Rundbrief März 2000
 

"Nur Jesus Christus ist die Rettung" - eine unmögliche Behauptung?
Geschichte zur Passion
Der Pietismus kommt unter die Räder der Kirchenpolitik
Nachlese : Die EKD-Synode und die Mission
Ein Ja zu messianischen Juden!
In memoriam Albrecht Goes
Korrektur - Ev. Allianz und Kindertaufe
Auf den Spuren von J.S. Bach
Gedenktage 2000
Buchvorstellungen
 



Sehr geehrte, liebe Schwestern
und Brüder, liebe Freunde der
Evang. Sammlung!

Mit Sorge beobachten wir, dass gegenwärtig nicht nur in unserer Württembergischen Landeskirche, sondern weltweit Toleranz gefordert wird, gerade auch in Fragen des Glaubens. Nach einer Predigt an Weihnachten sagte ein Kirchenbesucher an der Türe zu mir: »Sie sind ein intoleranter Pfarrer. Ihr Urteil über den Buddhismus ist arrogant«. Ich sagte in meiner Weihnachtspredigt: »Buddhas hocken, unser Gott kommt!« Ich sprach von Jesus, dem einzigen Retter unseres Lebens:  »Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben...« (Römer 1, 16).
Selbst innerhalb der Christenheit, einem Weihnachtsgottesdienst, darf man es sich nicht mehr leisten, Jesus als einzige Möglichkeit zur Rettung, zum Überleben zu bezeugen. Der Vorwurf der Arroganz und der Intoleranz droht den Mund derer zu stopfen, die bei den Aussagen der Heiligen Schrift bleiben möchten und Jesus als den einzigen Weg zu Gott herausstellen.
Auf dem Hintergrund meines Erlebnisses an Weihnachten ist folgendes Ereignis bemerkenswert: Der gesundheitlich sehr angeschlagene Papst besuchte Indien. Wie auch sonst bei ähnlichen Anlässen berichteten die Medien darüber.
Indien wird fast ganz vom Hinduismus beherrscht. Dem christlichen Glauben fühlen sich lediglich zwei Prozent der Bevölkerung zugehörig. Schon vor dem Besuch haben radikale Hindus den Papst gewarnt. Aber allen Drohungen zum Trotz reiste er nach Indien. Damit nicht genug. Nachdem er dafür geworben hat, auch andere Religionen ernst zu nehmen und nicht zu verachten, machte er unmissverständlich klar: Aufgabe der Christen sei es, ganz Asien zu missionieren. Nur der Glaube an Jesus Christus rettet uns zum ewigen Leben. Dies sei Auftrag Gottes für die Christenheit. All die religiösen Werte, die auch in anderen Religionen vorkommen, »finden ihre Erfüllung allein in Jesus Christus.« Der Zeitungskommentator fragt erschrocken: »Christentum als allein seligmachende Religion?«
Weil es zu Jesus Christus als Retter keine Alternative gibt, muss es Menschen und Werke geben, die diesen Auftrag Gottes wahrnehmen. Das versuchen wir mit den Schriften der Evangelischen Sammlung. Wir wollen einladen zum einzigen Weg, den es gibt, um das Ziel des ewigen Lebens zu erreichen. Noch ist es in Deutschland nicht gefährlich, dies zu tun. Wir sollten aber die Zeit nutzen! Im Blick auf Karfreitag und Ostern möchte ich dies versuchen im Folgenden:

... hinabgestiegen in das Reich des Todes.
Diese Stelle im Glaubensbekenntnis der Christenheit ist für uns schwer verständlich. Was ist nicht gemeint? Nicht gemeint ist ein griechischer Orpheus mit christlicher Färbung. Nicht gemeint sind andere Sagen der Menschheit, nach denen eben doch einmal einer oder eine das Totenreich lebend besucht und lebend wieder verlassen konnte. So lässt in der griechischen Mythologie Odysseus den Homer den Hades aufsuchen. Er soll dort die Gefallenen des Trojanischen Krieges treffen. Wir kennen auch Vergils (römischer Schriftsteller, 70 v.Chr. bis 19 n. Chr.) Fantasien, die bei Dante (um 1300) christianisiert in seiner Divina Commedia auftauchen. Nein, so ist die dunkle Stelle im Glaubensbekenntnis nicht zu deuten. Was hätten wir Christen davon, wenn es bei der Höllenfahrt Jesu so wäre? Es wäre so, dass jemand sagenhaft oder dichterisch ins Totenreich geht und lebend wieder herauskommt.

Der biblische Befund ist eindeutig.
In 1. Petrus 3, 19 und 4, 6 ist Jesus zwischen Grablegung und Auferstehung in das Reich des Todes »hingegangen« (wörtlich!). Er hat dort den Geistern der Abgeschiedenen die Frohe Botschaft vom Leben verkündigt. Dann ist Jesus wieder »weggegangen« vom Reich des Todes.
In Epheser 4, 8 -- 10 kämpft Jesus im Reich des Todes. Auch wenn die biblische Basis für hinabgestiegen in das Reich des Todes schmal ist, ist dieses Geschehen im Heilsplan Gottes fest verankert und als Gemeingut des Glaubens belegt.
Mit Offenbarung 1, 18: »Ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle«
halten wir fest: Jesus hat dem Tod die Schlüssel des Totenreichs weggenommen. Er war beim Tod und in seinem Reich und hat ihn besiegt. Wir können das auch verstehen als tiefste Erniedrigung des Gottessohns in unseren menschlichen Tod hinein, um dann den Sieg über den Tod, über deinen und meinen Tod, als Auferstandener zu erringen.
Ich stand vor einigen Jahren im Dom in Schleswig, anlässlich der Generalsynode der VELKD, wo ich regelmäßig die Evangelische Landessynode von Württemberg vertreten darf. Dort ist auf den holzgeschnitzten Apostolicums-Tafeln des Bordelsholmer Altars das Geschehen im Totenreich so dargestellt: Der Sieger Jesus hat das Gefängnistor des Totenreichs zertrümmert. Jetzt drängen Mose, Noah (1. Petrus 3, 20), und andere Väter und Mütter des Alten Testaments hinaus ins Leben.
Es sind also alle die gemeint, die in diesem Leben noch keine Möglichkeit hatten, sich an der Predigt des Evangeliums (1. Korinther 1, 23) zum Leben oder zum Tod zu entscheiden. Andeutungsweise ist unser Satz im Glaubensbekenntnis also eine Antwort auf die Frage: Was ist mit den Toten, die im Leben nie etwas von Jesus als ihrem Retter gehört haben? Der, der die Schlüssel dorthin hat, kann sie auch als Sieger über den Tod hinausführen, durch Glauben zum Schauen seines Sieges.

Ein falscher Trugschluss
wäre allerdings die Folgerung: Du kannst dich wahlweise in diesem Leben oder auch erst nach dem Sterben im Reich des Todes für Jesus entscheiden. Das wäre falsch. Denn wer in diesem Leben von Jesus gehört hat, der muss sich in diesem Leben entscheiden. Und auch die, die im Totenreich die rettende Predigt von Jesus hören, waren stets zur eigenen Entscheidung aufgerufen.
Deshalb sagt Johann Albrecht Bengel von der »Höllenpredigt« Christi: Sie ist ein »Praeludium iudicii universalis«, d.h. ein Vorspiel des Jüngsten Gerichts, bei dem es sich erst zeigen wird, auf welche Seite einer gehört.
Wir halten fest:
Niemals geht der Traum von Menschen in Erfüllung, sie könnten den Tod außer Kraft setzen und für immer entmachten. Auch wenn die Menschen noch so verlockend festhalten an Meditation und Medizin, an Stutenblut und Affendrüsen, an Elixieren und Wunderseren. Allein Jesus hat den Tod und sein Reich besiegt. Er steigt zur Hölle (Hades), damit ich nicht im Reich des Bösen (des Todes) bleiben muss: Er... »führt die Gefangenen siegend heraus, fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser? Jesus ist kommen, der starke Erlöser« (EG 66, 3).

... am dritten Tage auferstanden von den Toten.
Was am Ostermorgen geschah, kann niemand beschreiben, auch nicht die Bibel. Denn die Berichte in den Evangelien sind alles Berichte vom Danach: Menschen begegnen dem Auferstandenen. Auch wenn sie dem Auferstandenen aufgeschreckt, glaubend, überrumpelt, wartend oder kühl zurückhaltend begegnen, alle sind bereit, dafür in den Zeugenstand zu treten.
Die Zeugenaussagen haben verschiedene Schwerpunkte. Sie sind nicht deckungsgleich. Im Dass stimmen sie alle überein, der auferstandene Herr begegnet Menschen mit Worten, mit Gesten, für die Augen sichtbar. Sie glauben gewiss: der König des Lebens ist aus den Mauern des Todes herausgebrochen. Jesus Christus ist als einziger von den Toten zurückge-
kehrt.
Heute begegnet uns Jesus als Auferstandener nur im von Mund zu Mund weitergegebenen Wort der Verkündigung. Wer andere, etwa historische oder medizinische Untersuchungsergebnisse verlangt, der ist beim Bekenntnis des Glaubens auf einem Holzweg.
Der Glaube findet keine Garantien außerhalb des Wortes. Dazu gehören auch die Sakramente, die Luther als sichtbares Wort (verbum visibilis) bezeichnet. Gottes Wort sagt, der Tod ist entmachtet. Er hat nicht mehr das letzte Wort. Der Tod ist aber auch nicht tot. Er ist niedergerungen. Er darf uns nicht behalten. Der Sieger hat ihm den Schlüssel zum Totenreich entrissen. Der Tod hat aber für diese Weltzeit noch Frist bis zu seinem eigenen Tod, bis zum Tod des Todes (Offenbarung 20, 14). Bis dahin hat er begrenzte Macht. Aber er kann die Tür im Totenreich nicht mehr verschließen. Die Schlüssel hat der Auferstandene. Der Tod muss mich, der ich im Glauben Christus gehöre, herausgeben zum Leben.
Liebe Schwestern und Brüder, aus dem Grab Jesu am Karfreitag hallt etwas Ungeheuerliches hinein in unsere Zeit und Welt des Sterbens. Das Lachen Gottes. »Der im Himmel wohnt, lacht ihrer« (Psalm 2, 4). Deshalb gibt es für die christliche Ostkirche das Ostergelächter am Ostermorgen. Für uns ist es der Jubel über Gottes Sieg. Es ist Anbetung und Bekenntnis: Christ ist erstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

