teilrelativitäten vorhanden sein, in denen sich ihre Absolutheit unbesehen auflöst? Hätten die Religionen an Christus in seiner Wahrheit teil, müßten sie doch an ihr ganz und an ihr selbst teilhaben, nicht nur an etwas oder einem bißchen von ihr.

4. Vom Heiligen Geist –
der Geist im ganzen Universum
In Artikel 12 erfahren wir: »Von einigen wird auch die Hypothese einer Heilsordnung des Heiligen Geistes vertreten, die einen universaleren Charakter habe als die Heilsordnung des fleischgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Herrn.« Das ist eine irrige Behauptung; denn (Art. 12):
»Im Neuen Testament ist das Mysterium Jesu, des fleischgewordenen Wortes, der Ort der Gegenwart des Heiligen Geistes und das Prinzip seiner Aussendung über die Menschheit.« Diese Zusammengehörigkeit von Christus und seinem Geist hindert jedoch Dominus Iesus nicht zu behaupten, das Heilswirken Jesu Christi mit seinem Geist und durch ihn erstrecke sich (Art. 12) »über die sichtbaren Grenzen der Kirche hinaus auf die ganze Menschheit«. »Die Gegenwart und das Handeln des Geistes berühren nicht nur einzelne Menschen, sondern auch die Gesellschaft und die Geschichte, die Völker, Kulturen, die Religionen ...« Nochmals: »es ist der Geist, der die ,Samen des Worts‘ aussät, die in den Riten und Kulturen da sind und sie für ihr Heranreifen in Christus bereit macht.« »Das Lehramt anerkennt die heilsgeschichtliche Funktion des Geistes im ganzen Universum und in der Geschichte der Menschheit.«

Heiliger Geist als
Allrounderscheinung
Auf der einen Seite soll der Heilige Geist Christus zugeordnet und eine
trinitarische Größe sein: »Das Wirken des Geistes geschieht also nicht außerhalb oder neben dem Wirken Christi« (Art. 12), auf der anderen macht er sich von seiner Wortbindung = Christusbindung los und entfernt sich aus der Trinität als eine Art gesellschaftliche und kulturelle Universal-Gegebenheit. Wie bei der Wahrheit ist es auch beim Geist: auch er scheint wie mit der Gießkanne über die Völker und Religionen ausgegossen zu sein, ohne daß der Geist mit seiner Christus-Stimme Menschen zum Hören und Gehorchen bringt und durch Neuschöpfung aus ihrer Gottesferne befreit. Er ist da und auch wieder nicht ganz da. Er verkündigt nicht, er hat »die Vorbereitung (!) der Verkündigung zum Ziel«. Er begabt und beschenkt die Kulturen nicht mit Christus selbst, er macht sie nur für ihr »Heranreifen in Christus bereit«.
Er läßt nicht das Heil wirksam werden, viel abgeschwächter, »Der Geist läßt den heilshaften (!) Einfluß des menschgewordenen Sohnes im Leben aller (!) Menschen Wirklichkeit werden«. Er schafft nicht Leben aus den Toten, er »berührt« Völker und Kulturen. Wie bei Christus als der Wahrheit verliert hier auch der Heilige Geist seine trinitarische Hoheit und Kraft, den ganzen Christus zu überbringen, und zwar als personales, neuschaffendes Gegenüber-Ich mit der ganzen Wortkräftigkeit und Gabenwucht Christi. Statt dessen kommt es zu einer transverbalen kosmischen Geistausgießung mit einer verdünnten, diffusen Geistessuppe. Es ist schmerzlich, eine solche Geistvergessenheit im Zentrum der römischen Lehre wahrzunehmen.

5. Das Wesen der Kirche –
Die Einheit von Christus und Kirche
Es fällt auf, daß Dominus Iesus nicht nur von der Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi, sondern schon im Titel in einem Atemzug, nur durch ein schlichtes »und« verbunden, von der Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche spricht. Christus und die Kirche verschmelzen zu einer Einheit. In Aritkel 16 heißt es ohne Umschweife: »Der Herr Jesus, der einzige Erlöser ..., ... hat die Kirche als Heilsmysterium gegründet. Er selbst ist in der Kirche und die Kirche ist in ihm ...; deswegen gehört die Fülle des Heilsmysteriums Christi auch zur Kirche, die untrennbar mit ihrem Herrn verbunden ist; denn Jesus Christus setzt seine Gegenwart und sein Heilswerk in der Kirche und durch die Kirche fort.«

Die Fortsetzung Christi
Das ist neu. Bisher setzte Christus seine Gegenwart und sein Heilswerk in dem ihn vertretenden Heiligen Geist fort, den er sendet, der es von dem seinen nimmt, der ihn verherrlicht, der der Welt die Augen auftut, den er den Seinen verheißt und dem er sie souverän unterwirft. Denn sie verfügen nicht über ihn und haben ihn nicht im Besitz. Sie bitten immer noch: Komm Heiliger Geist, Herre Gott! Sie empfangen und haben gewiß auch seine Gaben – nicht zur Selbsterhöhung, sondern als Feuer und Anspruch der Liebe, um sie denen zu schenken, die sie nicht haben. Sie haben sie zu verantworten. Und sie unterliegen bis heute der Unterscheidung von wahrem und falschem Gottesgeist, den es leider auch gibt. Sie stehen unter der Frage, ob sie wirklich aus dem Geist ihres Herrn reden und leben oder aus der Herren und Damen eigenem Geist. (Der Geist wird nicht aus sich selber reden.) Der Heilige Geist ist der Geist ihres Herrn und nicht ihre Geistvorhandenheit oder die seiner Kirche.

Untrennbar verbunden?
Gewiß und Gott sei Dank trennt sich Christus nicht von seiner Kirche.  Seine Treue ist groß. Aber wenn er sich nicht von ihr trennt, heißt das doch nicht, daß sie untrennbar mit ihm verbunden ist. Sie hat ihm oft genug die Treue aufgekündigt und seinen Willen mit Füßen getreten. Die Kirche, nicht einzelne Gläubige. Hätte unsere große katholische Bruderkirche nicht ein anderes Gesicht und eine andere Lehre, wenn sie untrennbar mit ihrem Herrn verbunden wäre? Bei einer solchen Verbundenheit wüsste sie zum Beispiel etwas von der Gnade ihres Herrn und würde nicht in der Mehrzahl von Gnaden oder von »voller« und »vollster« Gnade sprechen. Die Gnade ist nicht steigerungsfähig! Sie ist unser Höchstes. Solche einfachen Dinge wüßte eine Kirche, wenn sie Verbindung mit ihrem Herrn hätte.

Die »gotthaltige« Kirche
Wo Christus und die Kirche wie in Dominus Iesus ineinanderfließen, ist Christus nicht mehr der Herr der Kirche, der ihr gegenübersteht, der sie ins Leben ruft, sie begabt, beflügelt, ihr gebietet und sie richtet. Richtet! Sie ist dann zu einer hochfeierlichen Christus-Gegebenheit geworden, von der man hört (Art. 16), »daß die Einzigkeit und Einheit der Kirche sowie alles, was zu ihrer Integrität gehört, niemals zerstört werden.« Hier ist die Kirche nicht mehr, was sie bei allen göttlichen Zuwendungen, die sie erfährt, ist und bleibt: eine menschlich-geschöpfliche, in die Verantwortung ihres über sie entscheidenden Herrn gestellte, auch fehlbare Größe. Ohne Leben aus dem Geist und den schuldigen Gehorsam verliert sie zwar nicht die Verbundenheit ihres treuen Herrn, aber sie gibt als untreue Kirche die falsche, sich von ihm trennende, leider oft genug auch kirchenspaltende Antwort. Ist es erlaubt, der Kirche eine Fraglosigkeit und Gottesvorfindlichkeit zuzusprechen, wie man sie sonst nur aus der Welt der totalitären Sekten kennt?

