Rundbrief Dezember 2000

Gedanken zu Weihnachten - von unserem Vorsitzenden Gerhard Greiner
Auf Schatzsuche - Gedanken zur Jahreslosung 2001
Die EKD-Stellungnahme zum Verhältnis zum Judentum- ein kritischer Kommentar
Ein katholischer Priester beschreibt einen "evangelischen" Engel
Eine Jungfrauengeburt heute
Ein ehemaliger Student erinnert sich an "Pastor Fritz" von Bodelschwingh
Was tausend Gulden wert sind
 
 


Der Vorsitzende hat das Wort

Sehr geehrte, liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde der Evang. Sammlung!

In dieser Advents- und Weihnachtszeit steigen bei vielen von uns Erinnerungen auf. Da sind die schmerzlichen Gedanken, die uns in dieser Zeit an einen lieben Menschen erinnern, der nicht mehr unter uns ist. Gerade zu ihnen will in dieser Zeit das Weihnachtslicht kommen, um unser Leben ein wenighell zu machen. Manchen kommt die Erinnerung an unsere Kindheit: Ich denke an das Schlüsselloch, durch das ich ins Weihnachtszimmer des Elternhausesgespickt habe, um einwartendes Geschenk zu erhaschen. Wir erinnern uns an die Ewigkeiten, die es gedauert hat, bis endlich die Tür zum Weihnachtszimmer aufging. Manche erinnern sich noch an den Kaufladen mit den kleinen Schublädchen, wo»Tee« noch mit »Th« geschrieben war, weil er von den Großeltern stammte.

Vieles hat sich seitdem verändert. Die Gabentische sind reicher geworden. Wir alle aber halten fest an der alten heiligen Geschichte von der Geburt unseres Erlösers. Dieses »Geheimnis der Weihnacht«möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, deutlich machen in drei Worten, beziehungsweise in drei Bildern:

Schiff: »Es kommt ein Schiff...« EG 8,1-6.
Haus: »Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf«, Johannes 1, Vers 11 und Vers 14... »er wohnte unter uns«.
Kind: »Das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend«, Lukas 2, Vers 12.

Schiff
Das Schiff, von dem wir in diesem Lied singen, ist kein Luxusschiff. Es ist ein Rettungsschiff. Es kommt zu uns herübergefahren von Gott, in seinem Wort, hinein in unser Leben, in unsere Zeit. Die Last des Schiffes heißt Gnade.

Vieles können wir einander an Weihnachten schenken. Vieles können wir machen. Gnade können wir einander nicht schenken. Gnade können wir nicht machen, mit keiner Förderstraße, mit keinem Computer, durch keine Genmanipulation. Das Rettungsboot bringt die Gnade Gottes. Das heißt auf Deutsch: Gottes Herabneigen zu uns.
Ganz persönlich hat dieses Rettungsschiff Kurs genommen auf Sie, liebe Leserin und lieber Leser. Gott sucht uns. Er möchte uns Frieden, Vergebung, Freude schenken. Hilferufe sind erlaubt. Tränen, auch solche der Freude, sind möglich. Es geht nicht nur um Stimmung. Es geht um Rettung: »Welt ging verloren«, heißt es im Lied. Das Schiff bringt Arzt und Arznei.
Und das ist für uns jetzt die größte Freude: Gottes Rettungsschiff hat nicht abgedreht. Gott hat nicht gesagt: Mein Sohn Jesus Christus ist mir zu schade, den behalte ich für mich. Nein. Gott schickt das Schiff:

»Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.«
Das Schiff nimmt Kurs auf uns. Seine Botschaft heißt: Freut euch. Christ, der Retter, ist da. »Euch ist heute der Heiland geboren.«
Der Anker ist festgemacht in Bethlehem. Er ist noch tiefer eingerammt auf dem Hügel Golgatha. Gott ist jedem von uns gnädig. Er neigt sich zu uns herab. Keiner ist allein. Das ist unsere Rettung.

Haus
Dieses zweite Wort und Bild redet zu uns. »Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf«. Ihm gehört das Volk Israel. Er hat es erwählt aus allen Völkern. Aber sie nahmen ihn nicht auf. Die Hausbesetzer sperren ihn aus. »Denn sie hatten keinen Raum in der Herberge.«
Aber Gott lässt sich nicht einfach abdrängen. Da sehen wir diesen starken, stillen Trieb der Liebe Gottes auf uns zukommen. Im Hinterhof lässt er sich nieder, im Stall von Bethlehem.
Und als sie ihn hinauswerfen aus Jerusalem, aus seiner Stadt, bringt er selbst das große Opfer dar, auf Golgatha. Seine Liebe ist stärker als der Tod. Drei Kreuze auf dem Hügel Golgatha: der in der Mitte, der hängt für dich und mich!
In dieser Zeit möchte er aufs Neue in jedes Haus. Deshalb sind in der Advents- und Weihnachtszeit die Engel unterwegs. Es sind die Boten Gottes, die uns diese Nachricht persönlich zusprechen wollen.
Wir alle sind sein Eigentum. Jedes Menschenleben gleicht einem Haus, in das Gott einkehren möchte. Und wenn er nicht einzieht, bleibt das Haus nicht leer. Dann finden Hausbesetzungen statt. Menschen sind besessen, besetzt: vom Hass, von der Gier, von der Angst, von der Sucht. Da kann der Alkohol ein ganzes Haus besetzen und ruinieren. Da kann die Gottvergessenheit unseren Alltag besetzen. Wenn wir Gott nicht einlassen, bleibt unser Hausohne Frieden und Freude. Mit der Taufe wurde das Haus unseres Lebens eingetragen als Eigentum Gottes. »Ich taufe dich auf den Namen Gottes, des Vatersund des Sohnesund des Heiligen Geistes«, das heißt doch: Wir gehören Gott. Aber er bricht nicht einfach ein. In der Taufe werden die Riegel geöffnet, aber wir selber müssen die Tür unseres Lebens aufmachen für ihn. Wir müssen ja sagen zu ihm. Unser Wille ist gefragt. Was wollen wir?
Niemand kann uns hindern zu bitten: »Herr, komm in mir wohnen.« Und die Gnade der Taufe zerreißt das Netz der Schuld und vertreibt die Finsternis.
Wir öffnen unser Lebenshaus im Gebet. Die Hingabe an Gott geschieht, wenn wir beten. Dann geben wir ihm die Schlüssel, auch den Kellerschlüssel, wo die Schuld der Vergangenheit verschnürt und verpackt ruht. Er wird das Haus reinigen. Oft ist diese Hausübergabe ein schweres Geschäft. Das ist ein Kampf wie bei einer schwierigen Geburt. Dann braucht es eine Hebamme, einen, der Seelsorge an uns übt. Aber das gilt uns allen: Gott will in sein Eigentum. Wir gehören ihm. Er will zu mir und zu dir.

