Rundbrief Oktober 2000

Bischofswahl, Judenmission, Lebensschutz: Jahresbericht des Vorsitzenden
Lehren aus dem Gefängnis
Stellungnahme zum Vatikan-Papier "Dominus Iesus"
Auferstehung - ganzheitlich betrachtet
Gedicht: Ich möchte von der Gnade leben
Lebensschutz: Wie sich Kirchenbezirke engagieren können
Verheißungsvoll: Das Gemeindemodell Willow Creek
 
 



Jahresbericht des Vorsitzenden

Sehr geehrte, liebe Schwestern und Brüder,

eine markante Zahl: 2000 nach Christus und doch die gleichen Anliegen, die vor 31 Jahren zur Gründung der Evangelischen Sammlung in Württemberg führten. Ich nenne 10 Markierungen 2000:

1. Die Heilige Schrift
bleibt die einzige Quelle und der verbindliche Maßstab für das Reden und Handeln der Kirche. Dies ist unser lutherisches Grundanliegen. Mit der Reformation begann der Siegeslauf der Bibel als Buch des Volkes . Mit der Verbreitung der Bibel fing freilich auch der Streit um ihre rechte Auslegung an. Wir freuen uns, dass mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1963/64 in der Katholischen Kirche eine neue Entdeckung der Bibel einsetzte. Laut Statistik lesen heute mehr Katholiken als Protestanten die Bibel.
Die Bibel fesselt und entfesselt bis heute: Die Psalmen zum Beispiel stellen seit Jahrhunderten eine Sprache zur Verfügung, in der Juden und Christen ihre Klage, ihre Freude, ihr ganzes Leben vor Gott ausdrücken können. In der Heiligen Schrift bezeugen Menschen wie Gott sie berührt und befreit hat. Wir dürfen neue Schätze entdecken und in unser Leben hereinnehmen. Dabei ist uns die Luther-Bibel  von 1984 als verbindlicher Text unserer Landeskirche für den Gebrauch in allen Bereichen des kirchlichen Lebens unersetzlich. Wir bitten, alle an-deren Texte als hilfreiche und berechtigte »Ersatztexte« zu betrachten.

2. Der Schutz des
menschlichen Lebens
ist Gottes Gebot und zugleich Grundrecht der Verfassung unseres Staates. Darüber ist es in den letzten Jahren in Kirche und Gesellschaft merkwürdig still geworden. Das menschliche Leben ist an seinem Beginn kein Zellhaufen, vielmehr schutzwürdige Gabe des Schöpfers. Die Entwicklung der modernen Biomedizin gefährdet menschliches Leben. Die vorgeburtliche Diagnostik birgt die Gefahr der menschlichen Selektion und des unerlaubten Eingriffs in die Keimbahn. Wer in der Abtreibungsfrage nicht eindeutig ist, kann auch im Bereich der Gentechnologie kein glaubwürdiger Ratgeber sein. Gott allein ist der Herr des Lebens. Gewiss, es gibt vielerlei bedrückende Nöte für eine schwangere Frau:
– wenn sie schwanger geworden ist ohne, ja gegen ihren Willen;
– wenn ihr Kind voraussichtlich krank oder behindert zur Welt kommen wird; – wenn eigene Krankheit oder Behinderung das Muttersein erschweren wird;
– wenn Armut, Wohnungsnot, Ehe- und Familienprobleme, Probleme als Alleinerziehende, besonders in sehr jungem Alter oder auch schwerwiegende Einschränkungen der eigenen Lebensperspektive die Sorgen übergroß werden lassen, wie in solchen Situationen das Aufwachsen dieses Kindes möglich sein soll.
Aber wir möchten Schwangere in ihrer Not ermutigen, ihre Ängste und Sorgen nicht größer werden zu lassen als ihr Vertrauen auf Gottes Hilfe und auf die Hilfe und Zuwendung ihrer Nächsten, auch der Mitchristen in der Gemeinde und der Mitbürger des Gemeinwesens.
Dafür nur ein Beispiel:
Für fünf Millionen Mark baut die Bahn einen Tunnel auf ihrer neuen ICE- Strecke Köln – Frankfurt, damit die Rennpferde auf dem Gestüt Röttgen nicht durch Zuggeräusche gestört werden. Wofür in Deutschland alles Geld da ist! Auch für Schwangere in Not?

3. Mangel an Personen für
Religionsunterricht und Pfarramt
In Baden Württemberg droht an Grund- und Hauptschulen Religionslehrermangel. Nach Angaben der Fachschaftskonferenzen an den sechs Pädagogischen Hochschulen sank die Zahl der Studienanfänger in den Fächern evangelische und katholische Theologie in den vergangenen zwei Jahren um mehr als die Hälfte auf 152.
Die Zahl der Theologiestudierenden ist ebenfalls in den letzten Jahren um die Hälfte zurückgegangen. Werben wir wo wir nur können für das Studium in Theologie und Religionspädagogik.

4. Die Wahrheit ist klar und einseitig
Ich meditiere manchmal, besonders bei meiner Arbeit in der Landessynode über den Satz: Wenn man die Fahne gegen den Wind hält, sieht man klarer, was drauf steht. Vorausgesetzt, dass es gegen den Wind des Zeitgeistes und nicht gegen den Wind des Geistes Gottes geschieht.
Soweit ich die Bibel richtig lese, geht man entweder auf dem schmalen oder auf dem breiten Weg (Matthäus 7,12 und 14). Dazwischen ist nicht der Weg der Christen. Man ist entweder kalt oder warm, nicht lau, nicht ausgeglichen (Offenbarung 3, 5 und 6). Man wählt entweder den Weg zum Leben oder den zum Tod (5. Mose 30,15). Entweder geht man den Weg des Segens oder den des Fluchs (5. Mose 11,26).
Die Bibel macht uns Mut zu dieser göttlichen Einseitigkeit. Ich frage mich bei den Kompromisspapieren: Ging das wieder auf Kosten der Wahrheit? Dafür ein jüngstes Beispiel.

