Rundbrief Juli 2000
 

Die Synode und die Juden - Der Landesvorsitzende hat das Wort?
Was würde Jesus tun? What would Jesus do?
Blaublütiger Missionar: Vor 300 Jahren wurde Graf Zinzendorf geboren
Interview mit Gerhard Maier: "Die Synode ist augenblicklich hilflos"
Aktuelles aus der Landessynode
Ein schleunigst zurückzuziehender Antrag der Offenen Kirche
Bitte um Treue zur Lutherbibel
 
 



Sehr geehrte, liebe Freundinnen und Freunde der Evang. Sammlung, liebe Schwestern und Brüder!

Das für viele von uns wichtigste Ereignis der letzten Wochen war die Klausurtagung der Landessynode in Bad Boll vom 5. bis 6. April 2000 zum Thema: »Verhältnis von Christen und Juden«. Angesichts der »Israelvergessenheit« als besondere Schuld der christlichen Kirche war die Tagung geschichtlich und geistlich mit Spannung erwartet worden.
Es geht um das Volk Gottes aus Juden und Heiden. Wir sind ein Gottesvolk. Aber wir Christen leiden darunter, dass Israel noch die Decke vor den Augen hat und den Messias in Jesus nicht erkennt.
Mitglieder des Landesvorstands der Evangelischen Sammlung, die zugleich Landessynodale sind, waren aktiv an der Klausurtagung beteiligt: Frau Dr. Christel Hausding, Dekan Hartmut Ellinger, Diakon Dietrich Sachs und ich. Wir alle waren dankbar für Erkenntnisse und Einsichten durch die Teilnahme von jüdischen Gelehrten als Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen. Wir konnten viel wahrnehmen vom Reichtum des jüdischen Glaubens, und der Treue im Beten, vom Hören auf die Tora, von messianischer Hoffnung, von jüdischer Gelehrsamkeit, von der Freude am Studium der Heiligen Schrift, von der tiefen Ehrfurcht gegenüber Schrift und Tora.

Das Evangelium gilt allen Menschen
Im Wort Jesu »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich« (Joh. 14, 4) und im Zeugnis des Petrus »In keinem andern ist das Heil« (Apg. 4,12) kommt der universale Anspruch Jesu zum Ausdruck. Beide Worte wurden ursprünglich zu jüdischen Menschen gesprochen. Sie gelten in diesem universalen Anspruch bis heute. Mission unter Juden entspricht daher dem Heilsplan Gottes. Der Begriff »Judenmission« ist so belastet, dass wir auf ihn verzichten müssen. Das Wortzeugnis gegenüber Israel aber gilt. Unser Lebenszeugnis von Christus ist den Juden ein Ärgernis wegen der belasteten Vergangenheit. Wir beugen uns unter die große Schuld, die wir als Deutsche in der Geschichte auf uns geladen haben und bitten um Vergebung. »Die öffentliche Anerkennung dieser Schuld und die daraus resultierende Verantwortung sind ein unverzichtbares Element des christlichen Lebenszeugnisses« (Votum der Evangelisch-Theologischen Fakultät Tübingen).

Evangeliumsdienst für Israel (EDI)
Immer wieder wird behauptet, der EDI nütze wirtschaftliche Notlagen jüdischer Menschen aus, um sie zum
Glaubenswechsel zu bewegen. Dies ist eine böse Verleumdung. Grundlose Beschuldigungen müssen zurückgenommen werden. Sind aber Tatsachen und Namen bekannt, dass der edi aus Russland eingewanderte Juden Wohnung und Arbeit verspreche, falls sie Christen werden, so nenne man Ross und Reiter. Sonst aber verleumde man nicht weiter und wiederhole nicht unbewiesene Verdächtigungen. Die  Evangelische Sammlung sagt ein volles Ja zum »Evangeliumsdienst für Israel«.

Soweit über die Klausurtagung zum Verhältnis von Christen und Juden. Weiter verweise ich auf meinen Beitrag in diesem Rundbrief »Aktuelles aus der Landessynode«.

Dietrich Sachs schied aus gesundheitlichen Gründen zu Beginn des Jahres 2000 aus dem Landesvorstand aus. Über 20 Jahre arbeitete er dort mit. »Die Evangelische Sammlung war genau das, was mir selbst und meiner Mentalität entsprach, nämlich das fundierte christliche Zeugnis in theologisch guter und »sauberer« Form innerhalb unserer Kirche einzufordern ohne in extreme Richtungen abzutriften«, so Dietrich Sachs in seinem Abschiedsbrief wörtlich.Deshalb bedanke ich mich bei Dietrich Sachs ganz herzlich für seine treue Mitarbeit. Als Heimleiter im Samariterstift Grafeneck war er Mitbegründer und zeitweise Vorsitzender des »Arbeitskreises für eine missionarische Diakonie« innerhalb der Evangelischen Sammlung. Die beruflichen Verpflichtungen für Dietrich Sachs haben jetzt Vorrang, ebenso sein Mandat in der Landessynode. Deshalb musste er seine anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten stark reduzieren.

Zur Spendensituation 1999
Wir danken allen, die durch ihre Spende die kostenlose Verteilung der Rundbriefe der Evangelischen Sammlung ermöglichen. Wir sind ganz auf Ihre Gaben angewiesen. Leider hatten wir im vergangenen Jahr fast 10% weniger Spenden eingenommen als im Jahr 1998. Deshalb legen wir diesem Rundbrief ein Überweisungsformular bei. Wir bitten um vollständige und deutliche Angabe der Anschrift auf dem Überweisungsvordruck, damit wir Spendenbescheinigungen übersenden können.

Testament zugunsten der Sammlung
Eine Erblasserin hat in ihrem Testament verfügt, dass wir für unsere Arbeit finanziell bedacht werden. So ist uns eine Nachlass-Sache von DM 33.996,– zugegangen. Darüber freuen wir uns sehr in der gegenwärtigen Situation, zumal wir den ganzen Betrag für unsere Arbeit verwenden dürfen.