In der Gewissheit dieses Sieges und mit der Einladung zu diesem Glauben an den lebendigen Herrn grüße ich Sie und verbleibe ganz herzlich

Ihr

Gerhard Greiner
 
 

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Geschichte zur Passion

Als Frau Heinisch eines Tages beim Hausputz das Bild mit dem Gekreuzigten herunternahm, bemerkte sie zum ersten Mal, wie sehr es im Laufe der Jahre nachgedunkelt war. Der Leib des Herrn hatte eine fast ebenholzfarbene Tönung angenommen, und sie wunderte sich darüber, dass sie das nicht früher bemerkt hatte. Es sieht nicht schön aus, dachte sie, aber was war da zu machen? Mit Wasser und Seife drangehen kam nicht in Frage, denn das Bild war nur ein Druck, der eine feuchte Behandlung nicht vertragen würde. Es wegwerfen und durch ein anderes ersetzen? Das widerstrebte ihr auch. Das Bild hatte sie durch dreißig Jahre ihres Lebens begleitet, durch ihre kurze Ehe, durch die Zeit ihrer Mutterschaft, bis ihr Sohn weggezogen war und eine eigene Familie gegründet hatte, und durch die langen Jahre der Einsamkeit. Nein, sie würde sich nicht davon trennen.
Sie hatte am Tag zuvor eine Annonce in der Ortszeitung aufgegeben, dass bei ihr ein möbliertes Zimmer frei war, denn ihr Untermieter, ein Student, hatte vor ein paar Tagen Examen gemacht und war wieder in sein Heimatstädtchen zurückgegangen. Als sie gerade dabei war, die Wäsche einzuweichen, klingelte es an der Wohnungstür. Draußen stand ein junger schwarzer Mann mit dunkler Gesichtsfarbe und krausen Haaren. Er hatte einen unauffälligen, gut geschnittenen Anzug an und eine lederne Mappe unter dem Arm. »Sie haben Zimmer zu vermieten«, sagte er mit einem schüchternen Lächeln. »Ich brauche Zimmer. Wieviel kostet? Ich bin Student.« Alles in ihr wehrte sich gegen die Vorstellung, ihre Wohnung fortan mit diesem Schwarzen teilen zu müssen. Er war ein Vertreter einer fremden Welt, die sie nicht kannte und auch nicht kennenlernen wollte.
Sie schloss ihr Gesicht zu wie eine Tür und sagte: »Das Zimmer ist schon vermietet. Es war schon ein anderer vor ihnen da, dem ich es versprochen habe.« »Wirklich?« fragte der Fremde, und es lag keinerlei Spott oder Ironie in seinen Worten, nur eine tiefe Ungläubigkeit, die ihren Grund haben mochte. »Bitte überlegen sie sich! Ich bin ein ruhiger Mensch, nicht trinken, keine Freunde. Sie nachdenken, ich wiederkommen.« Er drückte ihr ein Blatt Papier in die Hand, auf dem sein Name und seine Telefonnummer aufgeschrieben waren. »Gut«, sagte sie knapp. »Ich werde es mir überlegen.« Aber das war nur eine Floskel, um den Besucher loszuwerden; sie wusste genau, dass es da nichts zu überlegen gab. Als sie in die Wohnstube zurückkehrte, fiel ihr Blick zum zweiten Mal an diesem Tag auf das Christusbild. Schwärzlich schimmerte der gepeinigte Leib, und sie dachte einen Augenblick irritiert: Unser Herr Jesus hat die Gestalt eines Schwarzen angenommen. Aber dieser Gedanke erschien ihr fast wie eine Lästerung.
Trotzdem ließ er sie nicht los. Vielleicht hatte das alles etwas zu bedeuten, dass sie ausgerechnet heute die Veränderung des Bildes merken musste, das doch sicher schon lange dunkel gewesen war. Und war Jesus nicht für alle Menschen am Kreuz gestorben, die Schwarzen wie die Weißen? Eine merkwürdige Unruhe ergriff von ihr Besitz, und es gelang ihr nicht, sich auf die kleinen Handgriffe zu konzentrieren, mit denen sie ihren Haushalt in Ordnung brachte. Eine halbe Stunde später zog sie ihren Mantel über und ging zur nächsten Telefonzelle. »Ich möchte Herrn Bwama sprechen«, sagte sie und der fremde Name ging ihr glatt über die Lippen. Alles andere war schnell gesagt. Frau Heinisch wies die anderen Wohnungssuchenden ab, die im Laufe des Vormittags nach dem Zimmer fragten. Kurz nach dem Mittagessen erschien Herr Bwama. Er hatte ein kleines Köfferchen bei sich und lächelte sie freundlich an. »Das Zimmer -- was kostet?« fragte er. Ein paar Sekunden lang überlegte Frau Heinisch. Sie wusste, dass es üblich war, den Ausländern große Summen auch für die bescheidenste Schlafgelegenheit abzunehmen, und dachte daran, dass sie ihre Wohnung bald tapezieren lassen musste und dass sie dringend einen neuen Mantel brauchte. Dann fiel ihr Blick auf das Bild und sie schloss einen Augenblick lang die Augen, als habe jemand sie bei etwas Unrechtem ertappt. »Siebzig Mark«, sagte sie und das war genau die Summe, die auch ihr letzter Untermieter für das Zimmer bezahlt hatte.
Der junge Mann holte seine Brieftasche aus dem Jackett und zählte ihr langsam und ein wenig umständlich die Scheine hin. Seine Hände waren dunkel und ein bisschen gerötet, denn draußen war es kalt. Sie dachte daran, wie warm es in seiner Heimat war, und wie sehr er unter der Kälte in diesem Land leiden musste. »Setzen sie sich hin, ich koche ihnen eine Tasse Tee«, sagte sie, und das Zischen des heißen Wasserstrahls aus dem Behälter erfüllte sie plötzlich mit einer ungewohnten Freude, dass sie, ohne es zu merken, eine Melodie zu summen begann.

Margarete Kubelka
(Mit freundlicher Genehmigung der Autorin)
 
 

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Der Pietismus kommt unter die Räder der Kirchenpolitik

Im Folgenden geht es mir weder um Stimmungsmache noch um »beleidigt sein«, sondern um nüchterne Sachinformation.

1. Nach der Wahl zur Landessynode im November 1995 traten die gewählten Synodalen zu einer Klausurtagung im Januar 1996 in Bad Boll zusammen. Bei der Absprache über die Zusammensetzung des Landeskirchenausschusses wurde dem Gesprächskreis »Lebendige Gemeinde« (LG) folgende Koalitionsabsprache von »Offener Kirche« (OK) und »Evangelium und Kirche« (EuK) serviert: Wir wählen zwei Vertreter von OK, denn die OK ist als Wahlsiegerin zu betrachten. Unstrittig war die Wahl von Frau Dorothee Jetter als Präsidentin (EuK), die unser volles Vertrauen hat. Sie ist kraft Amtes im Landeskirchenausschuss. Der LG, die am Gesamtwahlergebnis einen Stimmenanteil von 44% hat, bleibt somit nur noch ein Sitz im Landeskirchenausschuss.
Zu dieser vor der Wahl nicht artikulierten klaren Koalition von OK und EuK wurde von EuK vermerkt: Aus dieser Personalentscheidung über die Zusammensetzung des Landeskirchenausschusses darf keine grundsätzliche Koalitionsabsprache von OK und EuK geschlossen werden. In vier Jahren Landessynode mussten wir leider das Gegenteil erfahren. In wichtigen Fragen kam es weiter zu einer Mitte/Links-Koalition. Die berechtigten Anliegen der qualifizierten Minderheit, zugleich zahlenmäßig größter Gesprächskreis, fanden keine Berücksichtigung. Dies auch in wichtigen Entscheidungen, bei denen der Oberkirchenrat auf der Seite der LG stand. Deshalb wurde mit Recht die Frage gestellt: Repräsentiert die Landessynode mit solchen Entscheidungen noch die Mehrheit ihrer Kirchenmitglieder?

2. Die Ablehnung eines Zuschusses an die Biblisch-Therapeutische-Seelsorge (BTS), für 1999 DM 22.000, für 2000 DM 20.000, erfolgte für viele Synodale ohne Sachkenntnis der Arbeit der BTS. Denn: Der Oberkirchenrat sollte der Landessynode Sachinformation über BTS geben. Dies erfolgt erst bei der nächsten Tagung der Landessynode am 7. und 8. April 2000. Ich habe rein formal beantragt: Entscheidung über Streichungen erst nach Sachinformation. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt. Mit Recht ist jetzt von bei BTS ausgebildeten Ehrenamtlichen gefragt worden: Was war und ist an meiner Ausbildung falsch? Nur wenige, die offenbar BTS näher kennen, argumentierten: Bei BTS sei Seelsorge und Therapie nicht klar abgegrenzt. Die Ausbildung geschehe auf der Basis eines fachlich nicht ausgewiesenen Curriculums (Lehrplans).
Es fehle an Sachkenntnis in Psychologie und Psychotherapie. Warum konnten OK und EuK mit ihren Entscheidungen nicht warten, bis alle Synodale den gleichen Kenntnisstand über BTS hatten? Nein, die Entscheidung gegen BTS sei längst überfällig!