Kind
Jesus kam als Kind zur Welt. Wenn er zu uns kommt, werden wir neu geboren. Das Kind wird in uns geboren. Das ist das Wunder der Weihnacht. Gottes Geburt geschieht in uns durch sein Wort und durch seinen Heiligen Geist. Wir können das nicht machen, so wenig wir unsere erste Geburt machen können. Aber er gibt uns die Macht, das Recht und die Freiheit, Gottes Kinder zu werden, indem wir an seinen Namen glauben. Glauben heißt: Häng dich ganz an ihn. So erfahren wir, dass er uns trägt.
Die Freude der Wiedergeburt ist die größte Freude. Wenn wir eine Mutter nach der Geburt sehen, glücklich, das Kind im Arm, dann bekommen wir eine Ahnung davon. Die Freude der neuen Geburt übertrifft alle irdischen Freuden. Gottes Kind zu sein ist mehr als alles, was man haben kann.
Hat uns ein Wort Gottes noch nie getroffen? Hat uns die Gnade Gottes noch nie berührt? Haben wir also noch nie die Regungen des Kindes in uns gespürt?
Das Kind in uns, das neue Leben aus Gott, muss sich bewegen. Es muss atmen und schreien können. Es braucht einen Platz, damit es nichtzertreten wird, von Ochs und Esel. Und dann: ein Kind wächst nichtgut auf als Einzelkind. Wenn einer allein glaubt, wird er leicht vom Glauben abfallen. Er braucht die andern. Wir brauchen die Gemeinschaft. Darum redet die Bibel in der Mehrzahl: »Welche ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu heißen«.
Ein Kind verändert unser Leben. Junge Ehepaare können ein Lied davon singen, was das für eine Umstellung bedeutet, wenn sie das erste Kind haben. Alles dreht sich um das Kind. So ist es auch, wenn wir zum Glaubenkommen, wenn Jesus in uns geboren wird und das Leben des Glaubens anfängt. Wenn Christus in uns zur Welt kommen will, fürchten wir dann die Veränderungen? Christus in uns verändert unser Leben. Das Kind in unserem Leben macht alles anders. Unser Leben bekommt eine neue Richtung. So will das Wunder von Weihnachten an uns, in uns und unter uns geschehen.
Liebe Mitchristen, das Leben mit Christus ist kein bequemes Leben. Die Ablehnung, die ihn trifft, trifft auch uns. Wir werden in einen schmerzhaften Prozess hineingenommen. Wir haben teil an seinem Leiden, an seinem Kreuz. Unser Egoismus, unsere Eigensucht, unsere Bequemlichkeit, unsere Angst um uns selbst muss sterben. Wir sterben mit Christus, wenn er uns auf seinen Weg nimmt. Aber durch alles hindurch rettet er uns. Und dann, wenn Christus in uns stark und groß geworden ist, wird er uns hinübertragen und heimbringen in Gottes Reich. Das ist das Ziel und unsere Hoffnung in dieser festlichen Zeit. Das ist dann der endgültige Christustag.

Liebe Leserinnen und Leser, das Schiff ist jetzt an Land. Es bringt Gottes Herabneigen zu uns. Der Herr steht vor der Tür und klopft an. Werden wir ihn aufnehmen in unser Haus, in unser Herz? Christus will in uns geboren werden. Er will uns verwandeln und heimbringen in die ewige Heimat. Dann ist es noch einmal Weihnachten.

Mit dem herzlichen Dank für Ihre begleitende Fürbitte und die finanzielle Fürsorge und mit ebenso herzlichen Wünschen für eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit grüße ich Sie ganzherzlich und verbleibe

Ihr
Gerhard Greiner
 
 
 
 

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Auf Schatzsuche! Gedanken zur Jahreslosung 2001