Landesversammlung am Sonntag, 10. September 2000 um 15 Uhr in Denkendorf (Auferstehungskirche)
Prälat Prof. Dr. Gerhard Maier, Ulm, hält den Hauptvortrag über das Thema: »Missionarische Kirche – Kirche der Zukunft«. Wir wollen darauf hören, wie wir von der »Sozialkirche« wieder mehr zu einer »Missionskirche« werden. Dazu gilt es, alte und neue missionarische Chancen zu nutzen und die missionarischen Herausforderungen zu erkennen.

Mit großer Dankbarkeit für Ihr Mittragen in der Fürbitte und im Finanziellen freue ich mich auf das Wiedersehen in Denkendorf und grüße Sie alle ganz herzlich

Ihr

Gerhard Greiner
 
 

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What would Jesus do - Was würde Jesus tun?

Auf der Suche nach einer geistlich, geistvollen Zugabe zum Konfirmationsgeschenk meiner Patentochter lande ich vor einem langen Bücherregal mit der Aufschrift »Jugendliche«. Mein Blick bleibt auf einem Buchrücken mit der Buchstabenreihe w.w. j.d. hängen. Mein erster Gedanke: eine Internetadresse? – Aber nein, da fehlt ja das dritte w! Ich ziehe das Buch heraus und lese »what would Jesus do?« zu deutsch: »was würde Jesus tun?«. Ich überfliege das Inhaltsverzeichnis, lese die ersten Sätze und kaufe das Buch. Bis zum Fest ruht es unbesehen im Schrank.
Doch die vier Buchstaben lassen mich nicht mehr los: w.w.j.d.: »what would Jesus do?« Immer wieder sind sie da: mitten in ganz alltäglichen Situationen:
Beim Autofahren werde ich von meinem Hintermann wüst bedrängt: was ich tun würde fällt mir sofort ein. Doch dann ist da plötzlich wieder diese Frage: »what would Jesus do?« Was würde Er tun? Sicherlich nicht, wie ich, laut losschimpfen und sich schrecklich ereifern. Er würde vielleicht denken: »Oh, du aufgeregtes Menschenkind, pass auf, dass du nicht noch einen Unfall produzierst und lass doch den Ärger über deinen Chef nicht an deiner armen Vorderfrau aus.«
Oder, was würde Jesus tun, wenn er entdeckte, dass bei meinem allerliebsten Ehemann beim morgentlichen Reinigen des Rasierapparats mal wieder die Hälfte daneben gegangen ist und nun weitläufig im frisch geputzten
Bad verstreut ist? Jesu spontante Reaktion wäre sicherlich eine andere
als meine. Der Gedanke: »Ach, der Arme, heute morgen muss er es mal wieder besonders eilig gehabt haben und ohne Brille sieht er ja sowieso nichts!« kommt mir jedenfalls nicht einfach so.
Weitere erstaunliche Begebenheiten und Begegnung der lezten Tage und Wochen ließen sich ergänzen.
Was mich fasziniert, ist die Tatsache, dass diese vier Buchstaben, bzw. die Frage, die dahintersteckt, die Kraft haben, meinen Alltag stellenweise vollkommen zu verändern. Ich denke, rede und handle manchmal völlig anders als gewöhnlich, wenn ich mich frage: »was würde Jesus tun?«.
Ich sehe eine Situation plötzlich nicht mehr nur aus meinem, oft sehr subjektiven Blickwinkel, sondern mit den Augen Jesu. Und der hat oft eine ganz andere Perspektive. Wenn ich mich darauf einlasse, bekomme ich Anteil an seinem liebevollen, barmherzigen und gütigen Blick für meine Mitmenschen, mich selbst, ja die ganze Welt: dieser unverschämte Autofahrer hinter mir ist dann auf einmal auch Gottes geliebtes Geschöpf, das wie ich täglich aus seiner bedingungslosen Zuwendung, Annahme und Vergebung lebt.
Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, wie sie mit sich selbst, ihren Nächsten und der Schöpfung umgehen sollen: vor allem anderen in Liebe und Barmherzigkeit.
Im Kopf weiß ich das alles schon lange und ganz genau. Aber diese Liebe Gottes, die Grundlage für mein ganzes Leben ist, konkret in meinen Alltag hineinzubuchstabieren, ist eine echte Herausforderung. Mich immer wieder neu im Kleinen wie im Großen zu fragen w.w.j.d. »was würde Jesus tun?« ist ein Experiment, wie es der Untertitel des Buches sagt. Das Experiment, der lebenslange Versuch, meinen Glauben auf unterschiedlichste Weise zur Tat werden zu lassen. Ich bin gespannt, welche Konsequenzen die vier Buchstaben weiterhin in meinem Leben haben werden.

Elke Maihöfer
 
 
 

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Zum 300. Geburtstag des Grafen Zinzendorf

Am 26. Mai 2000 jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag Zinzendorfs († 1760), jenes Mannes, der gemeinhin dem Pietismus zugerechnet wird und den der Kirchenhistoriker J. Wallmann als »eine der originalsten Gestalten der Kirchengeschichte« charakterisiert hat. Zinsendorf war zwar in erster Linie ein wirkungsmächtiger Initiator für die Weltmission sowie der Gründer der Herrnhuter Brüder-Unität und gewiss kein »Schreibtischtäter«. Aber für Millionen von Christen ist er tagtäglich auf andere Weise präsent – durch jenes kleine, schlichte Andachtsbuch, das er konzipiert hat: die »Losungen«, mittlerweile in 46 Sprachen übersetzt. Für jeden Tag des Jahres wird hier ein Bibelwort aus dem Alten Testament ausgelost (bis heute!) und daneben ein neutestamentliches Wort (als »Lehrtext«) gestellt. Man müsste der Geschichte dieses Büchleins, das seit 1731 ohne Unterbrechung jährlich erschienen ist, einmal nachgehen, um zu sehen, wie dadurch der persönliche Glauben in vielerlei Alltagssituation motiviert und geprägt worden ist. Aber der »runde« Geburtstag Zinzendorfs könnte auch der Anlass sein, zu fragen, wie der Graf es mit den »Losungen« überhaupt gemeint hat.