3. idea
Mit 46 Ja-Stimmen und 40 Gegenstimmen hat die Landessynode den seit vielen Jahren gewährten Zuschuss an den Informationsdienst der Evang. Allianz (idea) zur Zeit in Höhe von DM 80.000 gestrichen. Der Oberkirchenrat war gegen die Streichung, denn im Bereich der Medien werde eine Streichung problematischer aufgefasst, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie auch aus kirchenpolitischen Erwägungen erfolgt. Es geht letztlich um die Pressefreiheit: »Ein Pressedienst mag einseitig sein, mag viele Angriffsflächen bieten, aber ihm die Unterstützung in dieser Form zu entziehen, das ist schon ein gravierender Entschluss« (Prälat Dr. Gerhard Maier). Es geht um die Meinungsvielfalt, zumal jeder Synodale die Kirche als Ganzes vertritt. Ich selbst warnte vor der Abstimmung: »Es ist ein einschneidender Vorgang, wenn ein Presseorgan durch finanziellen Einfluss gelobt oder getadelt wird.« Was werden die über 20.000 idea-spektrum-Leser aus Württemberg denken? Übrigens: idea-spektrum mit bundesweit ca. 90.000 Lesern trägt sich finanziell durch Abo-Preise gut. Unterstützung braucht der »Nachrichtendienst« (dreimal wöchentlicher Pressedienst mit je ca. 350 Exemplaren) an kirchliche und weltliche Presseorgane, viel beachtet, viel benützt. »Auch die evangelikale Stimme soll gehört werden« (Christel Hausding). Sie meinte weiter: Würde der Zuschuss gestrichen, stünde dies im Widerspruch zur Position der EKD, die idea mit DM 360.000 unterstützt. Der zuschussbedürftige idea-Nachrichtendienst trägt dazu bei, »dass Kirche in der säkularen Welt der Presse mehr vorkommt« (Otto Schaude). Trotz aller Argumente: Die Synode streicht den Zuschuss an idea. Was seit 20 Jahren möglich war ist jetzt zunichte. Dabei benötigt epd jährlich ca. DM 560.000 aus dem landeskirchlichen Haushalt.

4. Gemeinschaftsgemeinden
Einzelne Gemeinschaftsgemeinden haben den Wunsch nach eigenen Gottesdiensten und eigenen Kasualien geäußert: Die Taufe begründet die Mitgliedschaft in die Evang. Landeskirche. Amtshandlungen werden nach der Ordnung der Landeskirche vorgenommen. Gegen den Willen des zuständigen Kirchengemeinderats kann der Prediger einer Gemeinschaft nicht beauftragt werden. Kirchensteuermittel bekommt eine Gemeinschaftsgemeinde nicht, aber die Einbindung in die Landeskirche ist gewährt. So wird der Schritt hin zur Freikirche verhindert und der Freiraum für den Pietismus und sein Vertrauen zur Landeskirche gestärkt. Der Einwand, die Landeskirche selber könne mit solchen Regelungen zur Geburtshelferin von freikirchlichen Strukturen werden, wurde damit entkräftigt, dass einzelne, ganz wenige Gemeinschaftsgemeinden bei einer Nichteinbeziehung ohnehin zu Freikirchen werden. Es wäre doch schade, wenn gerade die Gemeinschaften den Weg in die Freikirche wählen, die zu den missionarisch aktivsten gehören. Der Oberkirchenrat und der Theologische Ausschuss halten einen Freiraum für Gemeinschaftsgemeinden innerhalb der Landeskirche für möglich, ohne dass neue Gesetze und Verordnungen erlassen werden. Dies soll jetzt im Rechtsausschuss geprüft werden. Dabei sollen auch die zahlreichen Bedenken der beiden Gesprächskreise OK und EuK geprüft werden: Verlust der Einheit, zweierlei Gemeinden in der Landeskirche, mangelhafte Strukturen des Miteinanders, Spaltungen in einer Gesamtkirchengemeinde usw.

Mein Eindruck: Es besteht die Gefahr, dass ein Anliegen des Pietismus wieder keine Mehrheit in der Synode findet. Noch ist aber diese Entscheidung nicht gefallen. Ich selber werde im Rechtsausschuss bei der Prüfung mitarbeiten.

5. Konsequenzen
Dies sind wichtige Fragen: Wird diese Landessynode weiterhin die berechtigten Anliegen einer qualifizierten Minderheit (Lebendige Gemeinde) nicht ernst nehmen? Werden weiterhin Koalitionsabsprachen zwischen OK und EuK dominieren? Bedeutet dies eine Entwicklung hin zu Fraktionen im Kirchenparlament wie in politischen Parlamenten? Würde dies nicht dem Ganzen unserer Landeskirche schaden? Müssten Koalitionen, wenn schon getroffen, nicht klar vor der Wahl in die Landessynode offengelegt sein, damit der Wähler weiß, wen und was er wählt? Für die Beantwortung dieser Fragen hat die jetzige Landessynode nur noch wenig Zeit. Im November 2001 sind wieder Kirchenwahlen.

Gerhard Greiner
 

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Nachlese: Die EKD-Synode und die Mission

In den letzten Jahren hat die EKD damit begonnen, sich verstärkt der Problematik von Mission und Evangelisation zu widmen. Sichtbares Zeichen für diese Neubesinnung sind die 1998 erfolgte Einsetzung einer Ad-hoc-Kommission zur Klärung der Frage nach der Bedeutung missionarischer Existenz und Verkündigung für das kirchliche Leben und die vom 7. bis 12. November 1999 tagende EKD-Synode in Leipzig, deren Schwerpunktthema (»Reden von Gott in der Welt. Der missionarische Auftrag der Kiche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend«) auch dieser Frage gewidmet war. Als theologischer Referent des Amtes für missionarische Dienste unserer Landeskirche hatte ich Gelegenheit, an dieser Synode teilzunehmen und konnte wertvolle persönliche Eindrücke gewinnen.
Nach meiner Auffassung waren der Verlauf und die Ergebnisse der Synode in mehr als einer Hinsicht bemerkenswert: Die Synode plädierte mit einer für viele überraschenden Eindringlichkeit für eine missionarische Neuorientierung der EKD. In der mit einer breiten Mehrheit verabschiedeten »Kundgebung« heißt es: »Von dieser Tagung der Synode geht das Signal aus: Die evangelische Kirche setzt das Glaubensthema und den missionarischen Auftrag an die erste Stelle, sie gibt dabei einer Vielfalt von Wegen und Konzepten Raum ... Weitergabe des Glaubens und Wachstum der Gemeinden sind unsere vordringliche Aufgabe, an dieser Stelle müssen die Kräfte konzentriert werden« [Hervorhebung W. N.]. Die zentrale Bedeutung der missionarischen Verkündigung für die Christenheit kam auf der Synode nicht nur in der gemeinsam verabschiedeten »Kundgebung« zum Ausdruck, sondern auch in den Bibelarbeiten, in einem Teil der Berichte (z.B. im Bericht von Herbert Meißner vom EMW) und in Diskussionsbeiträgen von Synodalen. Besonders pointiert bekräftigte Prof. Jüngel in seinem brillianten Grundsatzreferat die Bedeutung von Mission und Evangelisation: »Wenn die Kirche ein Herz hätte, ein Herz, das noch schlägt, dann würden Evangelisation und Mission den Rhythmus des Herzens der Kirche in hohem Maße bestimmen ... Doch wenn Mission und Evangelisation nicht Sache der ganzen Kirche ist oder wieder wird, dann ist etwas mit dem Herzschlag der Kirche nicht in Ordnung.« Wenn man bedenkt, dass in der EKD viele Jahre »Mission« und »Evangelisation« von nicht wenigen Pfarrern und Theologen problematisiert oder gar abgelehnt wurden, kann man sich über die Klarheit der zitierten Äußerungen nur freuen, zumal die Synode -- wie die Diskussion zeigte -- die Klarheit mehrheitlich akzeptierte und sich durch die einmütige Annahme der »Kundgebung« zu eigen gemacht hat. Einer der bewegendsten Beiträge war das Votum des indischen Pfarrers Manoharan, der den »Christinnen und Christen in Deutschland« wünschte, »dass sie sich des Evangeliums nicht schämen«, und bei aller Würdigung sozial-diakonischen Handelns daran erinnerte, dass »tätige Liebe und das Bezeugen des Glaubens nicht auseinander gerissen werden dürfen«, da das »zentrale Anliegen der christlichen Kirche« »ein brennendes evangelisches Verlangen« sei, »das Männer und Frauen aller Völker und Rassen in eine tiefe persönliche Beziehung mit Jesus Christus treibt. Hätten dies die Väter der Mission in Deutschland nicht geglaubt, dann stünde ich heute nicht vor ihnen als Christ.«
Auf der Leipziger Synode ist deutlich geworden, dass man in der EKD begonnen hat, das ganze Ausmaß der Entchristlichung in unserem Land wahrzunehmen und die nötigen Konsequenzen für das kirchliche Handeln ernsthaft zu bedenken. Dies ist nicht zuletzt für jene Gruppen in der Kirche Anlass zur Freude, die das Anliegen von Mission und Evangelisation schon immer vertreten und propagiert haben. Zur Euphorie besteht gleichwohl kein Anlass. Denn zum einen wurde auch auf der Synode deutlich, dass im Hinblick auf die soteriologische Situation des nicht an Christus glaubenden Menschen eine Scheu besteht, das biblische Urteil über die radikale und potentiell ewige »Verlorenheit« des Nichtglaubenden ohne Einschränkung zu akzeptieren und zu bezeugen. Zum anderen  trat zwar die Situation der säkularisierten, kam aber die der längst etablierten multireligiösen Gesellschaft dafür in den Blick. Die Kirchen
können die ihnen gestellte missionarische Herausforderung nur bewältigen, wenn sie anfangen, auch der vorhandenen Multireligiosität Rechnung zu tragen. Auch die nach wie vor unüberbrückbaren Gegensätze in der Frage des christlichen Zeugnisses gegenüber Israel verdunkeln die der Kriche aufgetragene Pflicht, »alle Völker« zu »Jüngern« Jesu Christi zu machen (Matthäus 28, 19) bzw. »einen jeden Menschen in Christus vollkommen (zu) machen« (Kolosser 2, 28).