Das mutet seltsam an! Schatzgräber – das gehört doch in eine längst vergangene Zeit, in der es noch wirklich Schätze in den Pharaonengräbern gab; in die Zeit der Burgen und Schlösser in die Zeit der Goldgräber. Schatzgräber – das erinnert an Heinrich Schliemann, der nach langen Mühen das alte Troja findet. Schatzgräbergesucht –  doch nicht im Jahr 2001!
Wer sucht eigentlich Schatzgräber? Paulus höchstpersönlich. Er sucht sie zunächst in einer Gemeinde, die er nicht einmal besucht hat. In einer Gemeinde, die er nur vom Hörensagen her kennt. Von den Erzählungen und Schilderungen des Epaphras, der wahrscheinlich freiwillig mit ihm seine Gefangenschaft in Rom teilt. Und über den Tychikus erreicht die Gemeinde der Aufruf des Paulus in Kolosser 2,3: »In Christusliegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.«
Paulus schafft es doch immer wieder, die Gemeinde in Kolossä und uns zu überraschen mit seinem Aufruf: Schatzgräber gesucht. Normalerweise gibt es eine Schatzkarte, mehr oder weniger vergilbt, auf der der geheimnisvolle Ort des Schatzes verschlüsselt angedeutet ist. Der Weg muss gefunden werden, manche Rätsel darin gelöst werden... es riecht nach Wagnis, Abenteuer und Risiko. Aber Paulus spielt auch hier mit offenen Karten: Schätze der
Weisheit und der Erkenntnis, und zwar alle!
Lohnt es sich wirklich noch, Schätze zu suchen und zu finden? Es ist doch alles klar. Das Geheimnis steckt in einem Wort: »verborgen«.Der Ort ist eindeutig und doch ist der Schatz nicht sofort erkennbar noch für jedermann frei zugänglich. Und wo soll man jetzt suchen? Jesus selbst gibt uns einen Hinweis in Matthäus 6, 20-21: »Sammelt euch aber Schätze im Himmel... Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.«
Für Paulus ist trotz allen klaren Angaben Graben angesagt. Die Gemeinde in Kolossä und wir sollen ein Geheimnis entdecken. Es ist nur von dem zu finden, der auch bereit ist in die Tiefe zu gehen.
Gott selbst betont in Jesaja 48,16: »Ich habe von Anfang an nicht im Verborgenen geredet...«. Von Jesus wird diese Aussage aufgenommen und in Johannes 18,20 vor dem Hohepriester bestätigt. Das »Verborgen in Christus« ist kein Geheimbuch. Christus selbst verfügt über den Schlüssel. Wer zu ihm gehört, hat auch Zugang zu diesen Schätzen.
Noch einmal zurück zum Bild des Schatzgräbers. Wenn er den Schatz gefunden hat, muss er an anderen Stellen von neuem suchen und graben. Bei Christus ist man an einem Ort und entdeckt trotzdem die Fülle des Schatzes nicht an einem Tag. Dazu sind die Schätze einfach zu riesig; sie sind nicht in Kürze erfassbar. Wenn wir uns auf das Grabeneinlassen, zum Beispiel im täglichen Bibelstudium, werden wir Tag für Tag Neues entdecken. Und das Schöne: Nie wird ein Schatz, den wir schon lange gefunden haben, wertlos. Nein, sondern die neu gefundenen Schätze ergänzen die »alten Schätze«. Und das Beste: auch wenn unser letztes Hemd keine Taschen hat – dieser Schatz hat Bestand über das Zeitliche hinaus. Schatzgräber gesucht! Lassen Sie sich 2001 neu dazu einladen und herausfordern.

Christa Albrecht, Marbach
 
 
 

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Die EKD-Stellungnahme zum Verhältnis zum Judentum - ein kritischer Kommentar

Im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland ist in diesem Sommer eine Studie zum Verhältnis der Kirche zum Judentum veröffentlicht worden. Sie trägt den Titel:
»Christen und Juden III – Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum.« In der Studie spiegelt sich die in der Kirche stattfindende Auseinandersetzung um die Berechtigung und Notwendigkeit des christlichen Zeugnisses gegenüber jüdischen Menschen. Im Folgenden wird der Inhalt der Studie referiert und kritisch beleuchtet. Eine Stellungnahme der Evangelischen Sammlung zu dieser Studie ist vorgesehen.

1. Die Entwicklung seit Studie II.
Die im Jahr 2000 erschienene Studie sieht sich als Fortführung der Studien I (1975) und II (1991). Dort waren Punkte herausgestellt, bei denen Einverständnis herrscht:
1. Absage an den Antisemitismus
2. Eingeständnis der christlichen Mitverantwortung und Schuld am Holocaust
3. Erkenntnis der unlösbaren Verbindung des christlichen Glaubens mit dem Judentum
4. Anerkennung der bleibenden Erwählung Israels
5. Bejahung des Staates Israel.

2. Der Bund Gottes
Die Studie untersucht den alttestamentlichen und neutestamentlichen Bundesbegriff mit dem Ziel einer Klärung der Frage, ob legitimerweise davon geredet werden kann, dass die Kirche durch Jesus Christus in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen sei (Rheinischer Synodalbeschluss1990). Sie kommt zufolgenden Ergebnissen:
– Das Modell einer Hineinnahme der Kirche in die Bundessetzungen Israels entspricht nicht dem komplexen biblischen Gesamtbefund. Ebensowenig entspricht es dem legitimen, biblisch begründeten Selbstverständnis des jüdischen Volkes.
– Die einzige und damit entscheidende Verbindung von Bund und Heil für die Völker findet sich im Neuen Testament in der Herrenmahlstradition. Hier vollzieht sich eine christologische und soteriologische Neuakzentuierung des Bundesgedankens. In dem durch die Einsetzung des Herrenmahls gestifteten Bund geht es um eine in Jesus und in seinem Sühnentod vollzogene eschatologische Vorausnahme des Zielpunktes von Gottes Bund mit Israel.