5. Erklärung der Landessynode zum Verhältnis von »Christen und Juden«
Nahezu einstimmig hat die Landessynode dieser Erklärung zugestimmt. Uns von der Lebendigen Gemeinde war Folgendes besonders wichtig: Das Zeugnis von Jesus Christus gilt allen Menschen, Juden und Heiden. Wir erkennen die messianischen Juden an als Glieder am Leib Christi und treten für sie ein.
Dann aber brachte die Offene Kirche noch den Zusatz zur Abstimmung: »Mission unter Juden lehnen wir ab«.
Obwohl dieser Satz im Widerspruch zum übrigen Inhalt der Erklärung steht, erhielt er eine – wenn auch denkbar knappe – Mehrheit (39 Ja, 32 Nein, 5 Enthaltungen). Die Synode hat 94 Mitglieder. 18 Mitglieder nahmen an der Abstimmung nicht teil.
Daraufhin beantragte Herr Prof. Dr. Gerhard Hennig ein Minderheitenvotum. Wir von der Lebendigen Gemeinde hatten es inhaltlich vorbereitet. Dieses Minderheitenvotum besagt ganz deutlich: »Die Christen im Ostergeschehen erschlossene Wahrheit über den Heilswillen Gottes ist das Evangelium für alle Menschen, für die Juden zuerst und auch für die Heiden (Römer 1,16). Das Evangelium Juden und Heiden zu bezeugen, gehört von Anfang an zur Apostolizität der Kirche (Galater 2,7 – 9). Dieses Zeugnis ist unlösbar vom Christsein selbst.« (Votum der Evang.-Theol. Fakultät Tübingen.)
Beide Zusätze sind Bestandteil der Erklärung. Der Zusatz der Lebendigen Gemeinde jedoch bekam keine Mehrheit.
Für die »Offene Kirche« und einen großen Teil von »Evangelium und Kirche« ist dies offenbar kein Widerspruch in der Erklärung.
Sollen wir diesen Widerspruch innerhalb der Erklärung nur als kirchen-politische Äußerung verstehen? Kann Kirchenpolitik blind machen für die den Christen im Ostergeschehen er-schlossenen Wahrheit, das Evangeli-um allen Menschen weiterzusagen? Würde die Kirche ihre Herkunft nicht grundsätzlich verleugnen, wenn sie Mission unter Juden ablehnt? Ich möchte diese Fragen als Fragen an uns alle so stehen lassen.

6. Tendenz zu Fraktionen in der Landessynode
In wichtigen Entscheidungen (Ablehnung eines Zuschusses an die Biblisch-Therapeutische-Seelsorge und an idea) kam es zu einer Mitte-Links-Koalition (OK und EuK). Die berechtigten Anliegen der qualifizierten Minderheit, zugleich zahlenmäßig größter Gesprächskreis, fanden keine Berücksichtigung. Dies auch in wichtigen Entscheidungen, bei denen der Oberkirchenrat auf der Seite der Lebendigen Gemeinde (LG) stand. Deshalb stelle ich folgende Fragen:
– Repräsentiert die Landessynode mit solchen Entscheidungen noch die Mehrheit ihrer Kirchenmitglieder? Bei der letzten Wahl gingen 44% der Stimmen an die LG.
– Werden weiterhin Koalitionsabsprachen zwischen OK und EuK dominieren?
– Bedeutet dies eine Entwicklung hin zu Fraktionen im Kirchenparlament?
– Würde dies dem Ganzen unserer Landeskirche schaden?
– Entscheiden die Synodalen nach ihrem Gewissen zum Wohl der ganzen Kirche, wie es die Kirchenverfassung vorsieht, oder nach Absprachen?
- Müssten wir von der LG nicht mehr werben für die Zusammenarbeit mit EuK und – soweit möglich – mit der OK?
Diese Fragen beschäftigen uns im Blick auf die Kirchenwahlen im November 2001.

7. Bischofswahl am 27. November 2000
Diese wird ein Prüfstein unserer Zusammenarbeit in der Landessynode werden, denn ein neuer Bischof, eine neue Bischöfin kann nur mit einer Zweidrittelmehrheit gewählt werden. Viele Gespräche unter den Mitgliedern des Wahlgremiums werden nötig sein. Wir bauen vor allem auf eine Zusammenarbeit mit EuK und möglichst auch mit der OK. Vor dem 1. Oktober werden wir öffentlich keine Namen nennen.
Das Bischofsamt ist ein Hirtenamt: Geleiten, helfen, versorgen, bewah-ren, zusammenhalten, Richtung weisen, widersprechen, ermutigen, suchen, erretten. Es soll nicht um des lieben Friedens willen alles ausgleichen wollen. Kirche und Bischof werden viel klagen und anklagen müssen, aber das Entscheidende in all dem bleibt: Wir sind Gehilfen zur Freude.
Der Hirte ist weder Staatsanwalt noch Gerichtspräsident. Er ist Helfer zum Leben, zur Freude, zum Trost. Beten wir, dass die rechte Person gefunden wird! Sie soll sich nicht – bei all den vielen Problemen, – die wir haben, die Freude am Herrn und an unserer Kirche nehmen lassen.

8. Synode mit kirchenleitender Verantwortung
hat vor allem zwei Kennzeichen: sie orientiert sich am Wort Gottes und bekommt von dort ihre Signale. Sie weiß aber auch, dass die Ordnung in unserer Kirche unteilbar ist. Paulus sagt in 1. Korinther 14,40: »Alles soll in Anstand und Ordnung« geschehen. Im Untertext steht: »euschämonos«, also im rechten Schema und »kata taxis«, nach der Ordnung. Also bitte nicht das »Schema« verachten und die »Ordnung« nicht aufgeben. Denn: serva ordinem et ordo te servat. (Hüte die Ordnung und die Ordnung bewahrt dich.)

9. Kein Unterschied, zu wem wir beten?
Macht es keinen Unterschied mehr, zu wem man heute betet? Gesprächsrunden – im Fernsehen oder im kleinen Kreis – empfehlen: egal zu wem, Hauptsache du betest. Selbst unser geschätzter Bundespräsident Johannes plädiert für eine vorsichtige Öffnung zu anderen Göttern außerhalb von Jesus Christus – so in der Rede bei der »Woche der Brüderlichkeit«.
Der Weg zwischen militantem Fundamentalismus und unbiblischer Toleranz ist schmal. Wir haben ihn kompromisslos zu gehen. Dabei wollen wir die religiöse Überzeugung eines jeden Menschen achten, auch gleichzeitig alle freundlich und liebevoll einladen zum Glauben an Jesus Christus, welcher Religion sie auch angehören.

10. Dank
Zum Schluss danke ich Ihnen ganz herzlich für die begleitende Fürbitte und die finanzielle Fürsorge. Ich danke dem Landesvorstand für die harmonische, produktive und verantwortungsvolle Arbeit. Ich danke unserer Geschäftsführerin Frau Susanne Reusch und unserem Rechner Herrn Hermann Ebert. Ebenso unserem Computerfachmann Herrn Jürgen Alter. Ich danke  dem Arbeitskreis »Für eine missionarische Diakonie« und dem »Forum missionarischer Frauen« für ihre wichtigen und wegweisenden theologischen Beiträge.