Der Ursprung der »Losungen«
Zinzendorf hat die Idee, jeden Tag unter ein Losungswort zu stellen, tatsächlich nicht am Schreibtisch geboren und schriftlich ausgeführt (obwohl Zinzendorf im Lauf der Jahre die Bibel für die Arbeit an den »Losungen« acht- oder neunmal durchgearbeitet hat!). Eine Losung wurde von ihm erstmals am 3. Mai 1728 während einer abendlichen Singstunde in Gestalt eines Gesangbuchverses für den kommenden Tag ausgegeben. Daraus entstand der Brauch, die jeweilige Losung auch in die Häuser der Kranken und Alten zu bringen.
Diese Losungen waren »Parolen«, Weisung für die Gemeinde. Dabei geht Zinzendorf davon aus, dass das Losungswort weder »automatisch« noch als eine Art von christlichem Orakel wirkt; es wirkt, wenn der lebendige Herr der Gemeinde sein Wort selbst lebendig macht, wo und wie er es will. Die »Losungen« sind für Zinzendorf »connectirende Gespräch des Heilandes mit der Gemeinde auf Tage und Stunden, dahin sie gehören«; sie führen ins Gebet und zum daraus resultierenden Gehorsam. Sie haben ihren Platz in der Verbindung mit dem erhöhten Herrn, ja sie »haben mehrenteils den Zweck, dass Er uns über unsre gegenwärtigen Umstände bedeuten will; so dass wohl, wenn man’s nicht in Acht genommen, ein Schade daraus entstanden ist«.

Gemeinschaft unter dem Wort
Wird heute oft gemahnt, die »Losungen« so zu gebrauchen, dass man die einzelnen Bibelverse in ihrem Kontext liest und versteht, so war dieses Entweder-Oder für Zinzendorf noch nicht im Blick. Denn die »Losung« war lediglich Teil eines umfassenderen täglichen Umgangs mit der Bibel in der Gemeinde. »Wenn man Zinzendorf den Vorwurf nicht erspart«, meint denn auch Erich Beyreuther in seiner »Geschichte des Pietismus«, »durch seine Losungen ... habe er die Bibel atomisiert, so übersieht man eins: Der Graf hat nie den isolierten Leser der Losungen vor sich, sondern Brüder, die die Bibel selbstständig lasen, ihren Katechismus kannten, die Choräle sangen und in der Wortverkündigung in die Weite der biblischen Aussagen fast tagtäglich hineingeführt wurden.«
Weshalb stellte Zinzendorf die »Losungen« neben den anderweitigen Umgang mit der Bibel? Er verstand die »Losungen« als eine Art Kurzpredigt, als »komprimiertes Evangelium«, das dem »Totpredigen mit der lieben Bibel« und dem »Geplärr der Lippen« innerhalb der Gemeinde wehren soll – ein Problem, das in unserer durch und durch säkularisierten Zeit wohl nur noch am Rande von Kirche und Gemeinschaft existieren dürfte. Vielleicht könnte man heute wieder – sozusagen in umgekehrter Richtung – durch die »Losungen« einen Zugang zur Bibel und zur biblisch fundierten Verkündigung finden.
Die »Losungen« sollten die Gemeindeglieder mit ihrem erhöhten Herrn, aber auch untereinander zu einer Gemeinschaft unter dem Wort verbinden, in der die Laienseelsorge selbstverständlich ist. »Wir müssen zu allem, was wir reden, Texte haben«, schrieb Zinzendorf, »wir haben ein Buch vor uns, eine Anweisung, daraus wir die ganze Seligkeitssache herführen, ein Objekt, darauf wir alles führen.« Entscheidend ist für ihn, dass der Heilige Geist darin und dadurch wirkt, »denn der Heilige Geist hat das Evangelium ganz allein ... Das Evangelium aber ist die Geschichte (von Jesus Christus), die dem Herzen dispensiert (als Arznei gegeben) wird.« Am Rande sei hier vermerkt, dass Zinzendorfs Bibelverständnis von der orthodoxen Verbalinspirationstheorie deutlich abweicht und er die Bibel ganz von ihrem entscheidenden Inhalt her liest: dem allein rettenden Evangelium.
1744 fasste Zinzendorf seine Sicht der »Losungen« so zusammen: »So ist’s, als sähe man auf die Hände des Herrn, auf die Hände des Heiligen Geistes als der großen Kirchen-Mutter und nähme aus ihrer Hand Seine Worte, Seine Texte, Seine Losungen, Seine Erinnerungen, Seinen Trost, Seine Aufmunterungen, ja wohl einen Rat nach des Heilands Herzen zu demselbigen Tagesgeschäft, ja wohl zu dem ganzen Jahreslauf. Denn wir müssen freilich, wenn wir aufstehen und zu Bette gehen, auf die Hand unseres gebietenden Vaters, auf die Hand unserer gebietenden Mutter, auf die Hand unseres Gebieters und Mannes kontinuierlich sehen. Wir kriegen immer was geschenkt, wir gehen nie leer von Ihm weg.« (Alle Zinzendorf-Zitate wurden behutsam modernisiert.)

Bei dieser Kürze müssen wir den Rückblick auf Zinzendorf und seine »Losungen« belassen. Hingewiesen sei auf das immer noch lesenswerte Buch von Heinz Renkewitz, Die Losungen. Entstehung und Geschichte eines Andachtsbuches, 1967 (2. Aufl.) und auf das Buch von Theo Sorg, Leuchtzeichen am Weg, Neuhausen 1998, in dem die Prägung des Alltags durch die Losungen persönlich erzählt wird (siehe auch: Buchbesprechungen im Rundbrief 1).