3. Bleibende Erwählung Israels und Streit um die Judenmission
Eine »organisierte« Judenmission wird von der Studie abgelehnt. Zwar wird festgestellt, dass vor allem evangelikale Kreise diese Distanzierung von der Judenmission nicht mittragen könnten. Sie würden darin eine Verleugnung des Auftrags sehen, den christlichen Glauben allen Menschen zu bezeugen.
Im Folgenden wird versucht, die eigene Position biblisch-theologisch zu begründen:
a) Mit dem Missionsbefehl seien die Jünger zu den Weltvölkern gesandt, zu den Menschen außerhalb des Gottesvolkes. Im Sendungsbefehl sei Israel nicht erwähnt.
Die hier vertretene Exegese setzt voraus, dass der Begriff Völker in Matthäus 28,19 Israel nicht mit einschließt. Peter Stuhlmacher hat nachgewiesen, dass das Gegenteil der Fall ist.
b) Von Römer 11 her sei darauf zu vertrauen, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat und die Vollendung seines Heils schauen lassen wird. Dazu bedürfe es unseres missionarischen Handelns nicht.
Es wird dabei völlig außer acht gelassen, dass auch das endgültige Heil für Israel Heil in Christus sein wird (Römer10,12; 11,26)und die Rettung an der Kraft des Evangeliums hängt,»die seligmacht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen«(Römer 1,16). Bevor die Apostel zu allen Völkern ausgesandt wurden, wirkte Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testaments in Israel und an Israel(Matthäus 1,21). Seine Jünger waren Juden und wurden zuerst zu Judengesandt (Matthäus 10,6).

Die Studie formuliert als Fazit: »Christen haben nach langer Vergessenheit das apostolische Zeugnis von der bleibenden Erwählung Israels neuentdeckt. Aus ihm ergibt sich für uns die notwendige Folgerung, dass Juden keineswegs im Status der Heilsferne und Heillosigkeit stehen. Unbeschadet der grundsätzlichen Universalität des christlichen Zeugnisses ist die Notwendigkeit besonderer christlicher missionarischer Zuwendung zu den Juden heute kritisch in Frage zu stellen.«
Die Erklärung der Tübinger Fakultät teilt diese grundsätzliche Infragestellung nicht. Sie formuliert schriftgemäß:
»Die den Christen im Ostergeschehen erschlossene Wahrheit über den Heilswillen Gottes ist das Evangelium für alle Menschen, für die Juden zuerst und auch für die Heiden (Römer 1,16). Das Evangelium für alle Menschen, für die Juden zuerst und auch für die Heiden (Römer 1,16). Das Evangelium Juden und Heiden zu bezeugen, gehört von Anfang an zur Apostolizität der Kirche (Galater 2,7-9).Dieses Zeugnis ist unablösbar vom Christsein selbst. Es kann auch in der heutigen Begegnung mit Juden nicht fehlen. Das schließt den Respekt vor dem Selbstverständnis Israels ein, im ungekündigten Bund zu leben und in ihm das Heil Gottes zu erfahren, sowie die Erwartung, dass auch Israel seinen Glauben bezeugt.«

Das Phänomen „Messianische Juden unter uns“ wird in der Studie angesprochen und historisch abgehandelt. Der religiöse Status der messianischen Juden sei weithin ungeklärt. Ihre Nichtanerkennung als Juden durch die jüdische Autoritäten wird festgestellt und ihr Selbstverständnis dargestellt. Sie fühlen sich dem jüdischen Volk zugehörig und sehen sich zugleich als Teil der Gemeinschaft aller Christusgläubigen.
Es erscheint beschämend, dass in der Studie jedes Wort darüber fehlt, wie die heidenchristliche Kirche ihre messiasgläubigen Brüder und Schwestern wahrzunehmen und ihnen zu begegnen hat. Die Württembergische Landessynode dagegen hat sich dem Problem in angemessener Weise gestellt: »Nach christlichem Verständnis gehören Menschen, die sich zu Jesus als Messias bekennen und auf den Namen des Dreieinigen Gottesgetauft sind, zur Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi. Wir bedauern, wenn es über den Status dieser Menschen zwischen Juden und Christen zu Irritationen kommt. Wir wollen sowohl mit jüdischen Gemeinden wie mit „Messianischen Juden“ und ihren Gemeinden in Kontakt und Austauschbleiben und für beide eintreten.«

4. Gemeinsame Handlungsfelder und Aufgaben
Als gemeinsame Handlungsfelder von Juden und Christen werden benannt: Der Einsatz für die Menschenrechte, die Bewahrung der Schöpfung, die Bewahrung der gemeinsamen Tradition von Sonntagsheiligung und Sabbatruhe, die Bekämpfung des Antisemitismus und Minderheitenschutz, die Pflege von Formen des Gedenkens, die differenzierte Wahrnehmung Israels als Land und Staat und die Wahrnehmung der gemeinsamen Wurzeln des jüdischen und christlichen Gottesdienstes.

Werner Schmückte
 

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Was ein katholischer Priester über einen "evangelischen" Engel schreibt

Im April diesen Jahres rüttelte die Nachricht vom Brand in der evang. Stadtkirche Nürtingen nicht nur die Nürtinger auf. Eindefektes Heizgerät richtete den Millionen-Schaden an; die Orgel wurde dabei völlig zerstört und der Innenraum der 500 Jahre alten Kirche mit einer Rußschicht überdeckt. Fast ein Wunder ist es, dass der Posaunenengel, der in unmittelbarer Nähe der Orgel plaziert ist, beim Brand verschont blieb.
Der folgende Artikel »Der evangelische Engel«, verfasst von Wolfgang Sedlmeier, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Nürtingen, erschien zu Weihnachten 1999 in der Nürtinger Zeitung. Wir danken für die Druckerlaubnis.