Liebe Geschwister, eine markante Zahl: Jahresbericht 2000. Wohin gehen wir jetzt mit dem Schritt ins dritte Jahrtausend? Nicht in geheiligte Räume, sondern mit der frohen Botschaft in unser Land, in die Häuser, in den Alltag.

Wir gehen nicht in eine Welt der Verbindlichkeit ohne Profil, sondern: Gott stellt die Weichen. Er braucht uns als Weichenwärter. Sein Wort bleibt Richtschnur. Dann wird unser Weg ein guter Weg sein.

Ihr

Gerhard Greiner
 
 
 

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Lehren aus dem Gefängnis

»Liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten.« So schreibt Paulus an die Philipper. (1,12) Er schreibt aus dem Gefängnis. Seiner Freiheit beraubt, konnte er nicht reisen, nicht predigen, keine Besuche machen; er war festgesetzt. Resignation wäre naheliegend. »Herr, du hast mich in eine unmögliche Lage gebracht. So kann ich den Auftrag, das Evangelium weiterzusagen, nicht erfüllen. Warum lässt du das zu?«
Herr, so geht es nicht. Die Kirche äußert sich vielstimmig und bleibt die Orientierung schuldig. Die Uneinigkeit in der Synode läßt zu wesentlichen Glaubensfragen keine klaren Aussagen mehr zu. Und dann der Bruderzwist unter den Evangelikalen. »Herr, warum lässt du das zu ?«
Jeder hier könnte ergänzen, was ein glaubwürdiges Eintreten für das Evangelium behindert. Hier bremst der Pfarrer, dort ein Streit in der Gemeinde, mal sind krankheitsbedingte Ausfälle zu beklagen, woanders fehlt es am Geld. Man könnte so viel machen, wenn nur dieses Problem nicht wäre!
Bei meinem Mann und mir z.B. ist derzeit alle Planung unsicher. Mein Mann ist bei der Bundeswehr und muss demnächst nach Bosnien. Ich selber plane weit voraus, muss aber aus gesundheitlichen Gründen immer wieder mal etwas absagen. Das wurmt mich, aber manchmal geht’s einfach nicht. Dabei ist es doch Dienst für Gott und seine Gemeinde!
Als ich mich gerade mal richtig ausgebremst fühlte, da las ich diesen Satz bei Paulus und staunte. »Wie es um mich steht, das ist zur Förderung des Evangeliums geraten.« Was sind unsere Probleme gegen die Mauern seines Gefängnisses? Offenbar hat er eine andere Sicht der Dinge, einen geistlichen Durchblick.
Das Evangelium voranbringen, kann überhaupt nur Gott selber. Das ist Gottes eigene Sache. Wir können’s nicht machen, aber wir dürfen sehen, was Gott tut. Und nun sollen unsere Schwierigkeiten zur Förderung des Evangeliums dienen? Wie denn das?
Die Botschaft von der rettenden Gnade Gottes will zunächst einmal an uns wirksam werden. Gott will uns dadurch zu sich ziehen und uns verändern. Jesus hat gesagt: »Ich will, dass sie bei mir seien«. Sind die Probleme und Unmöglichkeiten nicht gerade dazu geeignet, uns zu Ihm hin zu ziehen?
Glauben, Vertrauen, ist immer wieder die Überwindung von in uns aufkeimendem Misstrauen. Ob Gott die Dinge noch in der Hand hat? Wird er mich auch in Zukunft durchbringen? Was mutet er mir noch zu? Aber dass wir überhaupt Jesus Christus vertrauen können, den wir nicht sehen, das kann nur Er selber in uns wirken.
Wo es äußerlich nicht vorangeht und wir wegen Erfolglosigkeit frustriert sind, haben wir die Chance, uns darauf zu besinnen, dass das erste und wichtigste in unserem Leben Er selbst ist und unsere Beziehung zu ihm. Allein aus Gnade sind wir gerechtfertigt und angenommen. Das wird uns doch erst richtig klar, wenn wir nichts vorzuweisen haben! Ich bin von Gott geliebt, mehr als ich fassen kann; und er beschenkt mich. Ich darf mit leeren Händen kommen und empfange Lohn und Leistung! Ich glaube, dass Gott das seinen unermüdlichen Mitarbeitern im Reich Gottes immer neu in Erinnerung rufen muss, denn einen Hang zur Werkgerechtigkeit haben wir doch alle.
Wenn ich zurückstecken muss, fällt mir das schwer. Ich möchte Zusagen einhalten und niemand enttäuschen. Aber nicht die Quantität unserer Arbeit in der Gemeinde zählt, sondern die Qualität. Weniger kann durchaus mehr sein. Es geht nicht darum, alles Mögliche zu tun, sondern das, was Gott will. Das ist nicht immer leicht zu unterscheiden. Ich übe noch. Aber dann ist es nicht so schlimm, wenn wir unsere Grenzen erfahren. Wir hängen uns dann um so mehr an Jesus und vertrauen auf seine Kraft. Was wir in seinem Namen tun sollen, dafür wird er uns auch die Kraft geben und Raum schaffen. »Wir haben solchen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwengliche Kraft sei Gottes und nicht von uns.«
Und all die Ärgernisse in der Kirche? Manches kann einem den Schlaf rauben. Warum Gott das zulässt, weiß ich nicht. Wenn aber manche Lehren immer deutlicher sich als unvereinbar erweisen, wenn die Gegensätze schärfer hervortreten, dann könnte das ein Läuterungs- und Klärungsprozess sein, der schließlich die Spreu vom Weizen trennt.
Wir tragen manche Lasten. Sie beschweren uns. Aber wenn wir an Paulus und andere Boten Gottes denken, relativiert sich das wieder. Offenbar brauchen wir die Lasten für unser Glaubensleben. Wir sollten sie als Wachstumsbedingungen für unser geistliches Leben betrachten. Wo soll Bewährung und geistliche Reife denn herkommen – ohne Hindernisse und Widerstände? Ohne Last kein Tiefgang! Und wir wollen doch beständige und bewährte Menschen Gottes werden, die Er ans Ziel bringt. So werden dann gerade die Schwierigkeiten zur Förderung des Evangeliums beitragen.