Die geringeren Kirchentümer
Es ist folgerichtig, daß es außerhalb der erstaunlichen Totalität von Kirche nach Artikel 16 nur noch »vielfältige Elemente (!) der Heiligung und der Wahrheit« gibt, und das in sorgfältig unterschiedenen »Teilkirchen« oder »kirchlichen Gemeinschaften«. Die römische Kirche als Heilsmysterium läßt etwas Raum für Nebengrößen, die freilich auch ihr zu verdanken sind. »Denn der Geist Christi hat sie gewürdigt, sie als Mittel des Heils zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet.«
Die Hündlein leben von den Brosamen, die von Ihrer Totalität Tische fallen und sind auf diese Weise ihre Hausgenossen
.
Die Kirche der angefochtenen und erlösten Menschen
Die Verfasser von Dominus Iesus waren unaufmerksam. Denn wenn der Geist Christi die anderen gewürdigt hat, sie als Mittel des Heils zu gebrauchen (woher sich diese Mittel auch immer herleiten), dann sind sie Kirche, wie nur etwas Kirche sein kann! Oder der Geist, der sie gewürdigt hat, ist wieder solch ein relativer, sekundärer Teil-Geist, wie wir ihn schon aus der Welt der Kulturen und Religionen kennen. – In Dominus Iesus unternehmen die römischen Theologen im Zentrum ihrer Lehre etwas sehr Riskantes. Sie erheben ihre Kirche ins Übermenschliche und drücken die »Anderen« zu relativen und partiellen Größen herunter, die nur »Elemente« der Wahrheit zu eigen haben. Dabei ist die Kirche, wenn auch sicherlich keine »bloße Gemeinschaft von Gläubigen« (Art. 16), immerhin eine Gemeinschaft von Menschen, die aus dem Unheil kommen, die unter dem Zuspruch und Sakrament ihres Herrn allen vergotteten Übergrößen absagen und endlich zu Menschen werden, die gern und ganz bewußt in ihren menschlichen Grenzen bleiben. Das tun sie als die in erschütternder Weise beschenkten, dem Urteil ihres Herrn unterworfenen, von seinem Willen beanspruchten Menschen, die von der Fülle ihres Herrn leben und jeden Tag im Vaterunser um den Trost der Vergebung bitten, und das nicht nur rhetorisch. Aber keine Angst vor der mit Göttlichkeit überladenen Kirche. Christus hat seiner Kirche in einem jahrhundertelangen (kurzen!) Prozeß die Gewalt abgewöhnt, die sie sich angemaßt hatte. Er wird ihr auch die angemaßte substantielle Gottheitlichkeit abgewöhnen und sie zu einer Kirche der (überschütteten, angefochtenen und erlösten) Menschen machen. Dieses aufregende und schöne Kapitel von »Herr ist Jesus« alias Dominus Iesus haben wir noch vor uns.

Rolf Walker
 
 

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Homosexualität: "Gesichtspunkte" der württembergischen Landeskirche
Anmerkungen des Arbeitskreises Lebendige Theologie heute

Unter dem Titel »Gesichtspunkte im Blick auf die Situation homosexueller kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter« hat der Evangelische Oberkirchenrat im September 2000 drei verschiedene Dokumente zusammengestellt und veröffentlicht: den gemeinsamen Bericht von Landessynode und Oberkirchenrat zum Thema »Verschiedene Lebensformen« vom März 1995, das »Positionspapier der Arbeitsgruppe Homophilie« vom Juli 1997, und in zwei Anhängen Auszüge aus der Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema »Homosexualität und Kirche« vom März 1996. Der Herr Landesbischof erklärt in seinem Vorwort, daß die Gegensätzlichkeit der in diesen Dokumenten sichtbaren Positionen »vielleicht hilft«, »ein offenes Gespräch zu führen und zu einer Klarheit zu kommen, die sich für uns als Kirche der Reformation letztlich aus dem biblischen Wort ergeben muß.«
Wir begrüßen die Einladung zu einem »offenen Gespräch« und möchten dazu einen Beitrag leisten. Vor allem liegt uns mit dem Herrn Landesbischof daran, daß wir »zu einer Klarheit kommen, die sich für uns... letztlich aus dem biblischen Wort ergeben muß«.
Die »Gesichtspunkte« gehen von Vorentscheidungen aus, die das Gespräch von vorneherein in eine bestimmte Richtung lenken. Zwei solcher Vorentscheidungen müssen, um ein offenes Gespräch zu ermöglichen, kritisch erörtert werden.

Das Verständnis der Ehe als einer »Lebensform« unter anderen
Der Gedanke der verschiedenen »Lebensformen«, in denen sexuelle menschliche Gemeinschaft gelebt werden kann, entstammt der zeitgenössischen Strömung des Individualismus und Pluralismus, die heute in den Gesellschaften der westlichen Zivilisationen Denken und Leben beherrscht. Hier kann der Mensch nach Belieben entscheiden, welche »Lebensform« er wählen will, gleich ob heterosexueller oder homosexueller Art, die alle gleich möglich und gleichberechtigt sein sollen. Die »Gesichtspunkte« schreiben dabei der Ehe die Funktion eines »Leitbildes« zu. Die biblische Position, die in 1. Mose 1, 27.28 und Markus 10,1-10 gründet, ist damit aufgegeben. Denn die Bibel versteht die untrennbare Gemeinschaft von Mann und Frau nicht als bloße »Lebensform«, die von anderen allenfalls unterschieden wäre durch die Leitbildfunktion, sondern als den von Gott selbst geordneten, unvergleichlichen Stand. In ihm finden Mann und Frau gegenseitige Ergänzung und Erfüllung und werden zugleich dazu beauftragt und gesegnet, sich an Gottes Schöpferhandeln zur Weitergabe des Lebens zu beteiligen.
Die Folge der oben genannten irrigen Vorentscheidung ist, daß auch die moderne Abspaltung der Sexualität von ihrer ganzheitlichen, auf Ergänzung, Erfüllung und den Fortgang des Lebens zielenden Bestimmung faktisch übernommen worden ist. Sexualität ist nun nicht mehr Beziehungs- und Schöpfungselement in einem, sondern nur noch eine isolierte »lebensbereichernde Gabe«, die in allen möglichen, auch homosexuellen Beziehungen erfahren werden kann. Die so abgespaltene und isolierte gleichgeschlechtliche Praxis steht biblisch aber nicht unter dem Vorzeichen »lebensbereichernde Gabe«, sondern der geschöpflichen Unehre und Zerstörung von Schöpfung (Römer 1,26.27).