Eines Morgens im Advent klingelte bei mir das Telefon. Ein Redakteur eines uns wohlbekannten Blattes rief bei mir an und erzählte mir von seiner Idee: »In diesem Jahr war doch die gemeinsame Erklärung von der evangelischen und der katholischen Kirche zur Rechtfertigungslehre. Ich dachte mir, dass es doch eine gute Sache wäre, wenn nun ein katholischer Pfarrer über einen evangelischen Engel schreiben würde. Hätten Sie nicht Lust dazu?«
Tja, die Sache schien interessant zu sein. Doch wo findet man einen evangelischen Engel? Der Herr Redakteur hatte für dieses Problem bereits eine Lösung: »In der evangelischen Stadtkirche, da gibt es verschiedene Engel. Suchen Sie sich doch einfach einen aus.«
Ich als Erdenbewohner sollte mir einen Himmelsbewohner aussuchen. Ein verlockendes Angebot. Ich sagte zu.

Ich meldete mich also beim evangelischen Dekanatamt telefonisch und wurde dort von einer freundlichen Sekretärinnenstimme  empfangen, die mir dann versicherte, dass ich nur zu kommen brauche, es würde mir bei ihr der Schlüssel ausgehändigt, damit ich mich auf die Suche machen könnte.

So gelangte ich schließlich in den Besitz des Kirchenschlüssels der evangelischen Stadtkirche, der mich in seiner Wohlgestalt an die Schlüssel des heiligen Petrus erinnerte. Ich fand nach einigem Suchen das Portal, zu dem der Schlüssel passte, und trat ein. Die feierliche Halle lag in trübem Licht, der gottesdienstliche Glanz, der erhabene Choral, das wohlgesetzte Wort fehlten an diesem Morgen – und doch umfing mich eine andere Welt, die mit der Hetze des Alltags nichts zu tun hatte. Hinten an der Orgel entdeckte ich dann meine drei zur Auswahl stehenden Kandidaten. Der erste an der Brüstung schien sehr irdisch zu sein. Sehr bewegt.Molto grazioso.Ein goldenes Tuch umhüllt den Leib. Es schmiegt sich aber so gekonnt an, dass selbst der Bauchnabel noch zu erkennen ist. Leider hat er seine Arme verloren, was aber bei einem Geistwesen wie einem Engel ja keine größere Rolle spielt. Es interessierte mich schon, ob er in seinen Händen einmal ein Schriftband getragen und was daraufgestanden hatte, aber da er gar so abwesend blickte, traute ich mich nichtzu fragen. Nein, einem Engel, der so viel Distanz zu sich aufbaut, wollte ich mich lieber nicht nähern, und so ließ ich ihn in seiner stillen Betrachtung verharren.
Der andere an der Wand war mir zu entrückt. Nur schwer konnte ich ihn aus meiner Erdenperspektive anschauen, so dass ich auch mit Kandidat Nummer 2 nicht in Kontakt kam. So von unten hinauf und von oben herab ist es halt immer ein bisschen schwer, in Beziehung zu kommen. So blieb noch der Engel vor den Orgelpfeifen. Ein netter Kerl, dachte ich mir gleich, nicht so vergeistigt wie der Erste und nicht so abgehoben wie der Zweite. Und hatte ich nicht den Auftrag, mir einen evangelischen Engel auszusuchen? Mit der Posaune in der Hand, so schien es mir, kann es sich nur um den allerevangelischsten Engel handeln.

Trotz aller Sympathie fiel es mir nicht leicht, ihn anzusprechen, denn in seinen Augen fand ich diesen weltenthobenen Blick wieder, der es mir schwer machte, in seine Aura einzudringen. Ich räusperte mich etwas und räusperte mich nochmals, als es auf meinen ersten Versuch keine Reaktion gab. Als es wieder keine Reaktion gab, setzte ich zum Äußersten an und sprach ihn einfach an. »Grüß Gott, Herr Posaunenengel«,sagte ich im verbindlichsten Plauderton.
Aufgeschreckt aus einer anderen Welt blinzelte er mich an, schaute etwas unwillig und wandte sich dann mir zu.
»Entschuldigung, ich soll mit Ihnen ein Interview machen«,sagte ich. Es schien ein wortkarger Bursche zu sein, den ich mir da ausgesucht hatte. »Ich bin Pfarrer, und die Zeitung schickt mich. Die meinten, sie seien nur für irdische Interviews zuständig und die himmlischen sollten wir führen. Und so würde ich gerne mit Ihnen...«

Erfreut schien er mir nicht zu sein. Aber da er sich noch nicht abgewandt hatte und mich zumindest noch ansah, sprach ich einfach weiter. »Warum haben Sie denn eine Posaune in der Hand?« Meine plumpe Rhetorik
schien ihm nicht zu gefallen. Er schwieg sich einfach aus. Seine oberschwäbischen Kollegen (Publikumslieblinge und allesamt zur Gattung Putten zählend) machen nicht so große Mühe mit der Begegnung. Nicht dass sie äußerst gesprächig wären, aber mit ihrem aufgeweckten Treiben machen sie die Annäherung doch um einiges leichter. Sie schlecken Honig, sammeln Hobelspäne, freuen sich am Jesuskind in der Krippe, backen Hostien, tragen Leidenswerkzeuge, weinen unterm Kreuz, setzen sich Kardinalshüte auf, leben, lachen, weinen, sind halt so wie wir und gehören doch schon in den Himmel.