Christel Hausding
 
 

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Stellungnahme zum Vatikan-Papier "Dominus Iesus"

Bei der Landesversammlung am 10. September 2000 gab der Vorsitzende der Evang. Sammlung folgende Stellungnahme bekannt:

Stellungnahme zur jüngsten Erklärung der Römischen Glaubenskongregation im Dokument »Dominus Iesus«, verfasst mit Zustimmung von Papst Johannes Paul II., vorgetragen von Josef Kardinal Ratzinger:

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil beobachten wir eine erfreuliche Entwicklung der katholischen Kirche hin zum Bibellesen. Statistisch betrachtet, lesen heute mehr Katholiken als Protestanten die Bibel, aber welch’ ein Rückschlag für die Ökumene am vergangenen Dienstag, 5.9.00, durch das oben genannte Dokument über die Einzigartigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche!
Erfreut sind wir über die klaren Worte, dass die Einzigartigkeit der christlichen Botschaft, nämlich die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, nicht verdunkelt wird.
Erschütternd für uns sind aber die Aussagen zur Kirche. Die kirchlichen Gemeinschaften sind nicht Kirche Jesu Christi. Gemeint sind unter anderem die protestantischen Kirchen ohne gültige Ämter, ohne eucharistisches Mysterium, ohne Wirksamkeit der Heilsmittel, es sei denn, mit einer »Heimkehr in die Fülle der Gnade und Wahrheit« der katholischen Kirche.
Die Erklärung verlässt im Verhältnis zu anderen Kirchen ausdrücklich den Weg zu einer Konsensökumene um jeden Preis. Wir sind keine Schwester-Kirche nach diesen Worten.
Daraus folgt:
1. Ein klares Nein zur bisherigen ökumenischen Position »Einheit in versöhnter Vielfalt«.
2. Einladung zur Fülle der Gnade, die es allein in der katholischen Kirche gibt.
3. Keine gemeinsame Eucharistiefeier beim ökumenischen Kirchentag 2002.
4. Die »Heilsmittlerschaft« hat allein die katholische Kirche. Sie verwaltet das Heil. Wir Protestanten haben aus der Bibel und von der Reformation gelernt, das Heil walte in der Kirche und nicht die Kirche verwaltet das Heil.
Die Evang. Sammlung bedauert zutiefst diesen schweren Rückschlag für die Ökumene. Die Hoffnungen, auf einen weiteren Schritt voran nach der »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« sind getrübt, aber wir beten weiter, »dass sie alle eins werden.«
Summa:
Das Programm einer Einheit in der versöhnten Verschiedenheit in der Ökumene ist aufgegeben. Ökumene meint aus römischer Sicht Einheit der Kirchen unter römischer Obhut. Da erübrigen sich manche Debatten um Lehrinhalte. Wörtlich im Dekret: »Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt  werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.«

Gerhard Greiner
 
 
 

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Auferstehung – ganzheitlich betrachtet

Es ist im Monat November gut, sich darüber klar zu werden, was mit Auferstehung vom Tod gemeint ist. Wenn jemand von den Toten aufersteht, das heißt wenn Gott ihn in seiner glühenden Kreativität aus dem Tod herausruft, bedeutet das, dass seine durch den Tod zerstörte Leiblichkeit eine neue Chance bekommt. Auferstehung heißt ja nicht, dass von uns lediglich ein Werk oder ein Gedanke oder eine Erfindung weiterlebt. Auferstehung ist auch etwas anderes als die Erinnerung, die ein Mensch bei anderen hinterlässt. Das wäre zu wenig. Denn unsere Unternehmungen, Ideen, Produktionen, unser Eindruck, den wir bei anderen machen, unser künstlerischer, moralischer oder finanzieller Nachlass wäre nur etwas von uns. Das wären nicht wir einschließlich unserer leibhaften Substanz. Denn nicht ein Bruchstück, ein Teil oder ein noch so bedeutendes Einzelelement soll von uns auferstehen, sondern wir sollen auferstehen, wir selbst und wir ganz, genauer: ich, diese einmalige, ungeteilte Person. Als dieses originale, leibhaftige Geschöpf soll ich auferstehen, das beileibe keinen Körper »hat« als wäre das etwas Zweites, besitzmäßig Hinzugefügtes oder von außen Aufgeklebtes, sondern das von seiner ersten Stunde an ein Leib ist und bis heute als dieser Leib mit allen Gliedern und Organen existiert. Wenn Auferstehung etwas Reales und Reelles sein soll, kann sie nur ganzheitlich sein, Körper, Seele und Geist, das heißt mich ganz umfassend.
Was sind wir ohne Auferstehung?
Was wäre denn Auferstehung, wenn sie nicht das Ich einer ganzen leibhaftigen Person beträfe? Unser Geist, unsere Einfälle, unsere Arbeitskraft und Ausstrahlung sind gewiss etwas Schönes, aber was sind sie ohne unsere personale Substanz oder körperliche Kernhaftigkeit? Als rein gedankliche Fortsetzung wären wir nicht mehr als ein Ideenbündel. Kinder und Nachfahren sind gänzlich andere Menschen, als wir selbst sind. Wir können unsere Erb-DNS-Informationen an sie weitergeben, aber wir können uns als Personen nicht in ihnen fortpflanzen. Wären wir nur Erinnerungen, kämen wir bloß als Gedächtnisleistung von menschlichen Köpfen und Gemütern vor. Als historische Tatsachen besäßen wir den Wert von Nachwirkungen und dann von Eintragungen in Geschichtsbüchern, und viele von uns hätten mangels historischer Bedeutung darin schlicht keinen Platz. Als technische oder irgendeine andere Hinterlassenschaft wären wir ähnliche Größen wie die hinterbliebenen Sachen des großen Johann Sebastian Bach – Verfügungsmasse von Neugeborenen, ausgeliefert an ihr Können, ihren Geschmack, ihre Gnade. Ohne Personalität, sprich Leiblichkeit der Auferstehung wären wir reine Vergangenheit, allenfalls eine geschichtliche Spur, aber wo wären wir, wir ganz als leibhaftige Gegenwart unserer selbst?

Auferstehung des Herrn
bei Martin Dolde
Im Rahmen solcher Überlegungen horcht man erschrocken auf, wenn Martin Dolde, der neue Kirchentagspräsident, Bedenken am Apostolischen Glaubensbekenntnis äußert. Das Mitsprechen veranlasst ihn zu der Frage (in: Offene Kirche Nr. 2/Juni 200, S. 9): »Wie komme ich dazu ausgerechnet im Gottesdienst vor allen Leuten regelmäßig zu lügen? Oder ist die wissentliche Wiederholung einer Unwahrheit keine Lüge?« Hinsichtlich des Themas »Auferstehung« sagt er: »Ich kann nicht glauben, dass Jesus nach drei Tagen körperlich auferstanden ist.« Nun hebt das Bekenntnis nicht ausdrücklich auf die Körperlichkeit der Auferstehung Jesu ab. »...am dritten Tage auferstanden von den Toten« heißt es im Apostolicum. Dabei liegt die Körperlichkeit der Auferstehung zweifellos in seinem Blickfeld. Denn das Bekenntnis unterstreicht das körperliche Leiden des Herrn bis zum Tod am Kreuz und zum Begrabenwerden mit spürbarer Ausführlichkeit. Es fügt dann die Auferstehung und Auffahrt hinzu, gefolgt von einem feierlichen »er sitzt zur Rechten Gottes...«: und alles das in völliger personaler Identität mit dem gekreuzigten und begrabenen Jesus von Nazareth.