Die unzulängliche Besetzung der Arbeitsgruppe »Homophilie«
Die gegensätzlichen Positionen in der Arbeitsgruppe Homophilie werden zum einen vertreten durch solche, die eine gesellschaftspolitische, emanzipatorische Position in der Kirche durchsetzen wollen, zum anderen von Personen, die diese Position aus biblisch-theologischen Gründen ablehnen. Nicht wahrgenommen wurden humanwissenschaftliche Erkenntnisse und die therapeutischen und seelsorgerlichen Erfahrungen, die eine weitere Sicht der Homosexualität eröffnen. Diese wird vertreten und praktiziert z.B. durch das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft in Reichelsheim/Odenwald im Rahmen der Offensive Junger Christen, durch verschiedene internationale Organisationen und durch die in Württemberg ansässige, deutschlandweit und international arbeitende Seelsorge-Initiative Wüstenstrom. Es ist erstaunlich, daß dies alles in der Arbeitsgruppe Homophilie und von den Herausgebern der »Gesichtspunkte« offenbar nicht wahrgenommen worden ist, obwohl im Jahr 1994 in Reichelsheim ein internationales Symposion Homosexualität und christliche Seelsorge diese andere Sicht von Homosexualität ausführlich und solide begründet diskutierte (publiziert: Neukirchen 1995) und obwohl 1998 die anglikanische Lambeth-Konferenz das Thema Homosexualität ausführlich verhandelte und zu dem Ergebnis gekommen ist, sie könne »...weder die Legitimierung oder Segnung von gleichgeschlechtlichen Verbindungen noch die Ordination von in gleichgeschlechtlichen Verbindungen Lebenden empfehlen«.
Homosexualität wird in dieser Sicht verstanden als ein biografisch zu erklärender Identitätskonflikt (Anm. 1), der dazu führt, daß Sexualität zur Lösung dieses Konflikts instrumentalisiert und umfunktioniert wird. Davon Betroffene sind deshalb besonderen seelischen Zwängen und Belastungen ausgesetzt. Ihre Lebensweise führt oft zu psychischen und körperlichen Schwierigkeiten und hat insgesamt eine deutlich geringere Lebenserwartung zur Folge. Die Sexualität gewinnt oft suchtartigen Charakter und macht es sehr schwer, eine ganzheitliche, lebenslange Bindung durchzuhalten. Es ist erwiesen, daß Veränderungswillige – ohne Zwang – durch seelsorgerliche Begleitung und geeignete therapeutische Methoden zu einem gesunden und erfüllten Beziehungsleben finden können (Anm. 2).
Wenn diese Erkenntnisse und Erfahrungen in das Gespräch eingebracht worden wären, hätten folgende Aussagen und Behauptungen in den genannten Dokumenten vermieden werden können:
– So die Behauptung, bei der Aussage »Schwule und Lesben seien unfähig zu Treue und verbindlicher Beziehung und neigten mehr zur Promiskuität als Heterosexuelle« handle es sich um ein »Vorurteil«, und die Landeskirche habe die Aufgabe, »auf allen Ebenen solchen Vorurteilen entgegenzutreten«. Die Ergebnisse der statistischen Untersuchungen zu dieser Frage sind so eindeutig, daß es von erschreckender Unkenntnis zeugt, wenn man hier von einem »Vorurteil« spricht, dem »die Landeskirche« entgegentreten müsse (Anm. 3).
– So die Aussage, die »gemeinsame Zugehörigkeit von Homo- und Heterosexuellen zur Kirche« sei »keine Bedrohung, sondern Bereicherung«. Diese gemeinsame Zugehörigkeit ist jedoch weder eine Bedrohung noch eine Bereicherung, sondern eine seelsorgerliche Aufgabe, die in Württemberg von landeskirchlicher Seite bisher nicht angemessen wahrgenommen wird.
– So die Auffassung, »daß eine ethisch verantwortlich gelebte homosexuelle Partnerschaft von Amtsträgerinnen und Amtsträgern nicht im Widerspruch zur Leitbildfunktion der Ehe steht und den biblischen ethischen Leitlinien entspricht«. In Wahrheit gilt: Eine Lebensweise, die der biblischen Bestimmung der Geschlechter widerspricht, macht auch einen Zeugen des Evangeliums unglaubwürdig und ist mit der Treue zum Evangelium und dem öffentlichen kirchlichen Auftrag nicht vereinbar.

Die folgenden Punkte aus den »Gesichtspunkten« bedürfen dringend einer weiteren Klärung:
– Im Positionspapier heißt es schon zu Beginn: »Unsere Württembergische Landeskirche anerkennt, daß sie an der Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte homosexueller Menschen einen Schuldanteil zu übernehmen hat. Sie bittet alle Schwulen und Lesben, an denen sie schuldig geworden ist, um Vergebung. »Hier ist zunächst zu fragen, ob die Arbeitsgruppe Homophile für die gesamte württembergische Landeskirche ein Schuldbekenntnis ablegen kann. Ein Versagen von kirchlicher Seite gegenüber homosexuellen Gliedern soll nicht bestritten werden; die Bitte um Vergebung greift aber zu kurz, wenn nicht zugleich ausgesprochen wird, daß die Seelsorgepflicht an ihnen weitgehend versäumt wurde und bis heute versäumt wird und statt dessen durch »Anerkenntnis« oder weiterhin angestrebte Segnung (vgl. »Gesichtspunkte« S. 17) Schaden wieder gut gemacht werden soll. Hier besteht die Gefahr, daß Anerkenntnis von Schuld instrumentalisiert wird, um die Position der Gruppen HuK (Homosexuelle und Kirche) und LuK (Lesben und Kirche) durchzusetzen und die Gegenseite von vornherein zum Schweigen zu bringen (Anm. 4). Wir halten fest und anerkennen (»Gesichtspunkte« S. 10): »In der württembergischen Landeskirche ist eine Segnung von homophilen Paaren nicht möglich.«
– Landesbischof Renz hofft in seinem Vorwort, »zu einer Klarheit zu kommen, die sich für uns als Kirche der Reformation letztlich aus dem biblischen Wort ergeben muß«. Das Positionspapier stellt unter der Überschrift »Kirche des Wortes« zwei sich gegenseitig ausschließende Interpretationen jener Bibelstellen einander gegenüber, die Homosexualität betreffen. Dies gibt Veranlassung zu klären, was Sinn und Aufgabe der Auslegung biblischer Texte in einer Kirche der Reformation sein kann. Hat sie die Aufgabe, den Text sorgfältig wahrzunehmen, dessen Aussagewillen und Sinn im Zusammenhang der biblischen Sicht des Menschen zu erforschen und danach zu fragen, was Gottes Wille ist – wie es bei der Darstellung »Gesichtspunkte« S. 13 oben, Absatz 1 der Fall ist –, oder kann Interpretation einen eindeutigen biblischen Text mit Hilfe aller möglichen Interpretationskünste so lange biegen, bis er das Gegenteil dessen sagt, was nicht nur der schlichte Leser, sondern die ganze Kirche von Anfang an daraus erkannt hat? Wird dann Auslegung nicht ein Mittel, um die Bibel mundtot zu machen, wo sie den eigenen Interessen zuwiderläuft?
– Im Anhang 2, der einen Auszug aus der Orientierungshilfe der EKD enthält, wird die »Vereinbarkeit mit dem innerkirchlichen und dem ökumenischen Kontext« angesprochen. An dieser Stelle muß in der Württembergischen Landeskirche noch einmal mit allem Ernst bedacht werden, daß wir uns mit der Entscheidung, praktizierende Homosexuelle in das Pfarramt zu übernehmen, in Widerspruch zu unserer eigenen evangelischen Tradition, zu den drei großen Weltkirchen – der römisch-katholischen Kirche, den orthodoxen Kirchen und der anglikanischen Kirche – stellen, und uns gegenüber den Kirchen der Dritten Welt und der alttestamentlich-jüdischen Überlieferung ins Abseits begeben würden.
Mit Nachdruck erinnern wir an die in der EKD-Orientierungshilfe (»Gesichtspunkte« S. 25) geforderte Einmütigkeit in der Frage der Zulassung praktizierender Homosexueller zu kirchlichen Ämtern in allen an der Entscheidung beteiligten Gremien. Einmütigkeit meint dort die Zustimmung »der weit überwiegenden Mehrheit«. Wir stellen fest, daß solche Einmütigkeit in der Württembergischen Landessynode nicht gegeben ist.
Die Aushöhlung des »göttlichen Mandats« (Dietrich Bonhoeffer) von Ehe und Familie und die positive Beurteilung praktizierender Homosexualität als ethisch gleichwertiger »Lebensform« ist kein Zeichen des Geistes Jesu Christi in der Kirche. Sie spiegelt den Geist einer westlichen kulturellen Krise wider und ist ein Zeichen gesellschaftlicher Zukunftslosigkeit und der Orientierungslosigkeit innerhalb der Kirche. Wir können nur dann zur »Klarheit« kommen, »die sich für uns als Kirche der Reformation letztlich aus dem biblischen Wort ergeben muß«, wenn wir endlich mit unverstelltem Blick und seelsorgerlicher Sorgfalt die Situation unserer homosexuell empfindenden Gemeindeglieder wahrnehmen, Hilfsangebote bereitstellen und ernsthaft auf das biblische Wort achten, wie es sich für uns als Kirche der Reformation gebührt. Dies allein muß die Grundlage aller kirchlichen Verkündigung und des kirchenleitenden Handelns bleiben.