Stephan Zehnle
 
 

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"Die Synode ist augenblicklich hilflos"
Interview mit Prälat Gerhard Maier über Sühnetod, Judenmission und die Zukunft der Kirche

Am Sonntag, 10. September 2000, hält Prälat Dr. Gerhard Maier (Ulm) bei der Landesversammlung der Evangelischen Sammlung um 15 Uhr in Denkendorf das Hauptreferat zum Thema »Missionarische Kirche heute und morgen«. Maier war von 1973 bis 1995 Studienleiter und Rektor des Tübinger Albrecht-Bengel-Hauses. Der verheiratete Vater von vier Kindern hat 18 Jahre Erfahrung in der Synode, davon 12 als Vorsitzender des Ausschusses Kirche, Gesellschaft und Öffentlichkeit. Marcus Mockler sprach mit ihm über Tendenzen und Probleme in der württembergischen Landeskirche.

Herr Prälat Maier, wenn eine Gemeinde einen neuen Pfarrer sucht, nehmen Sie kraft Amtes an den Wiederbesetzungssitzungen des Kirchengemeinderates teil. Welche Eigenschaften erwarten Gemeinden heute von ihrem Pfarrer?
Die Gemeinden sind sich darin einig: Man muss seine Botschaft glaubwürdig vertreten. Es muss zwischen Leben und Lehre eine Entsprechung geben. Erwartet werden nicht »christliche Helden«, die keine Fehler begehen – im Gegenteil. Es ist gewünscht, dass man Fehler zugeben kann und sich auch korrigieren lässt, ohne feindlich zu reagieren. Wichtig ist den Gemeinden, dass man nicht im Widerspruch zur biblischen Botschaft verkündigt.

Zum biblischen Verständnis des Sühnetodes Christi gibt es seit Herbst 1998 Widerspruch in der Landessynode. Eine gemeinsame Erklärung dazu scheint im »Kirchenparlament« nicht mehr möglich. Ist ein solches Dokument noch vorgesehen?
Nein. Die Enttäuschung ist sicher in den Gemeinden groß. Aber es zeigte sich im Verlauf der Tagung in Untermarchtal, dass eine Verständigung nicht möglich war. Und dann hat man gesagt: Bevor wir ein paar völlig verwaschene Sätze von uns geben, verzichten wir besser auf eine Stellungnahme. Lieber keine Stellungnahme als eine schlechte.

Ist die Synode in einer theologischen Krise?
Sie steckt zumindest in einem Dilemma. Eine Erklärung zum Sühnetod ist im Moment nicht konsensfähig. Die andere Seite ist: Verkündiger unserer Kirche sind auf die Bekenntnisse der Reformation verpflichtet, in denen der Sühnetod Jesu ganz eindeutig eine zentrale Bedeutung hat. Insofern ändert sich an der Grundlage unserer Kirche nichts. Aber wir sehen eine augenblickliche Hilflosigkeit der Synode, dass sie sich auf wesentliche theologische Gemeinsamkeiten nicht verständigen kann.

Verliert mit Zweifeln am Sühnetod Christi nicht auch das Abendmahl seine Bedeutung als Sakrament?
Das Abendmahl ist in unserer Kirche nach unseren Agenden eindeutig ein Sakrament. Ich vermute aber, dass es in der Synode ebenfalls zu Schwierigkeiten käme, wenn man sich dort neu über die richtige Auffassung vom Abendmahl einigen müsste.

Was bedeutet Ihnen das Abendmahl persönlich?
Jesus hat das Abendmahl als wichtiges Element seiner Gemeinde eingesetzt. Daran halte ich mich. Er hat uns dazu eingeladen und begegnet uns in Brot und Wein. Was mir jenseits dogmatischer Betrachtungen wichtig ist: Was ich beim Abendmahl in Empfang nehme, ist sozusagen mein ganz persönlicher Anteil an Christus. Das wird ja nie ein anderer zu sich nehmen. Hier wird das Verhältnis zu Christus sehr persönlich.

Ein anderes Thema: Pietisten dringen in Württemberg und anderen Landeskirchen auf mehr Rechte. Wie stehen Sie zum Wunsch, landeskirchliche Gemeinschaften in eigenständige Gemeinden umzuwandeln?
Der Oberkirchenrat hat einen Versuch in diese Richtung gestartet, den die Synode positiv aufgegriffen hat. Allerdings bin ich in dieser Sache etwas gespalten. Den pietistischen Gemeinschaften kann ich nur in Ausnahmefällen empfehlen, den Status als Gemeinschaftsgemeinde in Anspruch zu nehmen. Sie werden damit in die kirchliche Visitation und Aufsicht eingegliedert und verlieren Spielraum, den sie in der Vergangenheit ganz gut gebrauchen konnten. Manche Pietisten machen sich im Blick auf den Gemeindestatus falsche Vorstellungen. Im Einzelfall kann so eine Gemeinschaftsgemeinde die optimale Lösung vor Ort sein. Dazu braucht es aber auch eine Erprobungszeit.

Die Synode hat sich Anfang April in einer Klausurtagung mit dem Verhältnis von Christen und Juden befasst. 39 Synodale sagten: Mission unter Juden lehnen wir ab. Wie sehen Sie das?
Ganz klar ist, dass Christen ihr Zeugnis allen Menschen gegenüber geben müssen – auch den jüdischen Menschen gegenüber. Wir würden unsere eigene Herkunft verleugnen, wenn wir das Juden gegenüber verschweigen. Wir beten Jesus ja als Messias Israels an. Paulus verfuhr nach dem Grundsatz: Das Evangelium wird den Juden zuerst verkündigt – und danach den Völkern.

Den Juden zuerst – warum gibt es dann in der Landeskirche kein Referat für Judenmission?
Mit dem Begriff der Mission verbinden wir eigentlich das Hinaustragen des Evangeliums in die Völkerwelt, das Verlassen unserer Grenzen. Das Gespräch mit Israel war immer etwas Besonderes, weil der Gott des Alten Testamentes und der Gott des Neuen Testamentes derselbe Gott ist. Judenmission lag nie auf einer Ebene mit Völkermission. Auch der württembergische »Evangeliumsdienst für Israel«, der sich für messianische Juden engagiert, bezeichnet seine Arbeit ja nicht als Judenmission.