Trotz der genannten Schwächen ist die Leipziger Synode ein hoch willkommener Mahnruf zur Neubesinnung auf den missionarischen Auftrag der Kirche. Man kann nur hoffen, dass er sich im späteren Rückblick als ein Signal von weitreichender Bedeutung für die EKD und ihre Gliedkirchen einschließlich unserer württembergischen Landeskirche erweist. Ob dies der Fall sein wird, hängt freilich ganz davon ab, wie dieses Signal in den Kirchen aufgenommen werden wird. Es wäre jedenfalls zu wünschen, dass in der Pfarrerschaft (z.B. auf Pfarrkonventen), aber auch in den Kirchengemeinderäten, auf den Landessynoden und in Hauskreisen und Gruppen aller Art sowohl die »Kundgebung« der Synode als auch das Grundsatzreferat von Prof. Jüngel aufmerksam studiert und biblisch reflektiert wird -- verbunden mit der Frage, was die eingeforderte missionarische Neuorientierung für praktische Konsequenzen persönlich, in den Ortsgemeinden und auf gesamtkirchlicher Ebene beinhaltet.
Dass das Signal von Leipzig auch von den Kirchenleitungen aufgenommen werden sollte, wurde schon auf der Synode angedeutet: Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft missionarische Dienste Hartmut Bärend bat um eine strukturelle Unterstützung der Ämter für missionarische Dienste und um eine stärkere Berücksichtigung des missionarischen Anliegens in der Theologenausbildung. Die württembergische Synodale Hausding präzisierte dieses Votum durch die Forderung eines Lehrstuhls für Evangelistik. Diese Hinweise machen deutlich, in welche Richtung die Kirchenleitungen weiterdenken (und natürlich auch handeln!) sollten: Die von der Synode geforderte missionarische Neuorientierung darf nicht an der Theologenausbildung vorbeigehen, sondern sollte durch ein entsprechendes Lehrangebot sowohl auf der akademischen als auch auf der kirchlichen Ebene angemessen berücksichtigt werden! Auch die kirchlichen Angebote für Pfarrerfortbildung und Laienschulung sollten durch eine verstärkte Berücksichtigung des missionarischen Anliegens ergänzt werden.
Die Leipziger Synode hat ein bemerkenswertes Signal gesetzt. Ob dieses Signal konkrete Folgen hat und zu einer wirklichen missionarischen Neuorientierung führt, hängt von uns allen ab. Es wäre schön, wenn die für
das missionarische Anliegen traditionell aufgeschlossene württembergische Landeskirche auch jetzt wieder mit gutem Beispiel voranginge!

Werner Neuer
 
 

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Ein Ja zu messianischen Juden

Der Druck, der von der Seite jüdischer Menschen, denen wir in Achtung und Neigung verbunden sind, zur Zeit gegen die christliche »Judenmission« hierzuland ausgeübt wird, ist groß. Wer könnte diese Juden nicht verstehen? Sie wollen nach den fürchterlichen Erfahrungen des Holocaust in Deutschland nicht gesagt bekommen, dass Jesus Christus der große Menschenfreund und zuerst ihr Erlöser und Freisprecher ist. Weil sich das Entsetzliche tief in sie eingebrannt hat, sind sie sehr zu unserem Schmerz allergisch gegen alles »Christliche«. Solche Allergien sind, wenn überhaupt, nicht leicht heilbar. Wer das Entsetzliche mit Scham und Furcht vor Augen hat, wird in dieser Sache keinen Stein auf Juden und ihr Nein werfen. Keine Besserwisserei, keinen Tadel -- Schweigen, Furcht und Scham.
Nun ist die Judenschaft bei uns nicht einheitlich. Nach der Zuwanderung jüdischer Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, die hier seit einigen Jahren eine Heimat gesucht haben, leben ohne unser Zutun jüdische Menschen unter uns, sogenannte messianische Juden, die sich wieder ohne unser Zutun zu Jesus Christus als ihrem großen König bekennen und nun ihrerseits unbefangen andere Juden auf ihren Herrn ansprechen. Diese getauften Juden sind gewiss nicht einfach Glieder unserer Landeskirche, aber wir gehören wie mit den messianischen Juden in Israel im großen Einheitsband des Leibes Christi mit ihnen zusammen. Wenn christusgläubige Juden uns die Hand reichen und an den Tisch ihres Herrn einladen, um sich mit uns an Gottes unerwarteter Gnade zu freuen, nehmen wir diese Einladung dankbar an. Auch wenn sie anderen Juden das Evangelium sagen und sie redlich, in Liebe und ohne Zwang in den Leib Christi einladen, können wir ihnen die Gemeinschaft und Hilfe nicht verweigern. So jedenfalls hat es der Evangeliumsdienst für Israel (EDI) unter uns gehalten. Er möchte dieses Miteinander auch in Zukunft pflegen.
Wenn nun die von jüdischer Seite vorgetragene Absage an das christlichen Zeugnis heißen soll, wir hätten uns von den messianischen jüdischen Geschwistern -- und von ihrer Unterstützung durch den EDI -- zu trennen, müssen wir sagen: Nein, bitte versteht uns, hier können wir nicht folgen. Um der Einheit des Leibes Christ willen können wir das nicht. Dazu haben wir unauslöschlich vor Augen, wie furchtbar sich Christenmenschen zur Zeit des Nationalsozialismus mit seiner wahnwitzigen Rassenlehre an ihren getauften jüdischen Schwestern und Brüdern vergangen haben, als sie sich nicht zum Einssein mit ihnen bekannten und sie zu den »verlassenen Kindern der Kirche« gemacht und schutzlos preisgegeben haben. Solche Trennung und Verstoßung darf nie mehr sein! Die Getauften aus den Juden sollen endlich Solidarität durch die Getauften aus den Heiden finden.
Auch wäre es außerordentlich folgenreich für die messianischen Juden in Israel, wenn sie bei uns durch die Kirche oder ihre Organe (wie unsere Landessynode) um die geschwisterliche Verbundenheit gebracht und als Getaufte allein gelassen würden. Gerade in Israel, wo ihnen manche Kräfte die Religionsfreiheit erschweren, brauchen sie unsere Verbundenheit und Hilfe im Leib Christi dringender denn je. Ein Nein zu den messianischen Juden bei uns wäre ein furchtbarer Schlag gegen die messianischen Juden in Israel.
Wir wollen an der Treue zu Israel, am Schrecken der Erinnerung des Holocaust, an unserem Interesse für die Kultur und Überlieferung des Judentums, an unserer Reisefreude ins Heilige Land, an unserer Achtung und dem Eintreten für die jüdischen Menschen und Gemeinden in unserem Land gegen allen latenten und rechts- oder linkslastigen Antisemitismus unbeirrt festhalten, ihre bürgerlichen, grundgesetzlich garantierten Freiheiten unangetastet wissen und verteidigen und zugleich an unserer Zusammengehörigkeit mit den messianischen Juden unter uns keinen Zweifel aufkommen lassen. Und! Kein falsches Entweder-Oder.

Rolf Walker
 

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In memoriam Albrecht Goes
1908 – 2000

Seit den ersten Tagen ihrer Gründung war D. Albrecht Goes, Pfarrer und Humanist, mit der Evang. Sammlung in Württemberg verbunden.
Er hat diese Verbundenheit, die eine Ehre und Ermutigung für uns war, immer wieder erneuert.
Sein Andenken als eines um die Grundlagen der Kirche wissenden Pfarrers und noblen Schriftstellers wird unter uns lebendig bleiben.

In großem Respekt und Dank
Evangelische Sammlung in Württemberg
Der Landesvorstand
 
 

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Korrektur - Ev. Allianz und Kindertaufe

Wie man es im Oktoberrundbrief der Evangelischen Sammlung Nr. 6/1999, Seite 8 nachlesen kann, sagte ich in meinen Jahresbericht vor der Lan-
desversammlung der Evangelischen Sammlung am 12. September 1999 in Denkendorf im Zusammenhang der Frage nach der Heiligen Taufe und der biblischen Tauflehre in unserer Mitte, sie werde in der Evangelischen Allianz und im Evangeliumsrundfunk systematisch ausgeblendet. Was die Evangelische Allianz betrifft, muss ich diese Aussage korrigieren. Der Vorsitzende der Evangelischen Allianz, Direktor Dr. Rolf Hille, machte mich darauf aufmerksam, dass sich die Evangelische Allianz des Taufthemas in aller Öffentlichkeit angenommen hatte, und zwar in den Mitteilungen des »Arbeitskreises für evangelikale Theologie« (Evangelikale Theologie/ AfeT April 1997 und August 1997). Ferner hatte Dr. Hille persönlich mit dem Leiter des Bundes Evangelisch-freikirchlicher Gemeinden (Baptisten), Eckhardt Schäfer, ein öffentliches, kontroverses Gespräch zu dieser Thematik geführt, das in der idea-Dokumentation 8/1998 »Wasser allein macht’s freilich nicht -- Pro und kontra Kindertaufe«, S. 18ff. wiedergegeben wurde. Es war mir nicht bewusst gewesen, dass es sich beim Arbeitskreis für evangelikale Theologie um eine offizielle theologische Kommission der Deutschen Evangelischen Allianz handelte. Gern und mit dem Ausdruck des Bedauerns nehme ich meine obige Fehlinformation zurück. Rolf Hilles Hinweise bzw. die neue Sachlage freuen mich sehr.

Rolf Walker
 

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Auf den Spuren von J.S. Bach
 

Die Quartiere waren gebucht, die Bahnverbindungen ermittelt, alle Fahrkahrten gekauft, Prospekte gesammelt und meine Töchter, die das alles vorbereitet hatten, stellten sich mir abwechselnd als Reisebegleiterinnen zur Verfügung. So wurde eine Reise auf den Spuren von J.S. Bach im Herbst 1999 zu einer »Bachwoche« ganz eigener Art.

Eisenach, die Stadt, in der dieser berühmteste Spross der Bachfamilie geboren wurde und zur Schule ging, war die erste Station. Das Bachhaus am Frauenplan, das Bachdenkmal gleich daneben, waren dort die ersten Anziehungspunkte. Eine Einführung in Leben und Schaffen J.S. Bachs mit Musikbeispielen ging dem Gang durchs stilvoll eingerichtete Haus und den malerischen Garten voraus. Am kommenden Tag, einem Sonntag, erlebten wir in der Georgenkirche, wo Johann Sebastian getauft worden war, einen Kantatengottesdienst mit der Aufführung einer Kantate des Thomaskantors. In der Nähe der Kirche liegt das Cotta-Haus, in dem Martin Luther einst gastliche Aufnahme fand. Nicht weit entfernt ist die Schule, die sowohl Luther, als auch Bach, die wohl größten Söhne Thüringens besuchten. Dass wir noch zur Wartburg emporstiegen, hatte weniger mit Bach, vielmehr mit Luther und auch mit Goethe zu tun, der sich um die Erhaltung der Burg verdient gemacht hat.