 Tübingen, Dezember 2000
Für den Arbeitskreis
Lebendige Theologie heute
Dr. Helmuth Egelkraut, Hans Lachenmann, Dr. Rolf Walker
Die Vorsitzenden:
Werner Schmückle, Volker Teich

Ralf Albrecht, Andreas Bihl, Dr. Roland Deines, Dorothea Gabler, Gerhard Greiner, Dr. Eberhard Hahn, Dr. Christel Hausding, Dr. Heinzpeter Hempelmann, Professor Dr. Martin Hengel, Harald Klingler, Ulrich Mack, Dr. Lieselotte Mattern, Otto Schaude, Rolf Scheffbuch, Hartmut Schmid, Franziska Stocker-Schwarz, Professor Dr. Peter Stuhlmacher

Die Mitunterzeichner:
Markus Hoffmann, Dr. Eberhard Rieth, Albrecht Becker, Emil Haag, Christian Hausen, Professor Dr. Rainer Mayer, Richard Reininghaus, Richard und Inge Schock, Ortwin Schweitzer

Die folgenden Anmerkungen gehören nicht zum unterzeichneten Text. Sie wurden von ihren Verfassern nachträglich als ihre Ausführung zum Text beigegeben.
Anmerkung 1 von Dr. Eberhard Rieth: »Gründliche empirische Untersuchungen (z.B. J. Bieber u.a.) zeigen, daß bei den nach wissenschaftlichen Kriterien untersuchten Homosexuellen typische und gegenüber nicht-homosexuellen Psychotherapie-Patienten statistisch gesicherte Konstellationen bestehen. So hatten zum Beispiel männliche Homosexuelle signifikant häufiger eine Mutter, die den Jungen stark an sich band und einen schwachen oder fehlenden Vater.
Homosexualität lässt sich von daher als eine durch spezielle Selbstentwicklungsproblematik erzwungene Lösung mit Abwehr- und Reparationscharakter verstehen. Sowohl Ängste vor der Mutter wie Schwierigkeiten der Ablösung und Abgrenzung von ihr und die Erschwerung einer männlichen Identifizierung spielen hier eine Rolle. (Zitiert nach Stavros Mentzos »Neurotische Konfliktverarbeitung«, Fischer-Reihe Geist und Psyche, 1997, S. 231ff.) Auch die Ergebnisse der Untersuchungen von Masters und Johnson (1980) können nicht widerlegen, daß es sich bei der Homosexualität um einen »Abwehrvorgang«, um »Ersatzlösung«, um ein »Ausweichen vor dem Konflikt« handelt (a.a. O. 233).
Die Bedeutung der Erbfaktoren ist aus heutiger Sicht relativiert. Deneke (in »Psychische Struktur und Gehirn«, Schattauer 1999, S. 108) faßt zusammen: »Es hatte sich gezeigt, daß sich genetische und epigenetische Faktoren bei der Hirnentwicklung in komplexer Weise wechselseitig beeinflussen. Geht man realistischerweise davon aus, daß beide Faktorengruppen generell interagieren, folgt daraus, daß eine einfache Dichomotisierung der determinierenden Varianzteile unmöglich ist, statt dessen bestenfalls orientierende, ungefähre Schätzungen erlaubt sind.«
Sowohl in stationären wie in ambulanten Einrichtungen, bei Seelsorgern und Psychotherapeuten wurden in den letzten Jahren eine große Zahl von Homosexuellen beraten beziehungsweise behandelt, die unter ihrer sexuellen Orientierung litten und deshalb Hilfe suchten. Sehr viele Homosexuelle erleben ihre häufigen Beziehungsabbrüche als dramatisches, sie tief verletzendes Geschehen, dem sie sich hilflos ausgeliefert sehen. Wie nicht wenige Beispiele zeigen, sind durch seelsorgerliche Beratung und (oder) psychotherapeutische Hilfe über Persönlichkeits-Nachreifungsprozesse sexuelle Neuorientierung und dauerhafte, erfüllte heterosexuelle Beziehungen möglich.
Die große Gruppe der unter ihrer Symptomatik leidenden und veränderungswilligen Homophilen zu Angehörigen einer sexuellen Normvariante zu erklären und so sich ihrer Bitte um Hilfe einfach zu verschließen, ist sowohl vom Evangelium wie von den Erfahrungen der psychotherapeutischen Praxis her ein durch nichts zu verantwortendes Unrecht. Theorien, die die Existenz »geglückter Homosexualität« aufgrund einer »anderen Entwicklungslinie« behaupten, müssen bis heute als »Spekulation« bezeichnet werden. (Mentzos a.a.O. S. 234)
Anmerkung 2 von Markus Hoffmann zum Text: »Homosexualität ist hier verstanden als ein Identitätskonflikt in einem Menschen, der seine eigene genetische, körperliche, psychische und soziale Geschlechtsidentität bisher nur bruchstückhaft empfunden hat. Betroffene streben dabei nach einem Ich-Ideal, das sie an sich selbst nicht wahrnehmen können. Die Idealisierung eines gleichgeschlechtlichen Gegenübers und die betonte Sexualisierung sind ein Versuch, den Mangel an geschlechtlicher Selbstbejahung auszugleichen. Die betroffene Person sucht nach einer Lösung des Konflikts außerhalb von sich selbst, kommt aber durch homosexuelle Partnerschaften gerade nicht zum Aufbau einer inneren Identitätskontinuität, also zu einem Bewusstsein, das die eigene Person
stabilisiert und bestätigt.  Daraus entwickelt sich bei vielen männlichen Homosexuellen ein zwanghaftes Such-Verhalten und eine riskante Sexualität. Diese Lebensweise bewirkt nachweislich psychische und körperliche Schwierigkeiten, die – nicht nur aufgrund von AIDS – zu einer geringeren Lebenserwartung führen.
Erst wenn ein Mensch seinen Identitätskonflikt bearbeiten kann, ist Homosexualität auch veränderbar. Zur Veränderung bedarf es aber stets der freiwilligen Entscheidung eines Betroffenen. Im Raum einer geeigneten seelsorgerlichen und therapeutischen Begleitung können dann Menschen eine innere Identitätskontinuität so aufbauen, daß sie zu einem erfüllten und gesunden Beziehungsleben finden – ohne zwanghafte Versuche, die eigene Persönlichkeit etwa durch sexuelle Kontakte zum gleichen Geschlecht zu stabilisieren.«
Anmerkung 3 von Hans Lachenmann: »Eine nach streng wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte Umfrage in den USA (Sex in America. A Definitive Survey, Boston 1994) ergab, daß die durchschnittliche Zahl der Sexualpartner während der ganzen Lebenszeit bei Homosexuellen 50 beträgt, bei Heterosexuellen jedoch 4, mithin ein Verhältnis von 12:1. Bei Homosexuellen findet man weniger als 2% mit einer monogamen Lebensweise, bei Heterosexuellen 83%, mithin ein Verhältnis von 41:1. Eine Studie aus dem Jahr 1978 (A. P. Bell und M. S. Weinberg, Homosexualities: A Study of Diversity among Men and Women, New York 1978) berichtet von San Francisco, daß 43% der männlichen Homosexuellen mit fünfhundert oder noch mehr unterschiedlichen Partnern Sex hatten, und 28% mit tausend und mehr verschiedenen Partnern.« Quelle: Striving for Gender Identity, Homosexuality and Christian Counselling, edited by Ch. R. Vonholdt, Reichelsheim 1996, S. 172f.
Anmerkung 4 : Dazu bemerkt Dr. Rieth »Zudem werden homophile Partner, die sich eine Segnung wünschen, durch eine kirchliche Segnungshandlung irregeführt, wenn ihre Beziehungsunfähigkeit auf ein Reifungsdefizit zurückzuführen ist. Ihr verständlicher Wunsch nach einer tragfähigeren Basis ihrer Beziehung sollte mit dem Angebot einer sachverständigen, kompetenten Beratung beantwortet werden.«
 