Brüskierende Beschlüsse des Bündnisses aus »Offener Kirche« und »Evangelium und Kirche« – etwa die Streichung der Zuschüsse für die Biblisch-Therapeutische Seelsorge (BTS) und für die Nachrichtenagentur idea – haben der »Lebendigen Gemeinde« zugesetzt. Haben die Pietisten überhaupt eine Zukunft innerhalb der Landeskirche?
Sicher haben sie das. Man darf die Frage nach der Zukunft nicht an Abstimmungsniederlagen binden, die man innerhalb einer Wahlperiode erleidet. Es kann Jahre geben, wo man von einer Niederlage zur anderen geht. Wenn man sein Existenzrecht an solche Abstimmungen knüpft, hat man schnell überhaupt kein Existenzrecht mehr. Da braucht es einfach einen langen Atem. Evangelikale müssen ihre Mitarbeit auf Jahrzehnte, ja auf Jahrhunderte anlegen.

Hat man überhaupt Zeit, sich auf quälend langsame Veränderungsprozesse einzulassen? Sollte man nicht lieber Freiräume außerhalb der Kirche für Mission und Evangelisation nutzen?
Wenn die evangelische Landeskirche nicht mehr da sein sollte, würden auch freie Gemeinden in den Abgrund gerissen. Denn sie leben zu einem guten Teil von der landeskirchlichen Struktur. Denken Sie an den Religionsunterricht, die Vertretung der Kirchen in der Öffentlichkeit, die Brücke zu Parlament und Regierung. Wenn es das nicht mehr gibt, wird es zwar weiterhin Christen geben. Aber der Protestantismus würde seine Rolle einbüßen.

Tatsächlich?
Ich gebe Ihnen einen Vergleich: Wir haben in Deutschland ungefähr drei Millionen Muslime. Wenn wir alle evangelischen Freikirchen zusammenzählen, kommen wir auf etwa 300.000 Mitglieder. Das ist ein Verhältnis von zehn zu eins. Es ist kaum vorstellbar, wie kleine evangelische Gemeinden leben würden, wenn es die Landeskirchen nicht mehr gäbe. Wenn ich als Pfarrer Hausbesuche mache, werde ich eigentlich nie abgewiesen. Hätte ich in den Schwarzwaldtälern, in denen
ich früher arbeitete, an der Türe ge-sagt: »Ich komme von einer religiösen Gruppe« – es hätte mich vermutlich keiner reingelassen. Die missionarischen Möglichkeiten in der Landeskirche sind weit größer als in der Freikirche.

Sie sprachen in Ihrem Weihnachtsbrief von erfreulichen Entwicklungen im Oberland. Wie sehen die aus?
Wir nehmen zahlenmäßig zu. Das Dekanat Biberach ist unter den 52 württembergischen Dekanaten das wachstumsstärkste. Das kommt durch den Zuzug von Russlanddeutschen und beruflich bedingten Umzügen von Evangelischen. Und durch niedrige Austrittszahlen. Das zur Kenntnis zu nehmen, hilft uns gegen die ewige Jammerei, dass wir Evangelischen nur abnehmen. Südlich der Donau haben wir einen starken Gottesdienstbesuch und viele Hauskreise.

Im Moment werden einige missionarische Modelle diskutiert, darunter Willow Creek und ProChrist? Was halten Sie für das Modell, das bei den Menschen heute am meisten bewirkt?
Am meisten bewirkt das persönliche Engagement der Verantwortlichen. Die Programme sind es nicht. Wir haben Beispiele, wo Christen ohne Programme einfach auf andere zugehen, Besuche machen, sie abholen – und das bringt Bewegung in die Gemeinden. Ich bin kein Fan von Wachstumsprogrammen.

Was empfehlen Sie dann einsatzwilligen Mitarbeitern, die sich für Gemeindewachstum engagieren wollen?
Erstens: Regelmäßig dafür zu beten. Zweitens: Praktisch damit zu rechnen, dass Gott etwas tut – wir können den Glauben ja nicht machen. Drittens sollten sie Gemeinschaft mit anderen Christen suchen, um zusammen zu beten und die Bibel zu studieren. Aus solchen Gruppen kommt immer wieder geistliches Leben. Viertens: Überlegen, wie man in der Gemeinde seine Gaben einbringen kann. Vielleicht sagt die Gemeinde: Wir brauchen Euch nicht. Das muss man ertragen können. Aber vielleicht ist die Gemeinde auch dankbar. Dann braucht man den Mut, sich einer Berufung zu stellen.

Im November wird ein neuer Bischof gewählt. Die »Lebendige Gemeinde« ist stimmenmäßig die stärkste Kraft in unserer Kirche. Hat sie eine Chance, das Amt aus ihren Reihen zu besetzen?
Die hat sie so wie jede andere Gruppierung. Wenn die LG jemanden aufstellt, der auch andere Synodale überzeugt, hat sie selbstverständlich eine Chance.

Was sagen Sie zum Kampfbündnis für eine Bischöfin?
Das ist in dieser Form neu. Von der feministischen Bewegung kam bei der letzten Wahl kein Vorschlag. Ich halte das geschlechtsspezifische Argument für nicht glücklich. Kein Geschlecht hat dem anderen gegenüber einen Vorzug. Es ist kein theologisches Argument zu sagen, der nächste Bischof müsse eine Frau sein, weil das die gesellschaftliche Entwicklung verlange.

Sie könnten sich also vorstellen, auch unter einer Bischöfin zu arbeiten?
Vom Kirchenrecht her ist klar, dass eine Bischöfin gewählt werden kann. Die evangelische Kirche hat diese Grundsatzentscheidung ja schon in den sechziger Jahren getroffen.

Sie waren selbst 1993 Kandidat für das Bischofsamt und erhielten keine Mehrheit. Bereuen Sie Ihre damalige Kandidatur?
Nein. Ich war bereit zu kandidieren, wusste aber gleichzeitig: Das liegt in Gottes Hand. Ich war bereit, beide möglichen Ergebnisse zu akzeptieren. Mir ging es nicht um Macht, sondern um den Glauben. Erlebte Enttäuschungen haben mich nicht sehr tief berührt. Ich sehe es so, dass Gott für mich entschieden hat.