Die Wahrheit des Apostolischen Glaubensbekenntnisses
Das Apostolische Glaubensbekenntnis will zu seiner Zeit einen »gnostischen«, also nur zum Schein leidenden, radikal jenseitigen, himmlisch-gloriosen Christus abwehren, der im Gegensatz zum irdischen Jesus und seiner damals
als Peinlichkeit empfundenen Leiblichkeit steht. Dafür betont es den
geschichtlichen Herrn, sein Leiden, Kreuz, Sterben und seine personale Auferstehung und Erhöhung (ganz im biblischen Sinn!). Mit der von ihm in Frage gestellten körperlichen Auferstehung Jesu wendet sich Martin Dolde genau gegen das, was das Apostolicum bekennen möchte. Dolde befindet sich offenkundig auf dem Weg einer neugnostischen Auslegung Jesu, denn er streicht den Karfreitag als Tag des leibhaftigen Elends Jesu. Bei ihm ist er zum Gedenktag für menschliches Leiden geworden (S. 10: »Jesu Tod (Besinnung an die zu Unrecht Leidenden)«. Und der Ostersonntag heißt bei ihm nicht »der auferstandene Jesus«. Sein Inhalt ist bezeichnenderweise ein Thema des vorösterlichen Herrn – »Jesus, der Wegbereiter zum Reich Gottes«. So werden Tod und Auferstehung Jesu ausgeschaltet.

Der auferstandene Herr aller Dinge
Was ist mit der Auferstehung Jesu gemeint? Mitnichten eine Art geistiger Erbschaft, als wäre sie das hinterlassene Ideenreich des Nazareners oder
sein moralisches Weiterbestehen als menschliches Vorbild (wie Ghandi bei manchen Idealisten). Mit ihr hält man nicht eine Notenniederschrift einer wohlkomponierten Humanität in den Händen oder eine religiöse Spruchquelle zur Erbauung späterer Leser.
Sie ist auch nicht die aufwallende Gefühlswelt christlicher Begeisterung für einen sieghaften Jenseits-Christus. Nichts dergleichen! Das alles wäre nicht Er-selbst und Er-ganz, und zwar personenhaft und in völliger personhafter Gegenwart des gestorbenen und begrabenen Jesus von Nazareth. Der auferstandene Jesus steht nicht bloß spirituell oder als Mediengröße virtuell, sondern in totaler neuer (nämlich endzeitlich vollendeter) Personalität jenseits seines leibhaften Todes am Kreuz, den er hinter sich gelassen hat. Und genau so steht er auch außerhalb seiner Gläubigen und der Ungläubigen, genauer: oberhalb von uns Menschen als der Herr der Welt.

Der Auferstandene ist der Herr seiner Botschaft
Und so ist er der Lebendige, der durch seine Auferstehung seine vorösterliche Botschaft wieder in die Hand bekommt und nimmt und sie zu einer Botschaft für alle, Juden und Heiden, macht. Nur so ist er der Wegbereiter des Reiches Gottes heute. Man muss Martin Dolde entgegenhalten: einer, der zu einer unkörperlichen Vorstellung oder Idee verflüchtigt wurde, kann nicht Wegbereiter des Reiches Gottes sein. Ein körperloser Nachklang von Jesus ebensowenig. Ein Jesus, der nicht als der Auferstandene in ganzheitlich-personaler Identität mit Jesus von Nazareth Herr der Welt ist, hat für uns keine Botschaft und keine Bedeutung.

Nocheinmal: ganzheitlich!
Es gehört zu unserem Glauben, dass es bei der Auferstehung Jesu nicht um eine teilweise oder punktuelle Wiederkehr von etwas geht, sondern um eine totale, seine ganze Person übergreifende Neuwerdung. Sie verwandelte seine Schande am Kreuz ganzheitlich nach Leib, Seele und Geist in seinen Ostersieg. In neuer Personalität steht unser Herr nun jenseits seines Todes, denn auf ihm liegt der endzeitliche Glanz, die Herrlichkeit dessen, der alles neu macht. Dieser Auferstandene gibt uns Teil an seiner Auferstehung. Durch sie holt er uns aus dem Dunkel des Todes hervor und stellt uns in sein Licht, auch uns in neuer vollendeter Personalität innerhalb unserer Leibhaftigkeit. So wird seine Auferstehung für uns zur unbändigen Hoffnung auf die endgültige Befreiung vom Elend unserer Körperlichkeit: »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!« (1. Korinter 15,54 – 57).

Rolf Walker
 

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Ich möchte von der Gnade leben

Ich möchte von der Gnade leben
und nicht vom eignen Tun und Ruhm,
mich Gottes Schenken übergeben
als sein Geschöpf und Eigentum.
Sein Reichtum überwältigt mich.
Aus seiner Fülle lebe ich.

Ich möchte alles tun und lassen
im freien Geben meines Herrn.
Was er versagt, will ich verlassen.
Schenkt er, nehm ich es an und gern.
Er ist der Herr mit ja und nein.
Soll ich nicht sein Empfänger sein?

Ich möchte von dem Retter singen,
der alles hingegeben hat.
Er wollte seine Freiheit bringen,
am Kreuz die große Liebestat.
Ich lobe ihn, er hat’s getan
und nehme seinen Frieden an.

Ich will, wird Gott mich überströmen
mit Christus selbst und seinem Geist,
um ganz zu geben, alles nehmen,
wo seine Flut die Quelle speist.
Will nehmen als Juwel und Kleid
und geben die Barmherzigkeit.

Ich will mich dankbar überlassen,
geliebt, ein Mensch der Liebe sein,
das Feuer in die Hände fassen,
beschenkt, bring ich mich schenkend ein.
Beschenkt geh ich durch Zeit und Not,
ewig beschenkt zu meinem Gott.
 