In der freien Reichsstadt Mühlhausen, der »Thomas-Müntzer-Stadt«, war J.S. Bach nur kurze Zeit Organist an der Kirche Divi Blasii. Mit ihren zwei wuchtigen Türmen ist sie neben St. Marien die zweite Hauptkirche der Stadt. Leider ist sie täglich nur von 11 bis 12.30 Uhr geöffnet und weder zum Chor noch zur Orgel ist ein Zutritt möglich. Anders in St. Marien, wo 1708 die berühmte Ratswechselkantate erklang. Dort ist eine Thomas-Müntzer-Gedenkstätte eingerichtet und die ganze Kirche ist zugänglich. Dem jungverheirateten Johann Sebastian Bach wurde es in Mühlhausen, dessen Kern noch heute von einer malerischen Stadtmauer umgeben ist, bald zu eng. Er geriet in den Streit der beiden Hauptpfarrer hinein und reichte am 25.7.1708 beim Rat der Stadt sein Entlassungsgesuch ein, in dem er bemerkte: »Wenn ich auch stets den Endzweck, nämlich eine regulierte Kirchenmusik zu Gottes Ehre« aufführen wollte, »so hat es sich doch ohne widrigkeit nicht fügen wollen«. Es ist schon bewegend im reichsstädtischen Archiv die Originalurkunden  in einfachen Glaskästen vor Augen zu haben und die ebenmäßige Handschrift J.S. Bachs studieren zu können.

Vor Mühlhausen war Bach in Arnstadt gewesen, einer kleinen, verträumten Stadt mit einem lauschigen Marktplatz. Dort steht ein Bachdenkmal ungewohnter Art. Ein junger Mann, in Bronze gegossen, sitzt auf einer Orgelbank ohne Perücke im offenen Hemd. Die Orgel muss man sich dazu denken. Das fällt nicht schwer, denn gleich beim Marktplatz ist die Neue Kirche, an der der 181/2-jährige Bach Organist wurde. Die Arnstädter hatten viel daran gesetzt, um ihn als Organisten zu gewinnen und der nutzte die Zeit um sein Orgelspiel zu vervollkommnen. Bachs Reise nach Lübeck zu D. Buxtehude, dem Altmeister, die vier Monate dauerte, obwohl er nur vier Wochen Urlaub hatte, fiel in diese Zeit. Im »Hause zum Palmbaum«, in der Bach-Gedenkstätte ist auch nachzulesen wie jene Streitigkeit zwischen dem jungen Organisten und dem Schüler Geyersbach im August 1705 vor dem Konsistorium verhandelt wurde. Bach soll diesen Schüler einen »Zipfelfagottisten« tituliert haben, was dieser zum Anlass nahm, Bach auf dem Marktplatz zu stellen. Der war in Begleitung seiner Base. Diese war dann auch Hauptentlastungszeugin für ihren Vetter. Eine andere Base, Maria Barbara Bach, die zu dieser Zeit in Arnstadt wohnte, wurde seine erste Frau im Jahre 1707. Die Hochzeitskirche im nahegelegenen Dornheim zu besichtigen, reichte die Zeit nicht aus. Ja für Arnstadt selbst war ein Tag fast zu kurz: Die Liebfrauenkirche, eine dreischiffige Basilika, die »Neue Kirche«, im neuen Glanz erstrahlend, mit zwei Orgeln, das Gasthaus »Zur Goldenen Krone«, wo die Bachfamilie ihre Feste feierte und vor allem das Schloss mit der Puppensammlung »Mon plaisir« wollten aufgesucht werden. In einer Miniaturstadt aus vielen Häusern mit 82 Stuben und über 400 Puppen ist nach den Ideen der Fürstin Augusta Dorothea das bürgerliche und höfische Leben in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dargestellt. Es ist die Zeit eingefangen, in der J.S. Bach lebte.

Weimar, wo Bach nach dem Zwischenspiel in Mühlhausen eine Anstellung als Hoforganist und Konzertmeister fand, stand 1999 ganz im Zeichen J. W. Goethes. J.S. Bach hat dort wenig Spuren hinterlassen, obwohl die Jahre von 1708 bis 1717 von reichem Schaffen erfüllt waren. Das Haus, in dem Bach mit seiner größer werdenden Familie wohnte, ist abgebrochen. Nur eine Tafel erinnert daran, dass hier drei berühmte Söhne J.S. Bachs geboren wurden. Das Schloss, in dem Bach aus- und einging, fiel später einem Brand zum Opfer. Es wurde zur Zeit Goethes in klassizistischem Stil wieder aufgebaut. Als der alte Hofkapellmeister starb, wurde der Konzertmeister Bach übergangen, worauf dieser kündigte. Die Kündigung wurde nicht angenommen, Bach in Haft genommen und nach vier Wochen schließlich in Ungnade entlassen. 1717 wurde Bach dann doch Hofkapellmeister beim Fürsten von Anhalt-Köthen.

Bevor wir aber das verwunschene Köthen aufsuchen konnten, führte unser Weg nach Leipzig, in die Universitäts- und Messestadt schon zu Bachs Zeiten. Die Thomaskirche wurde gerade für das Jubiläumsjahr 2000 grundlegend erneuert, war also eine einzige Baustelle. Um so intensiver erlebten wir die zweite Hauptkirche der Stadt, die Nicolaikirche, die allerdings ihre jetzige Innenausstattung erst in der Zeit nach Bach erhielt. Wir erlebten einen eindrucksvollen Gottesdienst in Erinnerung an das, was vor 10 Jahren in der Stadt Leipzig geschah. Die Kantate: »Es erhub sich ein Streit«, die vom Wirken der Engel verkündet, war zum Gedenken an jene unblutige Revolution sehr passend. Wir staunten über den Thomanerchor, der den Gottesdienst mitgestaltete. Am Abend zuvor hatten wir ihn im Gewandhaus gehört. Hier im gottesdienstlichen Rahmen klang alles ganz neu und vertraut. Leipzig ist reich an Spuren J.S. Bachs: Die beiden Bachdenkmäler, das berühmte Bach-Porträt im alten Rathaus, das Bachmuseum neben der Thomaskirche und nicht weit entfernt das Haus »zum arabischen Coffee Baum«, wo die Kaffeekantate erstmals erklang, der Johannisfriedhof, wo J.S. Bach zuerst bestattet wurde, das alles ist sehenswert. Sehenswert ist auch das Mendelssohn-Museum in dem Haus, in dem Felix Mendelssohn-Bartholdy, der Wiederentdecker Bachs, zuletzt wohnte und das liebevoll restauriert wurde, sehenswert auch das Musikinstrumenten-Museum, das zweitgrößte in Europa.

Erst nach Leipzig waren wir in Köthen, wo Bach nach seinem Abgang in Weimar so gnädig vom Fürsten Leopold aufgenommen wurde, der ihm in den sechs Jahren dort zum Freund wurde. Als Hofkapellmeister leitete er das Orchester und schrieb für dieses die Orchester- und Cembalomusik, die wir heute so schätzen und die uns vertraut ist. In Köthen starb Bachs Frau Maria Barbara, während er mit seinem Fürsten in Karlsbad weilte, ganz plötzlich. In Anna Maria geb. Wilcke fand er eine neue Lebensgefährtin und seine Kinder eine gute Mutter. Sie war Sängerin und hat ununendlich viele seiner Noten kopiert. Wo die Familie Bach in Köthen wohnte, ist nicht geklärt. Ein sehr schönes Denkmal erinnert an Bach. Dort in der Nähe am Bachplatz nahm man lange Zeit an, habe Bach gewohnt. Der Schlosskomplex in Köthen bedarf noch mancher Renovierung. Ein Anfang ist gemacht. Der Spiegelsaal und die Räume, in denen das Bachmuseum untergebracht ist, sind stilvoll renoviert. Man kann sich vorstellen, wie bei den Bachfesttagen, die alle zwei Jahre stattfinden, diese Räume mit Leben und Klängen erfüllt sind.
Am Tor der Jakobskirche trafen wir einen Religionslehrer, den es aus dem Allgäu hierher verschlagen hatte und der sich über unser Grüß Gott freute. Er wusste zwar, dass J.S. Bach in Köthen gelebt hatte, aber dass ein Bach-Jubiläumsjahr bevorstand, hatte er noch nicht zur Kenntnis genommen. Es wäre dieser liebeswerten Stadt und seinem Schloss zu wünschen, dass sie »entdeckt« würden, zumal nicht nur  Bach, sondern auch Samuel Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie und Joseph Freiherr von Eichendorff, der Dichter der Romantik zeitweilig hier wohnten und wirkten.
Die Schlosskapelle, die nach Bachs Zeit zugeschüttet wurde, ist wieder ausgegraben worden. Dort erlebten wir einen Erntedankgottesdienst mit einem ganz bescheidenen »Chörle«, aber einer treuen Gemeinde. Die Kirche St. Agnus, zu der Bach und seine Familie gehörte, wird zur Zeit renoviert. Schlusspunkt unserer Bachreise war ein Besuch in Potsdam, in Erinnerung an den Besuch, den J.S. Bach drei Jahre vor seinem Tod dem Preussenkönig Friedrich II. dort machte. Das Stadtschloss von Potsdam steht nicht mehr. Will man etwas vom Geist Friedrichs des Großen spüren, muss man nach »Schloss Sansouci« gehen. Das taten wir denn auch und stellten uns vor, wie im Musikzimmer Philipp Emanuel das Cembalo spielte, während der König die Flöte blies. Bei jenem Besuch hatte ja Friedrich II. dem alten Johann Sebastian ein Thema vorgegeben, das dann dieser -- nach Leipzig zurückgekehrt -- kunstvoll in Fugen variierte und als »Musikalisches Opfer« dem König widmete.
Es war keine Gruppenreise, von Reisefachleuten vermittelt, aber gerade so wurde diese Bachwoche zu einem großen Erlebnis. So zu reisen kann im Jubiläumsjahr und erst recht in den Jahren danach nur zur Nachahmung empfohlen werden. Die Gastfreundschaft in Thüringen, aber auch in den anderen neuen Bundesländern, war wohltuend. Und J. S. Bach? Wenn ich seine Musik jetzt höre, ist das Hören begleitet von einem inneren Sehen der Orte, an denen er gelebt und gewirkt hat.