Für Ihr Referat bei der Jahresversammlung der Evangelischen Sammlung haben Sie das Thema »Missionarische Kirche – Kirche der Zukunft« herausgesucht. Warum?
Missionarisch zu verkündigen und zu leben ist ein Ur-Motiv der Christen. Wer nicht mehr missionarisch lebt,
hält sich selbst für überflüssig und gibt sich auf. Außerdem sucht unsere ganze Umwelt nach Orientierung. Sol-
len wir sie darin nicht mehr ernst nehmen?

Wir danken für das Gespräch.
 
 
 

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Aktuelles aus der Landessynode

»Mission unter Juden lehnen wir ab«
(39 Ja-Stimmen, 32 Nein-Stimmen und 5 Enthaltungen)
So heißt es gegen Schluss der Erklärung der Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden. Wie kam es bei der Klausurtagung der Landessynode am 5. und 6. April 2000 dazu?

Drei Phasen sind zu unterscheiden:
1. Mit großer Einmütigkeit hat die Landessynode die Erklärung zum Verhältnis von Christen und Juden verabschiedet. Alle Gesprächskreise konnten zustimmen. Uns von der »Lebendigen Gemeinde« war besonders der vierte Abschnitt wichtig:
Juden, die sich zu Jesus als dem Messias bekennen.
Dort heißt es: »Es waren jüdische Frauen und Männer, die sich als erste zu Jesus als dem ,Messias‘ (= Christus) bekannten ... Schon bald bildeten Menschen aus den Völkern die Mehrheit der Christen. Es gehört zu den Verhängnissen der Kirchengeschichte, dass die Judenchristen früh aus dem Blick geraten sind.
In unserer Zeit begegnen uns erneut jüdische Menschen, die Jesus Christus als Messias erkennen. Sie verbinden ihre jüdische Lebensweise mit dem Glauben an Jesus. Damit treten sie in die Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden ein. Aus diesem Grund sind wir mit ihnen verbunden ... Nach christlichem Verständnis gehören Menschen, die sich zu Jesus als Messias bekennen und auf den Namen des Dreieinigen Gottes getauft sind, zur Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi. Wir bedauern, wenn es über den Status dieser Menschen zwischen Juden und Christen zu Irritationen kommt. Wir wollen sowohl mit jüdischen Gemeinden wie mit ,Messianischen Juden‘ und ihren Gemeinden in Kontakt und Austausch bleiben und für beide eintreten.«
2. Solche Sätze waren für nicht wenige Synodale zu weitgehend. Deshalb beantragten sie nach Verabschiedung der Erklärung ein »Minderheitsvotum«: Wir suchen die Begegnung zwischen Christen und Juden und wollen den Dialog fördern. Wir erklären: »Mission unter Juden lehnen wir ab« (39 Ja-Stimmen, 32 Nein-Stimmen und 5 Enthaltungen). Damit war dies ein Mehrheitsvotum.
3. Deshalb beantragte der Gesprächskreis »Lebendige Gemeinde« sofort ein Minderheitsvotum folgenden Inhalts:
»Wir können der Ablehnung einer Mission unter Juden nicht zustimmen. Wir stellen uns hinter das Votum der Evangelisch-Theologischen Fakultät Tübingen zum Verhältnis von Juden und Christen vom 23. Februar 2000 und betonen insbesondere Folgendes:
»Die den Christen im Ostergeschehen erschlossene Wahrheit über den Heilswillen Gottes ist das Evangelium für alle Menschen, für die Juden zuerst und auch für die Heiden (Römer 1, 16). Das Evangelium Juden und Heiden zu bezeugen, gehört von Anfang an zur Apostolizität der Kirche (Galater 2, 7 – 9). Dieses Zeugnis ist unablösbar vom Christsein selbst.«

Was folgt aus diesen Beschlüssen?
Einig waren sich die Gesprächskreise, dass das Thema »Christen und Juden« hineingehört in die Lehrpläne für den evangelischen Religionsunterricht und in die Arbeitshilfen für den Konfirmandenunterricht.
Uneinig waren sich die Gesprächskreise, ob und wie es mit der Förderung freier Werke (EDI) weitergeht. Der Gesprächskreis »Lebendige Gemeinde« hat folgenden Antrag gestellt: »Der Oberkirchenrat wird gebeten, solche freien Werke weiter zu fördern, die sich um Formen des Dialogs zwischen Juden und Christen bemühen, soziale und diakonische Hilfe leisten und Formen der Versöhnungsarbeit zwischen Juden und Christen entwickeln. Insbesondere wird der Oberkirchenrat gebeten, den Evangeliumsdienst für Israel als ein im Auftrag der Landeskirche arbeitendes Werk weiterhin zu fördern. Der EDI bemüht sich um ein gutes Verhältnis zwischen jüdischen Menschen, die Jesus Christus als ihren Messias bekennen, und Juden, die zur israelischen Religionsgemeinschaft gehören.«
Zahlreiche Mitglieder der Landessynode werden wohl gegen diesen Antrag stimmen. Deshalb wird es im Herbst zu einer Kampfabstimmung kommen.

Bischofswahl
Der Antrag »Der Landesbischof soll von der Landessynode gewählt werden« bekam nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Fast alle von der »Lebendigen Gemeinde« stimmten gegen diesen Antrag. Ich selbst nannte neun Gründe, warum das Wahlgremium für den Landesbischof weiterhin aus Synode und Oberkirchenrat bestehen soll.
Nachdem der Antrag, ohne Oberkirchenrat den Bischof zu wählen, nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit bekommen hatte, verweigerte die Mehrheit der Synodalen auch den vorgeschlagenen Änderungen des Wahlablaufs die nötige Zweidrittelmehrheit. Auf Vorschlag des Rechtsausschusses sollte die Zahl der Kandidaten beschränkt und ein schnelles Ausscheiden von Kandidaten mit wenigen Stimmen ermöglicht werden.
Die Wahl eines neuen Landesbischofs soll am Montag, 27. November 2000 in Stuttgart stattfinden.