Rolf Walker

aus: Rolf Walker,  »Aufbruch ins Helle«, 1999
Kostenlos erhältlich bei der Geschäftsstelle
 

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Lebensschutz: Wie sich Kirchenbezirke engagieren können

Die Synode des evangelischen Kirchenbezirks ...  fordert die Verantwortlichen in Kirche und Politik dazu auf, sich nachdrücklich für eine Veränderung der §§ 218 bis 219b StGB und des »Schwangeren- und Familienhilfegesetz« in ihrer Fassung von 1995 einzusetzen. Diese Gesetze sind dringend überarbeitungsbedürftig, damit sie den Schutz des ungeborenen Lebens tatsächlich und nicht nur dem Wortlaut nach stützen. Dabei gehen wir mit dem Gesetzgeber davon aus, dass es im Konfliktfall um eine umfassende Hilfe für Mutter und ungeborenes Kind gehen muss, also Schwangerschaftskonfliktberatung, materielle und soziale Hilfeleistung und der Einsatz für eine kinderfreundliche Gesellschaft entscheidende und tragende Säulen der Unterstützung von Frauen in Konfliktsituationen sind. Dafür steht der Kirchenbezirk in seiner Beratungsarbeit über die Diakonische Bezirksstelle und die Arbeit in den örtlichen Gemeinden nachdrücklich ein.

Darüber hinaus ist jedoch der umfassende und klare gesetzliche Schutz für den letztlich schutzlosen, von Gott gewollten und geschaffenen ungeborenen Menschen unabdingbar und unbedingt einzuforden.
Grundlegend sind die Kernaussagen unseres Grundgesetzes: »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.« (Art 1, Abs. 1). »Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.« (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG).
Dabei geht das Grundgesetz von der christlichen Sicht des Menschen aus, nachdem der Mensch von Gott geschaffen und Mensch von Anfang an ist. So hat er auch als Ungeborener grundsätzlich denselben Anspruch auf Unversehrtheit und Schutz des Lebens, wie dies einem neugeborenem, erwachsenem oder alten Menschen fraglos zugestanden wird. Abtreibung tötet immer einen »ganzen« Menschen – in welcher Entwicklungsebene auch immer, und nicht »werdendes Leben«.
Mit großer Sorge sehen wir Folgen der jetzigen Gesetzeslage, die nach unserer Auffassung dem Anspruch einer humanen Gesellschaft tief widersprechen und letztlich für unsere Gesellschaft sehr schädigende Auswirkungen haben werden.

1. In unserer Gesellschaft wird heute von vielen selbstverständlich von einem »Recht auf Abtreibung« ausgegangen. Dieses ist eine direkte Folge der jetzigen Gesetzeslage. Entgegen aller Formulierungen vom »Schutz des Lebens« hat sie ein faktisches Recht auf Abtreibung konstituiert. Wenn unser Staat direkt oder indirekt die Tötung ungeborener Kinder finanziert und organisiert, wenn sogenannte »Abtreibungsexperten« sich ungehindert in den Medien ihrer Fachkompetenz aufgrund von zigtausend durchgeführter Abtreibungen rühmen können, wenn in Berichten deutlich wird, dass Kinder in unserem Land im Mutterleib getötet werden, weil der Zeitpunkt gerade ungünstig ist, das Geschlecht anders gewünscht war oder einfach die Lebensplanung gestört wird, dann muss dies alles das Rechtsbewusstsein in unserem Land untergraben. Während ein Paar, das sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet unbürokratisch alle Kosten, auch die für längerfristige Nachbehandlung ersetzt bekommt, erhält eine Mutter oder ein Paar, das sich für das Kind entscheidet, nur nach peniblen Prüfungen aller Daten finanzielle Unterstützung oder Sozialhilfe. In all diesen Momentaufnahmen wird eine Auswirkung der Gestzeslage deutlich, die klar gegen Geist und Buchstaben des Grundgesetzes steht.

2. Die Gesetze haben keinesfalls zu einer Senkung der Zahlen von Schwangerschaftsabbrüchen geführt. Dabei gibt es hier das Problem, dass die statistische Erhebung so lückenhaft konzipiert wurde, dass realitätsnahe Erhebungen der Abtreibungszahlen nicht möglich sind. Doch die erhobenen Zahlen zeigen keine positive Entwicklung. Wenn man die seriös geschätzte Dunkelziffer von bis zu 50 Prozent miteinbezieht, muss davon ausgegangen werden, dass an jedem Werktag in unserem Land 800 Abtreibungen vorgenommen werden oder auf drei Geburten ein Schwangerschaftsabbruch kommt. Diese Zahlen machen deutlich, dass in einem nicht hinnehmbaren Maß Abtreibung als Weg der »Problemlösung« praktiziert wird, einem Maß, das nicht mehr als Notregelung einer absoluten »Ausnahmesituation« angesehen werden kann. Die für diesen Fall vom Bundesverfassungsgericht geforderte Überarbeitung der Gesetze ist dringend notwendig.

3. Es gibt seit 1995 eine nachweislich zunehmende Zahl von Abtreibungen behinderter Kinder. Fachleute sprechen bereits von »Früheuthanasie«. Immer mehr lediglich potentiell behinderte Kinder werden dabei in den letzten Schwangerschaftsmonaten abgetrieben, obwohl sie außerhalb des Mutterleibs bereits lebensfähig wären. Bei Spätabtreibungen werden etwa 30 Prozent der Kinder lebend geboren, sterben dann erst elend, meist aufgrund unterlassener Hilfeleistung. Diese Entwicklung kann von Christen niemals hingenommen werden.

4. Die konkrete Gesetzeslage für Ungeborene entspricht nicht einmal den Anforderungen des Tierschutzgesetzes. Dort heißt es: »Ein Wirbeltier darf nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden.« Das Schmerzempfinden ungeborener Kinder ist ab der 8. Schwangerschaftswoche nachgewiesen. Eine Narkosepflicht bei Abtreibungen besteht jedoch nicht. Die Tötung durch Curette, Absaugen oder ausgelöste Frühgeburt geschieht ohne jede Narkose. Dieser Punkt macht besonders deutlich, dass die Menschenwürde der Ungeborenen in grundsätzlichster Art missachtet wird.

5. Wir bejahen die vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatung ausdrücklich. Wie jedoch kann Beratung konkret »dem Schutz des ungeborenen Lebens« (§ 219) dienen, wenn nicht einmal die Gründe genannt werden müssen, die das Weiterleben des Kindes unmöglich erscheinen lassen? Letztlich gibt es nur eine Anwesenheits- aber keine wirkliche Beratungspflicht. Hier braucht Beratung, die entsprechend den verfassungsmäßigen Vorgaben tatsächlich für das Leben eintreten will, bessere gesetzliche Rahmenbedingungen.

6. Die erheblichen medizinischen und physischen Folgen und Spätfolgen eines Schwangerschaftsabbruchs auch für die betroffenen Frauen, auch die Schutzlosigkeit, der sie von den Gesetzen her der Nötigung und Druck ihrer Umgebung ausgesetzt sein können, machen deutlich, dass diese Gesetze weder den ungeborenen Kindern noch ihren Müttern helfen.