Während ich so sinnierte, räusperte sich mein evangelischer Engel und fing an zu sprechen: »Na, was meinst Du wohl, für was ich meine Posaune habe?« Etwas aus meinen Gedanken aufgeschreckt, sagte ich dann schnell: »Wahrscheinlich sind Sie einer der Posaunenengel, die zum Jüngsten Gericht blasen.«

»Hmh«, kam es von den Lippen meines Engels, »jetzt denk mal nach, warum Du hier bist. Du sollst doch einen evangelischen Engelinterviewen. Na, dann übersetz doch mal. Was heißt denn evangelischer Engel?«
Mein bisschen Griechisch, das ich mir einmal erarbeiten musste, genügte für diese Aufgabe noch. »Eu Aggelia A  Evangelium A frohe Botschaft. Aggelos A Engel A Bote. Also dann sind Sie, Herr Engel, der Bote mit einer frohen Botschaft.«

Der Engel schien mit meiner Antwort zufrieden. »Wissen Sie«, meinte er daraufhin zu mir, »wir Engel brauchen da schon eine Posaune, dass die Leute das hören können, das mit der frohen Botschaft.«  Es schwang etwas Tadel in seiner Stimme mit, so dass ich mich durch eine geschickte Frage aus der unangenehmen Situation herausbringen wollte. »Um welche frohe Botschaft handelt es sich denn?« Das hätte ich ihn besser nicht gefragt, denn sein sanftes, aber unwilliges und etwastrauriges Kopfschütteln schien mir zu sagen: Waren denn 800 Stunden Religionsunterricht und zehn Semester Theologiestudium vergeblich? Und dann sagte er mir: »Und ich sag’ es Dir noch einmal und immer wieder, weil Du es immer wieder zu vergessen scheinst: Dir ist der Retter geboren. Er ist der Herr. Fürchte Dich also nicht mehr, denn Gott ist mit Dir.«

Hatte ich es vergessen gehabt? »Tja, verdammt schnell ist es vergessen, dass Gott mit uns ist und dass ich keine Angst zu haben brauche«,dachte ich bei mir.

Der Engel sprach dann ganz gütig: »Und jetzt merkst Du Dir’s einmal, und wenn Deine Nerven wieder einmal zu flattern beginnen, dann denk daran. Und als Hausaufgabe gebe ich Dir meine kleine Posaune mit, damit Du den Leuten das weitersagen kannst: ‚Gott ist mit Dir! Fürchte Dich nicht!’«
Und plötzlich war um den Engel ein kleines himmlisches Heer, das musizierte, und der Engel Nr. 1 hatte plötzlich seine Arme und sein Schriftband wieder, auf dem stand: »Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade.«

Wolfgang Sedlmeier, Nürtingen
 

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Eine Jungfrauengeburt heute

Als ich im Dekanat in Nürtingen eine Abiturklasse in evangelischer Religionslehre zu begleiten hatte, ich glaube es war 1979, luden wir einmal den Chefarzt des Nürtinger Kreiskrankenhauses, den Gynäkologen Dr. Backe zum Thema »Sexualität in der Sicht des Frauenarztes« in die Klasse ein.
In dieser Gesprächsrunde erzählte Dr. Backe etwas Verblüffendes. Es sei noch nicht lange her, da habe er in seiner Praxis eine richtige Jungfrauengeburt erlebt. Ein junger Mann und eine junge Frau seien verstört in seine Praxis gekommen. Die junge Frau war schwanger und zugleich sexuellunberührt. Die gynäkologische Untersuchung ergab beides, die Schwangerschaft und die völlige Intaktheit des weiblichen Hymen, des sogenannten Jungfernhäutchens. Diese Unversehrtheit war nicht verwunderlich, denn die jungen Leute hatten die geschlechtliche Vereinigung ängstlichgemieden. Aber woher die Schwangerschaft? Die beiden erzählten, sie hätten einander liebevoll berührt und dabei sei es hie und da zum Samenerguss des jungen Mannes gekommen. Sie hätten dann wohl auch männlichen Samen an den Händen gehabt, als sie einander betasteten. Dr. Backe war damit alles klar: der vitale Same war in die weibliche Scheidegelangt, hatte dort die ihm entsprechende Umgebung gefunden und sich durch das Hymen hindurch zur Vereinigung mit der weiblichen Eizelle vorgearbeitet– Schwangerschaft!
Die beiden jungen Leute hätten sich nach dieser Überraschung gegen manche Einreden gern zueinander und zu ihrem Kind bekannt, berichtete der Gynäkologe noch.

Die Jungfrau Maria
In den beiden biblischen Berichten in Matthäus 1,18ff. und Lukas1,26ff. lebt Maria im Verhältnis zu einem festen Partner, an den sie als Verlobte rechtlich gültig gebunden ist und er an sie. Maria wird schwanger, ehe Josef sie heimholt, das heißt ehe die Verlobung durch die Eheschließung beendet ist, womit erst in der traditionell jüdischen Ehe die geschlechtliche Vereinigung der Ehepartner beginnt. Es ist deutlich, dass diese vorzeitige Schwangerschaft Maria in große Nöte bringt(Lukas 1,34) und ausführlicher Erklärung bedarf. Maria war sich ihrer Jungfräulichkeit sicher, gleichwohl war sie schwanger. Dieser unverhohlen ausgesprochene, notvolle Sachverhalt spricht nach meinem Dafürhalten für die Glaubwürdigkeit des Berichteten, das heißt für seine Geschichtlichkeit. Hier wurde nicht peinlich etwas unter den Teppich gekehrt, sondern der höchst spannungsvollen Wirklichkeit die Ehre gegeben. In diesem Zusammenhang könnten feministische Auslegerinnen resolut für Maria Partei ergreifen und es sich verbitten, dass ein mieses maskulines Publikum hier einer frommen Frau etwas Übles nachreden will. Sie war Jungfrau, alle Hebammen konnten es bestätigen. Noch besser: sie selbst wusste es!