 
 

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Dokumentation: Wie die Landessynode über Homosexualität debattierte

Bei den Haushaltsberatungen am 28. November 2000 ist der Gesprächskreis »Lebendige Gemeinde« bei der Haushaltsstelle »0510 Gemeinde Pfarrstellen« auf die vom Oberkirchenrat herausgegebene Schrift »Gesichtspunkte im Blick auf die Dieses Papier hat in der Öffentlichkeit Irritationen ausgelöst: »Württemberg: Homosexuelle dürfen ins Pfarramt« Deshalb kam es in der Herbstsynode zu einer engagierten, aber überwiegend sachlichen Auseinandersetzung über dieses Thema. Im Folgenden geben wir die Voten aus der Landessynode gekürzt, aber möglichst wörtlich wieder. Gleichzeitig verweisen wir auf die Seiten 19ff. dieses Rundbriefs: Antwort auf die »Gesichtspunkte«.

Gerhard Greiner
...Das Positionspapier der Kirchenleitung »Gesichtspunkte zur Beschäftigung homosexueller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen« hat durch die Veröffentlichung zu heftigen Diskussionen und zu Verwirrungen in der Gemeinde geführt. Ich zitiere einige Schlagzeilen aus Zeitungen:
»Landeskirche öffnet sich vorsichtig für homosexuelle Amtsträger«, »Die gemeinsame Zugehörigkeit von Homo- und Heterosexuellen zur Kirche ist eine Bereicherung«, »Württemberg: Homosexuelle dürfen ins Pfarramt«. Ich frage: Wie kommt es zu solchen lauten und mißverständlichen Tönen? Es war eine unglückliche Stunde, als beschlossen wurde, dieses Papier, ursprünglich nur für den Oberkirchenrat als Entscheidungshilfe bestimmt, zu veröffentlichen. Nun ist die Diskussion öffentlich. Deshalb möchte ich dazu erklären: Für mich lehnt die Bibel homosexuelle Praxis eindeutig ab. Deshalb kann die Kirche homophile Lebensgemeinschaften im Pfarrhaus weder bejahen noch öffentlich segnen. Die Kirche hat aber allen homophilen Menschen ohne Diskriminierung mit Liebe zu begegnen.
Ich respektiere jede andere Exegese der betreffenden Stelle. Aber ich möchte auch meine Exegese deutlich sagen.
Bei schwulen und lesbischen Paaren im Pfarramt wird die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung – ich sage es vorsichtig – berührt. § 20 des Pfarrergesetzes, Verhalten im öffentlichen Leben, gilt für alle im Pfarrdienst. Dabei ist streng zu unterscheiden zwischen der biblisch begründeten Ablehnung des Phänomens Homosexualität einerseits und dem fairen Umgang mit homosexuellen Menschen, gerade im Pfarramt, andererseits. Zu dieser Spannung gehört: keine Ausgrenzung, sondern, in bewußter Korrektur schuldhafter Kirchengeschichte, Eingemeindung, hinein in die Gemeinde.
Andererseits darf eine Heilung nicht dadurch verhindert werden, daß eine Anerkennung homosexueller Lebensformen den Willen zur Veränderung schwächt. Die Hoffnung auf Heilung steht unter der Verheißung, die Gott schafft – Paulus 1. Korinther 6,11: »Und solche sind manche von euch gewesen«, also geheilt.
Dies gilt auch und zuerst für homophile Pfarrer und Pfarrerinnen. Dieser Gesichtspunkt der möglichen Heilung ist biblisch. Er fehlt aber bei »Gesichtspunkte« als wichtiger Gesichtspunkt im Blick auf die Situation von homosexuellen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich bedaure, daß dieser Gesichtspunkt fehlt.