Bernhard Reusch
 

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Gedenktage 2000

Seit dem 1. Januar 1700 richten sich evangelische und katholische Christen nach dem Gregorianischen Kalender: auch in Württemberg wurde damals die Kalenderreform aus dem Jahre 1582 eingeführt (vgl. dazu den Beitrag im Dezemberrundbrief 1997 der Evangelischen Sammlung). Am 31. Januar jährt sich die Gründung des Deutschen Müttergenesungswerks zum 50. Mal. Der Mystiker Johannes Tauler wurde am 4. Februar 1300, vor 700 Jahren, geboren. Vor 125 Jahren,  am 6. Februar 1875, ergingen im Zuge des Kulturkampfes die Personenstandsgesetze, die den Kirchen die bis dahin allein innegehabte Zuständigkeit in Personenstandsangelegenheiten endgültig genommen haben. Kurfürst Friedrich der Weise, der zeitlebens seine schützende Hand über den Reformator Martin Luther gehalten hat, starb am 5. Mai 1525. Am 24. Mai 1575, vor 425 Jahren, wurde Jakob Böhme geboren, mit ihm ereichte die deutsche protestantische Barockmystik ihren Höhepunkt. Am 26. Mai 1700, vor 300 Jahren, wurde Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf geboren, der sich nicht nur als Liederdichter einen Namen gemacht hat. Auf ihn gehen die Tageslosungen zurück; er hat der Kirche und der Mission viele wichtige Impulse gegeben. Vor 125 Jahren, am 4. Juni 1875, starb der Pfarrer und Dichter Eduard Mörike. Das Nicänische Glaubensbekenntnis wurde am 19. Juni 325 vor 1625 Jahren verkündet. Am 18. Juli 1100, vor 900 Jahren, starb Gottfried von Bouillon, der seit dem Ersten Kreuzzug in Jerusalem herrschte. Der 27. Juli ist der Todestag von Johann Sebastian Bach; der »fünfte Evangelist« starb vor 250 Jahren. Der Pfarrer und Dichter Gustav Schwab, berühmt vor allem durch seine Sammlung von Sagen des klassischen Altertums, starb vor 150 Jahren am 4. November 1850. Am 13. Dezember 1250, vor 750 Jahren, starb der Hohenstauferkaiser Friedrich II. Mit ihm ging auch das Stammesherzogtum Schwaben unter. Am 25. Dezember 800 wurde Karl der Große -- sehr gegen seinen Willen -- vom Papst zum Kaiser gekrönt. Dies leitete die lange Reihe der Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst ein, die die deutsche Geschichte bis zur Neuzeit bestimmte.
Nachfolgend werden weitere für die Reformation wichtige Gedenkdaten in der Reihenfolge des Jahreslaufes genannt und erläutert.

14. Januar 1875:
Vor 125 Jahren: Albert Schweitzer geboren
Der Elsässer Pfarrersohn Albert Schweitzer (1875--1965) hat sich einen Namen gemacht als Theologe und Philosoph, als Bach-Forscher, Buchautor, Orgelspezialist und als Hauptvertreter der Leben-Jesu-Forschung. Bekannt geworden ist der Friedensnobelpreisträger des Jahres 1952 aber vor allem als der Urwaldarzt von Lambarene; einem Ort im damaligen Französisch-Gabun. Dort hat er von 1913 an bis zu seinem Tode gewirkt. Schon vorher hatte es der hochbegabte Gelehrte zum Theologieprofessor an der Universität Straßburg gebracht; er hatte in Theologe und Philosophie promoviert, eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn schien ihm sicher. Doch schon der einundzwanzigjährige Student hatte beschlossen, »sich einem unmittelbar menschlichen Dienst zu weihen«. So baute er nach einem erfolgreich absolvierten Medizinstudium von 1913 bis 1917 das Urwaldhospital im Kongogebiet auf. Dort hat er die Eingeborenen ärztlich versorgt
und ihnen in täglichen Andachten die Bibel ausgelegt. Der legendär gewordene »Urwalddoktor« wollte so »den Afrikanern die christliche Botschaft als Kraft der Erlösung und Befreiung nahebringen«. »Lambarene am Ogowe-Fluß ist durch Schweitzer zu einem der großen, positiven Symbole des 20. Jahrhunderts geworden, ein Symbol für Menschlichkeit, Nächstenliebe und für die von Schweitzer theoretisch entwickelte und praktisch umgesetzte Ehrfurcht vor dem Leben.« (Andreas Rössler).

21. Januar 1800:
Vor 200 Jahren: Theodor Fliedner geboren
Die Wiederbelebung des urchristlichen Diakonissenamtes ist dem Pfarrerssohn Theodor Fliedner (1800--1864) aus dem hessischen Taunusstädtchen Eppstein zu danken. Der kärglich bezahlte Gemeindepfarrer von Kaiserswerth hatte als Kind und Jugendlicher Armut am eigenen Leibe schmerzhaft verspüren müssen. Als Pfarrer widmete er sich auch straffällig Gewordenen, Arbeitslosen und Verarmten. Das alles ging schließlich über seine Kraft; daher gründete er 1836 einen Verein »zur Pflege weiblicher Gefangener, Kranker, Verbrecherkinder und armer Verlassener«, der auch »evangelische Frauen und konfirmierte Jungfrauen über 16 Jahren« zur Mitarbeit aufnahm. So ist die Kaiserswerther Mutterhausdiakonie entstanden: sie eröffnete unverheirateten Frauen ein neues öffentliches Wirkungsfeld und sie war die Initialzündung für zahlreiche weitere Einrichtungsgründungen. Als Fliedner 64-jährig starb, gab es bereits 30 Diakonissenhäuser mit 1600 Diakonissen. Der auf ihn zurückgehende »Kaiserswerther Verband deutscher Diakonissenmutterhäuser« ist der älteste von fünf evangelischen Schwesternverbänden in Deutschland, ihm gehören heute 98 Mutterhäuser in 13 Ländern an. Schwerpunkt ist Deutschland mit 74 Einrichtungen und rund 4300 Diakonissen.

27. Januar 1775:
Vor 225 Jahren: Friedrich Wilhelm Schelling geboren
Als »Der erste Denker Deutschlands« ist Friedrich Wilhelm von Schelling (1775--1854) schon gewürdigt worden. Der Pfarrerssohn aus Leonberg, der heute freilich nur noch Wenigen ein Begriff ist, hat die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts nachhaltig geprägt; seine Gedanken wirken bis heute nach. Nach naturwissenschaftlichen Studien entwickelt er eine eigene spekulative Naturphilosophie, die er später zu einer Identitätsphilosophie ausbaut. Danach tritt bei ihm das Problem der Freiheit in den Vordergrund. Zuletzt entwickelt er unter dem Einfluss des Mystikers Jakob Böhme seine sehr schwer verständliche Spätphilosophie: Sie gilt als einer der ganz selbständigen Entwicklungsstränge des deutschen Idealismus. Ein geschlossenes Werk hat Schelling nicht hinterlassen: Er ist zusammen mit Fichte und Hegel einer der Hauptvertreter des deutschen Idealismus und er hat die Existenzphilosophie stark beeinflusst. Unter seinem Lehrstuhl saßen so unterschiedliche Männer wie Friedrich Engels, Michail Bakunin, Jacob Burkhardt und Sören Kierkegaard. »Der erste Denker Deutschlands« blieb zeitlebens von seiner Herkunft aus einem altwürttembergischen Pfarrhaus geprägt. Sein Denken kreist letzten Endes immer um Gott und Glaubensfragen. So trägt die 1792 von dem Siebzehnjährigen vorgelegte Magisterdissertation den Titel »De malore origine« (Vom Ursprung der Übel); er ringt darin mit der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens und des Bösen in der Welt. Diese Frage hat ihn letztlich nie losgelassen und er hat darauf zu unterschiedli-
chen Zeiten unterschiedliche Antworten gegeben. Anfangs ordnet der junge, noch vom Fortschritts-Optimismus der Aufklärung gebannte Wissenschaftler das Böse in den das Gute hervorbringenden Vernunftprozess der Geschichte ein. Im Alterswerk hat er dann den rationalistischen Freiheitsbegriff überwunden: das Faktum der Menschwerdung Gottes in Christus ist nun der Garant für die endgültige Entmachtung des Bösen.

1. Februar 1875:
Vor 125 Jahren: Traugott Hahn geboren
In der um 1230 von deutschen Kaufleuten gegründeten späteren Hansestadt Reval hatte die Reformation schon ab 1523 Fuß gefasst. Evangelische Hauptkirche der Stadt ist bis heute die St. Olaikirche, deren anfangs 159 Meter hoher Turm (nach einem Blitzeinschlag ist jetzt »nur« noch 124 Meter hoch) bis zur Fertigstellung des Ulmer Münsters der höchste evangelische Kirchturm der Welt war. An dieser Kirche trat Traugott Hahn (1875-- 1919) im Krisenjahr 1917 die Nachfolge seines Vaters an, der dort 31 Jahre tätig gewesen war. Zuvor war Hahn Theologiedozent an der bedeutenden Landesuniversität Dorpat gewesen. Hatte schon die gewaltsame Russifizierung in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg erhebliche Nachteile für die evangelischen Deutschbalten gebracht, so verschärfte sich ihre Lage nach der Oktoberrevolution 1917 noch mehr. Zwar konnte im Februar 1918 die Unabhängigkeit des freien Estlands proklamiert werden, nach dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs errichteten aber die Bolschewisten gegen Jahresende wieder ihre Schreckensherrschaft. In dieser Situation entschied sich Hahn, seine Gemeinde nicht zu verlassen, sondern als »guter Hirte« bei ihr auszuharren. Am Sonntag nach Weihnachten 1918 hielt er seinen letzten Gottesdienst in der St. Olai-Kirche, am 3. Januar 1919 wurde er verhaftet und elf Tage später ermordet -- unmittelbar, bevor deutsche Selbstschutzverbände die Stadt befreiten. Seine Witwe überlebte ihn um 55 Jahre, der Sohn Wilhelm war nach dem Zweiten Weltkrieg Kultusminister in Baden-Württemberg.