Aus den genannten Gründen fordert die evangelische Kirchenbezirkssynode dazu auf, sich für eine Veränderung der Gesetze nachdrücklich einzusetzen in der Hinsicht, dass neben der Unterstützung für rat- und hilfebedürftige Paare auch das grundsätzliche und vor Gott und unserer Verfassung uneingeschränkter Lebensrecht der ungeborenen Kinder nicht nur in Worten, sondern auch im konkreten Vollzug gewahrt wird. Nie und nimmer darf die Tötung von Menschen, auch ungeborenen Menschen ein allgemein akzeptiertes und indirekt staatlich legitimiertes Mittel sein, Probleme zu »lösen«.
»Menschen dürfen nicht in dem Sinn über das Leben anderer Menschen – auch ihr eigenes Leben – verfügen, dass sie sich zu Herren über Leben und Tod machen.«
(Gemeinsame Erklärung der Kirchen »Gott ist ein Freund des Lebens«, 1989)
Antrag:
»Die Kirchenbezirkssynode soll ein klares Wort beschließen, mit dem sie sich öffentlich und gegenüber den Verantwortlichen in Kirche, Diakonie und Staat für die von Gott geschenkte und im Grundgesetz garantierte grundsätzliche Menschenwürde auch der ungeborenen Kinder, ungeteilt und von Anfang an einsetzt.

Der Antrag samt Begründung und der zu beschließende Text mit Quellenangaben sollen mit der Einladung verschickt werden. Im Falle einer Mehrheitsfindung in der Synode soll die Erklärung den führende Repräsentanten in Staat und Kirche zugestellt sowie in der Lokalpresse und kirchlichen Dokumentationen veröffentlicht werden.«

Begründung:
1. Der Antragsteller ist der Überzeugung, dass unsere Aufgabe als Kirche in diesem schwierigen Feld Schwangerschaftskonflikte und Tötung ungeborenen Lebens, der betreffenden gesetzlichen Regelungen und gesellschaftlichen Entwicklungen folgende Punkte umfassen muss:
• Kirche Jesu Christi muss eine Lobby für die Schwächsten sein, die selbst keine Stimme erheben können, in diesem Fall für die ungeborenen Kinder. Darum muss sie in angemessener, aber unüberhörbar deutlicher Weise in der Verkündung, aber auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit dazu Stellung beziehen.
• Das Angebot einer kirchlichen Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, die die Not der betroffenen Frauen oder Paare auf- und ernstnimmt und doch unzweideutig mit allen Möglichkeiten kreativer Liebe und Argumentation das Leben des Kindes zu retten versucht.
• Der Einsatz in den Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen selbst zuerst, dann aber auch in Politik und Gesellschaft für eine Offenheit für Kinder, Eltern, auch alleinerziehende Eltern und Familien, in der ganzen großen Spannbreite möglicher Themen und Entscheidungsfelder.
Keines dieser Aufgabenfelder kann und darf fehlen, wenn das Problemfeld in seiner Komplexität vom Evangelium her angemessen kirchlich begleitet und geprägt werden soll.

Karl-Hermann Gruhler
 
 
 

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Verheißungsvoll: Das Gemeindemodell von Willow Creek

Anfang der siebziger Jahre begann ein geistlicher Aufbruch in der Gegend von Chicago, die sogenannte »Willow-Creek-Bewegung«. Seit dieser Zeit hat die Bewegung einen enormen Zulauf erhalten. Aus der kirchlichen Jugendarbeit der »South-Park-Church«-Gemeinde mit verschiedenen Musikveranstaltungen, Anspielen, biblischen Unterricht wuchs »über Nacht« der Gottesdienstbesuch auf 1000 junge Leute an. Von Anfang an war die Bewegung verbunden mit einer Person: Bill Hybels, dem Jugendpfarrer der Gemeinde. Nahezu hundert verschiedene Ämter sind inzwischen für die wöchentlichen Gottesdienste eingerichtet. Seit 1981 sind die räumlichen Voraussetzungen gegeben, um die inzwischen sechzehntausend bis siebzehntausend Menschen in den sonntäglichen Gottesdienst aufzunehmen. Circa dreitausend Kinder werden extra betreut. An den Mittwoch- und Donnerstaggottesdiensten kommen jeweils zwischen sechstausend und siebentausend Erwachsene zusätzlich zusammen.

Würdigung
Der Ansatz der Arbeit von Willow Creek entspricht durchaus dem Grundanliegen des Pietismus, dass die Lehre sich mit dem Leben verbinden muss. Der Glaube an Jesus Christus hat konkrete Folgen für das Leben in der Nachfolge. Ein vorbildliches Leben ist die beste Werbung für den christlichen Glauben.
Die Konzentration der Arbeit von Willow Creek auf ein »authentisches« Christentum beginnt bereits bei der Verkündung, die davon ausgeht, dass Menschen ohne viele Worte durch ein vorbildliches Leben gewonnen werden können (vgl. dazu 1. Petr. 3,1). So konzentriert sich die Verkündigung bei Willow Creek gerade auf die Lebensführung der Zuhörer und stellt ein gelingendes Leben in Aussicht. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind angewiesen, sich um ein »authentisches« Christentum zu bemühen. Wer als Mitarbeiter der Sache dienen will, muss sich zuerst um eine eigene, glaubwürdige Lebensführung bemühen. Dazu bietet die Gemeinde Hilfen an.
Fortbildungsangebote, Seelsorge, Einübung in christliche Gemeinschaft, diakonisches Handeln, Entdeckung und Entfaltung der eigenen Gaben, und vieles mehr, sollen dazu dienen, den eigenen Platz in der Gemeinde zu finden.
Neben dem Aufbau der eigenen Gemeinde konzentriert sich die Arbeit von Willow Creek auf kirchenferne Menschen, um sie mit der Botschaft des Evangeliums in zeitgemäßer Form zu konfrontieren.

Die Gottesdienste dienen bewusst nicht nur dem eigenen Gemeindeaufbau, sondern haben darüber hinaus das Ziel, den einladenden Charakter mit einem missionarischen Anspruch zu verbinden. Dazu wird in Rechung gestellt, dass die Zeitgenossen einer hochtechnisierten und multikulturellen Gesellschaft in der Regel mit anderen Dingen beschäftigt sind als mit dem Besuch von Gottesdiensten und kirchlichen Angeboten. Durch moderne Präsentation biblischer Inhalte soll verhindert werden, dass Fremde sich in der Gemeinde nicht wohl fühlen oder gar langweilen. Dass dies in Willow Creek so außerordentlich gut gelingt, hängt mit dem professionellen Zuschnitt der Gemeinde zusammen. Kosten und Zeit werden nicht gescheut, das technisch Beste (Multimedia) mit dem theologisch Besten (Evangelium) zu verbinden. Gerade so soll das Interesse der ansonsten desinteressierten Zeitgenossen geweckt werden.