Frau Dr. Hausding:
Frau Präsidentin, liebe Synodale! Ich möchte auch auf dieses Papier eingehen, vor allem auf seine Entstehung und dann Veröffentlichung. Wie schon erwähnt, war es ursprünglich als Arbeitshilfe für den Oberkirchenrat konzipiert. Der Auftrag des Bischofs an die Arbeitsgruppe war mit der Erstellung des Papiers eigentlich erfüllt. Es lag seit drei Jahren vor, aber warum wurde es dann veröffentlicht?
Es ist nicht nur zum Schaden für unsere Kirche, weil es vom Inhalt her unzulänglich ist, sondern ich halte auch den Vorgang für sehr bedenklich. Es darf doch nicht sein, daß etwas, was ausdrücklich zum internen Gebrauch erarbeitet wurde, im Nachhinein ohne Zustimmung aller Beteiligten an die Öffentlichkeit gegeben wird. Das hätte allenfalls geschehen dürfen, wenn die Arbeitsgruppe zu einem einstimmigen Votum gekommen wäre. Das ist aber nicht der Fall. Man formuliert anders, wenn man weiß, daß etwas anschließend veröffentlicht wird. Die Besetzung der Arbeitsgruppe war einseitig, in keiner Weise repräsentativ für unsere Kirche. Das wird gar nicht deutlich. Das müßte man aber wissen, um das Ergebnis bewerten zu können.
Das Papier wird in der Öffentlichkeit jetzt als Erklärung der Landeskirche aufgefaßt. Wer diesen Vorgang bewußt wahrgenommen hat, wird in Zukunft kaum noch bereit sein, an einem brisanten Thema mitzuarbeiten, wenn man damit rechnen muß, daß das Ergebnis entgegen den Vorgaben nicht vertraulich behandelt wird, sondern man sich nachher auf dem Präsentierteller wiederfindet. Es könnte in Zukunft schwierig sein, für ein solches Projekt noch einmal Mitarbeiter mit unterschiedlichen Positionen zu finden.
Die Veröffentlichung des Papiers geschah mit der Absicht, die Diskussion in den Gemeinden zu fördern und die biblische Position zu stärken. Bischof Renz schreibt im Vorwort, er hoffe, daß das Papier vielleicht hilft, ein offenes Gespräch zu führen und zu einer Klarheit zu kommen, die sich für uns als Kirche der Reformation letztlich aus dem biblischen Wort ergeben muß.
Nun ist das Papier aber nicht wirklich offen. Es enthält bereits Vorentscheidungen. Es ist nicht auf dem aktuellen Stand der humanwissenschaftlichen Forschung. Herr Greiner hat es schon angedeutet. Die Tatsache, daß sich homophile Neigungen in vielen Fällen als veränderbar erwiesen haben, wird gar nicht erwähnt. Es wird auch mit keinem Wort auf Hilfen für die Betroffenen hingewiesen, wie sie etwa durch die Seelsorgerorganisation »Wüstenstrom« in Tamm angeboten werden. Damit bleiben wir als Kirche betroffenen Menschen etwas Entscheidendes schuldig.
Zurecht wird eine Entschuldigung ausgesprochen gegenüber Menschen, die diskriminiert worden sind, aber die wäre ebenso notwendig gegenüber solchen Betroffenen, denen aus einer falschverstandenen Rücksicht bisher seelsorgerliche Hilfe und eine Aussicht auf Veränderung vorenthalten wurde.
Ich will noch ein Problem benennen, das schwer wiegt. Wenn unsere Kirche die homosexuelle Praxis von Mitarbeitern akzeptiert, dann isolieren wir uns damit innerhalb der Ökumene. Wir müssen doch im Blick auf andere Kirchen wahrnehmen, daß sie beinahe einhellig homosexuelle Praxis für Christen ablehnen, weil sie nach Aussage der Bibel nicht Gottes Willen entspricht. Deshalb belasten wir mit einem solchen Alleingang das ökumenische Miteinander. Mit den hier verbreiteten Positionen verläßt unserer Landeskirche nicht nur die biblische Basis, wir verabschieden uns zudem aus einer zweitausendjährigen christlichen Tradition und auch aus der jüdischen Tradition.

Oberkirchenrätin Junkermann:
...Der Oberkirchenrat bedauert die Schlagzeilen, vor allem in der kirchlichen Presse, die Herr Greiner zitiert hat, die über die Veröffentlichung der Gesichtspunkte berichten. Der Oberkirchenrat bedauert diese Schlagzeilen um so mehr, als sie dem Ziel der veröffentlichten Gesichtspunkte im Blick auf die Situation homosexueller kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genau entgegenlaufen mit Ausnahmen. Die Gesichtspunkte wurden veröffentlicht, weil wir in der evangelischen Kirche dem Gespräch verpflichtet sind. Gemeinschaft in der evangelischen Kirche ist dem Gespräch miteinander, untereinander vor allem dann verpflichtet, wenn es um strittige oder – noch schwerwiegender – um tabuisierte Fragen und Themen geht. (Beifall)
...Nun war Ihre Anfrage, warum ist dies veröffentlicht worden, noch deutlicher gestellt, Frau Dr. Hausding. Das Ergebnis der Arbeitsgruppe im Juli 1997, dem Landesbischof und von diesem dem Kollegium des Evangelischen Oberkirchenrats vorgelegt, wurde ausführlich und mehrfach im Oberkirchenrat beraten. Schließlich auch in gemeinsamer Sitzung des Evangelischen Oberkirchenrats mit den Mitgliedern des Ständigen Ausschusses der Landessynode. In dieser gemeinsamen Sitzung ist beschlossen worden, daß sowohl die Kundgebung von Reute, gemeinsam von Landesbischof und Oberkirchenrat 1995, als auch dieses Arbeitsergebnis veröffentlicht werden sollen, damit diese Gesichtspunkte einen Ausgangspunkt bilden können für Gespräche in den Gemeinden in der Hoffnung und in der Zumutung, daß Christenmenschen in der christlichen Gemeinschaft ein offenes Gespräch immer wieder neu wagen können. Das heißt, diese Gesichtspunkte sind ein Werben für das Gespräch und in diesem Werben sehr wohl, so denke ich, für alle unterschiedlich Beteiligten eine Zumutung...
Das Kollegium des Oberkirchenrats hat sich intern verständigt über die rechtlichen Rahmenbedingungen für kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, insbesondere für Pfarrerinnen und Pfarrer in der Landeskirche betreffend Homosexualität und Dienstauftrag. Sie hat dieses auch intern mit der Pfarrerschaft, mit der Pfarrervertretung diskutiert, und ich möchte Ihnen mitteilen, was darin festgehalten ist.
1. Homosexualität stellt die Eignung für den Dienst als Pfarrerin und Pfarrer nicht grundsätzlich in Frage. Entscheidend ist, daß dadurch die Ausübung des Dienstes nicht behindert wird.
2. Die kirchlichen Anstellungsträger haben keinen Anspruch darauf, über das Sexualleben der Bewerberinnen und Bewerber bzw. der Amtsinhaberinnen und Amtsinhaber Auskünfte zu verlangen und diese auszuforschen.
3. Bewerberinnen und Bewerber werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie aber möglicherweise wegen ihrer Orientierung nicht auf allen Stellen in der Landeskirche eingesetzt werden können und daß es nicht ausgeschlossen ist, daß ihnen bei Bewerbungen Nachteile entstehen oder bei nichtüberwindbaren Auseinandersetzungen in der Gemeinde aufgrund ihrer Lebensführung die Versetzung in den Wartestand in Betracht kommen kann.
4. Auch homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer sind in ihrer Verkündigung an das biblische Leitbild gebunden, wonach die Ehe Gottes gute Gabe und Aufgabe ist. Die eigene Lebensgestaltung darf dem gegenüber nicht als Leitbild vertreten werden.
5. Für viele Kirchenmitglieder ist es schwer, aufgrund tiefgehender Prägung insbesondere wegen des biblischen Zeugnisses Homosexualität zu akzeptieren. Darauf müssen betroffene Pfarrerinnen und Pfarrer Rücksicht nehmen und sich entsprechend verhalten. Vor allem dürfen sie durch ihr Verhalten keinen Anlaß zu Spaltungen in der Gemeinde geben.
6. Das Leben als Pfarrerin und Pfarrer ist auch ein öffentliches Zeugnis.
Deshalb muß Rücksicht auf Menschen genommen werden, denen durch eine öffentlich gelebte homosexuelle Beziehung der Zugang zu ihrer Pfarrerin oder ihrem Pfarrer erschwert würde. Daher ist es im Grundsatz nicht möglich, daß homosexuelle Paare gemeinsam im Pfarrhaus leben.
Ein 7. Punkt ist, daß Regelungen entsprechend für alle anderen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelten, wobei insbesondere die jeweilige Nähe zum Verkündigungsauftrag der Kirche zu berücksichtigen ist. ...