12. Mai 1525:
Vor 475 Jahren: Schlacht bei Böblingen
Der große Bauernkrieg des Jahres 1525 markiert den Höhepunkt von immer neuen Unruhen der reich und selbstbewusst gewordenen Bauern vor allem in den zersplitterten Territorien Süd- und Mitteldeutschlands gegen den Geld- und Frondruck meist verarmter Grundherren. Die schwärmerisch umgedeutete Reformation und die Schrift Luthers »Von der Freiheit eines Christenmenschen« gaben dem Reformverlangen neue Stoßkraft: der aus nichtigem Anlass 1524 in Stühlingen und Waldshut ausgebrochenen Bauernkrieg breitete sich schlagartig bis Thüringen und Oberösterreich aus, scheiterte aber nach Anfangserfolgen. Das vom »Bauernjörg«, dem Truchsess von Waldburg, befehligte Heer des Schwäbischen Bundes besiegte die Heere der militärisch ungeschulten Bauern; eine der blutigsten Niederlagen erlitten sie bei Böblingen am 12. Mai. Das württembergische Bauernheer, das Zuzug aus dem Schwarzwald, dem Hegau und von Weinsberg her erhalten hatte, zählte rund 15.000 Mann, das Heer des Truchsessen etwa 7500. Dem erfahrenen Feldherrn gelang es aber, bei nur geringen eigenen Verlusten die Bauern mit seiner Reiterei und der Artillerie in die Flucht zu schlagen. Für die Bauern führte ihr Aufstand zu weitgehender Rechtlosigkeit bis ins 19. Jahrhundert hinein. Die bereits zur Volksbewegung gewordene Reformation wandelte sich zu einer politischen Bewegung und der Fürstenstaat wurde -- gestärkt durch Luthers Lehre vom Gehorsam gegen die Obrigkeit -- zur bestimmenden Macht der Neuzeit.

27. Mai 1525
Vor 475 Jahren Thomas Müntzer hingerichtet
Thomas Müntzer (um 1490--1525) übertraf Martin Luther an Radikalität und Folgerichtigkeit. Der in Stolberg/Harz geborene Revolutionär brachte es nach dem Studium in Leipzig und Frankfurt/Oder bis zum untersten akademischen Grad in der Theologenlaufbahn. 1518 begegnete er in Wittenberg Martin Luther, 1520 wurde er auf dessen Empfehlung Prediger in Zwickau, damals einer der bedeutendsten Städte Kursachsens. Hier wirkte Müntzer als Reformator; er entfernte sich aber zunehmend von Luthers Schriftverständnis, sein eigenes Sendungsbewusstsein trat immer stärker in den Vordergrund. Wegen revolutionärer Predigten wurde er schließlich aus Zwickau vertrieben. Er agitierte in Böhmen (Prag), Halle und Nordhausen, 1523 wurde er Pfarrer in Allstedt/Thüringen. Dort hielt er noch vor Luther Gottesdienste ganz in deutscher Sprache, in Allstedt heiratete er eine entlaufene Nonne -- ebenfalls noch vor Luther, mit dem er damals bereits gebrochen hatte. Nach dem Aufflammen des Bauernkriegs knüpfte Müntzer 1524 am Hochrhein und im Hegau Verbindungen zu den Aufständischen. In Thüringen trat er am 12. Mai 1525 in Frankenhausen an die Spitze eines 7000 Mann starken Bauernhaufens. Er wurde dessen Prediger und Stratege und sagte den Bauern aus der Heiligen Schrift unfehlbar den Sieg über das Heer der Fürsten zu. Nach der mit über 3000 getöteten Bauern blutig verlorenen Schlacht wurde Müntzer aufgespürt, schwer gefoltert und vor Mühlhausen enthauptet. Noch vom Blutgerüst aus ermahnte er die Fürsten zu einem menschlichen Umgang mit den Bauern. Der »linke Reformator« wurde lange entweder totgeschwiegen und später fälschlich vom Kommunismus zum Sozialrevolutionär verklärt. In der letzten Zeit beschäftigt man sich neu und intensiver mit ihm: so kommt Müntzer jetzt auch im Gesangbuch vor.

6. Juli 1415
Vor 585 Jahren: Johannes Hus in Konstanz verbrannt
Johannes Hus (wohl 1369--1415) wird mit zu den bedeutendsten Vorreformatoren gezählt. Als Priester und (ab 1402) Rektor der Universität in Prag lernte er die Schriften des englischen Vorreformators John Wycliff (um 1324 bis 1384) kennen und begann, selbst reformerisch zu predigen. Auch wegen dem moralischen Verfall des damaligen Klerus fand er ein breites Publikum; seine Stellung in Prag und in Böhmen festigte sich noch mehr, als 1409 die deutschen Professoren und Studenten ausgewandert und in Leipzig eine neue Universität gegründet hatten. Die Reformideen von Hus verbreiteten sich in ganz Böhmen, das tschechische Nationalbewusstsein entstand, päpstliche Drohungen und Strafen blieben ohne Erfolg. 1414 wurde Hus zum Konzil nach Konstanz vorgeladen. Dort gab man ihm drei Tage die Gelegenheit, seine Thesen zu erläutern. Kaiser Sigismund ließ Hus dann aber fallen, um das Konzil nicht zu gefährden; Hus wurde angeklagt und als Ketzer öffentlich verbrannt. Bis heute ist umstritten, ob Hus die Zusage freien Geleites nach Konstanz und zurück erhalten hat oder nicht; Tatsache ist, dass sich nach seinem Tod der Deutschenhass der Tschechen blutig entlud, unter anderem in den bis 1485 dauernden Hussitenkriegen. Martin Luther ist von Hus stark beeinflusst worden; er hat sich wiederholt auf ihn berufen.

8. September 1675:
Vor 325 Jahren: Speners Pia
Desideria
Die »Pia Desideria« gilt als die Programmschrift des frühen Pietismus. In ihr beklagt Philipp Jakob Spener (1635--1705) zunächst den für ihn unerfreulichen Zustand der Institution Kirche, in der er ungeistliche Willkür und einen verweltlichten geistlichen Stand erkennt. Nur eine an Luthers Rechtfertigungslehre orientierte Reform kann in dieser Lage noch helfen. Dazu unterbreitet Spener Vorschläge aus dem Geist des Luthertums, um der in steriler Orthodoxie erstarrten Kirche wieder zum rechten geistlichen Leben zu verhelfen. Die Kirche soll erneuert werden durch gründliches Bibelstudium der einzelnen Gemeindeglieder, die Mitarbeit aller in der Kirche (»allgemeines Priestertum der Gläubigen«), ein überzeugend gelebtes Christentum, die Reform des Theologiestudiums durch ausdrücklichen Bezug auf die Gemeinde und die Erneuerung der gottesdienstlichen Predigt unter nachdrücklicher Betonung des missionarisch-seelsorgerlichen Grundanliegens der Heiligen Schrift. Das Wort Gottes soll reichlicher unter die Leute kommen, am besten in den »collegias pietatis«, den Erbauungsstunden mit Laien unter der Bibel. Diese Programmschrift findet rasch weite Verbreitung: schon kurz danach gibt es Erbauungsstunden in Darmstadt, Gießen, den Hansestädten und in Württemberg. Durch das berühmt gewordene Pietistenrescript von 1743 ist der Pietismus allein in Württemberg in die Kirche integriert worden. Durch Johann Albrecht Bengel wandelte sich der Pietismus zum schwäbischen Biblizismus; er wurde zu einer der großen geistlichen Strömungen innerhalb der evangelischen Kirche.

Hans-Dieter Frauer
 

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Buchvorstellungen

Rolf Walker, Aufbruch ins Helle, Privatausgabe 1999, 64 Seiten.
Mit »Aufbruch ins Helle« zeige ich eine Sammlung von geistlichen Liedern und Gedichten an, von denen einige schon früher erschienen sind. Was im Sieb hängen blieb, wurde nocheinmal bedacht und zusammen mit etlichen neueren Liedern in einer Ausgabe letzter Hand zusammengefasst. Das Heft umfasst die sieben den Inhalt benennenden Abschnitte »Lob und Anbetung«, »Gottes große Schöpfung«, »Heiterkeit des Glaubens«, »Aus der Tiefe«, »Singend durch das Kirchenjahr«, »Leben aus dem Glauben« und »Ich bin getauft. Das Festliche Mahl«. Lieder der Freude und des Danks reihen sich an die Schreie aus dem Abgrund, Bitten werden laut, Lieder zum Gottesdienst, auch Scherzgedichte wie das »Ernsthafte Lehrgedicht über die völlige Vergeblichkeit der Boshaftigkeit«. Das Staunen über die Dreieinigkeit Gottes, über die Wunder seiner Schöpfung oder den Ostersieg unseres Herrn bekommt eine Stimme, aber auch das alltägliche Leben aus dem Glauben, der Segen unserer Taufe und des Heiligen Abendmahls und die große Sehnsucht nach der Vollendung des Reiches Gottes. Es sind einfache Verse, die viel Andacht und Zittern hinter sich haben und sorgfältig abgehört sind. Sie sollen zugänglich sein, wollen leuchten, stärken, trösten. Man bekommt das Heft gratis bei der Geschäftsstelle der Evangelischen Sammlung, Römerstr. 9, 72805 Lichtenstein, Tel. und Fax 07129/5269.
Rolf Walker
 