Josef
Während die Lukas-Überlieferung so angelegt ist, dass sie die Irritation Marias beleuchtet und auf sie antwortet, ist die Überlieferung des Matthäusevangeliums auf den männlichen Beteiligten konzentriert, auf Josef. Er steht betroffen vor der Tatsache der Schwangerschaft Marias(Lukas 1,19f.). Aber er ist fromm, das heißt er besitzt den Anstand und das Vertrauen in ihre Integrität, die ihn dazu bringen, Maria nicht zur öffentlich Angeklagten zu machen. Er will sie nicht in Schande aus dem bestehenden Verhältnis verstoßen, sondern es unauffällig und privat auflösen ohne damit verhindern zu können, dass Fragen und schmutzige Verdächtigungen aufkommen. Immerhin, die feministische Auslegung wird es bemerken, ist der Erstbetroffene ein loyaler Mann, der kein Interesse an einer Herabwürdigung Marias hat. Es geht ihr gut bei ihm. Weniger gut geht es ihr bei Martin Dolde, dem neuen Präsidenten des Kirchentags aus Württemberg, wenn er erklärt (in: Offene Kirche Nr. 2, Juni 2000, S.2): »Ich kann nicht glauben, dass Jesus vom Heiligen Geist gezeugt wurde. Ich kann nicht glauben, dass Maria Jesus als Jungfrau zur Welt gebracht hat«. Will er Maria nachträglich diffamieren? Will er sie der Selbsttäuschung oder der Unwahrheit bezichtigen?

Die Antwort des Glaubens
Beide Überlieferungen, so verschieden ihre Blickwinkel sind, geben eine einhellige Antwort auf die Unbegreiflichkeit der Schwangerschaft der Jungfrau, die aller Anstößigkeit und allen möglichen Fehldeutungen zum Trotz (an denen es nicht fehlte und bis heute nicht fehlt) ruhig und entschlossen tradiert wird – weil es so war. Eine einmütige Erklärung, die nicht auf gynäkologischer Ebene erfolgt oder irgendeine andere»rationale« Möglichkeit heranzieht, sondern die auf theologischem Boden steht und sich ganz auf das Kind und sein Woher bezieht, auf die dritte Größe, von der bisher noch nicht die Rede war. Josef wird durch das Eingreifen Gottes (durch den Engel im Traum) dazu gebracht, Maria, seine (designierte) Frau nicht zu verstoßen, sondern ihr Verhältnis zu legalisieren, sprich: seine Verlobte in Ehren zu heiraten. Er berührt seine Frau als jüdischer Ehemann nicht wie üblich nach der Trauung, sondern nach der Geburt des Kindes (Lukas 1,25). Die entschlossen theologische Erklärung der Schwangerschaft lautet: »Sie war schwanger von dem Heiligen Geist« (Lukas 1,18), »was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist« (Lukas 1,20). Und dasselbe bei Lukas1,35: »Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten«.

Ein Mensch von Gott
Hier wird also ein Mensch geboren, auffallenderweise von einer Jungfrau, der nicht wie in der griechischen Göttersage, wo etwa Zeus zu Menschentöchtern eingeht, von einem Gott sexuell gezeugt wird. Hier befindet man sich nicht in der griechischen Mythologie, sondern in der biblischen Überlieferung, wo man etwas von Gottes ungeheuerlicher Kreativität weiß: wo Gott durch seinen schöpferischen Geist alle Dinge ins Dasein ruft. Er ist der Urheber des unerwarteten Kindes. Jesus stammt aus dem Geist Gottes. Das »empfangen durch den Heiligen Geist« des Apostolischen Glaubensbekenntnisses weist auf diesem Hintergrund nicht auf »Zeugung«und »Empfängnis aufgrund von Zeugung« hin, sondern als Ausdruck biblischer Schöpfungstheologie auf den Gott, bei dem (durchsein Wort) kein Ding unmöglich ist (Lukas 1,37). Martin Dolde läuft ins Leere, wenn er »nicht glauben kann, dass Jesus vom Heiligen Geistgezeugt wurde.« Ich kann das auch nicht glauben, weil ich es gar nicht zu glauben brauche. Von sexueller Zeugung ist ja mit keinem Wort die Rede. Das Glaubensbekenntnis sagt etwas ganz anderes, nämlich: Ich glaube, dass der Mensch Jesus von Gott kommt; ich glaube, dass er seine Existenz dem schöpferischen Gott Israels verdankt; dass dieser wahre Mensch kein Produkt von Menschen und der Zusammenballung ihrer Kräfte ist, sondern ein Mensch aus der Kraft des Gottes Israels. Ich glaube an Gott, den Schöpfer, wenn ich an die Jungfrauengeburt Jesu glaube, nicht an ein phantastisches Mirakel oder an ein griechisches Götterspektakel.

Jesus der Retter, der König Israels
Dieser Mensch, vor und hinter dem die Schaffenswucht des Gottes Israels steht und der so von der Jungfrau geboren wird, dieser dritte im Bunde ist das Zentrum des Geschehens. Sein Name stammt in beiden Überlieferungen aus der göttlichen Offenbarung: »Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben« (Matthäus 1,12; vgl. Lukas1,31). Er wird alles überragen, was vor ihm war; er ist der Thronfolger Davids, der über das Haus Jakob König sein wird in Ewigkeit, der Retter seines Volkes von ihren Sünden (Matthäus 1,21), durch den sich die Jungfrauen-Weissagung des Propheten Jesaja erfüllt (1,22.23),der Gott-mit-uns. Schon am Anfang dieses Einmaligen, sagen die Texte, steht der Gott, der die ganze Geschichte Israels bis zu ihrer Erfüllung bewegt und dem es um diese Erfüllung geht.
 