Landesbischof Eberhardt Renz
ging auf die Arbeitsgruppe und die Entstehung des Papiers ein und sagte u.a. Wir haben das Papier bewußt »Gesichtspunkte« genannt. Es bedeutet eine Herausforderung zur eigenen Diskussion. Wir wollen ein Gespräch in Gang bringen und befördern und lernen, wie man mit einem Tabuthema umgehen kann. Ich wußte schon, was ich Prälat Gerhard Maier zumute, als ich ihn bat, die Moderation der Arbeitsgruppe zu übernehmen. Ich spreche bewußt von Moderation, weil ja auch ihm freigestellt sein muß, in der Arbeitsgruppe seine Position zu vertreten. Das hat er wie alle anderen Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe auch getan. ...

Prälat Dr. Gerhard Maier:
...Erstens: Das Positionspapier der Arbeitsgruppe Homophilie ist keine kirchenamtliche Erklärung gewesen, sondern ist das Arbeitsergebnis einer Arbeitsgruppe, so wie prinzipiell mehrere Arbeitsgruppen in einer Kirche denkbar sind. Ich denke, es wurde oft mit einer solchen offiziellen Stellungnahme unserer Landeskirche verwechselt.
Das Zweite: Es sollte ein Ausgangspunkt für die Gespräche sein, nicht nur für Streit.
Das Dritte: Der Arbeitsauftrag umschloss nicht die Frage einer eventuellen Heilung, so wenig wie die Synode 1995 zu diesem Thema Festlegungen getroffen und Äußerungen gemacht hat.
Viertens: Wir haben versucht, unter den Stichworten »Zugehörigkeit, Liebe und Zuwendung« deutlich zu machen, was sich die ganze Arbeitsgruppe eigentlich hier an Positionen vorgestellt hat.  Wir wollten keine Überheblichkeit denen gegenüber, die mit einer anderen sexuellen Orientierung in unseren Gemeinden leben, als wir es gewohnt sind. Wir haben deutlich gemeinsame Zugehörigkeit, Anerkennung unserer Schuld und Vermeidung der Diskriminierung zum Ausdruck gebracht. Dazu müssen wir als Kirche, denke ich, stehen. Ich kann ja nicht sagen, daß ich irgendwo besser bin.
Das Sechste was ich nennen wollte: Es ist klar, daß wir ganz verschiedener Meinung in der Frage waren: Was sagt nun die Bibel zu einer homosexuellen Praxis? Sie wissen, daß ich der festen Überzeugung bin, daß die Bibel eine solche homosexuelle Praxis ablehnt und daß sie deshalb nicht als eine erlaubte Lebensgemeinschaft in Frage kommen kann. Das ist meine persönliche Meinung. Daran habe ich auch nichts abgestrichen. Andere waren anderer Auffassung. Das sehen Sie nun.
Siebtens: Wir waren auch verschiedener Meinung im Blick auf die Frage der Aufnahme in den Pfarrdienst und überhaupt in den kirchlichen Dienst. Was hier für eine Linie von uns
als Kirchenleitung verfolgt wird, hat Frau Junkermann ganz eindeutig dargestellt, denke ich. Einig waren wir uns, daß eine Segnung von homophilen Paaren für uns in Württemberg nicht stattfindet. Das hat die Württembergische Landeskirche mit einer uneingeschränkten Klarheit zum Ausdruck gebracht. Ich bitte das einfach auch noch einmal zur Kenntnis zu nehmen...
 
 
 

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Gerechter Friede ist Kriegsverhütung

Nach sieben Jahr Vorarbeit haben die katholischen Bischöfe Deutschlands am 24. September 2000 ihr lange erwartetes neues Grundsatzpapier zur Friedensethik abgeschlossen. Die Bischöfe sahen sich nach dem Ende des alten Ost-Westkonflikts im Jahre 1990 durch die vielen neuen innerstaatlichen Konflikte, von denen die blutigen Balkankriege seit 1991 ein kleiner Teil sind, zu neuem Nachdenken herausgefordert; sie sind beunruhigt von der verbreiteten Unterentwicklung und Armut in vielen Teilen der Welt und bedrückt von den vielen Menschenrechtsverletzungen. Soziale und wirtschaftliche Mißstände sind Ursachen gewaltförmiger Konflikte. Sie verletzen die menschliche Würde und fordern zu weltweiter Solidarität heraus. Gerechtigkeit und Solidarität, so die Bischöfe, sind die beiden Leitprinzipien auf der Suche nach einem gerechten Frieden. Der breit angelegte Friedensbegriff ist heute allgemein üblich geworden; dies gilt auch für die Forderung des bischöflichen Worts, Kriegsverhütung vorrangig durch friedliche, also gewaltvermeidende und gewaltverhindernde Konfliktbearbeitung zu erreichen.

Zweitrangige Aufgabe des Militärs
Bei der klaren politischen Zielvorgabe eines gerechten Friedens kann dem Militär nur eine zweitrangige Aufgabe zukommen. Angesichts der anhaltenden Realität von Kriegen und Gewalt können Streitkräfte nach Maßgabe der UNO-Charta zu einem Verteidigungskrieg eingesetzt werden oder aber internationale Nothilfe leisten. Gerade durch den Kosovo-Konflikt wurde die Frage in der Öffentlichkeit heiß diskutiert, ob die internationale Gemeinschaft »den schutzlosen Opfern schwerwiegender und systematischer Verletzung der Menschenrechte innerhalb eines Staates durch eine gewaltsame Intervention zu Hilfe« kommen darf (Ziff. 152). Die Antwort des neuen Friedenspapiers liegt ganz auf der Linie der seit Jahren ökumenisch vertretenen Friedensethik: Nur bei strikter Beachtung strenger Kriterien ist eine militärische Intervention hinnehmbar, nach dem Scheitern aller politischen Bemühungen, wenn ein Militäreinsatz bei größtmöglicher Schonung der Zivilbevölkerung Erfolg verspricht. Trotz der sehr militärkritischen Grundhaltung bleiben die Bischöfe bei der Festlegung des 2. Vatikanischen Konzils, wonach sich Soldaten im Dienste ihres Vaterlandes »als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker« betrachten sollen (zitiert Ziff. 133).