In erfrischender Weise kümmert sich die Willow-Creek-Bewegung um das, was bei den Menschen gerade »dran« ist. Sie hat dabei ein ungezwungenes Verhältnis zu den Traditionen ihrer reformierten Mutterkirche.
Das erinnert an das ungezwungene Verhältnis Jesu zur eigenen religiösen Tradition. Dieses Verhältnis war positiv geprägt, ohne einem sklavischen Gesetzesgehorsam, noch einer leichtfertige Missachtung der Gebote Gottes zu huldigen, Willow Creek versucht angesichts der eigenen religiösen Herkunft aus der reformierten Kirche, christliche Freiheit in einer möglichst unbefangenen Weise zu leben. Einem verkrampften Christentum, das alles andere als attraktiv ist, soll so ein fröhliches und unbefangenes Christentum entgegengesetzt werden.

Bei aller imposanten Größe der Willow-Creek-Gemeinde hat das Individuum durchaus seinen eigenen und unverwechselbaren Platz.
Die Gemeinde lebt von der kleinen, geistlichen Zelle, die aus dem persönlichen Glauben jedes einzelnen Mitglieds an Jesus entsteht. Aus ihr
entspringen die biblisch-geistlichen Impulse und vernetzen sich mit den andern Kleingruppen zu dem, was dann als »Riesengemeinde« erscheint. Diesem Vorgang liegt die Vorstellung des Leibes Christi zugrunde, der durch das Zusammenspiel der verschiedenen Begabungen eine sichtbare Einheit bildet (vgl. 1. Kor. 12).

Bill Hybels, der »Lokalbischof« der Gemeinde, hat ein recht bescheidenes Auftreten.

Psychologisch geschult - sein Ziehvater ist der Psychologe Robert Schuller, geistlicher Leiter der Fernsehgottesdienste »Hour of Power« (Stunde der Kraft) - könnte Bill Hybels seine Macht über Menschen wohl schon zu seinem persönlichen Vorteil ausspielen. Er hätte es beispielweise nicht nötig gehabt, bei der letzten ProChrist- Veranstaltung nur »Zweite Geige« zu spielen. Seine zentrale Stellung in der Gemeinde wird weiterhin unproblematisch bleiben, wenn er sich auch zukünftig als »Erster Diener« seiner Gemeinde versteht.
Die Willow-Creek-Gemeinde scheut sich nicht, Anleihen bei »weltlichen Vorbildern« zu machen.
Das unbefangene Verhältnis der Willow-Creek-Gemeinde zu den Methoden der Psychologie, des modernen Managements, des wirtschaftlichen Handelns, und vielem mehr entspringt einem positiven Verhältnis zur Schöpfung. Alle geschöpflichen Dinge, die dem Leben dienen, werden dabei in Anspruch genommen, um sie für den Dienst an der Sache nutzbar zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass dabei die Botschaft des Evangeliums in seiner ursprünglichen und unverwechselbaren Art unverfälscht erhalten werden kann.

Was man von Willow Creek lernen kann.
Das missionarische Konzept von Willow Creek versucht, sich am schöpferischen Heilswillen Gottes zu orientieren. Gott sandte seinen Sohn, um gerade dem fernen Menschen ein Arzt zu sein. Gott wurde Mensch und lebte unter Menschen. Dies ernst zu nehmen, heißt für Willow Creek zuerst: Obwohl Christen Kinder Gottes sind, müssen sie sich dieses Vorzugs und Unterschieds zu den Weltkindern entäußern und Gemeinschaft mit ihnen suchen, um sie so für Christus und sein Reich gewinnen zu können. Die Liebe zu den Menschen hat ihren Ansatz dabei nicht in der gemeinsamen geistigen Haltung mit den Weltkindern, sondern in der Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen. Am Erfolg des Missionskonzepts von Willow Creek kann gezeigt werden, wie sehr eine Missionsarbeit fruchtet, wenn sie sich nicht nur auf den zweiten und dritten Glaubensartikel beschränkt (Jesus und die Erlösung/ Der Heilige Geist und die Gemeinde), sondern sich auch wieder auf den ersten Glaubensartikel besinnt (Gott und seine Schöpfung).

Kritik
Bei aller Würdigung dieser imposanten und wegweisenden Gemeindearbeit von »Willow Creek« sind auch berechtigte kritische Anfragen anzubringen. Drei Dinge sind in Kürze zu nennen:
1. Das Konzept von Willow Creek entspricht ganz der amerikanischen Lebensweise. Es lässt sich nur schwer auf europäische Verhältnisse übertragen. In Europa herrscht seit dem 2.Weltkrieg eine berechtigte Zurückhaltung gegenüber allen Massenbewegungen.
2. Martin Luthers Aussage, er wolle nicht das Leben reformieren, sondern die Lehre, weist auf einen anderen Schwachpunkt des Willow-Creek-Konzepts hin. Schon im Mittelalter hatten Reformbewegungen am Ende des ausgehenden 15. Jahrhunderts vergeblich versucht, die Lebensführung der Menschen auf christlichere Bahnen zu lenken. Aber erst durch die Konzentration auf die Lehre (Luther und Zwingli) wurde die erhoffte reformatorische Wende eingeleitet.
3. Willow Creek betreibt einen immensen Aufwand, um die Menschen bei der Stange zu halten. Der Apostel Paulus hielt es dagegen für richtig, unter seinen Korinthern »nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten« (1. Kor. 2,2). Das Wort vom Kreuz spielt im missionarischen Konzept Willow Creeks nicht die zentrale Rolle, die ihm gebührt.

Fazit und Ausblick
Obwohl sich das Willow-Creek-Konzept in unserem Land nicht einfach in gleicher Weise umsetzen lässt wie in den USA, hat der schöpfungstheologische Ansatz dieser Arbeit einen verheißungsvollen Charakter. Die Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen ist mehr als nur einen Gedanken wert, um auch in unserem Land ein Nachdenken über eine erneute Missionspraxis zu beginnen. Dieses Nachdenken könnte auch für unsere Kirche der Schlüssel zu den Menschen von heute werden, die alles andere als versöhnt sind mit sich selbst, ihrer Umwelt, und ganz zu schweigen mit dem, der sie »geschaffen hat samt allen Kreaturen« (Luther).

Markus Sigloch
 
 
 

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