Wort und Bild -- 2000 Jahre christlicher Kunst, Legat-Verlag, Tübingen.
Erhard Gaß, Geburt Jesu, 144 S., 29,80 DM.
Friederike Asmuß-Neumann, Leben Jesu, 144 S., 29,80 DM.
Jörg Neumann, Lehre Jesu, 192 S., 36,80 DM.
(In Planung: Heike Ostarhild, Passion Jesu, 144 S., 29,80 DM.
Heike Ostarhild, »Der auferstandene Christus«, 144 S. 29,80 DM.)
In Wort und Bild soll in fünf Bänden die Gestalt Jesu Christi dem Leser und Betrachter nahegebracht werden. Das ist das Ziel dieser neuen Buchreihe aus dem Legat-Verlag in Tübingen. Die Bilder sind aus 2000 Jahren christlicher Kunst ausgewählt.
Übersichtlich auf zwei gegenüberliegenden Seiten wird jeweils ein Bild vorgestellt: Zuerst wird der biblische Text wiedergegeben und einzelne Worterklärungen angefügt. Kurze Angaben zum Leben und Wirken des Künstlers folgen und dann wird der kunstgeschichtliche Rahmen umschrieben. Zuletzt sind Einzelbetrachtungen zum Bild angeschlossen.
Auf diese umfassende Weise gelingt es dem Verfasser beziehungsweise der Verfasserin an den Bildinhalt heranzuführen. Bemerkenswert ist, dass alle theologischen und kunstgeschichtlichen Fachausdrücke im Text hervorgehoben sind und in Randbemerkungen erklärt werden.
Dem Kunsthistoriker werden die theologischen Begriffserklärungen und dem Theologen die kunstgeschichtlichen hilfreich sein. Es sind nämlich die in der jeweiligen Zunft gebräuchliche Begriffe erklärt. Liebhaber von Bibel und Bild werden auf diese Weise Begriffe, die sie gehört und wohl auch schon gebraucht haben, künftig sachgemäßer anwenden können. Die guten Bildwiedergaben machen aber auch ein Blättern in diesen Bänden zur Freude. Das Format der Bände 16 x 24 cm) erscheint manchmal fast zu klein, erhöht aber die Handlichkeit für den Betrachter. In der Praxis des Lehrers, für den diese Bände eine Fundgrube sind, wird das Format sich bewähren. Es wäre zu fragen, ob nicht Dias zu den Bildern hilfreich wären um diese im Unterricht verwenden zu können.
Was die Auswahl der Bilder betrifft, so fällt auf, dass alle Stilepochen berücksichtigt sind, von der Katakombenmalerei bis in die Neuzeit.
Sodann ist zu bemerken, dass zu einzelnen Geschichten und Themen Bilder aus verschiedenen Stilepochen aufeinanderfolgen und so der Vergleich möglich ist. »Durch Vergleichen, nur durch Vergleichen, gewinnen wir ein sicheres Stilempfinden.«
Stichwortverzeichnis, Bildnachweis und Literaturhinweise sind am Schluss jedes Bandes zusammengestellt. Der Legat-Verlag, Erhard Gaß, Tübingen hat mit der Konzeption und Ausführung dieses Werkes sich eine große Aufgabe vorgenommen. Es wäre zu wünschen, dass viele Theologen und Kunstliebhaber, aber vor allem auch Religionslehrer, und auch schlichte Bibelleser sich diese Bände anschaffen würden. Sie hätten damit eine reiche Fundgrube und etwas was das Auge immer wieder erfreut und zum Nachdenken anregt.
Bernhard Reusch

Andreas Baumann: »Die Apostelstraße. Eine außergewöhnliche Vision und ihre Verwirklichung«. Mit einem Geleitwort von Rainer Riesner. Brunnen-Verlag Gießen 1999, 180 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29,80 DM.
Württembergische Pioniermissionare dachten auch strategisch. So sollte im vergangenen Jahrhundert eine »Apostelstraße« das damals noch weitgehend unbekannte Innere Afrikas erschließen. Sie sollte die einzelnen evangelischen Missionsstationen miteinander verbinden, den Reisenden Kosten ersparen und eine Barriere gegen das Vordringen des Islam bilden. Der schon früh von den württembergischen Pioniermissionaren Ludwig Krapf und Johannes Rebmann nachdrücklich geförderte Plan wurde ab 1860 auch teilweise verwirklicht. Bis 1866 wurden nach Aposteln benannte Stationen gegründet, die südlichste in Assuan. In der Zeit vor dem Suez-Kanal sollten sie den Weg von Missionaren in das abgeschlossene und extrem unzugängliche Abessinien (Äthiopien) sichern, dem damals eine Schlüsselrolle für das Innere Afrikas zugeschrieben wurde. Die insgesamt fünf Missionsstationen hatten aber keinen langen Bestand: die letzte wurde 1875 wieder aufgehoben. Ihre Geschichte hat Andreas Baumann in seiner 1997 mit dem George-W.-Peters-Förderpreis für Missiologie ausgezeichneten Magisterarbeit beschrieben, die in der Reihe »Biblische Archäologie und Zeitgeschichte« im Brunnen-Verlag in Gießen erschienen ist.
Im vergangenen Jahrhundert ist mehrfach über Apostelstraßen hin zu entlegenen Missionsfeldem nachgedacht worden. Im Blick hatte man anfangs die durch schwäbische Auswanderer in der Ukraine neu geschaffenen evangelischen Gemeinden: eine Apostelstraße sollte ihrer Auswandererroute folgen und über Odessa bis in den Kaukasus führen. Auf diese Idee griff Ludwig Krapf bei seiner afrikanischen Apostelstraße zurück. Entlang des Nil sollte eine zwölf Handels- und Missionsstationen umfassenden Straße entstehen. Einfache Handwerker-Missionare, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und durch ein beispielgebendes Leben missionarisch in ihre Umgebung wirkten, sollten die Stationen aufbauen und unterhalten. Der damals in der gesamten christlichen Welt stark beachtete Plan wurde auch in Ansätzen verwirklicht: 1860 kam es in Kairo zur Gründung der ersten Station, die nach dem Apostel Markus benannt wurde. Langen Bestand hatten sie allerdings nicht: die Arbeit wurde rasch durch die Stimmungsmache katholischer und koptischer Priester beeinträchtigt, die politischen Rahmenbedingungen veränderten sich ebenso die wirtschaftlichen Verhältnisse.
Von einem Scheitern des kühnen Projektes kann man aber nicht sprechen: einzelne ihrer Arbeitsbereiche wurden von anderen Trägern übernommen und fortgeführt. Baumanns Buch erinnert deshalb zu Recht an das heute weithin vergessene Projekt. Er gibt damit Anstöße, neu darüber nachzudenken. Heute beklagen ja viele Missionare vor allem islamischer Länder, dass sie ihre Visa nur noch zögerlich erhalten. Es könnte gut sein, dass man bei der künftigen Missionsarbeit wieder auf frühere Überlegungen zurückgreifen muss.
Hans-Dieter Frauer

Heinzpeter Hempelmann, Gemeinde bauen in einer multireligiösen Gesellschaft, Verlag der Liebenzeller Mission (VLM), Lahr 1998, 9,80 DM
Es gibt wenige Antworten auf die zunehmende Ratlosigkeit, in der sich die Volkskirche in der postmodernen Gesellschaft befindet. Das klar übersichtliche Taschenbuch von Heinzpeter Hempelmann erhellt entlang der sogenannten Areopagrede des Apostels Paulus dessen missionarisches Vorgehen und Strategie für die multikulturelle Philosophenstadt Athen und schlägt so einen Bogen zum heutigen Problem unserer Volkskirche. Das Buch geht davon aus, dass es heute wie damals nicht die Hochreligionen sind, die dem Christentum Konkurrenz machen, sondern die Formen sogenannter »freier Spiritualität«, die sich zum Teil sehr gebildet präsentieren. Der Autor führt die Attraktivität dieser freien Formen auf die ungebändigte Freiheitsliebe des Menschen zurück, der in seiner Ichbezogenheit Religion gerne als Angebot versteht, dessen er sich in freier Weise bedienen kann. In zehn Schritten erhellt der Autor die missionarische Strategie des Apostel Paulus, um sie für unsere Situation fruchtbar zu machen.
Und das Ergebnis ist verblüffend: Missionarische Kompetenz nach Apostel Paulus entspricht gerade nicht der allgemeinen Forderung, sich auf einen offenen Dialog einzulassen. Sie ist vielmehr die engagierte Bereitschaft, sein Bestes für die Sache Jesu zu geben. Das setzt die eigene Entschiedenheit für Jesus voraus und führt zur missionarischen Logik, sich der eigenen, religiösen Herkunft bewusst zu sein. Des Weiteren bedarf es eines regen Interesses für die Denkvoraussetzungen der Menschen, mit denen man es zu tun hat, und zuletzt den Erwerb der Fähigkeit theologisch verbindlich zu reden.
Das Buch ist eine kurze und prägnante Hinführung auf ein neues Arbeitsfeld der Kirche: Menschen postmoderner Religiosität dahin zu führen, sich mit der definitiven Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus verbindlich auseinanderzusetzen und sich für oder gegen ihn zu entscheiden.
Markus Sigloch

Kleines Glück am Wegesrand, Hrsg. Gisela Theel, Vlg. Junge Gemeinde Stuttgart 1999, 95 Seiten, 19,80 DM.
In diesem Buch erzählen rund zwanzig Autorinnen und Autoren Erlebnisse und Begegnungen, bei denen sie mitten im Alltag einen Glücksmoment erfahren haben. Die Erzählungen erfreuen und ermutigen, und sie machen zugleich nachdenklich.
Zwischen den Geschichten sind Sprüche von Dichtern abgedruckt und Fotografien, zu denen die Herausgeberin Gedichte geschrieben hat.
Wer eine kurze und leichte, aber doch sinnige Lektüre sucht, ist mit diesem Buch gut bedient. Die Geschichten eignen sich auch sehr gut zum Vorlesen in Seniorenkreisen oder bei anderen geselligen Zusammenkünften.
Annegret Maurer, Gruibingen
 

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