Selbstverpflichtung der Kirche im Dienst des Friedens
Erstaunlich breit angelegt ist die Selbstverpflichtung der katholischen Kirche im Dienste des Friedens. Sie hat, so die Bischöfe, von ihrem Herrn die Aufgabe erhalten, mitten in der Welt des »gewaltbewehrten Friedens einen größeren, ‚messianischen‘ Frieden zu leben, der nicht auf Gewalt, sondern auf Vertrauen baut« (Ziff. 162). Die Aufarbeitung der eigenen christlichen Gewaltgeschichte soll diesem Ziel dienen, aber auch die konkrete Projektarbeit etwa im Rahmen des zivilen Friedensdienstes in Konfliktgebieten überall auf der Welt.

Aufmerksamkeit für die
Bundeswehr als kriegsführungsfähiger Bündnisarmee
Wie verhält sich das neue katholische Dokument zur evangelischen Friedensethik der Gegenwart? Die Übereinstimmungen mit dem letzten bedeutenden Friedensdokument der EKD von 1994 (»Schritte auf dem Weg des Friedens«) sind offenkundig und betreffen sowohl das Grundkonzept des gerechten Friedens als auch den Vorrang der Kriegsverhütung durch friedliche Konfliktbearbeitung. Das bischöfliche Wort geht auch auf den Umbau der Bundeswehr zu einer kriegsführungsfähigen Bündnisarmee ein. Früher als die evangelische Kirche haben die katholischen Bischöfe die Brisanz dieser Entwicklung gesehen.  Sie fragen nach Sinn und Berechtigung der weiteren Wehrpflicht im Blick auf die neuen Aufgaben der Bundeswehr und nach der Zukunft der Inneren Führung, alles Fragen, die in den Kirchen und in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit als bisher verdienen.  Wird die Besonderheit, ja weltweite Einzigartigkeit der Bundeswehr in Gestalt der Inneren Führung, also die möglichst enge Einbindung des Soldaten in die demokratische und freiheitliche deutsche Gesellschaft, seine politische Bildung und die Befähigung zu eigenständigem und verantwortlichem militärischen Handeln, Bestand haben, wenn deutsche Streitkräfte mit anderen europäischen Streitkräften viel enger als bisher verzahnt werden?

Ein wirklich neuer Ansatz
Ein wirklich neuer Ansatz der Bischöfe verdient größte Anerkennung aus evangelischer Sicht. Sie haben im ersten Hauptteil ihrer Schrift (S. 12 – 33) die biblischen Grundlagen der Friedensbotschaft dargestellt und in Grundzügen eine Geschichte der Gewaltbearbeitung im Alten und Neuen Testament nachgezeichnet. Was ist daran so ungewöhnlich? Es ist der Versuch, zu zeigen, wie die biblische Friedensbotschaft im Gegenüber zu den vielen kriegerischen Traditionen vor allem des Alten Testaments in einem geschichtlichen Lernprozeß Gestalt angenommen hat und in die Friedensbotschaft Jesu Christi im Neuen Testament einmündet. Die biblische Sicht des Friedens, die auf der Urgeschichte der Menschheit aufbaut, läßt keinen Raum für Illusionen über die menschliche Natur. »Sichtbar wird eine Szene voller Gewalttätigkeit. Gewalttat prägt die menschliche Geschichte. Gewalt frißt sich in die Struktur unserer Welt hinein und verändert sie« (Ziff.13). In der Sintfluterzählung, so die Friedensschrift der Bischöfe, spiegele sich die Urangst des Volkes Israel »vor der letzten Gefährdung unserer Welt« durch die Sünde (Ziff. 18). Doch mit Noah beginnt Gott eine neue Weltordnung. Der Noah-Bund beinhaltet erstmals eine Rechtsordnung auch unter den Menschen, die Gewalt unter den Menschen begrenzt. Gott sieht deshalb eine erneute völlige Zerstörung des Kosmos nicht mehr vor. In der Erwählung Israels sollen alle Völker Segen erfahren. »Damit das herausgerufene Volk Gottes zum faszinierend-verwandelnden Ferment der Weltgeschichte werden kann, muß es allerdings selbst einen fast unendlich langen und leidvollen Wandlungsprozeß durchmachen. Dieser führt zu einem neuen Verhältnis zur Gewalt« (Ziff. 27).

Veränderung im Gottesbild
vom Alten zum Neuen Testament
Die Bücher Israels sind deshalb »so mit Blut gefüllt. ... Um Gott und dessen Handeln in der Geschichte zu preisen, konnten ... die Anfänge Israels, sein Auszug aus Ägypten und der Einzug in das ihm zugesagte Land, als gewaltige Kriegstaten Gottes, als Vernichtung ganzer Armeen und ganzer Populationen, dargestellt werden« (Ziff. 27f.). Bibelfeste Leser kennen die Überlieferung von Sauls Vernichtungskrieg gegen die Amalekiter in 1. Samuel 15, eine schaurige Geschichte, weil im Namen Gottes ein Völkermord geschehen soll. Wirklich Gottes Wille? Das Friedenswort hat den Mut, ein Tabu zu berühren, wenn es denn wirklich aus christlicher Sicht eines sein kann: »Zu dieser langsamen Herausführung aus dem Denken in Kategorien von Gewalt und Gegengewalt gehört notwendig auch ein Gottesbild, das noch nicht der Welt des wahren Friedens entspricht. Ein Volk, das weitgehend in der allgemeinen Welt der Gewalt steckt, muß notwendig auch noch ein von den Zügen der Gewalt gezeichnetes Gottesbild haben. Erst miteinander verändern sich die eigene Weltsicht und das eigene Gottesbild« (Ziff. 30). Das sind mutige Thesen, die die Frage nach dem rechten Verständnis des Alten Testaments als Wort Gottes berühren. »Das Neue Testament führt uns in eine hochgespannte Situation. Mitten in dem Frieden, wo ... Gewalt durch eine ihrerseits gewaltbewehrte Rechtsordnung verhindert wird, beginnt der größere, von Gott eigentlich gewollte Friede Fuß zu fassen, der keine Gewalt mehr braucht. Es ist der messianische Friede, der allen Menschen angeboten wird. ... Doch zu Ende gekommen ist dieser Prozeß keineswegs« (Ziff. 51).

Christlich motivierte
Versöhnungsarbeit
Anerkennung aus evangelischer Sicht verdient auch das große Interesse der Bischöfe an einer christlich motivierten Versöhnungsarbeit zwischen verfeindeten Volksgruppen nach bewaffneten Konflikten.
Die Stärke des neuen friedensethischen Dokuments liegt in der Leidenschaft des Engagements für einen gerechten Frieden, in der biblischen Fundierung und im Mut, nicht weniger zu fordern als einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel auch in unserer Gesellschaft im Dienste der Gewaltlosigkeit. Aber eine Anfrage soll nicht verschwiegen werden, gerade nach den ersten schon mehrjährigen und keineswegs glanzvollen Ergebnissen bisheriger ziviler Konfliktnachsorge zum Beispiel in Bosnien. Wird die neue, inzwischen zur Mode gewordene Hochschätzung der zivilen Friedensdienste und der gewaltfreien Konfliktbearbeitung nicht übertrieben? Mehr Realismus heute würde manche herbe Enttäuschung morgen mildern. Doch diese Anfrage kann die Vielzahl gediegener Einsichten und Impulse im neuen katholischen Friedensdokument nicht schmälern.

 Gerhard Arnold, Würzburg
 
 

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