Gemeinschaften dürfen Gemeinden bilden
Die vom Oberkirchenrat vorgelegten Grundsätze zur Bildung von Gemeinschaftsgemeinden innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hat die Synode nach ausführlicher Debatte (ca. 30 Wortmeldungen) zustimmend zur Kenntnis genommen. 53 Synodale gaben ihre Zustimmung, 12 verweigerten sie und 10 enthielten sich.
Für diesen Beschluss sind wir sehr dankbar. Er ermöglicht die Einbindung von landeskirchlichen Gemeinschaften in die Landeskirche und verhindert das Abtriften zu Freikirchen.
 
Gerhard Greiner
 
 

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Ein schleunigst zurückzuziehender Offene-Kirche-Antrag

Der Vorgang
Am 6. April 2000 stellten zwanzig Synodale der Arbeitsgruppe Offene Kirche in der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg namentlich den Antrag 6/00 mit dem Betreff »Erklärung zum Verhältnis Christen und Juden (Weiterentwicklung der Intentionen und Verhältnis zum EDI)«. Der Antrag hat folgenden Wortlaut:
Die Landessynode möge beschließen:
»Der Oberkirchenrat wird gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass die Intentionen der ,Erklärung zum Verhältnis Christen und Juden vom 6. April 2000‘ in der kirchlichen Arbeit weiterentwickelt werden.
Es wird weiter darum gebeten, das Verhältnis zu der judenmissionarisch orientierten Organisation ,Evangeliumsdienst für Israel (EDI)‘ vor dem Hintergrund dieser Erklärung in ihrem Bezug gegen die Missionierung der Juden zu überprüfen.«
Begründung:
»Das Anliegen und die Arbeit dieser Institution, die seit den Achtzigerjahren bemüht ist, die Gründung sogenannter ,Gemeinden messianischer Juden‘ im Bereich der Württembergischen Landeskirche zu unterstützen, ist mit der Ablehnung der Missionierung von Juden unvereinbar.«

Feststellungen und Fragen zu diesem Antrag
1. In der genannten Erklärung vom 6. April findet sich zu Recht die Ablehnung des belasteten Begriffs »Judenmission«, aber sie enthält keine Aussage gegen die Sache des zum Glauben einladenden christlichen Zeugnisses gegenüber Juden. Vielmehr steht dort der Satz: »Die Kirche glaubt und bezeugt (!) im Christusgeschehen das endgültige, nicht überbietbare Gotteshandeln für das Volk Israel und für die Völkerwelt.« Der Begriff »Judenmission« sei unangemessen und aus unserem Wortschatz zu streichen. Dann heißt es: »Was wir mit Zeugnis (!) in Wort und Tat meinen, wird durch diesen Begriff nur belastet. Vielmehr geben sich Christen und Juden wechselseitig Anteil an ihren Erfahrungen mit Gott und an dem, wovon sie gemeinsam und je eigen leben.« Soll es nun widerrufen werden, dass in diesem wechselseitigen Verhältnis Christen den jüdischen Gesprächspartnern Anteil an ihren Erfahrungen mit Gott und an dem geben, wovon sie »eigen« leben? Soll nun der Oberkirchenrat nachholen, was die gemeinsame Erklärung der Landessynode nicht zum Inhalt hat, wohl aber ein mit knappster Mehrheit von zwei Stimmen angenommener, der gemeinsamen Erklärung nachgeschobener Anti-Judenmissionsantrag der Offenen Kirche?
2. Der Antrag zielt gegen die Unterstützung von »Gemeinden messianischer Juden« durch den EDI. Offenbar können die Vertreter der Offenen Kirche, die den Antrag einbrachten, nicht gutheißen, dass wie in Israel oder in den USA christusgläubige Juden ihre Landsleute auch bei uns (fair und unbefangen!) auf den Glauben an Christus ansprechen. Sollen sie das nicht? Darf ein Jude einem anderen Juden nicht mehr sagen, was er glaubt? Vollends innerhalb der durch das Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit?
3. Dürfen christusgläubige Juden andere Christusgläubige aus den Heiden nicht mehr einladen, mit ihnen Gemeinschaft in dem einen Christusleib zu pflegen und sie auch um Förderung ihres Christuszeugnisses gegenüber jüdischen Landsleuten bitten? Wollen es die Damen und Herren der Offenen Kirche wirklich einem hiesigen Christen untersagen, der Einladung getaufter Juden zu folgen, ihr Christuszeugnis zu begrüßen und mitzutragen und es auch selbst zu vertreten? In der von der Offenen Kirche mitbeschlossenen Erklärung vom 6. April heißt es: »Wir wollen sowohl mit jüdischen Gemeinden wie mit ,Messianischen Juden‘ und ihren Gemeinden in Kontakt und Austausch bleiben und für beide eintreten.« Soll nun der EDI dafür gerügt werden, dass er Ernst damit macht, so wie für jüdische Gemeinden und ihr Geistesgut (unter der Fragestellung: was ist jüdischer Glaube und jüdische Überlieferung?) für messianische Juden einzutreten?
4. Warum wendet sich der Offene-Kirche-Antrag an den Oberkirchenrat? Kann man seine Geschwister vom EDI nicht selbst nach ihrem Glauben und Handeln fragen, sie um Auskunft und sogar um die Vorlage ihrer (sauberen) Bilanzen bitten? Um selbst zu prüfen und das Gute zu behalten? Die Antragsteller sollten Verständnis dafür haben, dass ihre Einlassung als Aufforderung zu behördlicher Kontrolle von oben (»überprüfen«!) mit unfeinem inquisitorischem Anhauch verstanden werden kann.
5. Soll der Oberkirchenrat dem EDI die ihm zugestandenen finanziellen Möglichkeiten wegnehmen? Im Falle der Streichung der Mittel für den Idea-Pressedienst stellte der Oberkirchenrat die Mittel erfreulicherweise in den
landeskirchlichen Haushaltsplan. Da musste sich die Offene Kirche in der Landessynode schon selbst die Hände schmutzig machen.
6. Ich kann verstehen, wenn sich jemand gegen das Christuszeugnis gegenüber Juden wendet. Ich kann nachempfinden, dass er dafür Gründe hat. Ich bin bereit, eine solche Stimme, wenn sie ernsthaft erwogen ist, zu respektieren und als Gewissensentscheidung zu schützen. Ich bin aber nicht bereit hinzunehmen, dass ein anderer mir meine wohlbegründete Meinung des Jasagens zum christlichen Zeugnis unter Juden intolerant verdächtigen und unter oberkirchenrätliche Kuratel stellen möchte. Sollten die Unterzeichnenden der Offenen Kirche nicht offen sein für eine sorgfältig getroffene Glaubens- und Gewissensentscheidung?
7. Kann es im Bereich der Offenen Kirche nicht fair akzeptiert werden, dass Gemeinden und Christenmenschen in unserem Land wünschen, der EDI solle von unserer Landeskirche Raum für seine Arbeit gewährt bekommen? Für seine in der Hauptsache philosemitische Arbeit, über der er auch zur Unterstützung messianischer Juden gekommen ist. Gewiss nicht allen denkbaren Raum, aber den bescheidenen, der ihm zuerkannt wurde. Soll dieser Raum der Freiheit eingeschränkt oder ganz weggenommen werden, ausgerechnet von Seiten der »Offenen« Kirche?
8. Niemals hat der EDI einen Alleingültigkeitsanspruch erhoben. Er wollte seinen Dienst dort anbieten, wo er gewünscht und freiwillig unterstützt wurde, nirgends sonst. Wer anderer Meinung war, konnte sich in Freiheit anders entscheiden und wird es auch in Zukunft können. Soll nun die Meinung der Offenen-Kirche-Antragssteller zur allein tonangebenden Meinung der Landeskirche und der Oberkirchenrat für diesen Neo-Dogmatismus »instrumentalisiert« werden?
9. Ich habe den Eindruck, dass den Freundinnen und Freunden der Offenen Kirche, die den Antrag stellten, eine Fehlleistung unterlaufen ist und sie ihren beschämend ungeschwisterlichen Antrag alsbald zurückziehen sollten.