Die Schwangerschaft der Jungfrau Maria ist, so gesehen, keine Verlegenheit oder Peinlichkeit, über die man im 21. Jahrhundert die Nase rümpfen oder die man als »Zeugung« verdächtigen könnte. Sie ist Heilshandeln Gottes, ja, der entscheidende Meilenstein am Anfang seines Heils. So und nicht anders wollte der Glaube den »schwierigen«, ungeschminkt überlieferten Anfang Jesu verstanden wissen: als Freudennachricht und Bekenntnis zu Jesus, nämlich als Vergewisserung seiner ursprünglichen Gotteszugehörigkeit, die ihn allen nur menschlichen Deutungen und Kategorien entnahm. Diesen Einen glauben wir als von Anfang an von Gott!– Er ist empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.
 

Rolf Walker
 
 

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"Pastor Fritz" von Bodelschwingh - ein ehemaliger Student erinnert an ihn

»Das Beste, was Bethel erfahren hat, war dies, dass immer wieder Not und Liebe sich begegnet sind unter den Augen des Heilandes.«Dies sind Worte von Friedrich von Bodelschwingh (1877–1946), dem Sohn des Gründers der Betheler Anstalten und ab 1910 deren Leiter. Auch die Theologische Schule gewann in seiner Zeit als Ausbildungsstätte für den theologischen Nachwuchs an Bedeutung.
Der Todestag Friedrich von Bodelschwinghs jährt sich am 4.Januar2001 zum 55. Mal. Aus diesem Anlass geben wir in gekürzter Form den persönlichen Bericht eines damaligen Studenten wieder.

Bethel. Es war zu Beginn des Wintersemesters 1938/39. Aus allen Himmelsrichtungen waren sie herbeigeeilt, Studenten der Theologischen Schule. Erstsemester, höhere Semester und die Examenskandidaten.
Im Remter von Bethel sollte die feierliche Begrüßung der Alt- und Neuimmatrikulierten vor sich gehen. Der Rektor der theologischen Hochschule, Dr. Georg Merz, stand bereit. Und dann kam Pastor Fritz, Leiter der Bodelschwinghschen Anstalten. Unvergesslich für mich der Augenblick, da er mit seinen strahlenden Augen, mit seinem ganzen liebenswürdigen Charme uns willkommen hieß. Es gab im Laufe des Semesters manche Gelegenheit, Pastor Fritz zu begegnen: in Gottesdiensten, Vorträgen, Einführungen, exegetischen Vorlesungen (Hebräerbrief). Die Auseinandersetzung um das Reichsbischofsamt, zu dem er mit großer Mehrheit gewählt worden war und von den Nazis abgelehnt wurde, hatte internationales Aufsehenerregt. Der Kirchenkampf warf seine dunklen Schatten auf unser Studium. Aber keine Frage: die Persönlichkeit des Leiters der Bodelschwinghschen Anstalten, Pastor Fritz, war im Bethel des Jahres 1938 von unbestrittener Dominanz. Seine oft entwaffnende Demut und menschliche Güte bildeten so manchesmal das Gesprächsthema unter uns Studenten.
Dreiunddreißig Jahre waren ins Land gezogen seit der Gründung der Betheler Theologischen Schule. Damals, 1904, hatte sich in den Wochen vor der Eröffnung ein einziger Theologiestudent zur Immatrikulation angemeldet. Am Tag der Eröffnung waren es dann immerhin elf Studenten. Langsam, aber stetig war die Zahl der Immatrikulierten gewachsen. In jenem Semester 1939 – so sagten mir Freunde – hätte Bethel die höchste Zahl Studierender von allen theologischen Fakultäten Deutschlands. Hier sammelten sich mehr und mehr die Freunde der Bekennenden Kirche. Natürlich entging das nicht den Spürhunden der Gestapo. Nach Ende des Semesters schlug die Partei zu. Die Hochschule wurde polizeilich geschlossen. Begründung: »Kein Bedarf!«  Hans Reusch, Nürtingen
 

Karl-Hermann Gruhler
 
 
 

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Was tausend Gulden wert sind

Vor Jahren ging ein rheinischer Pfarrer nach Amsterdam, um dort für seine arme Gemeinde Beiträge zu sammeln. Man veranlasste ihn, am Sonntag zu predigen, da er holländisch konnte. Er wählte als Text die Geschichte von der Witwe am Gotteskasten und führte aus, dass in Gottes Augen ein Gulden mit willigem Herzen gegeben wertvoller sei, als tausend Gulden mit widerstrebendem Herzen geschenkt.
Als er am folgenden Tage zu einem reichen holländischen Kaufmann kam, wurde er freundlich empfangen. Es entspann sich folgendes Gespräch:»Domine«, sagte der Kaufmann, »ich bin gestern in der Kirche gewesen und habe Ihre Predigt gehört. Sie hat mir gefallen, aber sie war zu kurz.
Hier habe ich nun in der einen Hand einen Gulden, den ich willig gebe; und hier habe ich in der andern Hand tausend Gulden, die zu geben mir sehr schwer wird. Domine, Sie können wählen!«
»Mynheer«, sagte rasch entschlossen der Pfarrer, »geben Sie mir beides! Die tausend Gulden sind wohl weniger wert, aber der eine Gulden ist so wertvoll, dass er auch die tausend schlechten gutmachen kann. An dem einen hat der Herr solche Freude, dass er die tausend mit in Kauf nimmt.«
Da lachte der Holländer und gab mit beiden Händen.

Kurt Feuerbacher
 

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