Rolf Walker
 
 
 

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Bitte um Treue zur Lutherbibel

In der letzten Zeit haben die unterschiedlichsten Bibelausgaben und – Übersetzungen in unserer Mitte immer mehr Raum gewonnen. Diese Vielfalt der Bibeln ist erfreulich, hat aber eine empfindliche Schwachstelle. Es besteht die Gefahr, dass es bei diesem individuellen Bibelgebrauch keinen von allen benützten, wiedererkennbaren und einheitlich memorierfähigen Bibeltext mehr gibt. Über den persönlichen Besonderheiten geht der gemeinsame Bibel-Wortlaut verloren.
In unserer Landeskirche wurde 1984 nach langen Bemühungen von unserer Landessynode einstimmig (!) die revidierte Lutherbibel für den kirchlichen Gebrauch eingeführt und in alle Kirchenbücher aufgenommen. Es handelt sich dabei um eine moderne, wohlgeratene Revision, die Luthers Sprachgewalt aufnimmt, veraltete Wendungen durch neue ersetzt und die bekannten Stellen nur behutsam verändert. Diese revidierte Lutherbibel ist der »textus receptus« unserer Landeskirche, d.h. der offizielle, anerkannte, allgemeine Bibeltext. Er liegt unserem gemeinsamen Hören, Auswendiglernen und Wiedererkennen zugrunde. Andere Übersetzungen sind keineswegs ausgeschlossen, aber sie sind dem gemeinsamen Bibelwortlaut nachgeordnet, können ihn erläutern und beleuchten, aber nicht verdrän-gen, setzen also voraus, dass der tex-tus receptus zuvor bewusst gemacht wurde.
Wir wollen freundlich und auch nachdrücklich an die Lutherbibel als Einheitstext erinnern und herzlich darum bitten, dass er bei allen gottesdienstlichen Predigten, bei allen Lesungen, in Denksprüchen, Tauf- und Beerdigungsworten laut wird, ebenso in Hauskreisen, Sondergottesdiensten, Gemeinschaftsstunden, bei Gemeindeveranstaltungen und an Jugendtagen. Der gemeinsame Wortlaut unserer Lutherbibel hat seinen Platz in der Kinderkirche, im Konfirmandenunterricht nicht anders als in der Schule, gerade auch zum Auswendiglernen. Wie soll in einer reformatorischen Kirche die nachwachsende Generation mit der Bibel Martin Luthers vertraut werden, wenn sie sie nicht von Anfang an zu hören bekommt? Moderne Ausgaben mit dem revidierten Luthertext für junge Leute gibt es genug. Unser großes geschichtliches Erbe ist in einer der heutigen Sprache angepassten Form gegenwärtig und kann so an die heute Lebenden weitergegeben werden. Auch die christlichen, unserer Kirche nahestehenden Verlage sollten in ihren Bibelausgaben, Kalendern und Postkarten neu und vermehrt auf den Luthertext Rücksicht nehmen, wie es die Herrnhuter Losungen in vorbildlicher Weise tun. In gleicher Weise ist es wichtig, dass die Jahreslosung und die Monatssprüche den allen gemeinsamen Bibeltext wiedergeben.
Die Stichworte »Wiedererkennbarkeit, Gemeinsamkeit, Memorierfähigkeit« empfehlen und verlangen den Luthertext überall dort, wo die Bibel den privaten Gebrauch überschreitet. Lassen sie uns den gemeinsamen Bibeltext treu und selbstverständlich pflegen, besonders auch in dem Bewusstsein, dass er uns mit vielen evangelischen Kirchen in der Diaspora bis nach Österreich und ins Elsaß verbindet.

Denkendorf, März 2000

Der Landesvorstand der Evangelischen Sammlung in Württemberg
Die Vorsitzenden: Gerhard Greiner, Werner Schmückle, Dr. Rolf Walker
 
 

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